Der Fotograf Alexander Paul Englert zeigt in der Frankfurter Galerie Schamretta eine Auswahl von Aufnahmen, die er bei seinem Besuch traditioneller Feste im Sommer 2019 in Papua-Neuguinea gemacht hat. Cornelia Wilß hat sich die Ausstellung angesehen.

Ausstellung

Bilder aus einem bemerkenswerten Land

Beim abendlichen Schlendern im Frankfurter Stadtteil Nordend staunten die Passanten nicht schlecht. Aus den Fenstern der Galerie Schamretta, in einem Eckhaus, ziehen den Betrachter geheimnisvolle Fotografien aus fernen Welten in den Bann. Geisterstunde? Die Idee des Fotografen, Fotos aus dem beleuchteten Innenraum in den äußeren Raum zu projizieren, ist brillant und zaubert magische Momente auf die regennasse Straße. Alexander Paul Englerts Ausstellung ist einem „fotografischen Tagebuch“ nachempfunden. Englert zeigt seine Auswahl von Fotos, die er bei seinem Besuch traditioneller Feste im Sommer 2019 in Papua-Neuguinea gemacht hat. Sie spiegeln einen Teil der reichen traditionsbehafteten Kulturen des Inselstaates im Pazifik, die sich in kunstvoller Maskenvielfalt und Körperbemalung ausdrücken und den Kopf, die Schultern oder sogar die ganze Person in ein anderes Wesen verwandeln.

Ahnentänzer, Krieger und Zauberwesen, fremde Welten und Skelette aus dem Totenreich, die Angst und Schrecken verbreiten. Oder die „Mudmen“, die berühmten Lehmmänner in ihrer traditionellen Kriegsmaskierung. Die bekannteste Legende erzählt, wie Englert weiß, wie die Mudmen im Kampf gegen einen feindlichen Stamm unterlegen waren und den Schutz des Asaro-Flusses aufsuchten. Im Schutze der Dämmerung wollten die unterlegenen Krieger fliehen. Der Feind sah die Mudmen sich aus dem Schlamm des Flusses erheben und bekam es mit der Angst zu tun, da Körper und Kopf vollständig schlammverkrustet waren. Man glaubte es seien Geister, vor denen große Ehrfurcht bestand. Aus Furcht und Schrecken floh nunmehr das siegreiche Volk.

Asaro Mudmen im Dorf Asaro im Hochland von Papua-Neuguinea

Andere Aufnahmen etwa entstanden beim Sepik River Crocodile Festival in Ambunti in der in der Provinz East Sepik in Papua-Neuguinea. Bei den jährlich stattfindenden Treffen zeigen unterschiedliche ethnische Gruppen, welch große kulturelle Bedeutung das alte Krokodil-Tier für die Menschen hat, die entlang des großen Sepik Rivers leben. Das Krokodil symbolisiert Stärke, Macht und Männlichkeit.

Englert hat auch das Foto eines spirituellen Hauses anlässlich seines Besuchs des dortigen Yam Festivals in seine Auswahl aufgenommen. Die Abelam führen ihre kunstvollen Malereien nicht, wie andere Kulturen auf Papua-Neuguinea, als Körpermalerei aus, sondern verzieren ihre Kulthäuser (tambaran-Häuser) mit Malereien. Der neuseeländische Architekt Bill Phillips hat die Form dieses spirituellen Hauses für den Eingang des Parlamentsgebäudes in Port Moresby als Vorbild verwendet.

Papua-Neuguinea ist in mehrfacher Hinsicht ein bemerkenswertes Land. Es gilt als eines der kulturell vielseitigsten Länder der Welt, mit über 850 bekannten Sprachen, die so weit auseinanderliegen wie zum Beispiel Deutsch und Französisch, und einer starken Präsenz kleinräumiger kultureller Traditionen. Es gibt kaum einen Flächenstaat, in dem der Anteil der städtischen Bevölkerung derart niedrig ist (13 Prozent laut Weltbank für 2015). Drei Viertel der auf 8,1 Millionen geschätzten Zahl der dort lebenden Menschen arbeiten in Landwirtschaft und Fischerei, die meisten davon in weitgehend sich selbstversorgenden Gemeinden. Die Eigentumsrechte der indigenen Gemeinschaften sind in der Verfassung verankert, ebenso ihre Nutzungsrechte, insbesondere ihre traditionellen Rechte sowie das Recht auf traditionelle kulturelle Praktiken.

Die „Fire Making Sin Sing“-Gruppe bei dem Festival in Mount Hagen

Eines der bekanntesten Kulturfestivals ist das Mount Hagen Festival, benannt nach dem Landeshauptmann der deutschen Kolonie, Curt von Hagen, der das Schutzgebiet Kaiser-Wilhelms-Land in Neu-Guinea verwaltete.

„Über 50 verschiedene ethnische Gruppen treffen sich dort und präsentieren ihre kultischen Tänze, Gesänge und Riten in ihren traditionellen Festbekleidungen aus Naturmaterialien, geschmückt mit Ketten aus Muschelgeld und Paradiesvogelfedern. Über mehrere Monate bereiten sich die Teilnehmer in kleineren Etappenfestivals in ihren ethnischen Dorfgemeinschaften auf dieses große Festival vor, das keine Show für Touristen aus Übersee ist, sondern vom Kulturministerium vor allem für die Einheimischen selber veranstaltet wird und auch dazu dient, diese traditionellen Riten und Tänze im Bewusstsein zu erhalten und alte Bräuche zu pflegen“, erklärt die Kunstwissenschaftlerin Brigitta Amalia Gonser bei der Vernissage der Ausstellung.

Der Journalist Arno Widmann hat vor einem Jahr ein bemerkenswertes Interview mit der britischen Anthropologin Marilyn Strathern geführt. Sie hat viele Jahre mit und über das Hagen-Volk am Mount Hagen in Papua-Neuguinea gearbeitet. Auf seine Anmerkung hin, dass Strathern stets das strikt binäre Struktur unseres westlichen Denkens kritisiert habe, antwortet diese, dass wir im Westen uns seit der Aufklärung angewöhnt hätten, Natur und Gesellschaft stark voneinander zu trennen. „Das machen die Hagener nicht. So wie auch wir es lange nicht taten.“ Dann also „nieder mit der Aufklärung“ hakt Widmann ein wenig kokett nach: „Um Himmels willen nein. Ich will auf keinen Fall auf sie verzichten. Aber sie erschwert uns zu begreifen, wie andere Völker die Welt sehen. Nehmen Sie die Wälder. Für uns waren sie allenfalls ein Holzvorrat, vor allem aber ein Hindernis für die Agrarwirtschaft, für den Fortschritt also. In Neuguinea sind sie das auch. Aber sie sind auch ein Ort, in dem Ahnen- und Waldgeister leben. Man darf Bäume fällen und Wälder roden, aber man muss den Geistern etwas bieten dafür. Man muss Rücksicht auf sie nehmen. Der Mensch ist hier eingebettet in eine Welt, die aus Natur und – wir würden sagen – „Übernatürlichem“ besteht. Dass der Mensch in der Lage sei, sich die Erde untertan zu machen, kommt den Hagenern sehr weltfremd vor. Dass er gar den Auftrag dazu habe, ist eine sehr seltsame Fracht (Cargo), die ihnen geliefert wurde. Kein Hagener macht sich die Erde untertan.“

Suli Muli Women in Paiya

Von der Symbiose zwischen Natur, Magie und Mensch im fernen Papua-Neuguinea erzählen die Bilder von Alexander Paul Englert. Auch bei dieser Ausstellung gelingt dem Fotografen, hinter der Verfremdung, die durch die Masken und die szenische Darstellung von Spiritualität und ritualisierter kultischer Momente, den neugierigen Blick auf den Menschen in seinem Kosmos zu richten und ihn (und ihr) als einzigartige Persönlichkeiten zu begegnen. Das Ferne rückt beim Gang durch die Ausstellung ein gutes Stück näher.

Wer es also noch nicht geschafft hat, kann zu den angegebenen Öffnungszeiten (Dienstags und Freitags von 17 bis 20 Uhr) die Ausstellung besichtigen oder an jedem anderen Tag in der Woche, nach Einbruch der Dunkelheit, die Projektion in den Galeriefenstern anschauen.

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erstellt am 08.1.2020
aktualisiert am 09.1.2020

Das Spirituelle Haus Tambaran der Volksgruppe Abelam in Maprik

Ausstellung in Frankfurt

Zu Gast in Papua-Neuguinea

Ein fotografisches Tagebuch

Bis 17. Januar 2020

Galerie Schamretta
Kantstraße 16, 60316 Frankfurt am Main