Das Frankfurter Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik möchte den Austausch zwischen Kunst und Wissenschaft fördern. Alexander Tillegreen hat dort drei Monate lang an einer experimentellen Klanginstallation gearbeitet. Eugen El stellt den dänischen Künstler vor.

Künstlerporträt

Von Neugier angetrieben

Man meint zuerst, ein Wort zu vernehmen. „Augen“ sagt eine Stimme im unaufhörlichen Stakkato. Der Eindruck verschwimmt jedoch, sobald man sich durch den Raum bewegt. Aus dem scheinbar verständlichen Wort wird eine immer abstraktere, repetitive Klanglandschaft, die an Technomusik denken lässt. Eine nicht minder unheimliche Stille kehrt ein, als Alexander Tillegreen den Ton abstellt. Der 1991 in Kopenhagen geborene Künstler sitzt in einem schallisolierten Tonaufnahmestudio im Frankfurter Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik. „Es fühlt sich fast an, als wäre man in einem Raumschiff“, scherzt Tillegreen. Das Studio ist als schwebender Raum in das Gebäude integriert, um dessen Schwingungen fernzuhalten. Schaumpaneele schlucken den dort erzeugten Schall. An minimalistische Skulpturen erinnernde Diffusoren helfen, den aus überdimensionalen Lautsprechern abgespielten Klang gleichmäßig im Raum zu verteilen.

Im Tonstudio und im nahegelegenen Konzertsaal des Institutsgebäudes im Westend tüftelt Tillegreen seit September an einer experimentellen Soundinstallation, die er „Before Character“ nennt. Inspiriert sei sie von „Phantomwörtern“, einem von der Psychologin Diana Deutsch entdeckten Phänomen. Es handele sich um eine Klangillusion, erläutert der freundlich und etwas zurückhaltend wirkende Däne. Er hat zweisilbige, zumeist deutsche und englische Wörter einsprechen lassen. Die aufgezeichneten Wörter spielt Tillegreen über mehrere Lautsprecher ab. Je nach Standort oder Gemütszustand des Hörers hinterlassen sie unterschiedliche Eindrücke. Einige Menschen hörten einfach nur Klänge, sagt Tillegreen. Andere dächten an Wörter und Begriffe, die mit ihrem eigenen Leben oder ihrer Muttersprache zu tun hätten. So habe er statt „Augen“ ein dänisches Wort gehört, berichtet der Künstler. Seine Arbeit zeige, wie unterschiedlich die Wahrnehmung der Welt sein könne, je nachdem, wer man sei.

„Before Character“, Rauminstallation in Roskilde, Dänemark (Video)

Den Fragen, die sich aus dem Projekt ergeben, geht Tillegreen gemeinsam mit Wissenschaftlern des Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik nach. Geistes- und Naturwissenschaftler erforschen dort, so die Selbstbeschreibung des 2015 eröffneten Instituts, „was wem warum und unter welchen Bedingungen ästhetisch gefällt“. Mit einem Psychologen versuche er herauszufinden, warum einige Menschen offenere und kreativere Zuhörer seien als andere, sagt Tillegreen. Ein Neurologe untersuche mit ihm, wie das Gehirn sinnhafte Wörter und Sätze von klanglichem Nonsens unterscheide. Über sein Vorhaben spreche er auch mit Musikwissenschaftern. „Es ist ein sehr guter Ort, um über Sound nachzudenken“, freut sich Tillegreen. Die Informationen und Forschungen der vergangenen Monate lieferten ihm Material für seine eigene künstlerische Arbeit. Klang stehe fast immer in deren Mittelpunkt, sagt Tillegreen.

Er ist der erste Gastkünstler am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik. Tillegreen forscht und experimentiert im Zuge des neuen Künstlerresidenzprogramms „Inhabit“. Es ermögliche Künstlern, drei Monate lang im engen Austausch mit den Wissenschaftlern des Instituts zusammenzuarbeiten oder gemeinsame Experimente und Projekte durchzuführen, sagt „Inhabit“-Kurator Eike Walkenhorst. Die Künstler bekämen den Raum und die Ressourcen, neue Werke im wissenschaftlichen Kontext zu entwickeln und anschließend in einer Ausstellung zu zeigen. Für 2020 kündigt Walkenhorst zwei weitere Gastkünstler an. Sie seien aus zahlreichen, zumeist internationalen Bewerbungen ausgewählt worden. Ihre Projekte sollen alle drei Gastkünstler im Herbst 2020 in einer Frankfurter Institution präsentieren.

Für den Auftakt des ambitionierten Dialogs zwischen Kunst und Wissenschaft erscheint Alexander Tillegreen wie prädestiniert. Letztes Jahr war er mit einer Soundperformance am Institut zu Gast. Damals habe er erste Kontakte zu den dort ansässigen Wissenschaftlern geknüpft, erinnert er sich. Tillegreen freut sich, wieder in Frankfurt zu sein, wenn auch nur für einige Monate. Im Frühjahr 2020 werde er eine Künstlerresidenz in China antreten. Frankfurt kennt Tillegreen aus seiner Studienzeit. Er bezeichnet die Stadt als sein „zweites Zuhause“. Von 2011 bis 2017 studierte er Freie Bildende Kunst an der Städelschule. Parallel belegte er Kunstgeschichte und Musikwissenschaft an der Universität Kopenhagen. Am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik habe er beide Hintergründe kombinieren können, sagt Tillegreen. Zwischen Künstlern und Wissenschaftlern sieht er eine wichtige Gemeinsamkeit: „Die Neugier treibt uns an.“

Der Artikel ist zuerst in der Frankfurter Neue Presse erschienen.

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erstellt am 27.12.2019
aktualisiert am 27.12.2019

Alexander Tillegreen, Foto: Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik

Alexander Tillegreen Foto: Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik