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Sie sind divers, multikulturell und inklusiv. Die jugendlichen Schauspieler des Performancestücks „Heidi in Frankfurt“ setzen sich mit dem Heimatbegriff auseinander. Sie ergründen, wo Heimat aufhört und Nationalismus beginnt. Riccarda Gleichauf hat einen berührenden Theaterabend erlebt.

Theater

Ein Handlungszwischenraum

Beim Betreten des Zuschauerraums fällt der Blick auf eine weiße, neblig wirkende Bühne, schwarz eingerahmt an den Seiten. Ebenfalls schwarze Schnüre hängen von der Decke, und ein Gedanke drängt sich auf: Wie werden die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler diesen Raum füllen? Sollte sich am Bühnenbild nichts ändern, dann werden sie und ihre Geschichten unweigerlich im Vordergrund stehen, nichts, keine künstlich eingeführten äußeren Reize werden von ihrem Sprechen und Handeln ablenken. Ein Wagnis, keine Frage. Doch Regisseurin Martina Droste weiß eindeutig, was sie tut.

Sie kriegen von mir einen Zwischenraum“, hatte die Bühnen- und Kostümbildnerin Michaela Kratzer Droste versprochen, nachdem diese ihr Vorträge über neuere (Des)integrationstheorien (Max Czollek, Naika Foroutan u.a.) gehalten hatte. Die Idee für den Zwischenraum ist aber angelehnt an Hannah Arendts politischer Philosophie und sie eignet sich sehr gut dazu, das unsägliche Thema „Heimat“ zu dekonstruieren, scheinbar feste Wahrheiten auf der Bühne zum Einsturz zu bringen. Denn den ZuschauerInnen wird mit „Heidi in Frankfurt“ keinesfalls ein klassischer Heimatroman erzählt, vielmehr ist Heidi ein Begriff, ein Motiv, mit dem sich die SchauspielerInnen auf der Bühne auseinandersetzen. Heidi ist ein „Heimat-Gefühl“, mit dem jede/r etwas anderes verbindet, weil unterschiedliche Erfahrungen gemacht werden. Handelnd und redend werden in diesem Zwischenraum, der sich mehr und mehr mit dicken, schwarzen Seilen füllt, Diskriminierungserfahrungen erzählt und Wünsche geäußert. Sie wiederum bleiben entweder kommentarlos stehen, wirken für sich, oder werden von den SchauspielerInnen infrage gestellt und ausdiskutiert. Da rollt zum Beispiel Can Hormann ans Mikrophon, 17-jährig, der wegen seines Namens oft für einen Türken gehalten und dazu noch von der Lehrerin übersehen wird, weil er im Rollstuhl sitzt. Mit trockenem, ausdrucksstarkem Tonfall kommentiert er seine frustrierende Lage: „Ich bin ein Undercover-Kanacke.“ Überhaupt sind es die Vor- oder Nachnamen, an denen sich viele persönliche Diskriminierungserfahrungen offenbaren. Die ständige Fragerei nach der „wirklichen“ Herkunft, die sich doch vom Namen ableiten lassen müsste, wird im Stück auf unterschiedlichste Weise thematisiert.

Wie kann es sein, dass eine Person mit dunkler Hautfarbe mit Nachnamen „Zündorf“ heißt, oder jemand mit (auch) kroatischem Lebenshintergrund kein im Nachnamen trägt?

Das Seil in der Hand: „Heidi in Frankfurt“ Foto: Felix Grünschloß

Die schwarzen Seile sind die Dinge im Raum, die den Worten noch eine drastischere, bildliche Ausdrucksform verleihen. Das Seil in der Hand kann schnell zur strangulierenden Krawatte um den Hals werden, denn Heimat(begriffe) können töten, wenn keine individuellen, beweglichen Identitäten darunter verstanden werden, sondern identitäre Ideologien.

Durch das minimalistische Bühnenbild erscheinen die Figuren und das, was sie ausdrücken, intensiver, es entsteht eine Spannung, der sich keine/r entziehen kann. Manchmal erklingen Heimat-Lieder, die in ihrem neuen Kontext die Ahnung davon geben, wie ein Zusammenleben ohne Diskriminierungen funktionieren könnte. Utopische Klänge, die so ehrlich-ambivalente Sätze wie diejenigen von Rezvan Rezai eindrucksvoll unterstreichen, der erst vor wenigen Jahren aus dem Iran nach Deutschland geflohen ist: „Ich lache, weil ich merke, dass es euch gefällt. Ich lache immer, auch wenn ich eigentlich nicht lachen möchte. Aber ich sehe gerne lachende Menschen, also lache ich.“

Ein berührender, mutiger Abend, der nicht zuletzt demonstriert, wie zusammen gehandelt werden könnte. Für einen echten Austausch, für Begegnungen auf Augenhöhe genügt dafür ein leerer Raum, in dem sich Individuen in ihrer diversen Einzigartigkeit so zeigen können wie sie sind und dabei gehört werden.

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erstellt am 14.11.2019

„Heidi in Frankfurt“ Foto: Felix Grünschloß

Theater

Heidi in Frankfurt – Ein Integrationstheater

Inklusives Jugendperformanceprojekt ab 14 Jahren

Konzept und Regie: Martina Droste, Choreografie: Aleksandra Maria Ścibor, Bühne und Kostüm: Michaela Kratzer, Konzeptberatung und Dramaturgie: Saba-Nur Cheema, Musik: Ole Schmidt

Mit: Sven Beck, Luka Buchele, Tara El Zaher, Schlomo Ettling, Carlotta Gemünd, Tina Herchenröther, Can Hormann, Milad Nazari, Annika Neebe, Rezvan Rezai, Sofia Troplini, Rhoda Zündorf

Schauspiel Frankfurt