In „Das Licht, das erlosch“ rechnen Ivan Krastev und Stephen Holmes mit „dem“ Liberalismus, „dem“ Westen, „den“ Deutschen, „der arroganten Haltung“ und „der Angst vor dem Ende der Nation“ ab. Das Buch ist weder intellektuell herausfordernd noch fundiert, meint Jutta Roitsch.

Buchkritik

Unter dem fliegenden Pferd

An einem novembertrüben Samstag eröffnete der bulgarische Intellektuelle Ivan Krastev in Frankfurt die Römerberggespräche über „30 Jahre nach dem Mauerfall“. Er saß an diesem tristen Morgen unter dem riesigen Zirkus-Bild des Künstlers Marc Chagall. Hoch über seinem Kopf schwebte das geflügelte Pferd über der Manege. Mit großen Flügelschlägen flog Krastev, hochgelobter liberaler Weltenbürger mit regelmäßigen Kolumnen in der internationalen Ausgabe der New York Times, über die Welt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Einige der noch wenigen Zuhörerinnen kamen bei diesem Höhenflug in Englisch nicht mit: Ob man denn das alles, was er ausgebreitet habe, nachlesen könnte, fragte eine Dame. Gewiss, so Krastevs Antwort, in Kürze erscheine im Ullstein-Verlag auf Deutsch das Buch „Das Licht, das erlosch. Eine Abrechnung“. Seinen Co-Autor, den US-amerikanischen Rechtswissenschaftler Stephen Holmes, erwähnte er dabei nicht.

Nun also liegen die 300 Seiten vor. Abgerechnet wird meinungs- und bilderstark mit „dem“ Liberalismus, „dem“ Westen, „den“ Deutschen, „den westlichen Strippenziehern“, „der arroganten Haltung“, „der Angst vor dem Ende der Nation“. Durch die drei Kapitel trägt ein Gedanke, den die Autoren, belesen und literarisch gebildet, wie sie beide sind, immer wieder durchspielen: den Gedanken der Nachahmung. Er ist eigentlich sehr schlicht: Die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion (wieder) eigenständigen Nationalstaaten vom Baltikum bis Ungarn wollten „den“ Westen nachahmen und erlebten, vor allem aus Brüssel und der Europäischen Union, nur Demütigungen und Herablassung. Heute rächten sie sich mit demokratischer Illiberalität, übersteigertem Nationalismus und Populismus. Mit immer neuen Drehungen und Wendungen verfolgen die beiden Autoren diesen Geist der Nachahmung. Im Fall des Ungarn Viktor Orbán liest sich das so: „Orbán war nicht nur enttäuscht vom Liberalismus und dem mit ihm verbundenen Geist des Kompromisses, er wollte ihn vielmehr ein für alle Mal schlagen. Kompromisse und gutwillige Verhandlungen sollte es nicht geben. Der Sieg, nach dem er strebte, würde zudem nicht vorläufig, sondern endgültig sein. Das war seine nachahmende Antwort auf den angeblichen Sieg des Liberalismus im Jahr 1989. Und er würde sein jugendliches Debüt als Kämpfer gegen die sowjetische Hegemonie wieder aufleben lassen, indem er das liberal-demokratische Reich stürzte, das mit amerikanischer Rückendeckung von Brüssel aus verwaltet wurde.“ In diesem Stil gehen die Autoren die Populisten dieser Welt durch, fliegen auf Chagalls Pferd über Trumps Washington, Putins Moskau und Xi Jinpings Peking. Wer eine solche Weltenschau mag, die dem einzigen Gedanken der Nachahmung (im Falle Chinas der Nichtnachahmung) folgt, wird das Buch von Krastev und Holmes selbstbestätigend zur Kenntnis nehmen. Es reiht sich ein in die Abrechnungs-Literatur. Intellektuell herausfordernd oder gar wissenschaftlich fundiert ist es nicht. Die Ökonomie spielt keine Rolle, die Macht der weltweiten Konzerne auch nicht. Das ist für einen so gefeierten Intellektuellen wie Krastev zu wenig. Schade, denn seine im Chagall-Saal vorgetragene Kurzfassung machte neugierig auf das Buch.

Trotzalledem stößt er in einem Kapitel Nachdenkenswertes an, das es gründlich zu erforschen gilt. Die offenen Grenzen nach 1989 haben nicht nur zwei Millionen Männer und Frauen aus der ehemaligen DDR in den Westen ziehen lassen, auch aus den unabhängigen mittel-und osteuropäischen Staaten wanderten die meist jungen oder jüngeren, zudem gut ausgebildeten Menschen ab: Lettland verlor, darauf verweist Krastev, 27 Prozent seiner Bevölkerung, Litauen 22,5 Prozent, Bulgarien fast 21 Prozent. 3,4 Millionen Rumänen verließen ihr Land. Polen zog es vor allem nach England und Deutschland. Die „demographische Panik“, folgert Krastev, habe Ängste geschürt, die neue nationale Identität und den Staat wegen Entvölkerung wieder zu verlieren. Diese Abwanderung, die die beiden Autoren mit Wörtern wie „nationale Auslöschung“ und „kulturelle Ausradierung“ aufladen, betrifft in Europa auch die Staaten, die nach dem Zerfall Jugoslawiens entstanden sind. Aber auch „der Westen“ kennt die Abwanderung aus den Dörfern der Provinz in die Metropolen, die Entfernung der Kinder von den Eltern und Großeltern, die häufig genug zu einer Entfremdung wird. Der Lebensstil, die Rituale in den Familien, die Gebräuche und Dialekte gehen verloren. Wie aber sind die Beziehungen zwischen den Abgewanderten und den Dagebliebenen wirklich? Führen die Erfahrungen der Polen in London beispielsweise tatsächlich zur Angst vor Muslimen in Warschau, wie Krastev behauptet? Wo doch 0,1 Prozent der Bevölkerung in Polen Muslime sind, aber in London die Polen mit den dortigen Muslimen Haustür an Haustür lebten und um die Jobs konkurrierten. Stimmen alle diese Annahmen? Und damit die Schlussfolgerungen? Und die geschürten Ängste, dass an die Stelle der abgewanderten Frauen und Männer, der eigenen Kinder, Muslime aus Afrika oder Nahost rücken könnten? Mit all diesen Gedanken spielen die Autoren, ohne nach empirischen Belegen zu forschen. Aber für Untergangsbilder der liberalen Demokratie reichen sie.

Die Folgen der offenen Grenzen aus den statistischen Befunden und daraus abgeleiteten Vermutungen herauszufiltern, wäre eine Forschungsaufgabe von europäischem Format, schließlich sind alle Gesellschaften betroffen, diejenigen, die von den Abgewanderten heute profitieren, und diejenigen, die sie in ihren Ländern vermissen. Die Fragen und Antworten gehen alle an, die an einer freiheitlich-demokratischen Zukunft in Europa festhalten. Wie lautete doch das Motto unter dem fliegenden Pferd: „30 Jahre nach dem Mauerfall. Mehr Aufbruch wagen!“ Nur zu.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 18.12.2019

Ivan Krastev, Stephen Holmes
Das Licht, das erlosch
Eine Abrechnung
Aus dem Englischen von Karin Schuler
Hardcover mit Schutzumschlag, 368 Seiten
ISBN: 9783550050695
Ullstein Verlag, Berlin 2019

Buch bestellen