Die Bekenntnisliteratur, mit der die Christenheit sich selbst, aber auch andere auf den rechten Glauben zu verpflichten trachtete, ist in die fromme Nische zurückgekehrt. Dennoch ist offenbar der Glaube an den Bekenntnischarakter jeglicher Schrift weiterhin wirksam. Am Beispiel der Kontroverse um die Nobelpreisverleihung an Peter Handke problematisiert der Philosoph Peter Trawny die moralische Verurteilung künstlerischer Autonomie.

Handke und der Nobelpreis

Kunst und Moral

Von Peter Trawny

Die Moralisierung und Politisierung der Kunst, Philosophie und Schriftstellerei hat spätestens seit Richard Wagner (dem „Antisemit“ und „Prä-Nazi“) seine eigenen Wirkungen entfaltet. Ob Dostojewski, Marx, Nietzsche oder Benn, Brecht, Nolde, Breker oder Richard Strauss, Pound, D'Annunzio oder Stefan George, Heidegger, Schmitt, Leo Strauss oder Ernst Jünger, Riefenstahl, Gründgens oder Furtwängler, Becher, Sartre, Botho Strauß oder jetzt Handke – auch all jene, die am Ende der Sechzigerjahre Maoisten, Leninisten oder Trotzkisten waren: Sie alle werden mit moralischen und politischen Vorurteilen und Urteilen konfrontiert.

Handke – auch ihn soll eine Art von Bann treffen. Er habe sich verrannt, weil er den Untergang Jugoslawiens bedauerte und „Gerechtigkeit für Serbien“ forderte. Dabei war mindestens den deutschen Medien schnell klar, dass eigentlich alles Übel beim Zusammenbruch des Vielvölkerstaats von den Serben ausging. Niemand erwog, ob die schnelle Anerkennung der Selbständigkeit von Slowenien und Kroatien politisch klug war, da sie doch militärische Fakten schuf, die zum Kriegsausbruch beitrugen. Als Handke sich anscheinend für Milosevic begeisterte und zu seinem Begräbnis erschien, um eine Grabrede zu halten, war das Fass eigentlich schon übergelaufen. Ja, man kann und muss sich fragen, warum sich dieser Mann so außerordentlich tief in diese Jugoslawien-Sache — darf man sagen: verbissen hat? Denn es war ihm doch hartnäckig ein Anliegen. Aber um dieses Anliegen, das sicherlich mit Handkes Biographie zusammenhängt, möchte ich mich hier nicht kümmern.

Vielmehr möchte ich zu erklären versuchen, dass und inwiefern eine moralische Rezeption von Kunstwerken ein Irrtum ist. Dem scheint zunächst zu widersprechen, dass eigentlich beinahe alle Kunstwerke immer auch einen moralischen Anspruch erheben. Wer würde Beethovens Neunte einen solchen bestreiten? Wer würde Wagners „Tristan“ nicht als ein Votum für erotische Liebe und erotischen Tod hören? Wer würde in Beuys’ „Sozialer Plastik“ keine politische Bedeutung vermuten? Und lag nicht in Handkes Forderung nach „Gerechtigkeit für Serbien“ ein moralisches Anliegen? Liegt nicht in Handkes durchgängiger Sprachkritik, d.h. in seinem Schreiben überhaupt, ein moralisches Moment?

Es gibt ein allzubekanntes Gedicht, das dieses Faktum der Verbindung von Kunst und Moral auf den Punkt bringt. Es handelt sich um das Gedicht „Archaïscher Torso Apollos“ von Rilke, das mit den berühmten Versen: „[…] denn da ist keine Stelle, / die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.“ schließt. Die Skulptur des Gedichts spricht im Imperativ, wobei die Berechtigung dazu in nichts anderem bestehen soll als im Kunstcharakter dieser Skulptur. Denn sie bricht aus all ihren „Rändern / aus wie ein Stern“, will sagen, sie überschreitet sich selbst zu einem Anderen, zu „Dir“, hin. Das aber ist es, was Dichtung und Kunst tun: Sich überschreiten auf ein Du hin.

Diese Erkenntnis lässt sich noch steigern: Die der Dichtung immanente Moral ist nämlich auch Hannah Arendt nicht verborgen geblieben. Inmitten ihres Höllen-Buches über die „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ findet sich die erstaunliche Bemerkung, „daß nur die Dichter, die unbeirrt von allen Theorien für die ‚Kinder der Welt‘ sprechen, dem wirklichen Lauf der Welt unfehlbar verhaftet“ seien. In der Tat: Dichtung ist atheoretisch, lässt sich nicht rationalisieren. Ihre Stimme ist radikal-individuell, sie ignoriert die Macht generalisierender Voraussetzungen. Das ließe sich auch von Handke behaupten – oder zumindest von seinem Anspruch.

Man muss also einräumen, dass es falsch ist, die Kunst in einem „Jenseits von Gut und Böse“ zu lokalisieren. Eher scheint es noch so zu sein, dass zumindest die Dichtung (man denke nur an Dichter wie Hölderlin und Celan) eine geradezu außerordentliche Moralität behaupten. Ja, die Sensibilität fürs Wort, die Handkes Werk bestätigt, scheint nicht anders als moralisch verstanden werden zu können. Denn schreibt sich nicht alle Gewalt, alle Herrschaft und alles Verbrechen in Sprache ein? Ist nicht Sprache der erste Indikator des Unrechts? Handke ist aktuell vielleicht der größte Repräsentant einer solchen Sensibilität. Sind dann nicht aber all die Angriffe auf Handke, all die Bannsprüche in letzter Zeit berechtigt? Hat er sich nicht gerade aufgrund seines poetischen Anspruchs moralisch verirrt? Und wie kann man einem so Irrenden den Nobelpreis für Literatur verleihen?

Die Sache ist nicht so einfach. Es ist wahr, dass Kunst im Grunde immer einen moralischen Moment enthält (vieles wäre noch dazu zu sagen). Doch die Moral der Kunst ist eine andere als die unseres Handelns mit Anderen. Wenn in diesem Handeln die Autonomie unserer moralischen Entscheidungen das einzige Kriterium bildet, dann gerät das moralische Moment der Kunst in einen Konflikt mit der auch ihr eigenen Autonomie.

Diese Autonomie der Kunst, dass nämlich nur die Kunst selbst sich ihre Gesetze und Regel geben kann, lässt sich keineswegs von der Autonomie der Moral begrenzen. Wäre das der Fall, würden wir der Zensur Türen und Tore öffnen. Wir anerkennen, dass die Kunst in ihrer ursprünglichen Motivation frei sein muss. Das aber heißt doch, dass die der Kunst eigene Autonomie eigentlich amoralisch ist.

Das ist mit aller Konsequenz einzuräumen. Die Autonomie der Kunst ist anarchisch. Wie übrigens die Philosophie auch kann sie keine Voraussetzungen akzeptieren, die sie nicht selbst machte. Das bringt sie in dieser Hinsicht in eine Gegenstellung zur Moral. Es gibt hier eine Amoralität, auf die Kunst sich immer beruft und berufen kann, wenn Moral zensierend eingreifen will. Selbst wenn Kunst einem moralischen Impuls folgt, bleibt sie ihrem amoralischen Charakter verbunden. Das heißt dann aber, dass Kunst moralisch und amoralisch zugleich ist, sie präsentiert sich mit einer amoralischen Moralität.

Das hat Konsequenzen für den moralischen Anspruch, den die Kunst erhebt. Dieser kann nicht als Imperativ erscheinen (selbst wenn er es einmal tut, nämlich wie in oben erwähnter Rilkes berühmter Wendung ). Er will es auch nicht, weil sich die Autonomie der Kunst sonst selbst vernichten und sie sich dem moralischen Anspruch ganz unterwerfen würde. Der moralische Anspruch erscheint daher nicht als Imperativ, sondern als Optativ: Mögest Du wie ich das Gedicht als Änderung des Lebens erfahren!

Diese Unruhe der Kunst, scheint mir, überfordert die Kritiker/innen, die Handke in der moralisch-politischen Verurteilung vereinseitigen. Ihnen fehlt offenbar die Fähigkeit, auf den poetischen Charakter seines Diskurses über Jugoslawien und Serbien einzugehen. Der lässt sich zeigen. In „Eine winterliche Reise“ von 1996 mag Handke „Gerechtigkeit für Serbien“ fordern. Meine Freunde aus Slowenien haben mir des öfteren mitgeteilt, dass der früher dort gern empfangene Handke, der auch schön über das kleine Land schrieb („Abschied des Träumers vom Neunten Land“) nach seinem Eintreten für Serbien sich unbeliebt gemacht hat. Ich kann das verstehen. Und dennoch steht dann da am Ende dieses Textes noch Folgendes:

„Kommst du jetzt mit dem Poetischen? Ja, wenn dieses als das gerade Gegenteil verstanden wird vom Nebulösen. Oder sag statt ‚das Poetische‘ besser das Verbindende, das Umfassende – den Anstoß zum gemeinsamen Erinnern, als der einzigen Versöhnungsmöglichkeit, für die zweite, die gemeinsame Kindheit.“

Diese Aussage durchkreuzt die moralische Forderung, indem sie sie mit „dem Poetischen“ und d.h. mit der Freiheit des Dichtens identifiziert. Das Kategorische des moralischen Anspruchs wird amoralisch gebrochen und geht zum Optativ über. Hier gibt es keine Pflicht, dem poetischen Text zu gehorchen, sondern nur die allerdings verbindliche Äußerung des Begehrens nach einem Frieden, der sich in der Offenheit des Dichtens ankündigt – ohne je irgendwie auf Wirklichkeit drängen zu können oder zu wollen. Gewiss spricht alle Poesie utopisch von der Versöhnung.

Nicht selten scheint die moralische Verurteilung eines Kunstwerks oder sogar eines Künstlers nur ein Reflex auf die künstlerische Zumutung zu sein, die entrüstet zurückgewiesen wird: Handke soll sich für den Nobelpreis disqualifiziert haben, wenn nicht überhaupt als Dichter. In Wahrheit handelt es sich um die Unfähigkeit, die amoralische Moralität – d.h. die Offenheit – seiner Dichtung zu verstehen und zu ertragen. Die Unruhe dieses Offenen bedroht. Anstatt in ihr die Kraft des Schreibens zu erkennen, will man es schließen, das Offene zuschütten, damit Ruhe herrscht. Dagegen sollte man froh sein, dass die Dichter noch „für die ‚Kinder der Welt‘ sprechen“.

Handke hat, gerade auch weil er die Ambiguität im Verhältnis von Schreiben und Moral auf den Punkt bringt, den Nobelpreis verdient. Auf die ganz vereinzelte Sensibilität des Poetischen insistieren, ist das Beste, was Dichtung tun kann. Das ist, ich weiß, eine bestreitbare Äußerung. Doch mit der Preisverleihung wurde das Wagnis – auch das moralische – der Dichtung betont und belohnt. Im Umgang mit Dichtung oder Kunst geht es darum: Die Uneindeutigkeit aushalten.

Prof. Dr. Peter Trawny leitet das Martin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität Wuppertal.

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Kommentare


Joachim Petrick - ( 12-12-2019 10:05:13 )
Die Götter erfanden Gut und Böse, den Menschen das Oszillieren vom einen zum anderen selbst bei der Götter Rat und Tat erträglich zu machen, förderten sie die Poesie, Gut und Böse in einander zu verschmelzen wie vor der Zeit als alles gleich war, es weder Gut noch Böse gab, beide gleich auf selber Augenhöhe im Momentum des Dichtens, des Lesens, Adaptieren von Versmaß, Jamben, Reim um wie eine Sternschnuppe am Firmament zu erlöschen, im Kopf des Lesenden ein Glühwurm neu erfunden aufzuerstehen, im Erlöschen andächtig u verweilen
Erfinden ist Materie schaffen, meint Peter Handke auf Youtube,
irgendwann habe ich beschlossen, alles ist fremd, alles neu, alles ist zu entdecken, es ist noch nix erzählt, das hilf mir auf die Sprünge. Kleinteilige Welt ist Rettung für mich, wenn ich nach Hause komme.

Er sei furchtbar scheu, zugleich frech, meint Handke.

Das scheint sein Blitz Start Mosaik aus dem Scheusein in die "Frechheit siegt" Selbstinszenierung im Öffentlichen Raum gewesen zu sein, Kriegskind, 67er, als er Jungstar deutschspachigen Literaturbetriebes der versammelten Gruppe 47 Mannschaft mit Dame in Princeton/USA 1967, nahezu alle einstige Wehrmachtsangehörige, Waffen SS Angehörige, außer abwesender Hans-Magnus Enzenberger, mit dem Auftritt seiner Publikumsbeschimpfung von angeblicher Beschreibungsimpotenz deutscher Prosa ein Flashback Erlebnis appliziert, wie einen kollektiven Einlauf, gar nicht poetisch mit diesem gerade vergessen militärisch brachialen Oberton unabdinglicher Befehlshaberei, Deutungsmacht konfrontiert zu sein, dem sie allesamt nach 1945 bei der Flucht ins Zivile vermeinten, entronnen zu sein.

Danach ordnet sich die Gruppe 47 "befohlen" dem Diktat ihres Gründers Werner Richter stumm unter und löst sich sang- und klanglos auf.

1954 war das Zusammengehörigkeitsgefühl robuster als der Dichter Paul Celan, Holocaust Überlebender, unterstützt von Ingeborg Bachmann, der Gruppe 47 in Timmendorf sein Gedicht "Die Todesfuge" in einem SingSang vortrug, unerwartet einen poetisch erlebbaren Spannungsbogen zu erzeugen, brach die versammelte Gruppe 47 Mannschaft, außer Ingeborg Bachmann, aus der Spannungskurve geschleudert, in unbändiges Gelächter aus. War es kollektiv erruptive Entladung eingefärbt von antijudäischer Diskrimierung eines jiddisch anmutenden SingSanges Celan?

Zurück blieben bis heute nie ausgeräumte Missverständnisse, die Gruppe 47 hielt zusammen. Celan ward bei dieser bis zu seiner Selbsttötung 1971 nie wieder gesehen.

Warum erzähle ich das, weil es das Narrativ nach 1945 ist, dass Dichter, Künstler wie Publikum im Öffentlichen Raum emotional überfordert der Gefahr ausgesetzt bleiben ihren inneren Seelenhaushalt in Verausgabung zu jagen, so auch Peter Handke und sein Publikum?


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erstellt am 08.12.2019
aktualisiert am 09.12.2019

Peter Handke in den 70er-Jahren (Screenshot)
Peter Handke in den 70er-Jahren (Screenshot)