Giorgio Agamben hatte in der »Kommenden Gemeinschaft« den Menschen ohne Subjekt, als Joker der Gesellschaft kommen sehen. Die philosophische Frage nach dem Subjekt im 21. Jahrhundert beschäftigte das Symposium »Performing Society« im Frankfurter Museum für Moderne Kunst. Leon Joskowitz hat zugehört.

Konferenz im MMK Frankfurt

Auto-Performing Society

Von Leon Joskowitz

Die Kuratorinnen des Symposiums mit dem klingenden Namen „Performing Society“ haben am letzten Januarwochenende 2020 Künstler und Intellektuelle von Rang nach Frankfurt ins Museum für Moderne Kunst eingeladen, und passend zur zeitgleich im Haus zu sehenden Ausstellung „Museum“ ein Lehrstück in Sachen Selbstreferentialität geliefert. Wer den Vorträgen von Aria Dean, Geoffroy de Lagasnerie, Rainer Forst, Nina Power oder Markus Gabriel u. a. beigewohnt hat, konnte Einblicke in das Denken einiger der profiliertesten und brillantesten Köpfe der Gegenwart gewinnen. Jede und jeder Einzelne präsentierte in kurzen und performativ ansprechenden Talks Auszüge aus ihrem oder seinem jeweiligen Schaffen. Dabei reichten die Themen von der Imagination und der Konstruktion des Sozialen, über das Verhältnis von Immigration und Klasse, zur Performativität von Macht, aber auch das Politische als Konzept, als Sprachhandlung oder als epistemologische und soziale Gerechtigkeit sollten diskutiert werden. Ein bunter Strauß an Themen, der allerlei Gedanken zur Kunst, der Freiheit, Transgression und Widerständigkeit zuließ.

Den Anfang machte die Künstlerin und Kuratorin Aria Dean. Sie analysierte einen US-amerikanischen Kunstdiskurs, der sich vordergründig um Identitätspolitik drehte, in dem Dean jedoch die philosophische Frage nach dem Subjekt im 21. Jahrhundert freilegte. Ihre Feststellung, dass es „No authentic blackness in the center“ gäbe, die einfach an die Stelle des weißen „kohärenten“ Subjekts, wie es in der europäischen Moderne eingeübt wurde, treten könne, führte sie zu einer „action orientated perspective“ und der Frage „Was tut Kunst eigentlich?“. Damit hatte Dean dem Symposium einen perfekten Einstieg geboten, um über die Rolle der performativen Akteur*innen nachzudenken, die Gesellschaft konstituieren.

Geoffroy de Lagasnerie fragte sich wenig später, was vom Begriff der Demokratie noch zu halten sei, wenn sich gleichzeitig Donald Trump, Anarchisten, Erdogan, Merkel, Bolsonaro und Putin auf ihn beziehen. In einem wilden Ritt durch die Ideengeschichte des politisch-utopischen Denkens hielt ihn am Ende nur noch genau jenes – französisch und existenzialistisch inspirierte – Ich im Sattel, das Aria Dean zuvor als klassische, aber dringend zu erneuernde Form von Subjektivität in Frage gestellt hatte.

Spätestens als Rainer Forst dann über Performativität von Macht referierte und die Sphäre des Noumenon, in dem transzendentale Subjekte ihre Machtverhältnisse aushandeln, immer wieder als zentralen Aspekt seiner intersubjektiven Theorie der Macht betonte, war klar, dass Performance ohne Subjekt, also auch Gesellschaft ohne Subjekte – wie es von Aria Dean getriggert und von Lagasnerie durch die Hoffnung auf eine utopische „No-one-cracy“ zumindest irgendwie, undeutlich und negativ angedacht wurde – mit der deutschen Philosophie in der Tradition Kants nicht zu haben sein würde.

Dass „Gesellschaften nichts Gegebenes sind, sondern sich in einem Prozess von Verhandlungen, Regularien, Herrschaftspraktiken und Widerstandsformen bilden“, wie es im einleitenden Text zum Symposium hieß, wurde von Forst eindrücklich theoretisch untermauert. Die eigentliche Frage des Symposiums jedoch, „wie Gesellschaften in ihren aktuellen Bewegungen und zukünftigen Formationen gedacht werden können, und ob es dafür neue Begriffe braucht“, konnte auch Rainer Forst nicht aufhellen. Er endete mit einem achselzuckenden „I do not know“ und an dieser Stelle wurde klar, dass es noch viele Podien dieser Art brauchen wird, um zu zukunftsweisenden Antworten zu kommen.

Kein/e Besucher*in dürfte es bereut haben, sich auf diese Denker*innen eingelassen zu haben, aber dem eigenen Anspruch, ein internationales Symposium zu sein, das über eine Ansammlung von Vorträgen hinaus eine anregende Debatte über die Zukunft der Gesellschaft ermöglicht, konnte „Performing Society“ nicht gerecht werden.

Am Ende bleibt die Hoffnung, dass der liberalen, rechtsstaatlichen und diskursiven Gesellschaft noch viel Zeit für weitere selbstreferenzielle Performances in Museen bleiben wird. Denn einfach und offensichtlich ist weder der Weg in eine neue Gesellschaft noch das Ringen um Begriffe, die es vermögen, auf diesem Weg Orientierung zu stiften.

Das Symposium Performing Society fand am 25. — 26. Januar 2020, von 11:00 Uhr bis 18:00 Uhr im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt statt.

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erstellt am 28.1.2020

SYMPOSIUM: PERFORMING SOCIETY

Die Kuratorin Anna Sailer leitet den Vortrag von Geoffroy de Lagasnerie ein und er macht derweil ein Selfie.

Eine international besetzte Konferenz im MMK wagt sich an die ganz großen gesellschaftspolitischen Fragen.

Die Teilnehmenden:

Gurminder K Bhambra, Aria Dean, Rainer Forst, Markus Gabriel, Geoffroy de Lagasnerie, Natasha Lennard, Matteo Pasquinelli, Nina Power, Tiziana Terranova, Lea Ypi u.a.

Museum MMK Frankfurt