In der Ausstellung „Die Epoche der Empfindsamkeit“ im Offenbacher Haus der Stadtgeschichte zeigt Dominik Keggenhoff digital grundierte Selbstporträts und Landschaften, Interieurs und Stillleben. Ellen Wagner führt in das Werk des 1988 geborenen Medien- und Installationskünstlers ein.

Der Künstler Dominik Keggenhoff

Schwebende Wirklichkeiten

Lose referenzierend auf eine literarische Epoche des 18. Jahrhunderts, die in Reaktion auf die Disziplinbetontheit des Absolutismus ein überschwängliches Gefühlsleben und den Blick auf die eigene Innerlichkeit stark machte, scheint Dominik Keggenhoff ganz klassisch einen Kanon zu bedienen. Hinter den Sujets jedoch verbirgt sich etwas ganz anderes als ein diszipliniertes Abarbeiten an einer überkommenen Gattungshierarchie. Keggenhoff geht es vielmehr um symbolische Orte einer Herstellung „sinnvoll“ geordneter Wirklichkeiten, die jedoch permanent mit dem nicht zu ordnenden, stürmenden und drängenden Anteil ihrer selbst konfrontiert werden.

Lange Zeit waren Porträt und Selbstporträt, Stillleben, Landschaft und Interieur dem akademischen Historiengenre untergeordnet. Mit ihnen konnte man sich z. B. als Künstlerin austoben, war man doch als Frau lange nicht zu Aktklassen zugelassen, die ein genaues anatomisches Studium als Voraussetzung für das Entwerfen großer – d. h. mutmaßlich bedeutender und möglichst großformatiger – Historienszenarien ermöglicht hätten. Stillleben und Porträt beschränken sich, so scheint es, auf das Kleine, Private – doch geben sie besonderen Anlass, sich mit Fragen nach unserem Selbst- und Realitätsbezug zu beschäftigen. Der Dialog mit dem, was uns tagtäglich umgibt, ist immer auch ein Auseinandersetzen mit Spuren einer Verletzlichkeit und Vanitas, die alle Dinge und Lebewesen gleichermaßen betrifft. Dabei zeigt das Stillleben bedeutungshaft arrangierte Ausschnitte einer lebendigen Vergänglichkeit, häufig in perspektivischer Draufsicht, die das Dargestellte auf erreichbare Distanz hält – und ihnen dadurch auch eine modellhafte und zugleich metaphorische Dimension verleiht.

Ausstellungsansicht „Die Epoche der Empfindsamkeit“ Foto: Nikolaus Kockel

Die Auseinandersetzung mit Modellen, Idealen und deren Einfluss auf das, was wir als real, wertig und gültig erachten, ist ein starkes Motiv in Dominik Keggenhoffs Arbeiten. Vielsagend stellt die Ausstellung Bezüge zum d’Orvilleschen Puppenhaus und zu Modellen Offenbachs als Gartenstadt in der Sammlung des Hauses der Stadtgeschichte her.

Ein Modell kann Vorbild für gesellschaftliche Erwartetes, Entwurf für Kommendes, vielleicht gar Visionäres sein oder etwas, das nicht mehr ist, rekonstruieren helfen. Bei Keggenhoff ist es so, dass die Modelle das, was sie zeigen, nicht mehr simplifizieren und erklären, sondern mehrdeutig und unüberschaubar machen. Die einander durchdringenden Zeitlichkeiten, die ein Modell meist als etwas charakterisieren, das durch einen Blick auf Vergangenes oder Gegenwärtiges ebenso wie auf ein mögliches Zukünftiges geprägt ist, werden hier besonders deutlich. Die modellhaft angedeuteten Innenräume, Garten- und Stadtansichten lassen die Unkontrollierbarkeit ihres wachsenden und wuchernden Materials sowie dessen Umformatierbarkeit zu verschiedenen Zuschnitten von und Ausblicken auf Wirklichkeit hervortreten.

Ähnlich wie Modelle können auch Karten der Orientierung dienen, aber ebenso repräsentative und imaginative Funktionen erfüllen. Sie gehen nicht auf in ihrem Anleitungscharakter, sondern entwickeln eine plastische, manchmal auch labyrinthische Kraft. Nahe dem Eingang hat Keggenhoff eine Art improvisiertes „Infoschild“ aus dünnem Sperrholz positioniert. Auch dieses dient nicht dem Handhabbarmachen des Terrains. Es vermittelt kein Verständnis aus der Distanz, sondern verlangt von uns, uns selbst an den physischen und psychischen Ort zu begeben, wie ihn die Ausstellung repräsentiert – um ein intuitives Gespür für ihn zu entwickeln. Zugleich ist die Karte, die auf gedrechselten Beinen zum Stehen kommt, hier Möbelstück und scheint damit auf unterschiedliche Konzepte anzuspielen, Raum zu besetzen: Territoriale Ausbreitung als Beherrschung, Besatzung, aber auch als ein Bewohnen, als Bindung und Belebung.

Räume zu besetzen und zu beleben bedeutet, ohne dass an dieser Stelle eine positive oder negative Wertung vorgenommen werden soll, diese Räume auch mit hervorzubringen. Und dieser Gedanke bringt uns zu einem weiteren Aspekt der Arbeiten Dominik Keggenhoffs: nämlich der Beschäftigung mit dem stets medial vermittelten Charakter von Realität, die uns nun einmal nicht anders als durch unsere Erfahrung und Sinneswahrnehmung zugänglich ist. Für Keggenhoff spielt das Medium Computerspiel eine wichtige Rolle. Wie werden hier Haptiken erzeugt und Wirklichkeiten aus Kulissen erstellt? Wie werden Effekte von Realität erzielt, die primär am fotorealistischen Bild, d. h. der Realität eines anderen Mediums orientiert sind?

Materialien erzeugen eigene Realitäten

Konsequenterweise aber sieht man Keggenhoffs Arbeiten die Prägung durch digitale Seh- und Nutzungsgewohnheiten, sich durch virtuelle Landschaften zu bewegen und dort immer wieder auch auf sich selbst, das eigene Bild und Profil zu treffen, zunächst nicht an. Die Transformation der Beobachtung aus einem Medium in ein anderes – in viele andere – bleibt oberstes Prinzip. So wendet Keggenhoff die im Computerspiel bewährte Methode, Flächen und Texturen, die über erstere wie digitale Patina gelegt werden, zu wahrgenommenen Realitäten zu fügen, im Analogen an – etwa bei einer kistenartig aneinander gezimmerten Brettersammlung, deren verzierte und gebeizte Flächen uns versichern, dass wir einen Tisch vor uns haben.

Allerdings ist dieses Vorgehen nicht so zu verstehen, dass Keggenhoff eine Oberflächlichkeit digitaler Welterzeugung bloß einfach kritisieren wollte. Im Fokus steht vielmehr die Fähigkeit der Materialien, durch Zurücknahme des künstlerischen Willens zur Illusion ihre eigenen Realitäten zu erzeugen. Die Aktreliefs wirken fleischig gerade in ihrer Verzerrung, die sich nur aus einem bestimmten Blickwinkel in die „richtige“ Anatomie fügt. Kunststofffäden lösen sich aus 3D-Drucken wie Fasern eines organischen Materials. Auch in das Bühnenbild rund um den vorgeblich antiken Schreibtisch bricht hinterrücks eine merkwürdige Lebendigkeit in Form von anachronistisch anmutenden Diaprojektionen, welche digital aus Computerspielszenarien gerenderte Gartenszenen zeigen.

Ein Garten ist ein Stück vom Menschen angelegte Natur. Sowohl symmetrisch komponierte Schlossparkanlagen als auch beschauliche Kleingartensiedlungen können als Weltentwürfe von Individuen mit bestimmten Vorstellungen eines „naturgemäßen“ Lebens gelten. Auch der menschliche Körper wird dabei in Beziehung zu dem vorbildhaft gedachten Stück Natur gesetzt. Dieses lässt sich vom Menschen zwar gestalten, nicht aber kontrollieren. Im Garten gibt es immer eine Ecke, in der es schießt und wuchert. Und auch unser Organismus zeigt sich mit seinen physischen und psychischen Funktionen selbst als ein Stück Natur – gestaltbar, aber nicht zu beherrschen, weder von anderen noch von uns selbst. Die „Erkenntnis, dass das Subjekt stets Produzent wie Konsument seiner Realitätswahrnehmung ist“ (1) bleibt also untrennbar verbunden mit der Erfahrung, dass uns dies noch längst nicht zum Herrn im Freudschen Haus und Schreberschen Garten werden lässt.

Hiervon zeugt nicht zuletzt Keggenhoffs fortlaufende Auseinandersetzung mit dem eigenen Konterfei in einer Reihe von Selbstporträts, die dem Künstler – nun ja: fast schon ähnlich sehen. Auch hier findet sich eine mehrfache Überlagerung von Konturen und Texturen auf einer Figur, die am Computer erstellt, im 3D-Drucker materialisiert und von Hand bemalt und schattiert wurde: Oberfläche um Oberfläche gefügt zu einem sich wandelnden Bild, das durch den permanenten Wechsel von Annäherung und Entfernung in Bezug auf sein Vorbild charakterisiert ist.

Fast ein Selbstporträt: „Die Epoche der Empfindsamkeit“ Foto: Nikolaus Kockel

Eine weitere Verwandtschaft der installativen Anordnung zeigt sich zur musealen Vergegenwärtigung von Vergangenheiten und Erinnerungsstücken – zu Exponaten wie hier im Haus der Stadtgeschichte, die aus einer persönlichen Biographie, eines bekannten oder anonymen Individuums, stammen und doch – noch dazu – eine kollektive Geschichte erzählen sollen.

Dienten museale Sammlungen seit dem 15. Jahrhundert zunächst der Zurschaustellung von Macht und Weltläufigkeit oder zu Studienzwecken, entwickelten sie sich insbesondere im 19. Jahrhundert zu bürgerlich und staatlich mitgetragenen Institutionen mit der Aufgabe, kollektive Erfahrung, Bildung und Erinnerung zu ermöglichen. Bis heute ist das Museum ein Ort, an dem neue Verbindungen zwischen Dingen entstehen, die ihren Ursprungszusammenhängen entnommen wurden, gesammelt und geordnet nach neuen Prinzipien und Vermittlungsabsichten. Die Dinge im Museum werden, so der Philosoph und Historiker Krysztof Pomian, gerade durch ihre Trennung vom Alltagsleben zu Vermittlern zwischen uns und einem Unsichtbaren: etwa dem Vergangenen oder geographisch weit Entfernten. Sie kommen aus dem Unsichtbaren – sind aber auch für ein neues Unsichtbares bestimmt, nämlich: „die Zukunft“, die man in unseren ausstehenden Reaktionen auf das Wahrgenommene verorten könnte. (2)

Diese „Ungewissheit“ in der Begegnung mit ausgestellten, unseren Blicken ausgesetzten Dingen, mit Exponaten, die eine besondere ambivalente Zeitlichkeit und Räumlichkeit vermitteln, macht offensichtlich, dass Verstehen als solches, von Kunst wie vom „Rest der Welt“, das Verstehen anderer und unserer selbst, nie abgeschlossen sein kann. Es bleibt immer fragil, einem Wechsel von Annäherung und Distanzierung unterworfen. (3)

Auch das Herstellen von Kunst ist ein solcher Prozess – so wurden in der Ausstellung „Die Epoche der Empfindsamkeit“ auch bereits existierende Arbeiten umgebaut, ergänzt und variiert. Das Ergebnis – oder vielmehr Zwischenergebnis: Vitrinen, die merkwürdig gestaffelt und scheinbar unvollständig bestückt ein verschwommenes Gesamtbild ergeben; eine Bühne, die ihr Hinterteil präsentiert; Sockel, auf die nicht nur etwas gestellt wurde, sondern die selbst üppig befüllt sind.
Lücken und Überfluss kennzeichnen die Anordnung – und ist es nicht genau diese Kombination aus zu viel und zu wenig, die unsere Wahrnehmung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bestimmt?

Gerade als Fragmente, die immer schon darauf ausgelegt sind, eine Antwort und Fortführung ihrer selbst zu provozieren, die einmal Teil eines Ganzen waren und zum Ausgangspunkt für neue Zusammenhänge werden können – als solche Fragmente vermitteln uns Keggenhoffs Arbeiten etwas über die Wirklichkeit als eine immer schon erzeugte, die immer im Plural vor und hinter und neben uns schwebt. Eine Wirklichkeit, in der bedeutungsverleihende Größenverhältnisse und sinnvolle Nachbarschaften eben nicht einfach gegeben und fixiert sind, sondern von uns aktiv verzerrt werden müssen, um „real“ zu werden und Angriffsfläche für unsere Handlungen und Verständigungen zu bieten.

Leicht überarbeitete Fassung der Rede zur Eröffnung der Ausstellung „Die Epoche der Empfindsamkeit“ am 24. November 2019 im Haus der Stadtgeschichte Offenbach.

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erstellt am 06.12.2019

„Die Epoche der Empfindsamkeit“ Foto: Nikolaus Kockel

Ausstellung

Die Epoche der Empfindsamkeit / The Age of Sensibility

Bis 12. Januar 2020

Haus der Stadtgeschichte
Herrnstraße 61, 63065 Offenbach am Main

„Close to the Edge of Glory“: Liederabend / Performance
Premiere: Mittwoch, 8. Januar 2020, 19 Uhr (Einlass 18.30 Uhr)
Zweite Aufführung: Sonntag, 12. Januar 2020, 17 Uhr (Einlass 16.30 Uhr), Eintritt jeweils 5 €

Finissage: Sonntag, 12. Januar 2020, 18 Uhr

Fußnoten

(1) Diese Formulierung stammt aus der Einführungsrede von Anne Gräfe zur Ausstellung GARTEN | KEIN GARTEN von Dominik Keggenhoff und Nikolaus Kockel, 1.–17. Februar 2018, Werkbund-Forum Frankfurt a. M.

(2) Vgl. hierzu auch ausführlicher Ellen Wagner: Von Schlaglöchern und Zwischenräumen. Wenn die Kunst ins Leben geht. In: Urbane Künste Ruhr Magazin 2/2019, S. 51–54.

(3) Weitere Gedanken zum Prozess des Verstehens siehe ebenfalls Anne Gräfe: Einführung zur Ausstellung GARTEN | KEIN GARTEN.