Alexander Brill, Jahrgang 1944, hat ein sehr persönliches Buch geschrieben. Er offenbart seine seelischen Qualen auf der Suche nach einem Vater – als Kind, als Schauspieler, als Mann – und lässt den Leser an einer Odyssee durch sein Leben teilhaben. Walter H. Krämer hat „Vaterseelenallein“ gelesen.

Buchbesprechung

Leben, Liebe und Theater

Hier war ein erfahrener Theatermann am Werk. Es ist kein Roman, keine lineare Erzählung geworden. In seinem szenischen Memoire „Vaterseelenallein“ spürt Alexander Brill Stationen seines Lebens nach. In kurzen Film- oder Theatersequenzen beschäftige er sich, so Brill, mit Menschen, Ereignissen und Linien, die prägend für ihn und seinen Lebensweg gewesen seien: „Am 30.4.1945, dem Tag der Kapitulation von München zerfetzte die letzte Granate, die in die Stadt einschlug, meinen Vater, ihren Mann. Noch am 6. Mai 1945 hatte sie in ihr Tagebuch geschrieben: Was muss ich dankbar sein. Millionen Frauen haben ihre Männer verloren und mein Alexis lebt noch, er hat diesen schrecklichen Krieg überlebt. Ich danke Gott. Die Mutter dankte Gott und wusste nicht, dass ihr Alexis schon seit vier Tagen unter der Erde lag. Am 12. Mai traf der Todesbote auf dem Land ein.“

Hier weitet sich der Blick auf Gesellschaft und deren Effekte auf das Private. Auch die Auswirkungen der 68er-Studentenunruhen, das gesellschaftliche Aufbegehren der Söhne (und Töchter) gegen ihre Väter beschreibt der Autor: „Mit anderen Demonstranten besetzte ich die Münchener Kammerspiele. Das war, wie wenn man mit Fremden ins Haus der Eltern einbricht und sagt, macht’s euch gemütlich. Ich stürmte auf die Bühne vor den geschlossenen Vorhang. Im Parkett das entsetzte Publikum, im Rang über den Köpfen der zahlenden Bürger die roten Fahnen und Parolen. Ich stürmte auf die Bühne vor den geschlossenen Vorhang. Das Theater ist besetzt, schrie ich durch das Megaphon…“

Ausgangspunkt für „Vaterseelenallein“ waren Tagebuch und Traumtagebuchaufzeichnungen während einer Psychotherapie. Sie dienten Brill als Grundlage für das Ausarbeiten und Weiterschreiben. Diese Arbeit dauerte insgesamt zwanzig Monate und war für den Autor nach eigenen Angaben wie eine Befreiung. Er konnte all das, was ihm widerfahren war, noch einmal schreibend durcharbeiten – mit dem Ergebnis eines befriedeten Verhältnisses zu seinem jetzigen Leben. Zwei Entscheidungen beschreibt Brill als besonders wichtig für seine Entwicklung: zum einen um die Frau seines Lebens (Almut) oder besser – um seinen Lebensmenschen – gekämpft zu haben und die Gründung einer freien Theatergruppe, „theaterperipherie“.

In einem fiktiven Brief an Thomas Bernhard liest sich das Finden des Wortes Lebensmensch dann so: „In Ihrer Sprachgewalt versteckte sich ein Wort größter Zärtlichkeit, das man nur für den einen Menschen, den man liebt, verwenden kann: LEBENSMENSCH! (…) Dürfte ich es mir für eine Frau, an die sie natürlich nicht gedacht haben, als Sie es in die Welt setzten, auf die es aber zutrifft, wie auf kaum eine andere, bei Ihnen ausleihen? Würden Sie es mir vielleicht sogar schenken, damit ich es dieser Frau, auf die es zutrifft, wie auf kaum eine andere, schenken kann? Sollten Sie mir diesen Wunsch verweigern, erlaube ich mir die Freiheit, es Ihnen einfach zu stehlen, denn ich weiß, dass auch Sie, trotz ihrer Sprachgewalt, das eine oder andere Wort dem einen oder anderen gestohlen haben.“

Der von 1985 bis 1990 amtierende Intendant des Schauspiel Frankfurt bereitete Brill den Weg zu einer befriedigenden Arbeit am Theater: „Günther Rühle ließ mir jede Freiheit, die ich für das Projekt Schülerclub benötigte. Für mich begann ja nicht nur ein neuer, sondern ein unbekannter künstlerischer Abschnitt. (…) Ich wurde zum Pionier dieses Formats, brauchte aber lange, bis ich ein schlüssiges Konzept für die Theaterarbeit mit jugendlichen Laien entwickelt hatte. Mit der Null Produktion „Dra-Dra – Die große Drachentöterschau in acht Akten mit Musik“ von Wolf Biermann startete ich.“

Alexander Brill leitete von 1984 bis 2009 den Schülerclub des Frankfurter Schauspiels. Mit der Produktion „Ehrensache“, einem Stück von Lutz Hübner, verließ er das Stadttheater und gründete „theaterperipherie“, dessen langjähriger Leiter und Regisseur er war. Hier arbeitete er wesentlich mit Jugendlichen mit Migrationsgeschichte. Einmal mehr leistete Brill auch hier Pionierarbeit, lange bevor dies ein Thema im öffentlichen Diskurs war. Beim Lesen der einzelnen Szenen wird deutlich und spürbar, welche Aspekte seiner Biografie die künstlerische Arbeit mit den Jugendlichen geprägt haben: „Mit 'Ehrensache' hatte sich für mich der Kreis zu „Schlangenhaut“ auf vielfältige Weise geschlossen. Wieder tauchte ich in eine mir zwar nicht unbekannte, aber nicht vertraute Welt ein. Wieder begegnete ich jungen Menschen mit zerfaserten Biografien, die im Clinch mit ihren Rollen und Identitäten lagen. Wieder war es schwer, sie für die Arbeit zu gewinnen. Und wieder machten sie, sobald sie sich entschieden hatten, den Theatertext mit Hingabe zu ihrer Sache.“

Brills Buch – eine Liebes- und Theatergeschichte – ist packend geschrieben mit interessanten Einblicken in das Theaterleben ganz allgemein und seinen unterschiedlichen Stationen: Schauspielschule in München, Schauspielerleben in vielen Städten und Stadttheatern, Bekanntschaft mit Autoren – insbesondere die langjährige Freundschaft mit dem Dichter Tankred Dorst und dessen Lebensgefährtin Ursula Ehler – und seiner Arbeit als Regisseur sowohl am Stadttheater als auch am Ende in der sogenannten freien Szene. Der Autor breitet hier einen reichen Erfahrungsschatz aus.

Das Buch ist auch die Geschichte eines Theatermenschen, der ohne väterlichen Beistand aufwuchs und auf der Suche nach einem Vater durch viele Höllen gehen musste. Letztlich fand Alexander Brill mit professioneller Hilfe zu seiner Stärke und Entschiedenheit: „Die zerstörerische Liebe zwischen der Mutter und mir war die Erbschaft deines Todes. Aber du hast mir eine weitere Mitgift in mein Gepäck gelegt, das war der immer wiederkehrende Wunsch, Sohn eines Vaters zu sein, der mich anerkennt, weil ich da bin, einfach so. Sohn sein, ohne sich die Liebe erkämpfen zu müssen. Es hätte ja nicht einmal Liebe sein müssen, Anerkennung hätte schon gereicht. Ich habe mich auf der Suche nach Vätern zu oft verirrt …“

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erstellt am 08.1.2020
aktualisiert am 13.1.2020

Alexander Brill
Vaterseelenallein
Ein szenisches Memoire
Paperback, 264 Seiten
ISBN-13: 9783750453753
Books on Demand, Norderstedt 2019

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Alexander Brill: Vaterseelenallein

21. Januar 2020, 20 Uhr
Schauspiel Frankfurt

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