In seiner Kolumne „Kontrapunkt” erinnert Thomas Rothschild an den Beitrag jüdischer Menschen zu Aufklärung, Agnostizismus sowie Religionskritik und wendet sich gegen eine ausschließlich religiös geprägte Sicht auf das Judentum.

Kontrapunkt

Der aufklärerische Beitrag

Man könne und wolle die Schoah nicht vergessen, aber den Blick darüber hinaus richten, erklärte dieser Tage der Vizevorsitzende des Zentralrats der Juden Abraham Lehrer: „Was ist der kulturelle, was ist der Wissenschaftsbeitrag, was ist der religiöse Beitrag, den jüdische Menschen für dieses Land geleistet haben.“

Dazu passt ein Satz des Außenministers Heiko Maas: „Dass sich Menschen jüdischen Glaubens bei uns nicht mehr zu Hause fühlen, ist ein einziger Albtraum – und eine Schande, 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz.“

Gut gemeint. Aber wie steht es mit dem Beitrag zur Aufklärung, zum Agnostizismus, zur Religionskritik, den jüdische Menschen für dieses Land geleistet haben? Was ist mit den Atheisten jüdischer Abstammung? Es wäre naiv, anzunehmen, dass sich der aktuelle Antisemitismus vornehmlich gegen den jüdischen Glauben richte. Was die redlichen Warner vor dem Antisemitismus nicht wahr haben wollen, ist die Tatsache, dass sich der rassistische Antisemitismus der Nationalsozialisten tief in den Gehirnen vieler Menschen und ihrer Nachfahren eingegraben hat. Die Nürnberger Gesetze haben ihre Spuren hinterlassen – bis heute. Die stereotype Rede von der „christlich-jüdischen Tradition“ will jene schützen, die das Gemeinsame – die Religion – anerkennen. Wer nicht glaubt, wer gar der Ansicht ist, dass der Glauben welcher Art auch immer eine Ursache des Übels ist, wird zum Abschuss frei gegeben.

Wann wird man endlich, ob von Christen, von Juden oder von Muslimen die Rede ist, zur Kenntnis nehmen, dass Deutschland, zumindest nach Meinung des religiösen CDU-Politikers Volker Kauder, ein säkularer Staat ist. Von einem Sozialdemokraten sollte man das eigentlich erwarten können. Aber was gilt noch, wo Sozialdemokraten, wenn sie die Politik verlassen, in den Aufsichtsrat der Deutschen Bank wechseln.

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Kommentare


Franz Josef Hermann - ( 30-01-2020 11:38:19 )
Schön geschrieben - ein Glaube, der einem Menschen aufgezwungen wird, ist kein Glaube, sondern eine Zumutung. Aber was ist mit jenen, die sich der Fesseln solcher Zwänge zu entledigen suchen, um einen Glauben zu finden, der ihnen nur solange adäquat ist, bis sie ihn als Zweifelnde wieder verlieren und so weiter und so fort?

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erstellt am 27.1.2020
aktualisiert am 28.1.2020