„Stimme und Atem. Out of Breath, Out of Mind“ heißt eine im Oktober 2019 erschienene Kurzgeschichtensammlung des New Yorker Autors Peter Wortsman. Bruno Laberthier traf den Schriftsteller, Publizisten und Übersetzer auf der Frankfurter Buchmesse, beide verabredeten sich zu einem E-Mail-Interview.

Gespräch mit Peter Wortsman

Beichtender Bücherwurm

Bruno Laberthier: Peter Wortsman, Sie waren gerade auf Lesereise in Deutschland und haben Ihre Kurzgeschichtensammlung Stimme und Atem. Out of Breath, Out of Mind präsentiert, die bei PalmArtPress erschienen ist. Darin finden sich Stories in englischer und deutscher Sprache. Was hat es auf sich mit diesem Sprachengemisch, diesem Wechsel von der einen in die andere Sprache und zurück?

Peter Wortsman: Jede Sprache ist an und für sich ein Weltall, in dem jedes Individuum nicht nur anders denkt, sondern vor allem auch in der Psyche und Biochemie des Ichs gegenüber den Übrigen anders gestaltet ist. Mein englisches Ich ist sittsam und manierlich, relativ schüchtern, überempfindlich, mein deutsches Ich dagegen ein unverschämtes Geschöpf, ein Mr. Hyde zu dem Englisch sprechenden Dr. Jekyll, der sich ständig an aller Art Unanständigkeiten ergötzt. Das hat in meinem Fall seinen geschichtlichen und auch seinen persönlichen Grund. Deutsch, die Sprache meiner Kindheit, das heißt, das Gewebe geheimer Laute, die ich mein Leben lang mit meiner Mutter sprach, und gleichzeitig auch paradoxerweise das schwarz gestiefelte Geschrei des Grauens, das meine Eltern aus ihrer Heimat vertrieb, ermöglichte es mir, mein unzensiertes Unbewusstes von der Zwangsjacke des ordentlichen und anständigen Gedankenganges zu lösen. Auf Deutsch ziehe ich mich nackt aus, reiße sogar die Haut von den Knochen. Der Klebstoff zwischen Wort und Ding löst sich auf. Urwüchsig klirrt die Kette meiner Wörter, die mich an eine andere Wirklichkeit fesselt. Meine Knochen klappern. Mein Blut singt. In der englischen Fassung, danach, wie in einem Familienfilm im schnellen Rücklauf, setzen sich die Scherben des Ichs wieder ordentlich zusammen.

Sie sprechen es mit dem ‚schwarz gestiefelten Geschrei des Grauens‘ an. Als Sohn jüdisch-österreichischer Emigranten, der 1952 in New York zur Welt gekommen ist, ist die Shoa‘ in einigen der Kurzgeschichten das große Thema und sind Konzentrationslager wie das fiktive „KZ Hoffnungslos“ die Schauplätze. Dass man über den Holocaust nicht eben einfach schreiben kann, erst recht aus deutscher Perspektive, ist klar. Wie geht der US-amerikanische Gegenwartsschriftsteller Peter Wortsman mit dieser Herausforderung um?

Der US-amerikanische Gegenwartsschriftsteller Peter Wortsman lebt teilweise, in seinen Albträumen, immer noch in einer düsteren Vergangenheit verankert. Ich beschäftigte mich lange, wie besessen, mit dem traurigen Thema, machte Interviews mit Überlebenden von den KZs, die heute in der „Peter Wortsman Collection of Oral History“ im U.S. Holocaust Memorial Museum, in Washington D.C., gesammelt sind. Produzierte eine Schallplatte „Songs from the Depths of Hell“ (Folkways, 1978) mit dem KZ-Überlebenden und Sänger Aleksander Kulisiewicz. Schrieb auch manches darüber, unter anderem ein paar Lieder und ein Theaterstück, „The Tattooed Man Tells All“. Zombies sind lahm und lächerlich im Vergleich. Im Lager gab es schon the Walking Dead, nur nannte man sie Muselmänner und erwartete, dass sie gefälligst umkippen. Welcher Horrorfilm könnte jemals gleichrangig zu den täglichen Grausamkeiten der KZs sein? Metaphorisch ist ein Zweig meiner Fantasie eine Sauna, durch die Zyklon-B wabert. Darf man überhaupt über solche Dinge scherzen, werden sich manche fragen. Ich finde, ja. Scherzen und Dichten sind irgendwie, irgendwo dasselbe. Ich bin diesbezüglich nicht mit Theodor Adorno einverstanden, der meinte, dass es barbarisch sei, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben. Nach Auschwitz nicht zu dichten ist, meiner Meinung nach, nicht nur feige, sondern vor allem eine Anerkennung der Niederlage der Menschheit. Je grausamer die Taten, desto frevelhafter die Parolen! Die Witze müssen weh tun!

Ihre Figur Dr. Lustig (aus einer anderen Kurzgeschichte in Stimme und Atem) ähnelt dem mal melancholischen, mal vom Pech verfolgten Schlemihl. New York City, wo die Story spielt, wird ein wenig zum galizischen Schtetl, durch das Lustig streift. Man hat das Gefühl, hier haben Isaak Bashevis Singer, Bernard Malamud oder der Professor Herzog aus Saul Bellows gleichnamigem Roman Pate gestanden?

Isaak Bashevis Singer, ein brillanter Witzbold, dem ich mal in seinem hohen Alter begegnete, kommt mir immer noch sehr bekannt vor. Seine Dibbuks und Dränge lauern um die Ecke. Malamud und Bellow dagegen sind mir ein bisschen zu selbstbewusst, zu materialistisch, zu sehr auf der Suche nach dem American Dream, es fehlt in ihren fiktiven Gestalten die unberechenbare Dimension des Traumes. Ich empfinde aber eher eine gewisse literarische Verwandtschaft mit Franz Kafka, den ich auch übersetzt habe: ein Dichter, völlig ins Traumreich vertieft.

Sie schreiben nicht nur Primärliteratur, sondern sind auch literaturwissenschaftlich, also sekundärliterarisch tätig. Und Sie sind Literaturübersetzer, haben unter anderem Musil, Kafka und E.T.A. Hoffmann ins amerikanische Englisch übersetzt. Wie steht der Schriftsteller zum Literaturwissenschaftler, und die zum Übersetzer in Ihnen? Befruchten sie sich gegenseitig, gibt es Konkurrenzen? Gibt es unter diesen Textarbeitern, die Sie sind, eine Lieblingsidentität?

Schriftsteller, Übersetzer und Literaturwissenschaftler, oder besser gesagt, beichtender Bücherwurm, sind drei wie Zehen nebeneinander wackelnde Gliedmaßen meiner mehrfach gespaltenen Persönlichkeit. Ich übersetze täglich mindestens eine Stunde lang als Zen Meditation, um meinen sonst ständig verwirrten Gedankengang zu verlangsamen und dabei zu bändigen, in Vorbereitung für das Schreiben. Es gibt keine bessere Übung für den Schreiber und keine bessere Art und Weise, die Arbeit eines anderen Schriftstellers zu studieren und zu verstehen. Danach macht man sich natürlich Gedanken über die Art und Weise wie, wozu und wofür man schreibt. Daraus entstehen literaturwissenschaftliche Überlegungen, die die konzeptuelle Verdauung fördern. Das gehört auch dazu.

Und es leitet über zur Frage nach dem, woran Sie gerade oder demnächst arbeiten. Gibt es Pläne, Projekte, neue Schreibvorhaben, die Sie verraten möchten?

Projekte und Pläne gibt es immer, allerhand sogar. Im Moment übersetze ich Erzählungen von E.T.A. Hoffmann für einen Sammelband. Die virtuelle Schublade in meinem Hard Drive ist auch voll mit vollendeten Manuskripten verschiedener Art, mit Romanen, Kinderbüchern mit Zeichnungen von meiner Tochter Aurélie Bernard Wortsman, Prosagedichten, Theaterstücken auf der Suche nach einer Bühne und Drehbüchern, die sich nach einem Filmregisseur sehnen. Ich arbeite auch gleichzeitig an mehreren Werken, unter anderem einer Sammlung von höchst eigenbrötlerischen Erlebnisaufsätzen, und noch einer zweiten Sammlung von literarischen Beobachtungen, die meistens als Nachwort zu Übersetzungen erdacht wurden, dazu einem Künstlerbuch in Zusammenarbeit mit meinem Bruder, dem bildenden Künstler Harold Wortsman, und natürlich auch an Erzählungen und Beobachtungen verschiedener Art und Länge.

Das klingt nach vollen Schubladen.

Die geleert und ans Licht der literarischen Öffentlichkeit gebracht sein wollen. Wenn sich unter den Faust-Kultur-Lesern und -Leuten neugierige Literaturfreunde befinden auf der Suche nach einem ideenreichen Schriftsteller, oder auch Literaturagent*innen, dann können sie sich gerne mit mir in Verbindung setzen.

Das Gespräch führte Bruno Laberthier als E-Mail-Interview

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erstellt am 19.12.2019
aktualisiert am 13.1.2020

Peter Wortsman, Foto: Ricky Owens
Peter Wortsman, Januar 2019, Foto: Ricky Owens

Peter Wortsman
Stimme und Atem. Out of Breath, Out of Mind
Kurzgeschichten, Deutsch / Englisch
Hardcover, 320 Seiten
ISBN: 978-3-96258-034-6
PalmArtPress, Berlin 2019

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