In der Ausstellung „Trees of Life“ zeigt der Frankfurter Kunstverein Arbeiten zeitgenössischer Künstler neben wissenschaftlichen Exponaten aus dem Senckenberg Naturmuseum. Als Wissenschaftsausstellung macht „Trees of Life“ fast alles richtig, die Kunst aber bleibt meist brav, findet Ellen Wagner.

Ausstellung

Es ist kompliziert. Und darf es auch bleiben

Statt Ast um Ast die Krone der Schöpfung zu erklimmen und von oben die Beine baumeln zu lassen, müssen wir Menschen uns im Frankfurter Kunstverein an ungewohnte Denkgymnastik im Verflochtenen gewöhnen. Mit vereinten Visualisierungskräften der Kunst und der Wissenschaft sägt die Ausstellung am Stamm des Baummodells der Evolution, um jedem Natur-Kultur-Dualismus den Garaus zu bereiten.

Das hindert sie jedoch nicht daran, im Foyer den verkieselten Stamm eines Nadelbaumes aus der Senckenberg Naturforschungsgesellschaft zu positionieren. Dieser glänzt in erdigen Regenbogenfarben, als hätte Gerhard Richter einmal beherzt durchs Gestein gerakelt. Doch Malerfürsten müssen leider draußen bleiben. Stattdessen steht das Fossil prächtig stur einfach da, als Wegscheide zwischen zwei Treppen, von denen eine nach oben, die andere nach unten führt.

Da ist es wieder, das Bild der Treppe, das Ausstellungs- wie Lebensräume in höhere und niedrigere Stufen einteilt. Tatsächlich beginnt, wenn man sich von den Schließfächern aus vorarbeitet, die Schau mit einem Gewusel von Kleinstlebewesen und endet zwei Stockwerke weiter oben mit einem Ausblick auf die Zukunft des Menschen, seiner gesellschaftlichen und politischen Bezugssysteme. Doch kann keineswegs von einem Aufstieg ins Erhabene die Rede sein. Vielmehr präsentiert der letzte Raum mit Dominique Kochs etwas dekorativ efeuumranktem Video Holobiont Society (2017) melancholische Meereseinsamkeit und Wüstenlandschaft. Hin und wieder explodiert das Bild in gleißendes Weiß, während Scott Gilbert, Maurizio Lazzarato und Donna Haraway über Determinismus, Kapitalismus und Anthropozentrismus reflektieren.

Studio Drift: AK47 + bullet, 2019, Ausstellungsansicht FKV 2019 Foto: Ellen Wagner

Die Apokalypse scheint mit diesen Schlagworten ausgemacht, nur kurz nachdem man die Reverse-Engineerings des Studio Drift passiert hat, die unter anderem das iPhone 4S oder die AK47 + bullet (2019) zerlegt in ihre Rohelemente präsentieren. In eingegossenen Kuben angeordnet, muten die Waffen und Prothesen unserer Zeit wie Miniaturmodelle dystopisch-fensterloser Stadtarchitekturen an. Nicht weit entfernt lockt eine Reihe an Exponaten zu Meteoriteneinschlägen – mit obligatorischer VR-Brille – sowie eine Symphonie aus seismischen Wellen, die der Komponist Wolfgang Loos mit dem Geophysiker Frank Scherbaum arrangiert hat (KooKoon, 1999).

Von der Entstehung des (nicht-menschlichen) Lebens sanft zur drohenden Auslöschung unserer Existenz. Doch nochmal von vorn. Von unten.

Im Keller des Kunstvereins beginnt alles Leben im Wassertropfen (2019). Ein Team der Universität Trier hat dieses als begehbare Animation umgesetzt. Schillernd und spiegelnd schwimmen uns die Einzeller immersiv ganz ohne VR entgegen. In der Installation stehend wirft man Schatten auf das projizierte Wimmelbild, so dass man sich doch wieder oft ins eigene Blickfeld gerät – als flache Silhouette und als Störfaktor.

Leben im Wassertropfen, 2019, Ausstellungsansicht FKV 2019 Foto: Ellen Wagner

Im mittleren Geschoss herrscht symbiotisches Ineinander der Spezies, der Insekten, Menschen und Bakterien. Im Zentrum steht John Feldmans Film Symbiotic Earth – How Lynn Margulis Rocked The Boat and Started a Scientific Revolution (2017), der den Ideenkosmos der Biologin porträtiert – samt den Hindernissen, die der von Margulis und James Lovelock geprägten „Gaia-Hypothese“ begegneten. Die Erde ist nicht einfach eine aufbrauchbare Rohstoffkugel (man denkt hier unweigerlich an Energiesnacks aus dem Müsliregal), die mit einer gemütlich bewohnbaren Oberfläche überzogen wurde – sie hat selbst einen Stoffwechsel, wie ein Lebewesen, das von allen auf ihr lebenden Arten gebildet wird.

Anliegen der Schau ist es, den neo-darwinistischen Mythos des „Survival of the Fittest“ zu entzaubern, dessen Vertreter lange mit einer Parallelisierung ökologischer und ökonomischer Entwicklungen den Wissenschaftsbetrieb dominierten. So kämpfen die Arten keineswegs „Mann gegen Mann“ auf dem Schlachtfeld des Überlebens. Evolution, betont Margulis, erfolgt nicht durch bloße Auslese derjenigen Exemplare mit den vorteilhaftesten Genmutationen, sondern durch Zusammenwirken vieler Spezies in symbiogenetischen Existenzformen. Wir sind nicht selbstbewusstes Eines, sondern jeweils für uns und für andere in Koexistenz mit unzähligen Organismen.

Als Wissenschaftsausstellung macht „Trees of Life“ fast alles richtig. Sie überfordert nicht mit tausenden Objekten, nutzt ihre Potentiale, Atmosphären zu schaffen und reizvoll Materialien zu inszenieren. Sie verweist sogar auf die politische Verstricktheit der Wissenschaft. Sie bietet viel, nicht zu viel Text und versteht es, diesen über wechselnde Medien aufzulockern. Sie streckt die Tentakel ins Ästhetische, ins Feld der Kunst – diese jedoch fingert eher ungeschickt zurück, als überfalle sie der Annäherungsversuch aus Richtung Wissenschaft überraschend und unvorbereitet. Die Kunst bleibt meist brav unter der Haube oder auf dem Screen.

Sonja Bäumen: Expanded Self II, 2015/19, Ausstellungsansicht FKV Foto: Ellen Wagner

Zwar spielen Sonja Bäumels Arbeiten ausgiebig mit der Ästhetik des Labors und der bildgebenden Kraft der Mikroben und Bakterien auf unserer Haut, doch fragt man sich, weshalb das Ganze bloß in figurativem Sci-Fi-Kitsch – ein androgyner Körper unter beschlagenem Plastikdeckel, eingelegt wie in Aspik in eine Suppe aus Schimmelpilzen – münden muss. Ikonographisch etwas ungewohnter zeigen sich die Überreste der Performance Microbial Entanglement zur Vernissage (die selbst allerdings in einem etwas peinlich nackten Schöpfungstanz kulminierte): Eine eingedellte Petrischale ruinös in grünlichem Flaum, lädt ein, Szenarien zu imaginieren, die an diesem Schauplatz stattgefunden haben könnten.

Es ist der Schau zugute zu halten, dass sie Kunst und Wissenschaft in einer Nachbarschaft existieren lässt, die Verbindungen schafft, ohne unmittelbare Reaktionen des einen auf das andere einzufordern. Zugleich besteht durch das Nebeneinander erhöhte Konkurrenz zwischen beiden Disziplinen. Da wären die präparierten Käfer aus allen Teilen der Welt, gesammelt und geordnet vor 150 Jahren, die dem beherzten Plädoyer für den Erhalt der lebendigen Spezies in Edgar Honetschlägers GoBugsGo (2018) die Show stehlen. Glänzend morbide beats niedlich animiert. Dabei trifft Honetschlägers aktivistischer Appell zur Rettung der Insekten ohne Zweifel auf den Punkt.

Doch reicht es wirklich, durch Kunst Wissen und Fakten „auf andere Art“ zu vermitteln?

Etwas provokanter und spekulativer, dafür etwas weniger diskursdokumentierend und kampagnenbeflissen, vielleicht auch etwas weniger europäisch aufgestellt, hätte die Schau ihr klug strukturiertes Setting wirksamer kontaminieren können.

„You have to check where the metaphor is taking you next“, erinnert Lynn Margulis an die Gefahren einer bildhaften Übertragung menschlicher Verhaltensweisen auf das Ökosystem. Die Kunst jedoch spricht eine Sprache, die die Dinge nicht unter dem Vorzeichen wissenschaftlicher Objektivität benennt. Insofern ist es ihr Privileg, Bilder zu finden, deren Wege sich beim Entstehen noch nicht vorhersehen und „abchecken“ lassen. Sie müssen nicht „korrekt“ sein, und wozu sie „angemessen“ sein könnten, zeigt sich erst im Laufe ihrer Lebensdauer. Indikativ und Konjunktiv fallen hier gewissermaßen in eins. Um Wissenschaft und Kunst symbiogenetisch zueinander zu bringen, hätte es einer stärkeren solchen paradoxen Grammatik in den Werken bedurft.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 14.1.2020
aktualisiert am 17.1.2020

Dominique Koch: Holobiont Society, 2017, Installationsansicht Frankfurter Kunstverein 2019. Foto: Norbert Miguletz, © Frankfurter Kunstverein

Ausstellung in Frankfurt

Trees of Life

Erzählungen für einen beschädigten Planeten

10.10.2019 — 16.02.2020

Mit Arbeiten von Sonja Bäumel, Edgar Honetschläger, Dominique Koch, Studio Drift und Exponaten der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Kuratiert von Franziska Nori mit Philipe Havlik (wissenschaftliche Beratung)

Frankfurter Kunstverein