„Die Theatermacher haben sich emanzipiert von den literarischen Vorgaben und betrachten sich als die eigentlichen Urheber des theatralischen Produkts.“ So sah der einstige Theaterverleger Karlheinz Braun den Trend an deutschen Theatern, und: „Die Originale fehlen ja nicht.“ Und dennoch, es wird gern bearbeitet. Walter H. Krämer hat vier unterschiedliche Inszenierungen gesehen, deren Vorlage jeweils ein Roman war.

Theater kann so schön sein

Nach Hamburg der Romane wegen

Innerhalb von drei Tagen vier unterschiedliche Inszenierungen gesehen. Das Gemeinsame: als Vorlage diente jeweils ein Roman.

Im Einzelnen:

  • Jeder stirbt für sich allein in der Regie von Luc Perceval am Thalia Theater (4 Stunden 15 Minuten, 2 Pausen) nach: Hans Fallada, Jeder stirbt für sich allein, Aufbau Verlag, 668 Seiten
  • Das achte Leben (Für Brilka) in der Regie von Jette Steckel am Thalia Theater (4 Stunden 30 Minuten, eine Pause) nach: Nino Haratischwili, Das achte Leben (Für Brilka), Frankfurter Verlagsanstalt, 1.275 Seiten
  • Serotonin in der Regie von Falk Richter am Deutschen Schauspielhaus (2 Stunden 40 Minuten, eine Pause) nach: Michel Houellebecq, Serotonin, DuMont Buchverlag, 335 Seiten
  • Die rote Zora in der Regie von Thomas Birkmeir am Thalia Theater (1 Stunde 40 Minuten, keine Pause) nach: Kurt Held, Die rote Zora, Fischer Verlag, 382 Seiten

Prosatexte wurden schon zu allen Zeiten für die Bühne adaptiert und es gehört seit der Antike zur gängigen Praxis, epische Texte für die Bühne zu adaptieren. Warum also die aufgeregten Debatten. Da verteufeln die einen die Adaption von Romanen, sehen die Dramatik in Gefahr. Da fordern andere eine Quote für neue Theatertexte und eine Frankfurter Allgemeine Zeitung sucht nach Stücken, die unbedingt wiederaufgeführt werden sollten. Alles gut und wichtig – doch letztlich entscheidet der Theaterabend / die Umsetzung auf der Bühne, ob es Sinn macht, das eine oder andere gewählt zu haben.

Seit den 1970er- und 1980er-Jahren lässt sich beobachten, dass sich vermehrt Adaptionen auf den Spielplänen der Theater finden. Dabei geht es wesentlich um die Erschließung interessanter und komplexer Stoffe, die so in der Dramatik nicht oder nicht in vergleichbarer Qualität zu finden sind. Ein weiterer Grund dürfte sein, dass Stoffe, die bereits als Buch oder als Film beim Publikum erfolgreich waren, auch im Theater auf ein breites Publikumsinteresse stoßen. Außerdem sind offene Strukturen und der Wechsel von situativer Darstellung und epischem Bericht innerhalb eines Textes mittlerweile gängige Theaterpraxis. Und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass das Theater durch die Aneignung epischer und filmischer Stoffe eine inhaltlich-thematische und strukturelle Bereicherung erfährt.

Frank Castorf, ein Meister in der Aneignung von Romanen für die Bühne – gerühmt u. a. für die Adaption vieler Romane von Dostojewski – formuliert das so: „Mir ist eine gewisse Komplexität, eine Komplexität, wie sie in einer vielschichtigen Wahrnehmungsweise, aber auch stofflich in den Romanen Dostojewskis liegt, ganz wichtig. (…) Daher arbeite ich auch meist mit Romanen. Theaterstücke sind oft ein Generalplan: Die suggerieren eine Erkennbarkeit und Beherrschbarkeit der Welt.“

Bei der Auswahl der Texte sollte die inhaltliche Kraft der Stoffe und ihre Bedeutung für die Gegenwart eine entscheidende Rolle spielen. Und es geht auf keinen Fall darum, das Leseerlebnis – so denn gewollt – zu ersetzen. Eine Adaption ist immer eine Überführung in eine andere Kunstwirklichkeit und wird im Kontext einer konkreten Theaterarbeit angefertigt. Meist sind es die RegisseurInnen und deren DramaturgInnen selbst, die die Bühnenfassungen erstellen. Dabei schreiben sie oft von Anfang an ihre ästhetischen Vorstellungen und szenische Abläufe mit in den Text ein. Selten wird das komplette epische Material in ein Drama transformiert. Es geht eher um Mischformen aus dialogischen Szenen und erzählerischen Passagen.

Anhand von vier Inszenierungen – alle in Hamburg (drei am Thalia Theater, eine am Deutschen Schauspielhaus) – wird auf das Thema Adaption von Romanen für die Bühne eingegangen. Dabei bleibt immer entscheidend und für die Beurteilung maßgebend, ob und wie das Geschehen auf der Bühne umgesetzt ist.

Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein

Hans Fallada (1893 – 1947), eigentlich Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen – sein Pseudonym setzt sich aus den Grimm’schen Märchenfiguren Hans im Glück und dem Pferd Fallada, das immer die Wahrheit spricht, zusammen –, schrieb seinen Roman „Jeder stirbt für sich allein“ auf Anregung von Johannes R. Becher (1891 – 1947, Dichter und SED-Politiker, Minister für Kultur, sowie erster Präsident des Kulturbundes der DDR). Dieser vertraute ihm nach dem 2. Weltkrieg die Prozessakten des Berliner Ehepaares Otto und Elise Hampel an, die 1943 im Strafgefängnis Berlin- Plötzensee von den Nazis hingerichtet wurden. Hintergrund war das widerständige Engagement des Ehepaares gegen Hitler. Mit einer handgeschriebenen Postkarte „Der Führer hat meinen Sohn ermordet“ begannen ihre Aktivitäten. Immer wieder legten sie diese handgeschriebenen Postkarten aus – auch um andere zu motivieren, sich gegen Hitler und den Krieg zu äußern. Ein bemerkenswertes Kapitel deutscher Geschichte inmitten kriegerischer Zeiten.

Hans Fallada schrieb den Roman „Jeder stirbt für sich allein“ in einer atemberaubenden Geschwindigkeit nieder – pro Arbeitstag handgeschriebene 36 Seiten. Die Veröffentlichung des Romans erlebte Hans Fallada nicht mehr. Und erst 60 Jahre nach seinem Tod wird der Roman zu einer Erfolgsgeschichte und erscheint erstmals ungekürzt. Mehr als 300.000 verkaufte Exemplare in Großbritannien und mehr als 200.000 verkaufte in den USA. Über den Erfolg in den englischsprachigen Ländern kommt er zurück nach Deutschland und wird auch hier zum Bestseller. Eine Geschichte, die erzählt werden muss und sich daher auch für die Bühne eignet – zumal es kein geschriebenes Theaterstück gibt, das dieses Thema zum Inhalt hat.

Luc Perceval, bekannt für seine Vorliebe für Romanadaptionen, macht daraus zusammen mit seinem Team am Thalia Theater in Hamburg einen berührenden Theaterabend. Dieser Stoff – so der Regisseur – besitze „utopische Sprengkraft“, weshalb er ihn – von ihm selbst und Dramaturgin Christina Bellingen bearbeitet – unbedingt für die Bühne bearbeiten musste. Die Inszenierung (4 Stunden 15 Minuten, zwei Pausen) aus dem Jahre 2012 wurde mehrfach ausgezeichnet (Inszenierung des Jahres 2013, Bühnenbild des Jahres 2013, eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2013 und Deutscher Theaterpreis Der Faust 2013 für Regie und Bühne) und steht 2019 noch immer auf dem Spielplan des Thalia Theaters.

Thalia Theater: „Jeder stirbt für sich alleine“ Foto: Krafft Angerer

Der Bühnenraum (Annette Kurz) wird an der Rückseite begrenzt durch einen riesengroßen Plan der Stadt Berlin – zusammengestellt aus Alltags- und Gebrauchsgegenständen dieser Zeit. Vor dieser Wand ein leerer Raum, der sich durch Tisch, Türen und Stühle leicht und schnell in immer wieder andere – nur leicht angedeutete – Orte verwandeln lässt. Davor und in diesen Räumen erzählen und spielen die SchauspielerInnen die Geschichte. Zeigen die Brutalität des Regimes und ihrer Getreuen, aber auch den Mut Einzelner – insbesondere von Elise und Otto Hampel – in der Inszenierung Anna und Otto Quangel genannt. Thomas Niehaus und Oda Thormeyer verleihen diesen Figuren glaubwürdig Größe und Mut, aber auch die Angst und Verzweiflung, die sie bei ihren Aktionen immer wieder umtreibt. André Szymanski als Kommissar Escherich und Barbara Nüsse als Kammergerichtsrat Fromm und SS-Obergruppenführer Prall zeigen die brutale Seite des Regimes und schaffen damit eine beklemmende Atmosphäre im Raum. Daniel Lommatzsch als schmächtiger Zocker Enno Kluge und Cathérine Seifert als seine Frau Eva geraten aufgrund einer Denunziation in die Mühlen der Gestapo – ein Fahndungserfolg für Kommissar Escherich muss her und Enno Kluge dafür sterben. Maja Schöne, Alexander Simon, Mirco Kreibich, Gabriela Maria Schmeide und Benjamin-Lew Klon in verschiedenen Rollen bevölkern die Bühne und runden das Kaleidoskop der Figuren ab. So entsteht im Verlauf eines vielstündigen Theaterabends ein Einblick in das gesellschaftliche Leben am Ende des 2. Weltkrieges mit all seine Brutalität, Verzweiflung und einem Funken Hoffnung. Percevals wundervolles Schauspieler-Ensemble zeigt überzeugend viele Facetten menschlichen Daseins: Stille, Verletztheit, Nachdenklichkeit werden ebenso überzeugend „über die Rampe gebracht“ wie Zynismus und Brutalität oder die an manchen Stellen ins Groteske gesteigerte Komik. Gut, dass diese Geschichte auf dem Theater erzählt und erspielt wird als überzeugendes Wechselspiel zwischen Erzähl- und Dialogebene.

Nino Haratischwili: Das achte Leben (Für Brilka)

Der Roman „Das achte Leben (Für Brilka)“ von Nino Haratischwili beginnt mit der Geburt Stasias, Tochter eines angesehenen Schokoladenfabrikanten und erzählt über sechs Generationen die Geschichte einer Familie in Georgien – Revolutionen und Kriege miteingeschlossen. Wir erfahren etwas über Stasia und ihren Traum, als Tänzerin nach Paris zu gehen. Hören von ihrer Schwester Christine, die für ihre Schönheit einen hohen Preis bezahlen muss. Nehmen Anteil am Leben von Kitty, Stasias Tochter, die im Londoner Exil ihr Glück sucht und dem Leben ihres Bruders Kostja, der sich zuhause in Georgien mit dem kommunistischen System arrangiert hat und lernen Kostjas Tochter Elena und ihren beiden Töchter Daria und Niza kennen. Und der Roman erzählt auch die Geschichte der Familie Eristawis mit der freiheitsliebenden Dichterin Sopia, ihrem Sohn Andro und ihrem Enkel Miqa.

Nicht alle Erzählstränge finden sich auf der Bühne des Thalia Theaters wieder, nicht alle Figuren des Romans kommen auf der Bühne vor. Aber die Fassung der Regisseurin Jette Steckel und der beiden Dramaturginnen Emilia Heinrich und Julia Lochte überzeugt und breitet ein opulentes gesellschaftliches Panorama vor unseren Augen und Ohren aus. Sowohl der Roman – folglich auch die adaptierte Bühnenfassung – ist erzählte und gespielte Geschichte aus der jeweils subjektiven Sicht der Protagonisten – kein Geschichtsbuch.

Mit den im Hintergrund laufenden historischen Aufnahmen in Übergröße entfaltet das einen Sog, dem man sich als ZuschauerIn kaum entziehen kann und im Theaterraum entstehen gemeinschaftlich erfahr- und erlebbare Geschichten, bekommen Personen ein Gesicht, werden Beziehungen im Dialog miteinander sichtbar.

Thalia Theater: „Das achte Leben (Für Brilka)“ Foto: Armin Smailovic

Der Regisseurin steht mit Barbara Nüsse, Karin Neuhäuser, Sebastian Rudolph, Maja Schöne, Cathérine Seifert, Franziska Hartmann, Lisa Sagmeister, André Szymanski und Mirco Kreibich eine Gruppe von SchauspielerInnen zur Verfügung, die in jeder ihrer Rollen überzeugen und die die einzelnen Charaktere der Geschichte begreifbar machen. Die jeweiligen Lebensentwürfe und getroffenen Entscheidungen werden nachvollziehbar. Mit viel Gefühl für Rhythmus und Timing bleibt die Regisseurin immer ganz nah bei den Figuren und verliert sich nicht in den Geschichten. Viereinhalb Stunden und keine Minute davon möchte man missen. Das ist großes Theater und das Bühnengeschehen rechtfertigt die Adaption allemal.

Michel Houllebecq: Serotonin

Lohnt es sich, einen Roman für die Bühne zu bearbeiten? Ist der Inhalt interessant? Was kann und will ich mit der Romanadaption erzählen? Ich weiß nicht, was das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg bewogen hat, den neusten Roman von Michel Houellebecq „Serotonin“ für die Bühne zu adaptieren. Wollte man an den Erfolg von „Unterwerfung“ mit einer wahrhaft großartigen Solo-Performance von Edgar Selge in der Regie von Karin Beier anknüpfen? Solle es diesmal Falk Richter, der mit „Am Königsweg“ von Elfriede Jelinek eine meisterliche Inszenierung hingelegt hatte, richten?

Der kürzeste (2 Stunden 40 Minuten) der drei Theaterabende war gefühlt der längste. Schon der Roman aus meiner Sicht überbewertet und auch die adaptierte Bühnenfassung konnte nicht überzeugen und diesen Eindruck korrigieren.

Florent-Claude Labrouste, der Protagonist des Romans, hat sich, um es mit seinen Worten zu sagen, zum Spielball der Umstände machen lassen. Bezeichnet sich selbst als substanzloses Weichei, schleppt sich mithilfe einer weißen Pille durch den Tag und sehnt seinen Selbstmord herbei. Ein gebrochener alter weißer Mann, dem auch die Libido abhandengekommen ist. Auf der Bühne ist Florence-Claude Labrouste vervielfacht – durch die vier Schauspieler Jan-Peter Kampwirth, Carlo Ljubek, Tilman Strauß und Samuel Weiss und ab und an leihen ihm auch die beiden Schauspielerinnen Sandra Gerling und Josefine Israel ihre Stimme. Das machen sie mal einzeln, mal im Chor, mal im Duett und im Sprechgesang. All das ist hohe Sprachkunst, engagiert und mit Verve vorgetragen. Mehr Sprachoper als Schauspiel. Und der Regie fällt meist nicht mehr ein, als das, was gesagt wird, noch einmal abzubilden.

Kurt Held: Rote Zora

Bleibt noch das für viele Stadt- und Staatstheater obligatorische Weihnachtsmärchen. Im Thalia Theater Hamburg fiel die Wahl auf Kurt Helds „Rote Zora“. Mit wenigen Strichen und Änderungen ins Heute geholt und für ein jugendliches Publikum aufbereitet. Da geht es um Geflüchtete, um Ausgrenzung, Vertrauen und Solidarität. Um das Verhältnis der Generationen untereinander. Auch um Korruption und das Verdrängen von kleinen Unternehmen durch Konzerne. Das alles verständlich und nachvollziehbar vorgestellt. Die Rote Zora (Toini Ruhnke) ist in Thomas Birkmeirs kluger Bearbeitung und Regie eine Inszenierung zum Mitfürchten, Mitlachen, Mitdenken und zum Mitfühlen. Und das Publikum honoriert das mit Begeisterung und Engagement. So wird der Theaterbesuch zu einem gemeinschaftlich erfahrenen Erlebnis, das lange nachwirken kann.

Thalia Theater: „Die rote Zora“ Foto: Krafft Angerer

Zeitgemäße Stoffe für die Bühne / das Theater finden sich an vielen Orten und vielen Genres – man muss diese nur finden und nutzen können für eine gekonnte Umsetzung auf der Bühne, dann mag sich die Debatte über das, welches Stück, welche Vorlage adaptiert und gespielt werden soll, erübrigen.

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erstellt am 23.1.2020

Thalia Theater: Jeder stirbt für sich alleine

Thalia Theater: „Jeder stirbt für sich alleine“ Foto: Krafft Angerer