Das Wiener Theater Nestroyhof Hamakom dramatisiert in „Zu ebener Erde und im tiefen Keller“ das Thema Arbeit unter dem Aspekt der Faulheit. Elvira M. Gross hat die theatrale Gegenüberstellung der Texte von Adam Smith und Paul Lafargue gesehen.

Theater

Nur nicht faul zur Faulheit sein

Man feiert das zehnjährige Jubiläum des Hauses. Doch im Foyer steht bloß Frederic Lion, der Regisseur und Intendant. Bin ich etwa zu spät? Nein, Sam’s Bar hat wieder Saison, das Publikum lässt es sich bereits bei einem Glas gesponserten Kattus-Sekt (für jeden Tisch eine ganze Flasche!) wohlergehen und harret plaudernd der Dinge, die da noch kommen mögen. („Ah, auch Altbundeskanzler Franz Vranitzky weilt unter uns!“) Florian Haslinger erklärt neben der Geschichte des Hauses auch seine Rolle, er sei eben hier nicht nur der Barkeeper, sondern werde den Abend fürderhin bestreiten, auch im richtigen Leben sei er in dieser Doppelrolle, arbeite als Kellner neben der Schauspielerei. Was der Unterschied sei zwischen einem Schauspieler und einer Pizza ist jedenfalls leichter erklärt als das Thema des Abends, bringt es brachial auf den Punkt: Eine Pizza kann eine ganze Familie ernähren. Erste Lacher. Für den Arbeiter/die Arbeiterin vergangener Jahrhunderte ist die Situation weniger komisch. Zwei Denker der Sozialökonomie, Adam Smith und Paul Lafargue, führen es architektonisch – ebenerdig und im Keller – vor Augen und stellen neben ihrem visionären Programm „zwei fantastische, verstaubte Sackgassen“ dar – wie es Frederic Lion ausdrückt.

Eine reizvolle, wenn auch abstrakte theatrale Gegenüberstellung: Adam Smith also versus Paul Lafargue, ein Spiel auf zwei Ebenen. Das Stück versteht sich laut Programm als „theatrale Bildbeschreibung unter Einbezug des Publikums“. Wobei sich die Rolle des Publikums mehr oder weniger auf die Rolle des Publikums beschränkt, nämlich zuzuhören, zuzusehen, allerdings lustvoll (trinkend, sogar Suppe löffelnd), und im Anschluss zu klatschen. Darüber hinaus darf man – zur Lafargue-Performance – auch einmal die Stiegen hinunter, dann zur Schlussszene – für das während des Untergangs der Titanic angeblich gespielte Lied „Nearer, my God, to thee“ – wieder hinauf in die Bar.

Worum aber geht es inhaltlich?

Die Faulheit, das Recht darauf, ernst nehmen, ist Paul Lafargues Anliegen, als er, französischer Sozialist, Arzt und Schwiegersohn von Karl Marx, 1880 die Streitschrift – den Essay – „Das Recht auf Faulheit“ verfasste. Dieser Essay bildet die eine Grundlage des Stücks, und zwar als Antwort auf die angeblichen Verheißungen des Kapitalismus, wie sie das etwa 900 Seiten umfassende Werk Der Wohlstand der Nationen (1776) des schottischen Ökonomen und „Erfinders des Kapitalismus“ Adam Smith vorstellt. Die Eckpunkte seiner Theorie werden von Florian Haslinger in einem knappen Diavortrag abgehandelt.

Kaum etwas in der Ökonomie ist bekanntlich so berühmt, gleichzeitig berüchtigt, wie Adam Smiths Bild der „unsichtbaren Hand“, die auf naturgegebene Art und Weise die Vielzahl von Eigeninteressen so zusammenfügen soll, dass sie letztlich dem Gemeinnutzen dient und die Produktion ins schier Unendliche ankurbelt. Denn, wie es im zweiten Kapitel des Wealth of Nations in Bezug auf die Arbeitsteilung heißt: „Wir erwarten unser Essen nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers oder Bäckers, sondern von deren Bestehen auf ihrem eigenen Interesse. Wir wenden uns nicht an ihre Humanität, sondern an ihre Eigenliebe, und wir sprechen zu ihnen nicht von unseren eigenen Erfordernissen, sondern von ihren Vorteilen. Nur der Bettler will allein vom Wohlwollen seiner Mitbürger leben …“ Arbeitsteilung heißt das Zauberwort, exemplifiziert wird sie anhand der Herstellung einer einfachen Nadel. Während ein einziger Arbeiter kaum mehr als ein bis zwei Nadeln pro Tag anfertigen könne, lasse sich die Produktion bei entsprechender Arbeitsteilung und technischer Aufrüstung auf etwa 48.000 Stück steigern. Und plötzlich bekommt – in Sam’s Bar – die bis dahin „unsichtbare Hand der Technik“ eine tragende Rolle, da Mikrophon und Laptop ihre Dienste „verweigern“. Weiter geht es in den Keller zur Inszenierung von Lafargues Kapitalismuskritik.

Lafargues Text ist gleichzeitig eine Kritik an der Arbeiterbewegung, die sich im Kontext kapitalistischer Vergesellschaftung zum Instrument einer bourgeoisen Arbeitsethik machen lässt, wohingegen die Faulheit der christlich-göttlichen Moral vielmehr entspräche, nämlich wie Jehova nach sechstätiger Arbeit zu ruhen – bis in alle Ewigkeit. (Heute, fast anderthalb Jahrhunderte nach Erscheinen dieses Buches, werden freilich nach wie vor alle möglichen Anstrengungen unternommen, Produktivität und Wirtschaftsleistung zu steigern – nur idealerweise ohne umweltbelastende Emissionen.) So provokativ und polemisch der Duktus des sehr lesenswerten Manifests, so reformistisch und ja zeitlos ist sein Credo: eine Arbeitszeitverkürzung, um Arbeitssucht und Produktivitätszwang zu durchbrechen, und zwar von seinerzeit zwölf Stunden bei anderthalb Stunden Essenspause auf sage und schreibe drei Stunden. Ein „ehernes Recht auf Faulheit“ will Lafargue durchsetzen. Eine Art Glückszwang? Lafargue glaubte noch an den Fortschritt durch die Maschine, die Freiheit, eine Entlastung der Arbeiter und Autonomie bringen soll – glaubte an eine Revolution durch Technik, die eben nicht wie einst die Französische rein der bürgerlichen Klasse vorbehalten bleibt.

Jaschka Lämmert als Laura: „Zu ebener Erde und im tiefen Keller“ Foto: Marcel Koehler

„Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen“, lautet ein geflügeltes Wort im zweiten Thessalonikerbrief. „Chi non lavora non fa l’amore“, sang selbst Adriano Celentano 1970, mitten im Heißen Herbst der Fabrikarbeiterstreiks für bessere Arbeitsbedingungen. Lafargue entlarvt die Parole des Proletariats gegen die bürgerliches Kapitalisten, „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ als doppelt einfältig, nämlich nicht nur „sich durch Überarbeit umzubringen und in Entbehrungen dahinzuvegetieren“, sondern dieses „Recht auf Arbeit“ auch noch einzufordern.

Serviert wird diese nicht wenig komplexe Materie aufgeteilt auf zwei Darsteller, nämlich das Ehepaar Jenny Laura Marx (Jaschka Lämmert) und Paul Lafargue (Hubsi Kramar) im tiefen (Backstein-)Keller, dazu wird dem Publikum Borschtsch gereicht, man sitzt an einer langen Tafel, die dem Liebespaar gleichzeitig als Laufsteg dienen wird. Hier tanzen die beiden noch einen letzten Tango (am Akkordeon begleitet von Lukas Goldschmidt), bevor sie gemeinsam den Freitod wählen, um dem trostlosen Alter vorzugreifen.

So endet Lafargue, der seinen Text mit einem Zitat von Lessing begonnen hat („Laß uns faul in allen Sachen / Nur nicht faul zu Lieb und Wein, / Nur nicht faul zur Faulheit sein“), mit den Worten: „O Faulheit, erbarme Du Dich des unendlichen Elends! O Faulheit, Mutter der Kunst und der edlen Tugenden, sei Du der Balsam für die Schmerzen der Menschheit!“

Und nun hat man sich, faul oder nicht, wieder ebenerdig einzufinden in Sam’s Bar, um ein Bild der untergehenden Titanic zu betrachten und sich, gesanglich untermalt (Nataša Mirković singt „Nearer, my God, to thee“), endlich Gott nahe zu fühlen. Schaffenspause. Der siebente Tag. Die Vorstellung ist zu Ende. Das Boot, in dem wir alle sitzen, geht unter, die Utopie, der wir alle aufsitzen, ebenfalls. Das Stück lässt vieles offen, einen teilweise ratlos zurück. Und dennoch – oder gerade deshalb bleibt es anregend.

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erstellt am 17.12.2019
aktualisiert am 20.12.2019

Jaschka Lämmert und Hubsi Kramar
Foto: Marcel Koehler

Theater in Wien

Zu ebener Erde und im tiefen Keller

Idee und Regie: Frederic Lion
Bühne: Andreas Braito
Mit: Florian Haslinger, Jaschka Lämmert, Hubsi Kramar

Theater Nestroyhof Hamakom