Anfang der 1970er-Jahre, als das Deutsche Fernsehen noch stur auf der Sichtbarkeit der Künste bestand, etablierte Wilfried F. Schoeller das literarische Gespräch in den Kulturmagazinen dieses Mediums, schließlich in der Sendung „Bücher, Bücher“. In der Trauerrede auf den Anfang des Jahres Verstorbenen brachte sein Freund, der Literaturkritiker und Mitgründer des Berliner Literaturhauses, Herbert Wiesner, Details aus der Biographie und dem Berufsleben Schoellers zur Sprache.

Trauerrede für Wilfried F. Schoeller

»Manuskripte brennen nicht«

Von Herbert Wiesner

Wilfried Schoeller, mein Freund seit mehr als einem halben Jahrhundert, hat an den Anfang seiner großen Döblin-Biographie die Forderung Alfred Döblins gestellt, der Biograph müsse nicht nur wissen, „wie ein Mensch aussieht“, sondern auch, „wie ein Mensch wächst“. Ja, ich habe Wilfried wachsen gesehen in seiner Bedeutung für die Literatur, aber wie er aufgewachsen ist im bayerisch-schwäbischen Illertissen, wo er 1941 geboren wurde, das weißt Du besser, lieber Wolfgang. Von einem Stausee hat Dein Zwillingsbruder erzählt, und davon, dass er dort geangelt habe, Fische jedoch verschmähe. Ein größeres und schöneres Gewässer wurde später sein Sehnsuchtsort: der Chiemsee; wie gern wäre er nochmal dorthin gefahren. Die Geburtsorte all seiner Pläne aber waren die großen Städte München, Frankfurt am Main und schließlich Berlin. In der Urbanität ist er der scharfsinnige Beobachter auch deutscher Provinz geworden. Die warme, freundliche Stimme hat er als Geschenk seiner Heimat mit auf den Weg genommen. Wer dieses Timbre intoniert, dem gerät auch die Schärfe kritischer Intelligenz nicht zur Lust am Verriss. Die Geste des Zerreißens von Büchern lag ihm nicht.

In München hat er 1968 – in welchem Jahr auch sonst! – über Heinrich Mann, den Kritiker der wilhelminischen Gesellschaft promoviert. Fünfzig Jahre nach der Revolution von 1918 lag auf deutschen Universitäten noch ein Schatten brauner Vergangenheit. Wir hatten Glück mit unserem germanistischen Lehrer. Wilfried hat, kaum promoviert, im Herbst 1969, also nur einige Wochen nach dem Tod Theodor W. Adornos, den Band „Die neue Linke nach Adorno“ herausgegeben, einen Band, der gegensätzliche Argumente sammelte, den „Spielraum kritischer Liberalität“ auszumessen und Antworten auf Fragen suchte, „die sich im Kampf gegen den Prozeß der kapitalistischen Restauration“ stellen. Wer den Schülern Adornos ihre Kritik „als Indezenz vor dem Toten ankreidet“, so schrieb der Herausgeber, „verharrt in der bürgerlichen Leichenhalle“. Unser Freund hatte etwas gegen „Nekrologrituale“.

Das Buch über Theodor W. Adorno war als Kindler Paperback erschienen mit einem fast ganzseitigen Porträt Wilfried Schoellers auf dem Rückumschlag; es war ein Bild zum Verlieben, attraktiver als es jedes Adorno-Porträt hätte sein können. Übrigens war der Buchbinderei der Ausdruck Paperback noch nicht geläufig: Unter einem Aufkleber findet man das Wort „Paperpack“. Im Kindler Verlag erschien in jenen Jahren ein Lexikon der Weltliteratur. Selbstverständlich waren wir alle dort Mitarbeiter und selbstverständlich schrieb dann Wilfried die Artikel über F. C. Delius und Fritz Rudolf Fries in einem anderen Lexikon, das ich bearbeitete. Der gelernte Literarhistoriker war längst in der Gegenwart angekommen, war Verlagslektor und Literaturkritiker geworden, der in der „Süddeutschen Zeitung“ schrieb, ohne die Wissenschaft, auch die seiner Nebenfächer Philosophie und Kunstgeschichte, vergessen zu haben. All seine biographischen Arbeiten von seinem Buch über den schwäbischen Rebellen Christian Friedrich Daniel Schubart bis hin zur Franz Marc-Biographie von 2016 beruhen zudem auf der Analyse der jeweiligen politischen Zeitgeschichte. Das gilt auch für die Geschichte des Erfinders der Litfaßsäule, den Wilfried einen „Animateur des Augenblicks“ genannt hat, das gilt erst recht für die deutschen und europäischen Topographien „Deutschland vor Ort“ und „Nach Berlin!“ – zwei Bücher, in denen er ein ganzes, ein west-östliches Deutschland in Augenschein genommen hat: den Asperg als deutsches Gefängnis, das Völkerschlachtsdenkmal, den Obersalzberg, den Ettersberg und Sachsenhausen, das Kapitulationsmuseum in Karlshorst, die Glienicker Brücke oder die Ruinen von Bitterfeld. Und die Wannsee-Villa Max Liebermanns, die „Zentrale des Lichts“, beschreibt dieser neue, zielgerichtete Flaneur als den Gegenpol zur benachbarten Villa Minoux, in der am 20. Januar 1942 die Besprechung zur Organisation der Shoah stattgefunden hat. Dass Liebermanns Villa erhalten blieb und wieder zugänglich ist, verdanken wir auch den heftigen Interventionen Wilfried Schoellers.

1972 hat er eine Revolution angezettelt und fast einen Urknall ausgelöst: Der Literaturkritiker hat das sperrige Buchformat auf die Querformate der TV-Bildschirme gestellt. Er wurde Literaturredakteur im Hessischen Rundfunk / Fernsehen, erhielt schon 1990 den Alfred-Kerr-Preis, war 1993 bis 2002 Leiter der Abteilung „Aktuelle Kultur und Musik“, und ist ein Ermöglicher des schier Unmöglichen geworden. Viele von uns hat er einfach ins Wasser geworfen, und als stolze Filmemacher tauchten wir wieder auf; man drehte und schnitt ja noch mit echtem Filmmaterial. Plötzlich durfte oder musste ein ganzes Team nach Mailand oder auf den Großglockner reisen, weil ein Italiener oder ein Schweizer einen interessanten Roman publiziert hatte, und plötzlich hatte man auch mal eine halbe Stunde und mehr im dritten Programm oder, dann freilich kürzer, auch überregional in „ttt“, einer Sendung, deren Miterfinder Wilfried gewesen ist. Ganz und gar seine Erfindung war das von ihm zehn Jahre lang moderierte Magazin „Bücher, Bücher“. Hier kamen Volker Braun, Franz Fühmann, Wolfgang Hilbig, Christa Wolf und andere von der Zensur Bedrohte zu Wort und ins Bild. Und natürlich hat Wilfried lange vor der Wende von der Leipziger Messe berichtet. Große Reportagen hat er in Nicaragua und in Kuba gedreht. Mit Ernesto Cardenal hat er gesprochen. Seit 1995 hat es kaum ein Erlanger Poetenfest gegeben, bei dem er nicht moderiert hat, und die Frankfurter Römerberggespräche verdanken ihm viel,- von all den Jurys gar nicht zu reden. 2000 kam noch eine Honorarprofessur in Bremen hinzu, außerdem Gastprofessuren in St. Louis, in Berlin und anderswo.

Das Jahr 2002 war ein Jahr der Neuanfänge. Johano Strasser, unser langjähriger Präsident, und ich als Präsidiumsmitglied des endlich vereinten PEN-Zentrums Deutschland hatten Wilfried für das Amt des Generalsekretärs gewonnen. Zweimal wurde er gewählt, und er hat all seine Grundüberzeugungen von deutscher Schuld und den daraus keimenden Verpflichtungen gegenüber den Opfern von Verfolgung und Zensur zum Maßstab seiner Arbeit gemacht. 2006 haben wir zusammen den ersten Internationalen PEN-Kongress ausgerichtet, der seit 80 Jahren wieder in Berlin stattfinden konnte. Es war ein hochliterarischer Kongress. Die jetzt amtierende PEN Präsidentin, Regula Venske, ist hier, um Wilfried mit uns zu ehren und ihm zu danken.

Im Oktober 2002 ist mein Freund von Frankfurt nach Berlin gezogen, zu Christina, seiner geliebten Frau. Nach Pankow sind sie gezogen, in eine poetische Nachbarschaft, mit der Wilfried durch seine Arbeit vertraut war. Um die Ecke steht Carl von Ossietzky in Bronze. Eigentlich hatte diese Umsiedlung im Kopf und im Herzen schon 1995/96 begonnen, als Wilfried mit Christina, der Lektorin der Werkausgabe Michail Bulgakows, in Moskau, St. Petersburg und in Kiew seine Ausstellung „Manuskripte brennen nicht“ vorbereitete. Wir haben sie im Literaturhaus Berlin gezeigt. Wilfried hat damit die Reihe seiner klug kuratierten Ausstellungen fortgesetzt, und er hat sie gekrönt mit seiner und Christinas Ausstellung über „Leben oder Schreiben“ des Erzählers Warlam Schalamow, der in den Gulag der Kolyma verbannt war. Wilfried hat diese Ausstellung, die weithin gewirkt hat, im Geiste von Primo Levi und Imre Kertész und gleichsam im Auftrag Jorge Semprúns konzipiert. Der dem Lager Buchenwald entkommene Friedenspreisträger hatte 1994 dem wiedervereinten Deutschland in die Wiege gelegt, das Land Europas zu sein, dem es gegeben ist, sich mit dem nationalen Faschismus und dem Stalinismus auseinanderzusetzen. Wilfrieds Erkenntnisse aus seiner erst 2006 erschienenen Arbeit über Semprún sind in diese so bildkräftig gestaltete Ausstellung eingeflossen.

Zu ihrer Eröffnung am 26. September 2013 musstest Du die Rede halten, liebe Christina. Am 24. war im Virchow-Klinikum Wilfrieds Krebs-Erkrankung diagnostiziert worden. Schon am 30. September wurde er operiert. Es ist eine schreckliche Operation gewesen, quer durch den Leib, aber es ging auch ein Segen aus von dieser Operation. Sie hat ihm sechs Jahre seines Lebens geschenkt und wenigstens drei davon waren produktive und glückliche Jahre. Er hat sie auch uns geschenkt. Aber die geplante Ausstellung über deutsches Exil in der Sowjetunion hat er nicht mehr vollenden können.

Als er dann immer schwächer wurde und von seinen Stürzen erzählte, ist mir eingefallen, wie er mich im Oktober 1978 nach einem schweren Sturz, bei dem ich mir einen Halswirbel verletzt hatte, vor den falschen Ärzten gerettet hat. Ohne Wilfrieds energisches Auftreten könnte ich heute vielleicht gar nicht aufrecht hier stehen. So behalte ich ihn zugleich in seiner Stärke und in seiner Verletzlichkeit im Gedächtnis. Zwei Tage vor seinem Tod durfte ich lange mit Euch an seinem Bett sitzen. Mit großen Augen hat er mich angeschaut, stumm, aber erkennend, und ich erinnerte mich, wie wir in der Frankfurter Wolfsgangstraße plauderten und er Peggy bat, die Kinder noch nicht ins Bett zu schicken. An seinem Todestag haben wir wieder lange an Wilfrieds Bett gesessen. Seine Augen blieben geschlossen, und ich sah Martins Fotos der Amazonas-Indianerinnen, in deren Augen Wilfried noch geschaut hatte. Genau eine Woche vorher hatte er unser letztes Telefonat mit einem verschwebenden Satz beendet. Er sagte: „Ja, die Bilder im Kopf…“. Ich verneige mich vor dem Freund und denke nach über seine Bilder.

Trauerrede vom 28. Januar 2020, 12 Uhr, Friedhof Pankow III

Der Literaturwissenschaftler Herbert Wiesner war 1985 Mitbegründer des „Literaturhauses“ in Berlin, wo er bis 2003 Ausstellungen kuratierte und als Herausgeber und Autor der „Texte aus dem Literaturhaus Berlin“ tätig war.

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erstellt am 31.1.2020
aktualisiert am 31.1.2020

Wilfried F. Schoeller © WDR

Wilfried F. Schoeller © WDR