Der Zeitgeist weht, wo er will, offenbart aber zuweilen geheime Ordnungen. Auf den Schreibtisch von Harry Oberländer fielen drei Blätter, nämlich deutschsprachige Kulturzeitschriften, deren Titel alle mit M beginnen: Matrix, Merkur und Mosaik. Und er beginnt mit einem Maikäfer! Was sonst darin verhandelt wird, verrät er hier.

ZEIT:GEIST – Zeitschriftenschau

Matrix, Merkur, Mosaik

es war ein maikäfer

ich wollte das gedicht beenden. mit der hand eines pianisten
aber im Athenäum im gedränge. ich hab ihn zerquetscht. es war
ein maikäfer. aus guter familie .
er starb diskret. wie jedes zündholz
wenn der wind weht. Der mond erbleicht
im morgengrauen. ich vergesse immer ob
ich einschlafe oder sterbe.

Dieses Gedicht der großen rumänischen Lyrikerin Nora Iuga (aus dem Rumänischen übersetzt von Horst Samson) habe ich in Matrix 4/2019 gefunden, einer Zeitschrift, die alle drei Monate im POP-Verlag des Verlegers Traian Pop erscheint.

Nora Iuga, geboren 1931 in Bukarest, ist die Grande Dame der rumänischen Literatur und stellt mit den 10 Gedichten in Matrix einmal mehr unter Beweis, dass sie auch mit beinahe 90 Jahren noch Texte voller Witz und – vielleicht etwas frivol, das zu schreiben – jugendlicher Frische verfassen kann. Ist sie vielleicht die nimmermüde Mutter Courage? Nein, teilt sie uns mit, ich bin der schuh/ gerade erst bin ich unter dem bett hervorgekrochen. Nora Iuga, die für ihre Übersetzungen aus dem Deutschen ins Rumänische (unter anderen übersetzte sie Günter Grass und Herta Müller) 2007 mit dem Friedrich Gundolf Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnet wurde, sagte bei dieser Gelegenheit: „Alles, was ich sage, klingt übertrieben und maliziös, aber mein Leben hat sich stets in der konfusen und schwerlich bloß ernst zu nehmenden Zone der Paradoxe abgespielt – und was sind letztlich die Paradoxe anderes denn eine Art Wunder? Ja, ich gehöre zu der kleinen Gruppe von Erdbewohnern, die daran festhalten, an Wunder zu glauben, und in meinem Fall haben die Wunder auch nicht lange auf sich warten lassen: Auf geradezu bizarre Weise stimmten alle unvorhersehbaren Wendungen meines Lebens mit den aufeinanderfolgenden Phasen überein, in denen ich stets meinen Kontrakt mit der deutschen Sprache erneuern musste.“

Außer den sehr lesenswerten Gedichten von Nora Iuga, die ich einmal auf einer Fahrt von Frankfurt am Main nach Lich, ins hessische Landesinnere, begleiten durfte, woran ich gerne zurückdenke, finden wir in der Matrix 4/2019 Gedichte von Klaus Marten, Anton Sterbling, Horst Samson, Traian Pop und Bendikt Dyrlich. Dazu Kurzrezensionen und Berichte aus der Kulturszene, sowie eine lange Abhandlung des Matrix-Redakteurs Theo Breuer, der sich sagte: „Man muß das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen“ und so in 20 Tagen die 20 Romane der Longlist zum Deutschen Buchpreis las. Er begann damit am 1.September und war am 11. September beim späteren Gewinner Saša Stanišić und Herkunft angekommen. Koeppen liest dort etwas von der Tour de France und denkt an die Berg- und Flachetappen seines Lektüremarathons. „In Herkunft lese ich Ohne Abschweifung wären meine Geschichten überhaupt nicht meine. Die Abschweifung ist modus meines Schreibens. My own adventure) und somit unnötige Kraftverschwendung – da fällt mir ein, wie die Großmutter in Herkunft trinke ich viel zu wenig , und ich versuchte aus Leibeskräften, mich kurzzufassen, aber es gelang mir nicht, heißt es in Das flüssige Land (Anmerkung H.O: von Raphaela Edelbauer), wo also ist mein Udo Bölts, Jan Ulrichs Schattenmann, der dem schwächelnden Mann im gelben Trikot auf der 18. Etappe – es war1997, es war in den Vogesen – zuraunte. „Quäl dich, du Sau!“

Eric Vuillard im Merkur

Von Eric Vuillard, dem Prix Goncourt-Preisträger, der 1968, zur Zeit der Mairevolte, in Lyon zur Welt kam und der seit 1999 eine Reihe von Erzählungen veröffentlicht hat, ist im Merkur 845 (Oktober 2019) unter dem Titel „Der Krieg der Armen“ der Auszug aus einem Text über Thomas Müntzer veröffentlicht worden. Vuillard ist inzwischen auch in Deutschland bekannt, wo die historischen Erzählungen Ballade vom Abendland, Im Kongo, Die Tagesordnung und 14. Juli in der Übersetzung von Nicola Denis bei Matthes & Seitz erschienen sind. Vuillards erzählerisches Genie liegt in der Verknappung und Verdichtung historischer Ereignisse. Er polemisiert und spitzt Ereignisse zu. Nach dem Ersten Weltkrieg und der Kolonialisierung des Kongo behandelte Vuillard den Einmarsch von Hitlers Wehrmacht und den „Anschluss“ Österreichs. Zuletzt erzählte er in 14. Juli von der Französischen Revolution, vom Sturm auf die Bastille.

Der Vorabdruck aus „Der Krieg der Armen“ wird im Merkur 845 begleitet von einem Essay seiner Übersetzerin. Nicola Denis hält fest, dass für Vuillard der historische Stoff keine Erklärungen für die Gegenwart liefern soll. „Nicht die Geschichte erklärt die Gegenwart, sondern die Gegenwart die Geschichte.“ Nur so gesehen sind es die Gelbwesten in Frankreich, die den aufständischen Bauern im Deutschland des 16. Jahrhunderts die Farbe geben, wie Vuillard im Januar 2019 gegenüber Radio France Culture erklärte.

Nicola Denis‘ Essay ist eine gute Einführung in das großartige Werk Vuillards und gibt zugleich einen kleinen Einblick in die Anforderungen und Probleme, „die sprachlichen Kunstwerke, die seine Romane sind“, ins Deutsche zu übertragen. „Sehen sie selbst!“

Im Merkur 846 (November 2019) finden wir einen inzwischen vielbeachteten Beitrag von Gerhard Henschel über „Das Judenbild der Brüder Grimm“. Der ehemalige Titanic-Redakteur und Verfasser zahlreicher satirischer Romane stellt fest: „In der umfangreichen Forschungsliteratur über das Leben und die Werke der Brüder Grimm sucht man … vergeblich nach einer Studie über ihr Judenbild. Möchte man sich darüber Aufschluss verschaffen, ist man hauptsächlich auf die Lektüre der edierten Briefe und anderer Selbstzeugnisse angewiesen. Ende 1809 schrieb Wilhelm Grimm an die Sopranistin Louise Reichardt über die Juden: ‚Diesem fatalen Volk kann man gar nicht ausweichen, und es will ordentlich für gleich geachtet sein, sie würden sich längst alle in Berlin haben taufen lassen, wenn sie nicht hofften, es solle in Zukunft wohlfeiler geschehn; wer dann ein braver Christ ist, muß ein Jude werden, um nicht unter sie zu gerathen.‘ In einer Fußnote seiner Brüder-Grimm-Biografie hat Steffen Martus 2009 festgestellt: ‚Bemerkungen wie diese fallen selten, aber über die Jahre hinweg doch immer wieder.‘ Näher ist er auf dieses Thema nicht eingegangen, obwohl es einer genauen Betrachtung wert gewesen wäre.“

Daniela Seel im Mosaik

Eine Zeitschrift für junge Literatur unter dem Titel Mosaik erscheint seit 2012 in Salzburg. Sie ist inhaltlich und gestalterisch weit interessanter als der etwas betuliche Name befürchten lässt. Die Zeitschrift sieht sich als Plattform für aktuell literarische Stimmen, will neue Zugänge zum Literatur- und Kunstdiskurs schaffen und fordert zu Einsendungen auf. In der Ausgabe 29 (Sommer 2019) findet man viel Kurzprosa und Lyrik, nicht nur von jungen deutschsprachigen Autorinnen und Autoren, sondern in der Rubrik „Babel“ auch Übersetzungen aus dem Polnischen, Rumänischen, Bosnischen und Englischen. Hinzu kommen Risografie Drucke von Vanessa Steiner, ein Beitrag über die Frühjahrsausgabe von Bella Triste und ein Interview mit kookbooks-Verlegerin Daniela Seel.

In ihrer Herbst/Winter-Ausgabe kommt die Zeitschrift in vier Teilen daher, zusammengehalten von einer schwarzen und silbernen Metallklammer. Teil 1 ein bunt illustriertes Heft mit Literatur, Teil 2 Babel, ein ebensolches Heft mit Übersetzungen, Teil 3 ein Poster, auf dem junge Passanten, sowie eine Reiterin samt Pferd einen Zebrastreifen in Kroatien, Salzburg, der Mongolei und Venedig begehen und bereiten: eine Gestaltung der Gruppe 19, die sich als zwischenmenschliche Vereinigung zur dynamischen Vernetzung von Talenten, Zukunftssorgen und künstlerischen Ausdrucksformen vorstellt. Teil 4 eine kleine Zeitung auf beinahe echtem Zeitungspapier, das föjeton sozusagen, mit Nachrichten aus der Kultur, dieser zum Beispiel:
„Wenn das Winterfest dieses Jahr wieder zeitgenössischen Zirkus nach Salzburg bringt, fehlt auch das mosaik nicht. Nach dem letztjährigen Erfolg gestalten wir auch heuer eine Literatur-Matinee: Am 28.12. lesen ab 11 Uhr Martin Peichl und Katharina Braschel. Letztere aus ihrem Debüt, das 2020 in der edition mosaik erscheinen wird.“

Auf nach Salzburg! Und seid schön brav, sonst holt Euch der Bernhard.

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erstellt am 27.12.2019
aktualisiert am 15.1.2020

Es gibt sie noch, die gedruckten Kulturzeitschriften. Doch muss man sie wegen ihrer relativ kleinen Auflagen zumeist im großen Angebot der gewerblichen Publikationen suchen. In loser Folge werden in Faust-Kultur solche Zeitschriften vorgestellt, um sie sichtbar zu machen.

Matrix – Zeitschrift für Literatur und Kunst
Merkur – Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken
mosaik – Zeitschrift für Literatur und Kultur