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Foto: Salvatore Vassallo [CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)]

Neapel ist eine aus Zuwanderungen ganzer Bevölkerungsgruppen zusammenmontierte Stadt. Der unterschiedliche Charakter ihrer Viertel erzählt noch heute davon. Dennoch hat sich eine neapolitanische Mentalität herausgebildet, die in Nicola Puglieses Roman „Malacqua, Vier Tage Regen über Neapel in Erwartung, daß etwas Außergewöhnliches geschieht“ zum Tragen kommt. Alban Nikolai Herbst hat darin das Außergewöhnliche gefunden.

Nicola Puglieses Roman »Malacqua«

Tiefstes Menschenbuch, Neapel

Oktoberende. Es regnet in Neapel. Es regnet, regnet und regnet. Straßen werden unterspült, brechen ein – t i e f ein. Drei Viertel der auf vulkanischem Tuff erbauten Stadt sind unterhöhlt: Napoli Sotterranea heißt eine Touristenattraktion, die Wißbegierige bis vierzig Meter unter der Stadt durch natürliche, bisweilen nur schläfenenge Tunnel vorbei an Becken und Steilwänden führt. Viele Ausbuchtungen waren bis zum Ausbruch der verheerenden Cholera von 1884 quasisakral als Nekropolen genutzt und dienten im Zweiten Weltkrieg für Luftschutzkeller. In eine solche Höhlung rutscht nun aus der unterspülten Via Aniello Falcone ein PKW, bevor an der weiter unten gelegenen Via Tasso ein Haus einstürzt, das längst hätte saniert werden müssen. In Neapel hat freilich jeder getan, was seines Amts war, dann sich weggedreht und mit gefühltem Recht die Schultern gezuckt. So sterben jetzt paar Menschen. Und über der Stadt dieser Regenschleier, man spürte das Warten, dieses lähmende Warten wie die Agonie eines Tieres, lebendig und dicht wie Blut, das endlos herausfließt.

Beobachtet, nein wahrgenommen wird alles von dem Journalisten Carlo Andreoli – wahrgenommen mit jener gedehnten, sich kommenden Unheils so unbedingt wie gleichsam zärtlich bewußten und doch, ihrer Zartheit wegen, lebenszugewandten Schicksalsergebenheit, die dem Mezzogiorno eigen. „Cio è la guerra“, sagte mir in den Neunzigern ein Hotelportier auf Sizilien, um zu erklären, weshalb der Aufzug nicht funktionierte. Denn wer kann schon dem herabstürzenden Wasser widerstehen, das eindringt und gräbt und höhlt?, wo finden sich Hände, so groß, daß sie dieses Wasser in den Handflächen sammeln können? Und in diesem Moment begriff die Stadt, und feine eisige Schauer liefen, und die einzelnen Knochen der Wirbelsäule fühlten es, jeder für sich, und sie koordinierten sich nicht mehr, verzichteten auf eine gemeinsame Artikulation, auf einen Zusammenhang, der Humerus, das Schlüsselbein und das Brustbein, die tragende Struktur gab nach, und auch der Lebenswille: was würde kommen?, was?, die Sintflut vielleicht, um alles zu löschen und wieder von vorne zu beginnen?, eine neue Art von Regenbogen, unregelmäßig in der Zeichnung und in der Form?

Und dann gellt der Schrei über Neapel, man weiß nicht woher, wie aus tausend Kehlen, der sich hinunterbewegte in den Hof und hinauf zu den Zinnen der Burgmauern und über sie hinwegflog, hinaus der Stadt entgegen, und die Stadt hörte ihn jetzt deutlich, eindeutig, ja, und diesmal reichten die Liebkosungen der Mütter nicht, und nicht die ängstlichen Gesten der Mädchen (…), alle verstanden die (…) vielfarbige herzzerreißende Botschaft – und es war der zweite Regentag – versteckt und eingeschlossen in den Tiefen der Brust.

Da findet ein Verkehrspolizist unter dem Pult eines Vertreters der Opposition eine Kinderpuppe, von der, leuchtet man sie an, dieses Schreien ausgeht. Sofort setzt er seine Vorgesetzten in Kenntnis, die ihrerseits die ihren, und hilflos bis zum Präsidenten hinauf. Niemand weiß, was tun. Bis man sich entschließt, die Puppe freizulegen. Es war eindeutig eine Zwischenentscheidung, vielleicht sogar ein bißchen zu politische Entscheidung, aber, meine werten Herren, (…) machen wir das, was in diesem Moment in unseren Möglichkeiten liegt (…). Derweil der Regen fällt und fällt. Niemand schon glaubt mehr, daß es eine Sonne jemals gab, so wenig wie auf Chiaia der Besitzer einer kleinen Bar, daß sich die entfesselte Nacht noch einmal ergebe, in der seine englische, rotblonde Frau in ihrem Rausch und zum Glücke des seinen die Grenzen jeder Schicklichkeit verlor. Jetzt schleudern die schweren Reifen der durch den Tümpel einer Pfütze ratternden Busse ganze Batzen Matschs in den Eingang seiner Bar, so daß die Kundschaft ausbleibt, die sich des dauernden Regnens wegen aber eh nur spärlich zeigt. Und viele weitere Geschichten werden in den Regen gewoben, oft aus der Perspektive der Figuren, nein: Personen, erzählt und meist nur fantasierend im plötzlichen Aufbegehren sei's der Trauer, sei's der Wut. Aber sagen wir uns auch etwas anderes, sagen wir uns, daß das Leben die Ereignisse, die eine ganze Gemeinschaft betreffen, schließlich endgültig und ohne Schwierigkeiten absorbiert, die Zeit kühlt sie ein wenig ab und mischt sie durcheinander, und zum Schluß, was soll es?, schlußendlich, was wollt ihr, was geht uns dieses ganze Chaos an und dieser Regen, der herunterkommt, als wäre es das erste Mal, liebe Freunde, bitte übertreiben wir nicht, fangen wir noch einmal von vorne an. Doch die avisierte Normalität, selbst die erbärmlichste, mag sich hinter den Streifen dieses andauernden, sanften, devoten Regens nicht einstellen, der vom Himmel insistierend herabrauscht. Es blieb nichts anderes übrig, als alles, wirklich alles in einer anderswärtigen Warteperspektive, die der Regen eröffnet hatte, neu zu überdenken. Das Warten drückte auf die Herzen wie eine schicksalhafte gigantische Presse, mit der festen und unumstößlichen Entschlossenheit eines kontinuierlichen Vorwurfs. Und das war der dritte Regentag. Die Stadt Neapel spielte entmutigt mit ihrer melancholischen Ader (…) – als die Fünf-Lire-Münze eines zehnjährigen Mädchens, das bereits den melancholischen Abglanz der Adoleszenz in den Augen hat, Musik zu spielen beginnt, nachdem die Mutter dem Kind die letzte Zuflucht, sein kleines Radio, durchs Fenster auf die regenüberströmte Straße hinabgepfeffert hat, wo es in seinem Notwehrakt zersprang. Das Mädchen wollte etwas sagen und sie wollte etwas tun, aber stattdessen blieb sie unbeweglich liegen, mit diesem Knoten in der Kehle, der ihr den Atem abschnitt, und nach einer Weile fühlte sie zwei große Tränen über ihre Wangen laufen, stumm und unangebracht.

Indes wiederholt sich das Phänomen der musizierenden Münze auch an den Ohren anderer Mädchen, so daß es zu einem unglaublichen Auflauf von Eltern kam, die verstehen wollten, aber (…) nur die kleinen Mädchen, nur sie, konnten die Musik hören (…), und man dachte an eine Autosuggestion, (…) und es wurden Tests und Gegentests gemacht, aber (…) als alle Geräte genau dasselbe registrierten, war (…) klar, daß es sich nicht um Suggestion handelte, sondern wirklich um Musik. Woraufhin die napoletanische Regierung beschließt – auch dies, um dem unablässigen Regnen etwas entgegenzusetzen -, die musikalische Ausbildung der Jugend deutlich zu intensivieren, was, unter strömendem Regen, durch eine bemerkenswerte und ozeanische Interpretation von „Funiculi Funiculà“ gekrönt wird (…). Wäre da nicht der immer weiter fallende Regen gewesen, so hätte man von einem wirklich perfekten Tag sprechen können, aber wegen des Regens blieb(en) ein vager Zweifel und ein Gefühl inneren Unbehagens (…). Wie sollte man schließlich von der Angst erzählen, die mißgebildet klettert, und ächzt und stöhnt, und dieser Stimme, die sie über dem Wasser und in der Luft weiterbewegt, und den Asphalt entlangläuft (…), um eine unheimliche, nicht eindeutige Vorahnung auszudrücken (…), die sich nicht zerschlagen läßt, die aber verstümmelte Dekorationen mit hinunterzieht in das Abwasser der Angst.

Nichtsdestoweniger, nach diesen – so der Untertitel von Nicola Puglieses Roman „Malacqua“, den ich hiermit bespreche – Vier Tagen Regen über Neapel in Erwartung, daß etwas Außergewöhnliches geschieht, steigt in Carlo Andreoli, während er sich über einige Seiten hin rasiert und dabei vor seinen inneren Augen die Geschehen noch einmal fokussiert, die Vorahnung einer Änderung auf, in den Nerven der Hände war sie zu spüren, man erriet es in den unruhigen und zerstreuten Blicken, im Kopf, der sich nicht konzentrieren konnte, der nicht bei einem Punkt bleiben konnte, weil imgrunde immer dieselbe nagende Frage auftauchte, die in die Coda des letztzitierten Absatzes hineinführt – jene nämlich, die sich der Besitzer der kleinen Bar von Chiaia stellt, während er ins unentwegte Regnen hinausschaut: Mit jedem Tag, der vergeht, erlöschen wir ein wenig mehr, wir erlöschen unmerklich, und wie wird es dann möglich sein, plötzlich wieder aufzuwachen (…), wer wird uns den Wahnsinn aus der Zeit unserer Verliebtheit zurückgeben? Und eben doch! Die plötzliche Erleuchtung (…) kam Andreoli Carlo, als er auf der linken Halsseite mit dem Rasieren fertig war: In der Trägheit eines neuen Tages würde die Stadt Arme und Rücken strecken, das Herz weiten, um über der Bucht zu atmen, die Sonne die Profile der Häuser auf den Hügel zeichnen und Andreoli Carlo (…) fühlte eine neue Zärtlichkeit in sich (…), und dann ließ er das eisige Wasser aus dem Wasserhahn über seine Hände laufen und spritzte es sich drei vier fünf sechs Mal ins Gesicht (…), er fühlte es auf der Haut und im Gehirn, dieses eisig kalte Wasser regenerierte, ein Schauder lief ihm über den Rücken (…), und dann betrachtete er (…) sein Gesicht, was für ein Narr, mein Gott, was für ein Narr – eine Wende, in der sicherlich nicht grundlos die berühmte Schlußfuge des Verdi'schen Alterswerkes mitschwingt. So wird aus einem Buch fast der Resignation eine große Liebeserklärung an die Welt, in der unsere eigene, erloschene Wildheit sich in der glühenden uns Folgender neu findet – und sei es in der Vornahme nur, unser Leben von nun an zu ändern. Wozu uns der Regen ermahnte.

Als dieser Roman 1977 bei Einaudi erschien – lektoriert hat ihn niemand geringerer als Italo Calvino -, war er innert weniger Tage ausverkauft, doch wurde bis zu der vorliegenden deutschen Ausgabe nie mehr aufgelegt, ein Rätsel, wie einige der rauschhaften, durch die das Regnen rauscht, Passagen des Buches selbst. Der kleine Kölner Verlag Launenweber hat es über dreißig Jahre später wieder vernommen und in Barbara Pumhösel eine Nachdichterin gefunden, diesem unentwegten, mitunter magischen Rauschen ebenso magisch auch im Deutschen Klang zu verleihen.

Siehe auch

Neapel. Sichtbar Verborgen. Aufzeichnungen von Marion Gees
Erster Teil
Zweiter Teil
Dritter Teil

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erstellt am 29.11.2019

Nicola Pugliese
Malacqua
Vier Tage Regen über Neapel in Erwartung, dass etwas Außergewöhnliches geschieht
Aus dem Italienischen von Barbara Pumhösel
Gebunden, 232 Seiten
ISBN: 978-3-947457-06-9
Launenweber Verlag, Köln 2019

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