Im Zuge der Ausstellung „The Art Happens Here: Net Art’s Archival Poetics“ der Organisation Rhizome im New Yorker New Museum erschien eine Netzkunst-Anthologie. Stefan Beck, selbst in den 1990ern einer der frühen Netart-Künstler, hat sich die gewichtige Publikation näher angeschaut.

»Net Art Anthology«

Netzkunst im Telefonbuchformat

Netzkunst, verstanden als die Auseinandersetzung mit den Bedingungen des Internets durch Mittel und Verfahren der Kunst, nimmt nach wie vor eine Nische im Kunstbetrieb ein. Vielleicht sogar die Nische einer Nische, wie unlängst eine Ausstellung in Berlin nahelegte, die im dritten Hinterhof einer Fabrik im Stadtteil Wedding stattfand.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Netzkunst findet in der Regel für alle frei zugänglich im Browser eines beliebigen Rechners statt, womit sie gängige Ausschließungsmechanismen des Betriebs unterläuft. Ihre Vermittlung fällt meistens mit ihrer Präsenz im Netz zusammen, so dass die übliche Arbeitsteilung von Produktion und Distribution, die auch in der Kunst erst einen Mehrwert garantiert, entfällt.

Netzkunst als eine Art von Dark Matter der Kunst zurück ins Bewusstsein der Betrachter zu rufen, unternimmt nun dankenswerterweise ein umfangreicher Sammelband des New Yorker Netzwerkes Rhizome selbst ein Netz/Kunstprojekt der ersten Stunde.

Die Publikation „NetArt Anthology“, von den Ausmaßen eines Telefonbuchs, um einen Vergleich zu bemühen, der ebenso entfernt erscheint, wie manche der darin vorgestellten Projekte, die noch Modems, Datenleitungen sowie universitären Rechenzentren der späten 1980er Jahre voraussetzten, versammelt 100 exemplarische Netzkunst-Projekte der letzten 30 Jahre, chronologisch angeordnet. Zudem haben die Herausgeber, dem Medium angemessen, allen Projekten eine Online-Präsenz gegeben und dabei die subtilsten konservatorische Rücksichten genommen. Da, wo Projekte auf veralteter Software beruhten, haben sie eine entsprechende Umgebung, eine Emulation, geschaffen, in der zum Beispiel der damals vorherrschende Browser Netscape 2.0 wieder zum Laufen kommt. Wenn gar keine Dateien vorhanden waren, haben sie versucht, wenigstens durch Screenshots eine Anmutung zu vermitteln. Das ist absolut vorbildlich zu nennen und wirft schon beinahe die Frage auf, wozu es noch eines gedruckten Buches bedurft hatte.

In dem etwa 450 Seiten starken Band sind natürlich alle Netzkunstwerke aufgelistet, auf jeweils vier Seiten, die immer, in extragroßer Schrift, eine kurze Einführung in die Natur des Werkes und dann Ausführungen der Künstler selbst, so vorhanden, Raum geben. Man könnte daher dieses Buch neben sich auf den Tisch legen und dabei im Browser die entsprechenden Kunstwerke aufrufen. Wenn man den entsprechenden Platz hat. Denn, wie gesagt, das Buch hat seine Ausmaße. (Es liegt ein wenig der Verdacht nahe, es wolle durch sein Volumen auch Eindruck machen; eine Absicht, die angesichts der geringen Resonanz seines Inhalts im Kunstbetrieb, eben Netzkunst, nicht ganz unverständlich erscheint.)

Fehlende Links

Leider enden hier die soweit positiven Merkmale der Anthologie, und es gebietet sich, von einigen Mängeln zu sprechen. Wollte man, wie schon angedeutet, vom Buch aus, sich die erwähnten Kunstwerke im Browser anschauen, liefe man sogleich in Schwierigkeiten, denn an keiner Stelle des Bandes sind die entsprechenden URLs aufgelistet. Das ist nicht nur unpraktisch, es unterläuft auch ein zentrales Moment der Netzkunst, nämlich den Umgang mit sprechenden URLs, sei es, dass sie schon den Namen zum Programm machen (wie z. B. die berühmte Etoy/Etoys-Kontroverse), sei es, dass sie aufzeigen, welchen seltsamen Benennungen die ersten Netzarbeiten unterworfen waren. Zu Beginn des Internets war der Zugang zu Domains so umständlich, dass viele Projekte irgendwo bei obskuren Anbietern unterschlüpfen mussten. Der bekannte „Hack“ der Documenta-X-Seite 1997 fand bei http://www.ljudmila.org/~vuk/dx statt. Diese Eigenheiten des Mediums gehören bis heute zur Netzkunst und sollten nicht verdeckt werden.

Einer Publikation dieses Umfangs stände ein Index (der Personen und Begriffe) sowie auch ein Glossar gut zu Gesicht. Einen wenigstens kurzen Überblick über die Geschichte der Netzkunst, die bei einigen schon in den 1960er Jahren mit dem Konzept des Hypertexts einsetzt, sucht man ebenfalls vergeblich. Die Herausgeber scheinen diese Kenntnisse bei ihren Lesern vorauszusetzen. Eine ans Ende gelegte Auflistung aller Konservierungsschritte bei den entsprechenden Webseiten, wirkt hingegen entbehrlich. Da hätte ein entsprechendes PDF auf dem Server durchaus gereicht.

Gänzlich ärgerlich ist dann die Anordnung aller Grafiken und Screenshots, von denen das Buch nicht gerade arm ist, quer zur Leserichtung, so dass man immer wieder den Band um 90 Grad drehen muss, will man etwa abgebildete Webseiten in ihrem Inhalt verstehen. Was die Grafiker dabei geritten haben mag, ist nicht ersichtlich. Der Verständlichkeit des nicht eben unterkomplexen Inhalts erweist diese Gestaltung jedenfalls keinen Dienst.

Konservatorische Versäumnisse

Zum Abschluss hin sollte natürlich die Frage behandelt werden, inwieweit die hier getroffene Auswahl an Kunstwerken ihrem Gegenstand auch angemessen ist. 100 Werke aus 30 Jahren sind nicht viel. Dennoch kann wahrscheinlich niemand mit Sicherheit sagen, ob hier Netzkunst repräsentativ abgebildet wurde oder nicht. Dazu bräuchte es Vergleiche, die entweder nicht vorhanden sind oder von anderen zeitlichen und räumlichen Blickwinkeln aus berichten. Auch hier zeigt sich das konservatorische Versäumnis der sammelnden Institutionen gegenüber dem Phänomen Netzkunst.

Fest steht allerdings, dass diese Anthologie die gesamte deutsche Netzkunst sowie die mit ihr zeitlich, räumlich und konzeptionell verknüpfte österreichische und holländische Netzszene, negiert. Selbst ein so bedeutender Aktivist wie der Holländer Geert Lovink, den man sicherlich auf eine Stufe mit Wolfgang Staehle stellen müsste, wird nur im Anhang beiläufig erwähnt. Diese Publikation betrachtet Netzkunst ganz selbstverständlich aus einer New Yorker Perspektive, zu der dann beinahe unvermeidlich auch größere Erwähnung einer „Black Netart“ und einer „Latino Netart“ gehört, Dutch- oder German-Netart aber allenfalls in ihrem Anteil an der New Yorker Einwohnerzahl behandelt werden.

Wolfgang Staehle und Cornelia Sollfrank sind die einzigen deutschen Künstler in der Sammlung. Ersterer lebt schon mindestens seit 1980 in New York und ist als Nestor der Netzkunst eigentlich unverzichtbar, wohingegen wir bei Cornelia Sollfrank lesen:

In 1996, Cornelia Sollfrank received a scholarship to spend a year in New York City studying net art. While there, she came into contact with the communities surrounding The Thing, […] Postmasters Gallery and Rhizome.

Der Autor dieser Zeilen hielt sich aus gleichen Gründen schon 1995 in New York auf. Nur, Rhizome gab es damals noch nicht. Wer später kommt, den belohnt das Leben. Manchmal.

Endlich ist eine globale Perspektive auf Netzkunst aus New Yorker Sicht sicherlich nachvollziehbar, verblüfft aber wiederum durch Abwesenheit der gesamten Westküste der USA, auf deren Boden nicht nur das Internet, sondern auch die sie begründende Computerkultur entstanden ist. Timothy Leary, Stewart Brand oder Howard Rheingold, um nur einige der einflussreichsten Köpfe der „Westcoast“ zu nennen, sind bei Rhizome nicht aufzufinden.

Kurzum, dieses Buch ist bei allen Verdiensten eine Angelegenheit für Spezialisten – solche, die aus kunsthistorischem oder kuratorischem Interesse vertieften Zugang zu Netzkunst suchen und dabei verschmerzen können, dass der deutschsprachige Raum wenig Aufmerksamkeit findet. Ihnen könnte sich ein durchaus unbekanntes und spannendes Kapitel der jüngeren Kunstgeschichte gewinnbringend eröffnen.

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erstellt am 13.12.2019

Michael Connor, Aria Dean u.a. (Hg.)
The Art Happens Here: Net Art Anthology
Softcover, 400 Seiten, in englischer Sprache
ISBN-13: 9780692173084
Brooklyn, 2019

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