Mit Ruhe und Gelassenheit folgte der junge Ernst Ludwig Oswalt der Aufforderung, sich an die Rampe der Frankfurter Großmarkthalle zu begeben um, nachdem er 50 Reichsmark Transportkosten gezahlt hatte, in ein Konzentrationslager gefahren zu werden. Eine Dokumentation von Heiko Arendt über sein Leben, seine Familie und einen Abschiedsbrief. Doris Stickler hat den Film gesehen.

Dokumentarfilm über Ernst Ludwig »Lux« Oswalt

»Meinen Freunden zum Abschied«

Ernst Ludwig „Lux“ Oswalt, ca. 1940. © Ruth Oswalt/Basel
Ernst Ludwig „Lux“ Oswalt, ca. 1940

Im Juni 1942 war es soweit. Spätabends von der Zwangsarbeit in einer Fabrik zurückgekehrt, fand Ernst Ludwig Oswalt im Briefkasten die lapidare Notiz: In drei Tagen müsse er bereit sein, Frankfurt zu verlassen. Dass es früher oder später auch ihn treffen würde, war ihm klar. Wie die Reise enden sollte, ahnte er aber offenbar nicht. „Ich bin getrost und guten Mutes“, versichert er in einem Brief an seine Freunde und bekundet die Hoffnung auf ein Wiedersehen.

Am Tag darauf wurde der Neunzehnjährige in das Vernichtungslager Majdanek oder Sobibor deportiert. Wann und unter welchen Umständen ihn die Nationalsozialisten ermordeten, ist nicht mehr herauszufinden. Bekannt ist, dass seine Fahrt ins Verderben in der Großmarkthalle begann. Im Katalog der dortigen Erinnerungsstätte stieß der Filmemacher Heiko Arendt vor einigen Jahren auf Ernst Ludwig Oswalts Abschiedsbrief. Zutiefst berührt von den Worten, ließ ihn dessen Schicksal nicht mehr los.

Er begann zu recherchieren und hielt das kurze Leben des von allen nur „Lux“ genannten jungen Mannes unter dem Titel „Meinen Freunden zum Abschied“ fest. Es ist die Überschrift seiner letzten Zeilen. Anlässlich des Frankfurter Gedenktags an die erste Massendeportation am 19. Oktober 1941 hatte der Dokumentarfilm im Kino des Deutschen Filminstituts & Filmmuseums Vorpremiere. Zu sehen waren 80 eindringliche Minuten, die Heiko Arendt ganz auf seinen Protagonisten konzentriert.

Das filmische Gerüst bilden dessen Briefe an seinen Bruder Heinrich, der seit 1937 in der Schweiz studierte und als Einziger der Familie überlebte. Trotz wachsender Repressionen beschreibt Lux darin seinen Alltag mit fast stoischer Gelassenheit. Dass er nie klagt und sogar versucht, etwa den Verweis vom Gymnasium, das Verbot einer Buchbinderlehre oder die verordneten Zwangsarbeit zu bagatellisieren, hält Heinrichs Oswalts Tochter Ruth für „Strategie“.

„Ich glaube, dass Lux seinen Bruder nicht mit den Gräuel der Nazis belasten wollte“, sagte sie im Gespräch nach der Filmvorführung. Ihr selbst seien die Briefe erst 2008 nach dem Tod ihres Vaters in die Hände gefallen und hätten sie sofort elektrisiert. „Ich war völlig platt, was ich hier zu lesen bekam.“ Die Schauspielerin erforschte daraufhin den Leidenswegen ihrer getöteten Angehörigen nach und brachte 2011 die Familiengeschichte der Oswalts auf die Bühne – im Vorstadttheater Basel, das sie mit ihrem Ehemann 1974 gegründet hatte.

Warum das Stück den Namen „Struwwelväter“ trägt, erfährt man von Ruth Oswalt in Heiko Arendts Film, in dem sie ein lebendiges Bild von Lux’ Persönlichkeit zeichnet und das grausame Los einer renommierten Familie schildert. Die Oswalts waren Mitinhaber des Frankfurter Verlags Rütten & Loening, der unter anderem Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“ und „Die Heilige Familie“ von Karl Marx und Friedrich Engels publizierte und in dem der jüdische Philosoph Martin Buber zehn Jahre lang als Cheflektor tätig war.

Der Verlag wurde ihnen 1936 von den Nazis aus den Händen gerissen. Auch die Wohnung mussten sie verlassen und eine kleine Bleibe beziehen, in der Lux’ Mutter Wilhelmine zwei Jahre später an Leukämie verstarb. Den Vater Wilhelm Ernst hatte man schon zwei Monate vor der Deportation seines Sohnes ins KZ Sachsenhausen verfrachtet und im Juli 1942 umgebracht. Er war Spross einer Familie, die bereits Mitte des 19. Jahrhunderts den protestantischen Glauben angenommen hatte, sein Großvater war Pfarrer in der St. Petersgemeinde.

Das fand der Historiker Hartmut Schmidt heraus, der im Rahmen seiner Forschung zu Christen jüdischer Herkunft die Familie Oswalt in den Taufbüchern der Gemeinde entdeckte. Wie er in „Meinen Freunden zum Abschied“ erzählt, wurde Lux in der Petersgemeinde getauft und konfirmiert, leitete bis kurz vor seiner Deportation jeden Sonntag den Kindergottesdienst und engagierte sich in der Jugendarbeit. Für den Frankfurter Stolpersteine-Koordinator ist es symptomatisch, dass das plötzliche Verschwinden des „allseits beliebten, rothaarigen Jungscharführers“ in der Gemeinde kaum Wellen schlug. Eine betagte Diakonisse habe sich später erinnert, dass es nur hieß „Er war Jude“.

„Die Kirche hat sich auch nach 1945 lange Jahre nicht um ihre ermordeten Mitglieder jüdischer Herkunft geschert“, kritisiert Hartmut Schmidt, der 2013 die Ausstellung „Getauft. Verstoßen. Vergessen? Evangelische jüdischer Herkunft 1933-1945“ mit initiierte.

Dass er in der Ausstellung der Familie Oswalt eine ganze Tafel widmen konnte, ist Ruth Oswalt zu verdanken. Neben den Briefen besitzt sie vor allem von ihrem Vater Heinrich und seinem Bruder zahlreiche Fotografien. Im Film nutzt Heiko Arendt die Aufnahmen um zu zeigen, welch überaus fröhliches und lebenslustiges Kind Lux gewesen ist. Vergnügt in die Kamera blickend und oft verkleidet, scheint er stets zu einem Streich aufgelegt.

In einige Szenen schlägt der Regisseur den Bogen in die Gegenwart. So verwandelt sich mittels Überblendung ein altes Foto von Lux’ Klasse in einen Raum der heutige Musterschule, wo ein Schüler aus den Bankreihen tritt und sich einen gelben Stern an den Pullover heftet. An anderer Stelle betrachten zwei Schülerinnen Fotos von Lux und sinnieren über seinen Charakter. Mit szenischen Einstellungen geht der Regisseur insgesamt aber sehr sparsam um. Zudem hat er „bewusst auf Schockbilder oder drastische Originalaufnahmen verzichtet“.

Heiko Arendt ging es darum, einen jungen und zuversichtlichen Menschen zu porträtieren, der einem bestialischen Regime zum Opfer fiel. Wie seine Briefe zeigen, besaß Lux eine geistige und emotionale Reife, die in seinem Alter selten zu finden ist. Am Vorabend der Deportation rühmt er etwa seine Freunde mit den Worten: „Wäret Ihr nicht, so könnte ich nicht mit jener Ruhe und Gelassenheit selbständig diesen Weg gehen, der mir nun vorgezeichnet ist.“ Der begann wie gesagt in der Großmarkthalle, wo Lux noch 50 Reichsmark Transportkosten zahlen musste.

In „Meinen Freunden zum Abschied“ erinnert die Direktorin des Jüdischen Museums, Mirjam Wenzel, denn auch vor Ort an die grausame Deportationsmaschinerie, in die allein in Frankfurt mehr als zehntausend jüdische Bürgerinnen und Bürger gerieten. Nach heutigen Erkenntnissen haben von ihnen nur knapp 200 überlebt. „Ich weiß nicht, was vor mir liegt, vielleicht ist das gut so“, ist als Gedenkinschrift in der 2015 eröffneten Erinnerungsstätte zu lesen. Der Satz entstammt Lux’ Abschiedsbrief.

Filmvorstellung

8. März 2020, 14 Uhr, im Orfeo-Kino Frankfurt, in Anwesenheit des Regisseurs Heiko Arendt
Siehe Kulturtipp

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erstellt am 30.1.2020
aktualisiert am 25.2.2020

Regisseur Heiko Arendt, Foto: Heiko Arendt

Regisseur Heiko Arendt Foto: Heiko Arendt