Es regnet lyrische Anthologien. Kein Grund, sich dagegen abzuschirmen. Im Gegenteil: Was da auf uns kommt, imprägniert uns gegen die eigene geistige Degeneration. Die Kunstwerke der poetischen Bezweifler, Vordenker, Anreger und Sänger, die in diesen Büchern zusammengetragen sind, hat Bernd Leukert gesichtet und eine Anthologie der Anthologien erstellt.

Das Neue ist immer und überall

Von der Blütezeit lyrischer Anthologien

Anthologien oder Florilegien sind je nach floraler Vorliebe Blumensträuße, Blütensammlungen oder andere Kompositionen aus der Botanisiertrommel. Im übertragenen Sinn sind damit Sammlungen literarischer, in unserem Fall lyrischer, Texte gemeint. Und wenn nichts anderes verkündet wird, unterliegt eine solche Zusammenstellung keinem anderen Gesetz als der Idee, den Vorlieben und dem Gestaltungswillen des oder der Herausgeber.

Anthologien wurden zu allen Zeiten zusammengepflückt. Nun aber droht geradezu eine Entropie der Sichtbarkeit. Denn in letzter Zeit regnet es Anthologien verschiedenster Ausprägungen. Das ist dennoch ein sehr fruchtbarer Regen. Wenige Beispiele mögen zeigen, wie sich unsere Zeit darin wiederfindet.

Lyrik im Anthropozän

Merkwürdigerweise – als hätte das Dezimalsystem eine mythische Eigenschaft angenommen – wird dem Jahrtausendwechsel eine Zäsur zugesprochen, die weit über eine herkömmliche Weltuntergangsfurcht hinaus wirkt. Im Jahr 2000 brachten die Wissenschaftler Paul Crutzen und Eugene Stoermer den Begriff ‚Anthropozän’ ins Gespräch, womit ein Epochenwechsel zu einem Zeitalter gemeint ist, in dem der Mensch zu einem geologischen Faktor geworden war: Man war zu der Erkenntnis gelangt, daß der Mensch dabei ist, die Grundlagen allen Lebens zu zerstören.

2016 reagierte der 2003 gegründete Verlag kookbooks mit der breit angelegten Anthologie „Lyrik im Anthropozän“ auf diesen Befund. Die Herausgeberinnen Anja Bayer und Daniela Seel sind dabei davon ausgegangen, daß ein solcher ‚posthumanistischer’ Gesinnungswandel sich auch auf die Art des Dichtens auswirken muß, als sie Autoren baten, Texte für einen „kritischen, möglichst heterogenen Lyrikband zu unserer Gegenwart“ beizutragen: „Gibt es schon so etwas wie eine poetische Ästhetik des Anthropozäns? Vielleicht eine erneuerte Form von Naturlyrik oder Ecopoetics für das 21. Jahrhundert? Oder wie könnte sie aussehen, sich lesen?“, um nach getaner Arbeit festzustellen, „Die Texte in diesem Buch geben erste Antworten darauf.“

Tatsächlich sind darin über 120 lyrische Antworten aufgefächert, die alle möglichen Aspekte der Natur- und Selbstzerstörung berühren. Unbefangene Naturbetrachtung ist geradezu ausgeschlossen. Das reicht vom Zweifel an Hölderlins Zuversicht („… wächst das Rettende auch“) bei Jayne-Ann Igel bis zu Odile Kennels anverwandelndem „dieses Gedicht ist eine einzige/ Ansammlung von Müll“. Das Buch ist ein poetisches Schatzkästchen, in dem mit unterschiedlichsten Textsorten das katastrophische Thema bedacht wird und – auch ältere Werk-Tätige wie etwa Elke Erb, Christoph Meckel oder Friederike Mayröcker mit einbezogen sind. Darüberhinaus enthält es einige sehr informative Essays, von Axel Goodbody etwa über die Unterschiede zwischen Naturlyrik, Umweltlyrik und Lyrik im Anthropozän.

Poetisch Denken

Nun hat der Literaturwissenschaftler Christian Metz in seinem 2018 erschienenen Buch „Poetisch Denken“ quasi aus der Zukunft heraus kühn die Lyrik der Gegenwart als neue Epoche ausgerufen: „Alle Anzeichen sprechen dafür: In Zukunft wird man die ersten zwei Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts als Blütezeit der deutschsprachigen Lyrik bestaunen.“ Dabei räumt er generös vom Tisch, was empfindsame Leserinnen schmerzen wird: „Heute muß man zugeben, dass das Gedicht sicherlich nicht mehr der Gefühlsbeweger Nummer 1 ist. Schon mal bei der Lektüre eines aktuellen Gedichts geweint? … Auf die Irritation und Erschütterung des Denkens kommt es an, um Raum für potentiell neue Gedanken zu eröffnen.“ Zu den Kennzeichen der Gegenwartslyrik zählt Metz die poetische Laborarbeit. „Dort und nicht etwa im Garten, am Meer, im Wald oder auf der Wiese findet die Versarbeit statt.“ –

Daniel Falb, mit dessen Gedichtband „die räumung dieser parks“ der Verlag kookbooks einst seine Buchproduktion begann, empfiehlt, wie Axel Goodbody erwähnt, „den Gegenwartslyrikern, stattdessen wissenschaftliche Fakten, Daten und Statistiken in ihre Texte aufzunehmen. Wir müßten uns von der Idee von Dichtung als Erfahrung aus erster Hand lösen …“ –

Das könnte allerdings ungewollt neue Tränen auslösen und sollte für Leser, die sich mit der Lyrik zwischen den beiden Weltkriegen, der neuen Sachlichkeit nach dem Zweiten Weltkrieg oder mit dem breiten Spektrum der Konkreten Poesie beschäftigt haben, nicht sonderlich überraschend sein.

Christian Metz gründet seine hochfliegende Proklamation und seine eingehenden Gedicht-Analysen auf vier Personen. Er schreibt: „An diesen vier Autor*innen wird in Zukunft niemand vorbeikommen: Monika Rinck, Jan Wagner, Ann Cotten und Steffen Popp sind feste Größen unter jenen Autor*innen, die nach 2000 ihr Debüt veröffentlicht haben. Bei ihnen laufen die wichtigsten Fäden zusammen.“ Wenn Metz von hochgradig kreativer Arbeit, von der neuen Ära, die mit Falb und Popp eingeläutet wurde, von High Modernity oder der Blütezeit der Lyrik zu Beginn des 21. Jahrhunderts schreibt, möchte man demütig einen Schritt zurücktreten, um die Wirkmacht der Superlative nicht zu beeinträchtigen. Einzig Jan Wagner als Protagonist des Vierpersonenstücks läßt aufhorchen, aber die Rollen sind sorgsam verteilt: „Während Monika Rinck als die stille Monarchin, Jan Wagner als Meister der Form und Ann Cotten als die große Ausnahme gefeiert werden, gilt Steffen Popp als das Extrem der Gegenwartslyrik.“

Die allgemeine, aber grundsätzliche Frage stellt sich, wie die Kriterien des als „relevant“ Erklärten sich im Lesebedürfnis des erlesenen Kreises der Lyrikinteressierten wiederfinden, was nach solcher Promotion zur Seite fällt oder für ungültig erklärt wird. „Auf dem Weg dieser Haltungsveränderung der Autoren im und zum Gedicht wurden auch die vielfältig gelagerten Register lyrischer Verklemmtheit, Larmoyanz und Verbrämung abgeräumt, die die Wahrnehmung von ‚Lyrik’ wohl am meisten belastet haben“, schrieb der von Christian Metz ausgezeichnete Steffen Popp in seiner eigenen Anthologie „Spitzen“.

Spitzen

Steffen Popp untertitelt seine 2018 erschienene Sammlung mit „Gedichte. Fanbook. Hall of Fame“, nicht, um das psychologisch ausdeuten zu lassen, sondern um damit medienaffinen Menschen verständliche Schlüsselworte anzubieten, die besagen, was er hier zusammengetragen hat: „ … die poetischen Texte, die mich als Autor und Leser in den letzten zwanzig Jahren am stärksten beeindruckt, berührt und begeistert haben.“ Viele der Autorennamen, die die „Lyrik im Anthropozän“ ausmachen, sind auch hier anzutreffen, und die Überschneidung mit dem lyrischen Personal, das Christian Metz neben seinen Protagonisten auftreten läßt, ist erheblich. Auch ähneln die programmatischen Bemerkungen Popps denen des „poetischen Denkens“: Popp schreibt vom „Feld gegenwärtiger Positionen, für die die Materialität der Sprache im Vordergrund steht …“ oder davon, daß Gedichte „in ihrer Komplexität und inneren Disparatheit die Art, in der heute Realitäten hergestellt und Informationen verarbeitet werden“ spiegeln und die „zugleich ästhetische Gegenprogramme gegen Beliebigkeit und Konformität, die dieser Art von Realitätsbildung inhärent sind und ihre progressiven Anteile überlagern“, bilden. Und vielleicht klärt darüberhinaus die dazugehörige Fußnote seine Auswahlkriterien: „Der alte Schimmel grassiert natürlich weiterhin und in neuen Verpackungen auch unter den jungen Autoren. Die Bezugsrahmen ändern sich, lyrisches Dünnbier und das Temperament dazu bleiben erhalten, wachsen nach. Nichts von diesem ‚öden Wust’ (A. Cotten), der mir zahllose Anthologien verekelt hat, fand Eingang in dieses Buch.“ Tatsächlich sind die erlesenen Gedichte glücklich gewählt, auch hier sind neben der tonangebenden Generation die vorbildgebenden Veteranen (so schnell geht das!) wie Friederike Mayröcker, Volker Braun, Elke Erb, Durs Grünbein, Jan Wagner vertreten.

Die sind aber ebenso in der repräsentativen Anthologie „Aus Mangel an Beweisen. Deutsche Lyrik 2008-2018“ zu finden.

Aus Mangel an Beweisen

Auch diese Anthologie zielt nicht nur mit der dekadischen Gedichtauswahl auf die Gegenwart, denn die Absicht war, „eine ebenso vorläufige wie irrtumsanfällige Bestandsaufnahme der lyrischen Schreibweisen im noch jungen 21. Jahrhundert zu erstellen.“ So übervorsichtig das Vorhaben angesetzt ist, so überzeugend wirkt das Verfahren. Michael Braun und Hans Thill, der eine ein bekannter Literaturkritiker, der andere Dichter, Übersetzer und Verleger, – beide erfahrene Herausgeber vor allem von lyrischen Sammelwerken, haben das „Radikalste und das Konservative“, die, nach Oskar Loerke, in der Kunst dasselbe sind, geschickt miteinander komponiert. Und so spannt sich der Lyrik-Bogen von Hans Bender, Jahrgang 1919, bis zur 1995 geborenen Christiane Heidrich.

Basis dieser Sammlung ist die im raffenden Rückblick gar nicht so neue Erkenntnis: „Es gibt keine verläßlichen Ordnungssysteme mehr, keine trennscharfen Unterscheidungen zwischen ‚traditionellem’ und ‚experimentellem’ Schreiben, zwischen ‚Traditionalismus’ und ‚Avantgarde’ – und schon gar keine dezisionistische Trennungen zwischen ‚Freund’ und ‚Feind’ … Das Gedicht geht also in die Ungewissheit, es liefert keine Beweise, es spricht im Modus einer radikalen Subjektivität und ‚aus Mangel an Beweisen’“. Man könnte das als tätigen Einspruch zu Christian Metzens Verkündigung deuten, spräche nicht das gleiche Erscheinungsjahr beider Bücher dagegen. „Aus Mangel an Beweisen“ inkludiert nämlich so ziemlich alle Autoren, die für das Neue dieses Jahrtausends namhaft gemacht werden und setzt sie in Beziehung zu denjenigen, die ihren Namen schon vorher hatten, wie etwa Michael Krüger, dessen Gedicht „Im Winter“ mit den Zeilen beginnt: Bei der Schneewehe lag ich,/ bei den Lärchen, wo im Herbst/ der Wind die Schafe sammelt,/ und wartete auf das Ende/ der Zerstreuung …

Diese Anthologie „hierarchisiert nicht“ und bietet auch für Lesende, die mit dem lyrischen Kosmos nicht allzu vertraut sind, erlesene Lesefrüchte von 180 Dichterinnen und Dichtern, die gut und gerne als alternativer Kanon zur herabstimmenden Bestseller-Verwertung taugen. Auch sind dem Band sieben lesenswerte Essays beigegeben, darunter der schöne Petersilien-Beitrag „Etymologischer Gossip im Gedicht“ von Uljana Wolf.

Jahrbuch der Lyrik 2019

Hier, in dieser jährlich sehnsüchtig erwarteten Sammlung, in der „aus allen eingesandten Gedichten die besten ausgewählt und in thematischen Kapiteln zusammengestellt“ wurden, treffen wir eine Vielzahl der Personen, die wir in der Anthologie „Aus Mangel an Beweisen“ kennenlernen durften und zum Teil schon in den vorher aufgeführten Büchern bemerkten, so, als wären sie auf der großen lyrischen Drehbühne eben in die nächste Szene geschlüpft. Daran ist auch gar nichts zu bemängeln, zeigt es doch, daß belesene Leute in der Wertschätzung gegenwärtiger Dichtung oft eines Sinnes sind. Christoph Buchwald ist seit 1979, also von Anbeginn, ständiger Herausgeber des Jahrbuchs der Lyrik. Für jede Ausgabe holt er sich eine Lyrikerin oder einen Lyriker an die Seite. 2019 war es Mirko Bonné (2020 wird es Dagmara Kraus sein). Dieser Partnertausch bewirkt womöglich, daß über den Kreis der üblichen Verdächtigen hinaus im Jahrbuch zu den besten Gedichten auch solche von weniger bekannten oder unbekannten Autoren gezählt und ausgewählt werden. Da findet man so einen Gedichtanfang: Das war mein Lieblingsatemzug, meinte mein Vater/ und warf sich vor einen heran rauschenden Schlaf/ am Tag davor hatte er noch ein Gebet gemalt/ und unter den Fluss geschoben … (Herbert Hindringer: Schleudertraum) oder so ein Gedichtende: im Hintergrund fährt die Bahn ein, kühl/ auf schwebenden Wolken (Alexander Kappe: Hütte). Auch in diesem Fall läßt sich von einer geglückten Auswahl sprechen, die auch für Kenner Entdeckungen bereit hält. In ihrem an die Sammlung angehängten „Nachtgespräch“ versuchen beide Herausgeber, den eigenen Motiven und Kriterien ihrer Arbeit auf die Spur zu kommen. Und sie knüpfen daran optimistische Diagnosen: „Die verwissenschaftlichte Ausschließlichkeitssetzung der Anti-Poesie scheint Vergangenheit, es darf wohl wieder gedichtet werden, wie es scheint. Ein Grund zur Hoffnung!“ Auch Christoph Buchwalds Befund deckt sich mit dem von Hans Thill und Michael Braun: „Es gibt allerbeste Gründe, warum eine normative Ästhetik oder Poetologie heute nicht mehr vorstellbar sind, nicht zuletzt durch hervorragende Gedichtübersetzungen haben wir Kontinente der Lyrik entdecken können, die vollkommen anders sind als alles, was wir bis dato kannten.“

Grand Tour

Die Übersetzung ist die Grundlage des lyrischen Großprojekts „Grand Tour“. Reisen durch die junge Lyrik Europas“. Als August Wilhelm Schlegel 1804 – am 18. Mai hatte Napoleon sich zum Kaiser der Franzosen erklärt – seine „Blumensträusse Italiänischer, Spanischer und Portugiesischer Poesie“ veröffentlichte, wollte er die provinziellen Deutschen mit den ‚romanischen Literaturen’ bekannt machen, – unter bedachter Auslassung der französischen. Dennoch ging seine Anthologie von einer gemeinsamen, europäischen Kultur aus, deren durch unterschiedliche Sprachen und Ressentiments voneinander getrennte Literaturtraditionen vernünftigerweise zur Kenntnis genommen werden sollten. Diesen aufklärerischen Impuls nahmen die beiden Herausgeber Federico Italiano und Jan Wagner auf, weiteten das Erhebungsgebiet der „Grand Tour“ aus und verkürzten das Autorenalter (ab Geburtsjahr 1968). Jung ist also nicht die Lyrik, sondern, in Maßen, ihre Verfasserinnen und Verfasser. Jan Wagner hatte kurz vorher (2017) mit Tristan Marquardt das prächtige zweisprachige Minnesangbuch „Unmögliche Liebe“ herausgegeben, eine Anthologie, deren Autoren sicher tot sind, aber die zu findenden Übersetzer sind quicklebendig und zum Teil in das neue Projekt übergesiedelt. Eine gewisse Arbeitskontinuität war also gegeben. Dennoch übersteigt diese Unternehmung alle Maßstäbe bekannter Anthologien, und das steht in Relation zum kulturpolitischen Motiv, wie es im „Handreichung“ genannten Vorwort formuliert ist: „Vielleicht können gerade im Gedicht, diesem keineswegs unzeitgemäßen Sprachkunststück, die gegenwärtigen Ängste, Hoffnungen, Erwartungen, Spannungen Europas wie unter einem Brennglas sichtbar werden, erlaubt das Gedicht doch einen besonders präzisen und erhellenden Blick auf die Gegebenheiten und Gemütslagen im Norden, Süden, Osten und Westen des Kontinents – wobei Genres wie das Liebes- und das Naturgedicht, die Klage und die Ode glücklicherweise immer gepflegt werden und universal sind.

Und während in der politischen Realität das große gemeinsame Projekt in Frage gestellt wird, die Vielfalt in Verruf gerät, die Grenzen erneut sichtbar werden, nach Trennungen geradezu verlangt wird und, wo in Europa man auch hinschaut, nationalistische und separatistische Strömungen an Zulauf und an Einfluss zu gewinnen scheinen – vielleicht könnte es da keinen besseren Augenblick für eine Anthologie geben, die ein Europa der Lyrik vorstellen möchte, in dem der Austausch mit dem und das Lernen vom anderssprachigen, aber nicht grundsätzlich andersartigen Gegenüber der Normalzustand ist und Vielseitigkeit als Gewinn gesehen wird.“ Das sehr ausführliche Zitat zeigt die enorme Ambition dieser der Politik vorgreifenden Aktion, die eben auch deswegen auf eine große Zahl helfender und unterstützender Institutionen rechnen konnte, wie der auftraggebenden Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, des Arbeitskreises selbständiger Kultur-Institute aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, dem Auswärtigen Amt, der Kunststiftung NRW, der Sparkasse Darmstadt und verschiedener Übersetzungsfonds. Ganze Völkerschaften an Übersetzerinnen, Literaturscouts, Experten und Vermittlern waren daran beteiligt, Gedichte aus 46 Sprachen – die polyglotten nicht mitgerechnet – zu finden, auszusuchen und ins Deutsche zu übersetzen. – Tatsächlich überrascht, wieviele der deutschsprachigen Autoren uns inzwischen vertraut sind, von Ann Cotten und Daniel Falb über Nancy Hünger, Steffen Popp, Monika Rinck, Jan Volker Röhnert, Tom Schulz, Uljana Wolf bis Nora Bossong, und wie peinlich, wie wenige Dichterinnen und Dichter anderer Sprachen. So ein Buch wie die „Grand Tour“ liest man nicht durch. Der Reichtum dieser Poesie eröffnet sich dem, der es irgendwo aufschlägt und Zeilen liest wie diese: auf einer bank im park/ beim weiher/ sitzt eine nonne ohne gott. Andy Fierens aus Belgien schrieb sie („nonne ohne gott“); oder: Sagt meinem Mann,/ mein Brautschleier hier entspross meinem Schädel/ wie fette Milch, die krispe Krusten bildet („Sagt meinem Mann“) von Maia Sarishvili aus Georgien. Tausende schönster Verse sind in dieser grandiosen Tour zu finden, und nach längerer Fahrtzeit durch den poetischen Kontinent ist man bereit, den Satz der Herausgeber zu unterschreiben: „Das Europa der Lyrik ist in bester Verfassung.“ Europa ist höchst lesenswert.

Das Gedicht & sein Double

Im Jahr 1978 erschien im Frankfurter Wolfgang Krüger Verlag die „Photo-Story des Jazz“ von Joachim-Ernst Berendt, in der dem, was meist nur zu hören war, mit den Gruppen- und Einzelporträts ein Gesicht und (Werk-)biographische Geschichte hinzugefügt wurde. Es waren die Fotos, die nicht nur die Verfassung der Musiker, sondern auch das Selbstverständnis, das Milieu, den Geruch und Geschmack der Musikszene, kurz, das Lebensgefühl der Protagonisten des Jazz wiedergaben oder evozierten und mit ihrer Eindringlichkeit einen ikonischen Charakter besaßen, Bilder die sich in die Erinnerung einnisteten.

Als 2018 „Das Gedicht & sein Double. Die zeitgenössische Lyrikszene im Portrait“ veröffentlicht wurde, drängte sich der Vergleich geradezu auf. Gut, die ‚Lyrikszene’ ist nicht so umfangreich. Aber die Fotos von Dirk Skiba weisen eine ähnliche Qualität auf. Das sind keine Schnappschüsse, sondern komponierte Bilder, die etwas sehr Charakteristisches zeigen (was dann einer allfälligen Deutung ausgeliefert ist) und darüberhinaus noch mit dem jeweils kundig gewählten, beigefügten Gedicht der jeweiligen Lyrikerin oder des Lyrikers korrespondieren. Das beginnt mit dem sinnenden Durs Grünbein (Wo willst Du hin, mein unrasiertes Kinn …), setzt sich fort mit der im Halbprofil blinzelnden Dagmara Kraus (ich hab mir den kumpf schier am eppich versengt und da nicht mehr wegzukönnen/ ist doch gar nicht so flimm) über das bedrohlich wachsame Gesicht von Paulus Böhmer (daß ich es bin, dies’ stete Schwanken/ zwischen Ressentiment & Hybris: Ich.), der nach Innen gerichtete Blick von Yevgeniy Breyger (es war der mai, an dem das innere nach außen drängte.), die unterm blonden Haarschopf mit geschlossenen Augen in sich gekehrte Nadja Küchenmeister (der kleine fetzen meiner lippe, jenes schüppchen/ haut, das ich am zungengrund verschiebe, das bin ich.) und der verschmitzt lächelnden Zsuzsanna Gahse (Vor dem/ Zugfenster die Schafe, und/ ich hatte einen solchen Hunger, kann denn Liebe Sünde sein.) bis zur komödiantisch den Himmel küssenden Nora Gomringer (Ich bin/ … Diana, Göttin mit dem Silber-bogen, Silberpfeil, die/ Mondzicke). Auch gesichtslose Rückenansichten wie die von Hans Thill oder, in der Bildtradition von Eva Gonzalès’ „Le chignon“ oder Gerhard Richters „Betsy“, den haarverknoteten Hinterkopf präsentierend, wie Nora Bossong oder Saskia Warzecha, werden im Gedächtnis bleiben.

Die Herausgeber Nancy Hünger und Helge Pfannenschmidt haben zwei Jahre lang an diesem Band gearbeitet. Während Pfannenschmidt in seinem Vorwort unter anderem die aufwendige Arbeit des Fotografen Skiba beschreibt, schlägt sich Hünger in ihrem fulminanten Essay „Der Autor im Portrait oder Ich ist ein Irrtum“ auf die Seite des Worts: „Wir lavatern in der Physiognomie herum, versuchen das Äußere aufs Innere zu deduzieren, suchen vermutete Ähnlichkeiten, letztlich Ähnlichkeiten zu uns selbst.“, und: „Das Foto lügt immer, allein weil es wahr sein will. Das zumindest haben Foto und Autor gemein. Wir lügen, weil wir »wahr« sein wollen.“ Dieses prächtige Buch mit einer leider schlechten, Seiten verrutschenden Bindung schließt selbstverständlich auch die im emphatischen Sinne ‚neuen’ Poeten, wie Max Czollek, Lisa Goldschmidt, Tim Holland, Björn Kuhligk oder Ron Winkler mit ein, ohne sie in epochale Distanz zur vielfältigen Gemeinschaft der anderen zu setzen.

Der Titel „Das Gedicht und sein Double“ wurde, so ist zu lesen, einem vor zehn Jahren erschienenen, polemischen Essay von Gerhard Falkner entnommen, „der sich mit der inflationären Ausrufung neuer Lyriker-Generationen … auseinandersetzt.“

Das Gedicht ist im Laufe seiner Geschichte immer wieder ethischen, moralischen oder politischen Anforderungen ausgesetzt gewesen, die es bei seriöser Betrachtung gar nicht erfüllen kann. Anthologien werden noch immer von Menschen zusammengestellt, die sich mit ihren Vorlieben temporären Einflüssen nicht entziehen können, sei es, daß sie sich davon in Dienst nehmen lassen, sei es, daß sie diesen Zumutungen alternative Konzepte entgegensetzen. Anthologien sind Prismenspiegel, in denen ihre Entstehungszeit abzulesen ist.

Bibliografien

Anja Bayer, Daniela Seel (Hrsg.): All dies hier, Majestät, ist Deins: Lyrik im Anthropozän. Anthologie. Kookbooks, Berlin und Deutsches Museum, München 2016, Taschenbuch 336 S., ISBN 978-3-937445-80-9

Christian Metz: Poetisch Denken. Die Lyrik der Gegenwart. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2018, Paperback, 432 S., ISBN 978-3-10.002440-4

Steffen Popp (Hrsg.): Spitzen – Gedichte. Fanbook. Hall of Fame. Fanbook. Hall of Fame. edition suhrkamp, Berlin 2018. Taschenbuch, 264 S., ISBN 978-3-518-12719-3

Michael Braun, Hans Thill (Hrsg.): Aus Mangel an Beweisen. Deutsche Lyrik 2008-2018. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2018. Gebunden, 320 S., ISBN 978-3-88423-601-7

Christoph Buchwald, Mirko Bonné (Hrsg.): Jahrbuch der Lyrik 2019. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2019. Gebunden, 248 S., ISBN 978-3-89561-682-2

Federico Italiano, Jan Wagner (Hrsg.): Grand Tour. Reisen durch die junge Lyrik Europas. Im Auftrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Carl Hanser Verlag, München 2019. Gebunden, 582 S., ISBN 978-3-446-26182-2

August Wilhelm Schlegel (Hrsg.): Blumensträuße italienischer, spanischer und portugiesischer Poesie. Nach dem Erstdruck neu herausgegeben von Jochen Strobel. Thelem (w.e.b.), Dresden 2007, 220 S., ISBN 978-3-939888-25-3

Tristan Marquardt, Jan Wagner (Hrsg.): Unmögliche Liebe. Die Kunst des Minne-sangs in neuen Übertragungen. Carl Hanser Verlag, München 2017. 304 S., ISBN 978-3-446-25654-5

Nancy Hünger, Helge Pfannenschmidt (Hrsg.): Das Gedicht & sein Double. Die zeit-genössische Lyrikszene im Portrait. Fotografien von Dirk Skiba. edition AZUR, Dres-den 2018, Hardcover, 224 S., ISBN 978-3-942375-36-8

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erstellt am 21.1.2020

Anja Bayer, Daniela Seel (Hrsg.)
All dies hier, Majestät, ist Deins: Lyrik im Anthropozän.
Anthologie
Taschenbuch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-937445-80-9
Kookbooks, Berlin und Deutsches Museum, München 2016

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Christian Metz
Poetisch Denken.
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Paperback, 432 Seiten
ISBN: 978-3-10.002440-4
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2018

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Taschenbuch, 264 Seiten
ISBN: 978-3-518-12719-3
edition suhrkamp, Berlin 2018

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Michael Braun, Hans Thill (Hrsg.)
Aus Mangel an Beweisen.
Deutsche Lyrik 2008-2018
gebunden, 320 Seiten
ISBN: 978-3-88423-601-7
Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2018

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Christoph Buchwald, Mirko Bonné (Hrsg.)
Jahrbuch der Lyrik 2019
gebunden, 248 Seiten
ISBN: 978-3-89561-682-2
Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2019

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Federico Italiano, Jan Wagner (Hrsg.)
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gebunden, 582 Seiten
ISBN: 978-3-446-26182-2
Carl Hanser Verlag, München 2019

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Nancy Hünger, Helge Pfannenschmidt (Hrsg.)
Das Gedicht & sein Double.
Die zeitgenössische Lyrikszene im Portrait
Fotografien von Dirk Skiba
Hardcover, 224 Seiten
ISBN: 978-3-942375-36-8
edition AZUR, Dresden 2018

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