Tuschicks Kolumne

Abenteueraltruismus

Als Undercover-Agentin bei der geheimsten Eliteeinheit der CIA: Amaryllis Fox erzählt in ihrem Memoir „Life Undercover“, wie sie als eine der Klügsten ihres Landes rekrutiert und instruiert wurde. Jamal Tuschick hat das Buch gelesen.

Den ersten Anwerbeversuch unternimmt ein britischer Geheimdienst in Oxford, wo Amaryllis Fox Internationales Recht studiert. In der kaum Zwanzigjährigen paaren sich bürgerlicher Ehrgeiz und Abenteueraltruismus. Die Studierende hat bereits eine Mission in Myanmar hinter sich und eine Tonaufnahme der in ihrem Haus arrestierten Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi außer Landes geschmuggelt.

In Myanmar „scheint die Zeit ihre konkrete Gestalt zu verlieren“. Da existiert „imperiale Gleichgültigkeit“. Fox besticht als grandiose Beobachterin und geborene Schriftstellerin. Sie ist die Tochter eines einfallsreichen (vermutlich neoliberalen) Ökonomen, der Regierungen berät und seine Kinder einst mit dem Möbiusband so unterhielt wie andere Väter Legosteine ins Spiel bringen, und die Schwester eines soziophoben Genies.

Fox will in „der realen Welt“, die ihr so weh tut, als würde ständig ein Zug über ihre Füße fahren, für die Schwachen einstehen, und „im Namen der Ohnmächtigen gegen die Tyrannei kämpfen“.

„Ich sehe mich … als Transformator, der das Leid in Handlungen umwandelt.“

Auch Secret-Servicekräfte reden von der Fragilität der „Zivilgesellschaft“. Das Gute kann jederzeit umkippen, schlecht werden oder in die Luft fliegen … und dann krachen die Flugzeuge ins World Trade Center. Längst in Fox in Langley im US-Bundesstaat Virginia akkreditiert. Die englisch sozialisierte New Yorkerin firmiert als Geheimnisträgerin. Zu ihrer Abdeckung gehört ein mittelprächtiger Job bei einer Unternehmensberatung und ein Masterstudiengang an der von Jesuiten gegründeten und nach wie vor katholischen Georgetown University am Potomac River im Bundesstaat Washington.

Auf dem flughafengroßen Parkplatz vor dem CIA-Hauptquartier erinnert ein Stück Berliner Mauer an Europa. Nahe dem Portal liest der Passant:

„Ich bedaure nur, dass ich nicht mehr als ein Leben für mein Land gegen kann.“

Das ist der Spirit, mit dem der amerikanische Hinterhof weltweit umgegraben wird. Fox benennt die Stadien ihrer inneren Mobilmachung. Lockerbie gehört dazu. Eine Freundin saß in dem über Schottland gesprengten Flugzeug. Angesetzt wird Fox auf Jemaah Islamiyah, dem südostasiatischen Zweig von al-Qaida; so sagt es Fox. Morgens um drei informiert sie den Mann, der den Präsidenten auf dem Laufenden hält.

„Wir haben es mit einem Ungeheuer mit vielen Köpfen zu tun, dass da draußen auf uns wartet.“ Ein Ausbilder in Langley

Fox wertet Enthauptungsvideos aus, indem sie sich wieder und wieder ansieht. Sie fügt sich ein in ein System, dass mit Methoden wie zu „Lochkartenzeiten“ der Digitalisierung trotzt. Es ist eine Welt, in der sich auch noch der Geist des Enigma-Erfinders Alan Turing zurechtfände.

Dual Use-Güter nennt man Gegenstände, die eine militärische Nutzung erlauben, obwohl sie zu einem zivilen Zweck gebaut wurden. In einem fortgeschrittenen Gebrauch des Terminus zählen dazu scharf gespitzte Bleistifte genauso wie Sensoren. Amaryllis Fox erzählt, wie man Schiebern in Grauzonen begegnet. Die Schurken und die Staatlichen locken und testen sind in einem Randori der Angebote.

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs fand Truman es angebracht, Stalin gegenüber ein paar Worte fallen zu lassen, deren Wirkung bis heute nicht absehbar ist. Der amerikanische Präsident informierte den obersten Sowjet über die ersten Kernwaffentests in einem Tal zwischen dem Organ und dem Sacramento Gebirge im US-Bundesstaat New Mexico. Ob die Mitteilung eine Drohung inkludierte oder aus anderen Gründen Überlegenheit herausgestellt werden sollte, ist nicht überliefert.

Man sagt, Harry S. Truman habe das Amt nicht nur nicht angestrebt, sondern es auch von Herzen nicht gewollt. Seinen Zeitgenossen erschien er schüchtern mitunter. Er war erst ein paar Tage auf dem von Franklin D. Roosevelts übernommenen Posten, als er den Machtrevolver auf der Gegenseite unterrichtete. Fünf Jahre später rief Truman den nationalen Notstand aus, weil er in der UdSSR einen im Angriff erstarrten Feind erkannte. Wie vermutlich alle Amerikaner, fühlte er sich nicht nur moralisch überlegen. Das Reich des Bösen lag im Osten, während der Westen Freiheit verhieß. Dass man die amerikanische Perspektive zynisch finden konnte, wäre Truman wohl nicht plausibel zu machen gewesen. Aber der sowjetische Standpunkt erkannte „im westlichen Universalismus (nur einen) notdürftig getarnten Partikularismus“. (Ivan Krastev/Stephen Holmes, „Das Licht, das erlosch“)

Im Frühjahr Fünfundvierzig verhielt sich Stalin wie Don Corleone. Sein Mienenspiel gab nichts preis. Die Reaktion glich dem eisernen Vorhang. Es sah so aus, als vertraue der Diktator auf sein konventionelles Arsenal. Doch trog der Schein. Kaum war er wieder daheim, befahl Stalin dem Physiker Igor Wassiljewitsch Kurtschatow einen Zahn zuzulegen. Von nun an hatte Stalins eigene Atombombe Priorität. Zwangsarbeit und Wissenschaft vereinten sich in Arsamas-16 in der Oblast Nischni Nowgorod. Truman schrie im Radio auf, nachdem TASS 1949 Erfolg meldete. Nach der Kernschmelze des Warschauer Packs gehörte Arsamas-16 zu den irregulären Lieferanten etwa von Yellowcake – Uranpulver an „nichtstaatliche Akteure“.

Amaryllis Fox schildert Arsamas-16 als „Aladdins Höhle, wenn es um die Schätze der Vernichtung geht“.

„Im ganzen Sowjetreich gingen Labore wie Arsamas-16 im Chaos der wirtschaftlichen Verwerfungen unter. Befehlshierarchien fielen in sich zusammen, und … Geschwader des Militärapparats kämpften plötzlich Mann gegen Mann. Kartoffeln wurden besser bewacht als Atomwaffen.“

Unter diesen Umständen wird die Prädikatsagentin Fox aktiv. Sie verleitet einen ungarischen Hasardeur und Kommunistenfresser, sich auf sie einzulassen und in ihr eine Kundin zu sehen, die als illegale Krähe einer anderen Krähe kein Auge aushacken kann.

Fox‘ Überleben hängt davon ab, dass sie den Schieber richtig einsetzt/einschätzt. Der Mann könnte eine „Karotte“ sein. Karotten werden einem mit feindlichen Absichten unter die Nase gehalten, so dass man anbeißt. Geheimdienste und Terrorzellen finden mit Karotten heraus, wer in Botschaften vom Fach ist. Der als Botschaftssekretär getarnte Agent trägt in geheimer Mission eine „Latexnase, die das Directorate of Science and Technology* so gern ausgibt“.
*The Directorate of Science and Technology is the branch of the United States Central Intelligence Agency (CIA) charged with developing and applying …

Alles hängt von der richtigen Tarnung ab. Und dann trifft Fire-Fox einen „Selbstläufer“, der Amerika hasst und trotzdem die CIA über den nukleartechnologischen Kenntnisstand von al-Qaida auf dem Laufenden hält. Er tut das, „um sich und seinen kleinen Bruder durchzubringen“.

Fox begegnet dem Informanten in Erbil, „einer alten Stadt im Norden Iraks“. Die lokale Kurdenmiliz blockiert die Sniper-Aktivitäten. Fox fasziniert „der Geruch von Hummus und Lamm“ und die Gastfreundschaft jener, „die nichts besitzen“. Sie befindet sich auf der Babylon-Strecke der Zivilisationsgenese. Unter allem „liegt ein uraltes Wissen verborgen.“

Amaryllis Fox, Life Undercover. Als Agentin bei der CIA, übersetzt von Elisabeth Liebl, hanserblau, 368 Seiten

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erstellt am 04.12.2019
aktualisiert am 10.12.2019

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.