Wer viel fragt, erfährt viel. Wer aber nur erfährt, was er hören will, hat eine Umfrage gemacht. Es kommt also darauf an, was und wie gefragt wird. Und in wessen Interesse. Spaß, Geld und Selbstverwirklichung waren die Stichworte des „Meaning of Work-Report“ der Internet Jobseite „indeed“, die als Wünsche bei der Jobsuche die meiste Zustimmung erhielten. Jutta Roitsch hat die Ergebnisse unter die Lupe genommen.

Neues aus der Arbeitswelt der Angestellten: Spaß und Frust

In der Tat

Wer es bis heute nicht gewusst hat, der kann es jetzt im Meaning of Work-Report der Internet Jobseite „indeed“ nachlesen: Deutschland steht im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrtausend „mit den Zehenspitzen schon an der Schwelle in einer neuen Arbeitswelt“. Die Präsentation in leuchtendem Orange, sparsamer Graphik, wenig Text und kostenlosem Download bietet „indeed“ als Studie an, an der eine Sozialwissenschaftlerin mitgewirkt hat, die aus dem ehrenwerten Max Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln kommt. Ein Marktforschungsinstitut, so rühmt sich „indeed“, befragte im November des vergangenen Jahres 2042 „Beschäftigte“ ab 18, online und angeblich repräsentativ. Nichts ist über den Bildungsgrad zu erfahren, über berufliche Qualifikationen, über den Status der Beschäftigung. Ist in der Tat für „indeed“ auch nicht so wichtig, denn die Jobseite richtet sich an Arbeitgeber, beziehungsweise Personalabteilungen. Mit 85 000 Unternehmen will der Sponsor der Eintracht Frankfurt in Deutschland zusammenarbeiten. Das gibt dem Work-Report und den Aussagen der Beschäftigten einiges Gewicht. Zumindest soll es so herüberkommen, denn die Expertin und ehemalige Max-Planckerin Annina Hering kommentiert freudig: „Arbeit nur um der Arbeit willen, war gestern“. Und auch „die angestaubten Ungerechtigkeiten“ zwischen Männern und Frauen.

Wie aber stellen sich die Befragten die schöne, neue Arbeitswelt vor? Für 90 Prozent muss die Arbeit „Spaß“ machen, für 83 Prozent soll das Gehalt stimmen und 64 Prozent wollen sich selbstverwirklichen. Ein gutes Betriebsklima ist für 59 Prozent wichtig bei der Entscheidung für einen Job, die vielbeschworene „Unternehmenskultur“ spielt nur für zwanzig Prozent eine Rolle.

Die „angestaubten Ungerechtigkeiten“ kommen beim Gehalt und den Arbeitszeiten zur Sprache. 60 Prozent der Männer und 65 Prozent der Frauen fordern eine unternehmensinterne Veröffentlichung der Durchschnittsgehälter, 70 Prozent der Frauen wollen dies auch in Stellenanzeigen bereits lesen (66 Prozent der Männer). Das Gehalt ist im Übrigen wichtiger als eine Beförderung: weil sie den Spaß im Team verderben könnte? Weil sich die Frage nach der Verantwortung stellen könnte? Das sind Fragen, die in der Tat nicht interessieren.

Tim Verhoeven, der zweite als „Recruitment Evangelist“ vorgestellte Experte, schreibt zu dieser insgesamt dürftigen Studie, die allerdings im Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung (vom 20. Januar) 4-spaltig präsentiert wurde, sie spiegele den „Zeitgeist“. Zum Beispiel in der Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Da träumt ein Drittel der 18- bis 24-Jährigen von der Rente vor dem 60. Lebensjahr. Bei gleicher Wochenarbeitszeit und vollem Gehalt können sich 57 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen eine 4-Tage-Woche vorstellen: Einen Tag Freizeit für „Familie und Freunde“.

Slogan „Express Yourself“
Foto: Screenshot von InsideIndeed auf Facebook

Nur die schöne, neue Arbeitswelt hat die Beschäftigten irgendwie noch nicht erreicht. Selbst nach der „Studie“ empfehlen nur 55 Prozent der Befragten ihren Freunden oder Freundinnen ihren aktuellen Arbeitgeber. Sie vermissen die Anerkennung (61 Prozent) durch die Vorgesetzten, bleiben aber trotz Unzufriedenheit und Frust im Job. 77 Prozent, so stellt „indeed“ missmutig fest, suchten keine neue Stelle, sondern „(gären) lieber weiter in ihrem Frust, anstatt Bewerbungen zu schreiben“.

Warum die Angestellten aber „zwischen Büroalltag und Fluchtphantasie“ verharren, hat Peter Kern versucht herauszufinden. Kern, der Philosophie, Politik und Theologie studiert hat, sammelte seine praktischen Einsichten in den Alltag der Beschäftigten als Gewerkschaftssekretär der IG Metall in Frankfurt, im Ressort Industrie-, Struktur-und Energiepolitik. Sein mit vielen persönlichen Erfahrungen gespicktes Buch im Taschenformat liest sich wie ein kulturkritischer Gegenentwurf zum „Meaning of Work“-Report. Er zeichnet Einstellungsgespräche auf und schildert dicht und anschaulich Statuskämpfe im Büro. Vom erträumten Spaß, einer kuscheligen Teamarbeit und einer wunderbaren Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern sind seine Beobachtungen und Notizen aus vielen Berufsjahren weit entfernt. Für einen gestandenen Metaller wiegt aber schwer, dass die gestressten und oft frustrierten Angestellten sich nicht organisieren, taub sind gegenüber gewerkschaftlichen Werbeversuchen.

Damit greift Kern ein langes Kapitel der immer noch sehr überschaubaren Angestelltenforschung auf. Siegfried Kracauer (1899–1966) begann sie und schrieb 1930 über „die Unteroffiziere des Kapitals“. Erst 45 Jahre später folgte Ulf Kadritzke (damals im Soziologischen Forschungsinstitut in Göttingen) mit der gründlichen und weit ausholenden Studie über „die geduldigen Arbeiter“, der spätere Sofi-Direktor Martin Baethge und Herbert Oberbeck folgten zehn Jahre später mit „Die Zukunft der Angestellten. Neue Technologien und berufliche Perspektiven in Büro und Verwaltung“. Sind diese Standardwerke nun überholt, da die Angestellten von heute von Spaß und Selbstverwirklichung in der Arbeit träumen?

Die Bilder, die Jobseiten wie „indeed“ mitliefern, spiegeln die neue, schöne Welt wider: mit Sofaecken und Kaffeebars. Es wird Zeit, dass gestandene Soziologen wieder genau hinschauen. Yes, indeed.

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erstellt am 08.2.2020

Alles bunt in der Arbeitswelt von „indeed“
Foto: Screenshot von www.indeeed.jobs