Christoph Vitali ist tot. Er starb am 18. Dezember 2019 in seiner Heimatstadt Zürich. Ohne ihn, den großen Ermöglicher am TAT, den ersten Schirn-Direktor, wäre Frankfurts Kulturleben nicht das, was es heute ist. Eduard Erne erinnert an den Ausstellungsmacher und Kulturmanager.

Zum Tod von Christoph Vitali

Der verrückte Pragmatiker

Es gibt ein halbstündiges Interview, das Christoph Vitali 1994 dem Schweizer Fernsehen gab und das so typisch ist für den damaligen Leiter der Frankfurter Kulturgesellschaft, der gerade noch mit einem Bein in Frankfurt war und dem TAT, der Schirn und dem Mousonturm vorstand. Mit dem anderen Bein war er bereits in München, um die Leitung des „Hauses der Kunst“ zu übernehmen. Dieses Interview ist mehr als ein kulturpolitisches Dokument, es ist der Albtraum eines jeden Fernsehredakteurs.

Denn Vitali schaut fast immer nach unten, nicht in die Kamera, kaum zum Moderator, wählt bedächtig jedes Wort. Da spricht kein großmäuliger Kulturzampano, von denen es viel zu viele in der Branche gibt. Nein, da spricht ein pragmatischer Schweizer über sich und über seine eindrucksvolle Karriere – in bescheidenen Worten. Nur ab und zu blitzt sie auf – diese Leidenschaft für Kunst, für das Theater, für das Ermöglichen von Kultur.

Das war sein Ziel. Als Leiter des Kulturreferats der Stadt Zürich, als Verwaltungsdirektor der Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main, als Leiter des TAT, als Gründungsdirektor der Kunsthalle Schirn, dann als Leiter des Münchener „Hauses der Kunst“ und als Direktor der Fondation Beyeler in Riehen/Basel und wahrscheinlich noch mehr.

Imposante Stationen einer Karriere. Und gleichzeitig sehe ich ihn, wie er in der Schirn sonntags an der Kasse stehend Kataloge verkauft, wie er den Schauspielern der Theatertruppe um Elke Lang seine Wohnung überlässt und auf dem Sofa seines Verwaltungsdirektors übernachtet, wie er dem Regisseur Michael Haneke in einer stundenlangen Telefonsitzung eine Dramatisierung von Choderlos de Laclos` Briefroman „Liaisons dangereuses“  übersetzt. Vitali – der verrückte Pragmatiker. Seine engsten Mitarbeiter könnten viele solcher Anekdoten erzählen.

Doch das sind keine sentimentalen Erinnerungen. Sie schildern den Kern der bescheidenen Leidenschaft, die ihn auszeichnete: Er wolle möglich machen, ermöglichen. Im Interview mit dem Schweizer Fernsehen sagt er einfach: „Es ist die Lust, Sachen zu realisieren.“

Sachen klingt untertrieben. Denn in Frankfurt realisierte er ein wegweisendes Organisationsmodell – die Kulturgesellschaft. Sie war der Zusammenschluss von vier wichtigen Kulturinstitutionen der Stadt: Theater am Turm (TAT), Schirn, Mousonturm und Off-TAT als organisatorische Einheit. Wenig Verwaltung, aber viel Kunst. Machbar nur mit einem engagierten Team, das er gewähren ließ – Tom Stromberg, Ulrike Schiedermair, Hellmut Seemann, Dieter Buroch.

Die Schirn machte er zu einem Ort der Kunst – mit großen Ausstellungen, die großes Publikum anzogen. Kandinsky, Chagall, die russische Avantgarde. Am TAT war es schwieriger; das Theater war krisengebeutelt, hatte kein Gesicht. Vitali und Tom Stromberg änderten das radikal. Sie nahmen einen Satz aus Tschechows „Die Möwe“ wörtlich: „Wir brauchen neue Formen. Und wenn es sie nicht gibt, dann brauchen wir besser gar nichts.“

Mit Stadttheater-Produktionsformen hatte das TAT fortan nichts mehr zu tun. Es inszenierten Elke Lang, Jan Fabre, Michael Simon, Heiner Goebbels, Jan Lauwers, die Needcompany, Reza Abdoh, Ulrich Waller, die Wooster-Group, die Gießener Bande um Oliver Hardt, Stefan Pucher und René Pollesch. Und das Bockenheimer Depot, damals eine staubige Bruchbude, öffnete Christoph Vitali für große Gastspiele von Peter Brook oder ‎Patrice Chéreau.

Nicht alle mochten, was Vitali tat. Diverse linke und grüne Kulturcliquen der Stadt sahen sich und ihre Produktionen bedroht, Feuilleton-Nörgler wie Peter Iden wollten ihre eigenen kulturpolitischen Süppchen kochen und konnten dennoch nicht verhindern, dass das TAT bis weit in die 1990er Jahre den Theaterbegriff erweiterte, Grenzen überschritt, sich an neuen Formen ausprobierte.

Dass Vitali Innovationen fördern wollte, hatte er schon in Zürich bewiesen. Im Interview mit dem Schweizer Fernsehen erzählt er verschmitzt, wie er den rebellischen Peter Stein in den 1970er Jahren nach Zürich zurückholte, nachdem er mit seinen Schauspielern 1969 aus dem Schauspielhaus Zürich vertrieben worden war. Vitali organisierte einfach im grauen Stadtteil Oerlikon Gastspiele für Peter Stein und seine Berliner Schaubühne und zeigte all die Erfolgsproduktionen von „Peer Gynt“ bis „Wie es Euch gefällt“. Das Gegenprogramm zum konservativen Zürcher Theater.

So war er. Ein Schweizer Weltbürger. Verschmitzt und zugleich pragmatisch bürstete er Dinge gern gegen den Strich, und das mit unerhörtem persönlichem Einsatz.

„Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?“ fragt ihn der Moderator im Interview für das Schweizer Fernsehen.
Manch einer in der Kulturbranche würde auf so eine Frage eitel zu schwadronieren beginnen. Nicht so Christoph Vitali.

Er sagt: „Das ist schwierig zu beantworten, ohne unbescheiden zu wirken. Wenn ich eine Qualität habe, dann ist es meine Überzeugungskraft, gegenüber den Mitarbeitern, gegenüber dem Publikum, um gewisse Energien zu bündeln. Man kann nicht alles selbst machen, aber man kann Menschen zu einem gemeinsamen Ziel lenken. Das ist nicht meine Leistung, eher meine Fähigkeit.“

Vielen Dank dafür, Christoph Vitali, im Namen vieler.

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erstellt am 31.12.2019

Christoph Vitali (1940-2019)

Christoph Vitali (1940-2019)
Foto: Artmax [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)]