Die Fliegende Volksbühne von Michael Quast und seinem Ensemble ist im Großen Hirschgraben in der Frankfurter Innenstadt endlich gelandet und hat mit einer fulminanten Aufführung von Hoffmanns „Struwwelpeter” die erste Saison der neuen festen Spielstätte eröffnet. Stefana Sabin war bei der Premiere.

„Fliegende Volksbühne“

Paulinchen erzählt …

Das Fliegen ist vorbei! Denn nach Bauverzögerungen, Auseinandersetzungen mit dem Bauherrn und dem Kulturdezernat, nach Solidaritätsbekundungen der städtischen Theaterszene und einer Benefizveranstaltung im Schauspiel Frankfurt hat Michael Quast endlich die neue Spielstätte für seine Volksbühne bezogen. Nach zwei Jahren im Cantate-Saal mussten er und seine Truppe 2015 auf Wanderschaft gehen, weil das Areal neben dem Goethehaus abgerissen und neubebaut und der denkmalgeschützte Cantate-Saal, in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre von dem Architekten Wilhelm Massing erbaut, saniert und renoviert werden musste.

Der Cantate-Saal war seit den siebziger Jahren Spielstätte jenes Frankfurter Volkstheaters, das Liesel Christ gegründet hatte und das 2013 seinen Betrieb einstellte – danach bespielte ihn Michael Quast mit seiner Truppe. Quast knüpfte an die Tradition des Volkstheaters an und wollte sie zugleich neu begründen, indem er einerseits dialektale Literatur für ein breites Publikum umgestaltete – wer versteht noch Dialekt in einer Stadt mit über 60 % ausländischer Bevölkerung?! – und andererseits Weltliteratur dialektal aufarbeitete. Und mit einem subversiven kritischen Impuls setzte er auf eine aus Slapstick und Sprachwitz konstituierte unmittelbare Komik. Davon gab nun auch der erste Abend im neuen Theater ein fulminantes Beispiel.

Quast und Sabine Fischmann, als Duo Infernale in Frankfurt bekannt, haben sich den „Struwwelpeter“ vorgenommen und die Geschichten unter der Regie von Matthias Falz szenisch umgesetzt. Als Paulinchen verkleidet, im grünen Kleid und mit roten Schleifen in den Zöpfen, agiert Fischmann zugleich als Figur, als Erzählerin und als All-round-Darstellerin, während Quast in gelbgoldenen Hosen, roter Weste und dunkelblau schimmerndem Samtfrack als Zeremonienmeister und Schauspieler brilliert. So stellen sie die verschiedenen Figuren – den Zappel-Philipp, Hanns Guck-in-die-Luft, den Suppen-Kasper, den Daumenlutscher, den bösen Friederich und alle anderen – in einer Mischung aus Kabarett, Lesung, Pantomime dar. Unterstützt werden sie dabei vom Ensemble Modern, das Kompositionen von Uwe Dierksen, Christian Hommel und Herrmann Kretzschmar (mit Zitaten unter anderem aus Haydns Schöpfung, Smetanas Moldau, Bachs Matthäuspassion, aber auch aus Moricones Filmmusiken und Udo Jürgens’ Schlagern) nicht etwa als Hintergrundmusik, sondern als inhärenten Teil der Inszenierung aufführt.

„Struwwelpeter“ in der Volksbühne Foto: Niko Neuwirth

Zwischen dem auf Neue Musik spezialisierten und international besetzten Ensemble Modern und der aus literarischem Fundus schöpfenden und lokal verankerten Volksbühne kam es zu einer bemerkenswerten Zusammenarbeit – und zu einer vielleicht zeitgemäßen Form von Unterhaltung. Jedenfalls erschien der pädagogisch verstaubte Struwwelpeter noch nie so amüsant – und entsprechend begeistert bedankte sich das Premierenpublikum bei den Aufführenden mit nicht enden wollendem Applaus.

P.S.: Die Volksbühne, hatte Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann bei der feierlichen Eröffnung gesagt, sei „wie unsere Stadt: vielfältig und unterhaltsam“. Mit fünf großen Produktionen im Jahr will die Volksbühne von jetzt an das Publikum unterhalten – und die Stadt sollte das Ihre dazu tun, indem sie sie ausreichend subventioniert, damit Theaterleiter Quast sich nur um Stücke und Aufführungen kümmern muss und nicht um Sponsoren.

Vorstellungen

14., 15., 16. Februar, 20., 21., 22. März 2020

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erstellt am 29.1.2020

Sabine Fischmann und Michael Quast Foto: Niko Neuwirth

Theater

Struwwelpeter

nach Heinrich Hoffmann

Regie: Matthias Faltz
Komposition: Uwe Dierksen, Christian Hommel, Herrmann Kretzschmar
Ausstattung: Carsten Wolff
Musiker: Ensemble Modern
Gesang/Performance: Sabine Fischmann und Michael Quast

Eine Koproduktion der Volksbühne mit dem Ensemble Modern

Volksbühne im Großen Hirschgraben