Man nehme: Deutsch (sehr viel), Polnisch, Ungarisch, Rumänisch, Hebräisch, rühre um und würze mit etwas Wienerisch. Heraus kommt Jiddisch. Dieses linguistische Rezept stammt vom australisch-deutschen Regisseur und Intendanten der Komischen Oper in Berlin: Barrie Kosky. Am vergangenen Dienstag servierte er in der Oper Frankfurt als Pianist zusammen mit den Sopranistinnen Helen Schneiderman und Alma Sadé ein jiddisches Operetten-Gericht. Andrea Richter schmeckte es köstlich.

Liederabend in der Oper Frankfurt

„Farges mikh nit“

Dann noch so eine Handreichung für das Verständnis der jiddischen Operette. Es gebe zwei Hauptthemen: 1. Die Welt ist furchtbar und 2. Die Welt ist wunderbar. Und so lägen denn Lachen und Weinen ganz nah beieinander, wechselten sich ohne Vorwarnung ab.

Und genau das war zu erleben. In geradezu unnachahmlicher Weise verzauberten Schneiderman (Ensemblemitglied und Kammersängerin in Stuttgart) und Sadé (Ensemblemitglied der Komischen Oper Berlin) mal melancholisch, mal traurig, mal überschäumend, mal witzig, mal keck und immer mit hohem sängerischen Anspruch das Publikum.

Barrie Kosky (Klavier), Helene Schneiderman (Mezzosopran) und Alma Sadé (Sopran). Foto: Barbara Aumüller

Unglaublich wie sich Schneiderman in Oy mame, bin ikh farlibt in ein junges Mädchen verwandelte oder nach getragener Anfangspassage des Du bist dos Likht mühelos zu Jazzrhythmen wechselte oder in Farges mikh nit das ganze zwischen Tragik und Komik angesiedelte Drama einer Frau, die Angst hat, verlassen zu werden, auftischte. Sadé zeigte in A bis`l libe wie Beschleunigung beim Gesang funktioniert und in Ikh zing wie jubelnde Höhe klingt. Und wohl noch nie hat eine Ziege anmutiger gemeckert als die ihre in Yid`l mit`n fid`l. Nach dem im Duett gesungenen Schlaflied Rozhinkes mit mandl`n ein letzter Temperamentsausbruch der beiden in der ironischen Liebeserklärung an Rumania, Rumania. Einmal durfte auch Kosky zum eigenen Klavierspiel singen. Da er es mit Meydele, so der eigentliche Titel, nicht so habe, besinge er seine Liebe zu einem Yingele, zum großen Amüsement des fast vollen Hauses.

Barrie Kosky, Intendant der Komischen Oper Berlin Foto: Barbara Aumüller

Den New Yorker Yiddish Theatre District oder auch Yiddish Rialto im East Village von Manhattan gibt es nicht mehr. Und es war ihm auch kein langes Leben beschert, nur rund vier Jahrzehnte. Jahre prallster Theater-, Musiktheater und Varieté-Kultur, in den Hochzeiten 1920- 1930 jeden Tag 20-30 Vorstellungen, vor allem auf den Bühnen in der Second Avenue und ihren Seitenstraßen. Alles auf Jiddisch. Sogar Shakespeare. Leute wie George und Ira Gershwin wurden dort geboren und von dort beeinflusst. Unter anderem von den Operetten, die sich mit dem Judentum, seiner Geschichte und seinen Befindlichkeiten beschäftigten. Operetten, die die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat in Europa und die Hoffnungen auf ein besseres Leben in den USA thematisierten. „Eine Brücke zwischen Europa und dem Broadway“, wie Kosky in seiner höchst launigen und „charmant pädagogischen“ Moderation erklärte. Eine musikalische Brücke gebaut von Immigranten der ersten und zweiten Generation. Allein zwischen 1881 und 1924 waren fast 2,5 Millionen vor den Verfolgungen in ihren osteuropäischen Heimatländern in die Vereinigten Staaten ausgewandert, die meisten in New York geblieben und hatten die Stadt zum wichtigsten Zentrum des jiddischen Musiktheaters gemacht.

Einer von ihnen, Abraham Goldfaden (1840-1908), der „Vater der jiddischen Operette“ und Komponist von rund 60 Werken für das Sprech- und Musiktheater sowie Volksliedern wie das berühmte Schlaflied Rozhinkes mit mandl`n. Über 75.000 Menschen kamen 1908 zu seiner Beerdigung in New York. Oder Joseph Rumshinsky (1881-1956), der im Big Apple über 100 Operetten schrieb. Oder der bereits in der Stadt geborene und bedeutendste Komponist der 1930/40er Jahre, Abraham (Abe) Ellstein (1907-1963). Und schließlich Sholom Secunda (1894-1974), dessen Lieder Donna, Donna oder Für mich bist du schön aus der Operette Men ken len norm en lost nisht von heute berühmten Interpreten wie Joan Baez, Donovan und Liza Minelli interpretiert werden.

Mit dem Beginn der Nazi-Zeit, dem 2. Weltkrieg und dem Holocaust starb das Viertel langsam und mit ihm die jiddische Operettentradition, die es, so Kosky, wieder zu entdecken gelte. Womit er nach der gehörten Probe wohl mehr als Recht haben dürfte.

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erstellt am 07.2.2020

Jiddische Operettenlieder, Oper Frankfurt
Foto: Barbara Aumüller

Liederabend

„Farges mikh nit“ – „Vergiss mich nicht“

Jiddische Operrettenlieder
Eine Produktion der Komischen Oper Berlin

Mit: Alma Sadé (Sopran), Helene Schneiderman (Mezzosopran), Barrie Kosky (Klavier)

Oper Frankfurt