Liebe Leserinnen und Leser! Unabhängigkeit und Nachhaltigkeit sowie Archivfunktionen kosten Geld. Damit www.faustkultur.de, eines der wenigen Qualitäts-Portale im Netz, weiterhin eine »Kultur-Oase« bleibt, können Sie uns unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


Der Techno-DJ und Musiker Jeff Mills ist kein typischer Vertreter seines Genres. Er nimmt Einflüsse aus Jazz und Klassik auf und verfolgt auf mehreren Alben ein Konzept, das sich mit dem Kosmos und Erfahrungen im Weltraum auseinandersetzt. Dominik Irtenkauf stellt Mills vor.

Jeff Mills

Elektronische Musik im Weltall

Jeff Mills, Foto: Coup d'Oreille [CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)]
Jeff Mills, Foto: Coup d'Oreille / Wikimedia Commons

Jeff Mills gründete Ende der achtziger Jahre in Detroit das Label Underground Resistance, auf dem er für die Stilrichtung „Detroit Techno“ bahnbrechende Veröffentlichungen publizierte. Später zog er nach New York, gründete 1991 seine eigene Plattenfirma Axis Records und brachte auch Soloplatten raus.

Mills‘ Schaffen beschränkt sich nicht auf Techno, denn er verfolgt ein umfassenderes Konzept: Inspiriert von Ideen des Afrofuturismus bringt er zudem Einflüsse aus Jazz und Klassik in seine Musik ein. Der Afrofuturismus ist eine kunstübergreifende Bewegung, die sich seit den 1960ern in Form von Science Fiction und ästhetischen Manifesten der Frage nach der Zukunft afrikanischer und afroamerikanischer Kultur in einer kosmischen Expansion fragt. Es sensibilisiert zudem für die irdischen Verhältnisse. Sollte es zumindest.

Jeff Mills vertonte kürzlich den Fritz-Lang-Film „Frau im Mond“. Hierfür ist er sehr geeignet, weil sich verschiedene Verknüpfungen fokussieren: Mills brachte dieses Jahr sein Album „Moon: The Area Of Influence“ heraus – ein Konzeptalbum, das sich bereits akustisch und thematisch mit der Mondlandung auseinandersetzt. Fünfzig Jahre nach der erfolgten Mondlandung durch die Amerikaner zeigten die UFA-Filmnächte in Berlin im August den Film „Frau im Mond“ aus dem Jahre 1929. Vierzig Jahre vor der Mondlandung entwirft Lang eine Science-Fiction-Erzählung für die Leinwand. Er wird vom Raketenpionier Hermann Oberth beraten, dem Lehrer des späteren „Vaters der Mondlandung“ Wernher von Braun.

Die Kombination von Stummfilm und Live-Soundtrack ist eine in den letzten Jahren immer beliebter gewordene Darstellungsform dieser frühen Film-Kunstwerke. Der besondere Reiz dieser Filmnacht liegt im zeitlichen Abstand zwischen Mills und Lang. Entgegen der zeitgemäßen Orchestrierung oder entsprechender Orgel- oder Klavierkomposition liefert der Techno-DJ Beats, Loops und auf eine andere Art und Weise untermalende Musik, die man ganz allgemein als „smooth“ bezeichnen könnte.

Die Musik fließt

Smooth kann man aus dem Englischen mit flüssig, glatt, reibungslos, aber auch mit locker und lässig übersetzen. Das Adjektiv besitzt ähnlich wie die Vokabel „cool“ im Jazz ein weitreichendes Bedeutungsfeld. Mills konzentriert sich bei diesem Soundtrack nicht zwingend an den Szenen, sondern interessiert sich mehr für den Fluss, der den Film als parallele Struktur begleiten kann. Wenn also im Stummfilm der leicht verwirrt wirkende Professor Angst hat, dass seine Pläne zur Mondreise gestohlen werden könnten, lässt sich Mills mit seinen Sounds nicht 1:1 darauf ein. Er erzählt in größeren Abschnitten. Das verhindert ein naives Paraphrasieren der Leinwandhandlung, etwa so, wie kommerzielle Blockbuster orchestriert werden. In einer Actionszene kommt schnelles Tempo, möglicherweise harte E-Gitarren, verzerrte Klänge zur Geltung und in romantischen Szenen Streicher und leise Klaviertöne. Bei traurigen Szenen – man kann sich bereits ausmalen, wie der Soundtrack da klingen wird.

Mills emanzipiert sich vom Film und achtet doch mit dem Fluss seiner elektronischen Musik auf die Handlung.

Mills’ Interesse für Science Fiction ist durch mehrere Platten und vor allem auch durch eine Radiosendung belegt. In der Sendung widmet er sich verschiedenen Aspekten der Erforschung des Kosmos: das Rätsel der Schwarzen Löcher wird angesprochen, auch die Rolle der Dunklen Materie im All. Wer Mills nicht bereits durch seine Tätigkeit in der elektronischen Musik kennt und schätzt, wird durch diese intelligent arrangierten Radiosendungen auf ihn aufmerksam, wenn die Sprache auf die Astropoetik kommt.

Mills nähert sich dem Outer Space als Stoff, der sich auch besonders für eine musikalische Bearbeitung anbietet. Die Weite, Kälte, Schwärze, Einsamkeit des Kosmos wandelt Mills in seinen Tracks teilweise beträchtlich um: Auf dem Album „The Rings Of Saturn“ etwa hinterlassen die Tracks eine gehobene Stimmung. Das mag von Mills‘ Zugang zu elektronischer Musik herrühren: Wenn er auch für Techno wichtige Weichen stellte, so bewegt sich Mills ganz ähnlich seines Konzepts am liebsten im Raumschiff. Er hält sich nicht an Grenzen des Genres auf. Er schwebt subtil durch seine Songs – fliegt am Erdenmond, am Saturn vorbei und plant, das Sonnensystem zu verlassen, um nicht nur akustisch zu den kosmischen Rätseln vorzustoßen. Insofern realisiert Mills eine Astropoetik im Sound, als er mit diversen Mitteln versucht, den Kosmos und vor allem die Stellung des Menschen in ihm zu erzählen.

Die Musik ist fiktional

Mills verbindet mit den Songs nicht allein astronomische, naturwissenschaftliche Erkundungen. Er ist dem Afrofuturismus verbunden, einer visionären, auch utopischen Bewegung in den Künsten, die die Rolle Afrikas und der afro-amerikanischen Diaspora in der Raumfahrt und Forschung thematisiert. Bislang findet die Erschließung des Universums in Afrika nur marginal statt. Der Afrofuturismus birgt daher immer auch eine Utopie, dass sich das verändert. Häufig im eigenen ästhetischen Kosmos.

Mills arbeitet sich realistisch an einem schwer fassbaren Thema ab: Raum und Zeit jenseits der Erdatmosphäre. Sicher ist Mills Musik fiktional, weil es im Weltall aufgrund der fehlenden Atmosphäre keine für Menschen wahrnehmbare Geräusche gibt. Doch gemäß der Science Fiction setzt sich Mills mit Wissenschaft auseinander und schafft so eine allgemein verständliche Grundlage für seine Musik. Mills ist mit jedem seiner Alben gewachsen und es scheint, als ob er die Weltraummusik als kreativ offene Beschäftigung komponiert.

Jeff Mills könnte eine Figur des Science-Fiction-Romans „Sphärenklänge“ (im Original: „The Memory of Whiteness”) des US-amerikanischen Autors Kim Stanley Robinson sein. In dem Roman begibt sich Jonathan Wright, der preisgekrönte Musiker des Jahres 3229, auf eine Tour durch das Sonnensystem. Er spielt unter anderem auf dem Pluto, auch auf Uranus. Die Menschheit hat sich längst im Sonnensystem ausgebreitet. Durch die Entfernung vom Heimatplaneten Erde haben manche dieser Planetenbevölkerungen seltsame Angewohnheiten angenommen. Wright erreicht jedoch diese Menschen.

Mills könnte einige der orchestralen Stücke von Wright aufgreifen und daraus einen neuen elektronischen Song basteln. Ein kosmisches Techno-Stück, das jedoch die irdischen Verhältnisse dieses Genres hinter sich lässt und zu den Sternen aufbricht. Wer kann schon sagen, wie diese Stücke klingen werden? Die Musik von Jeff Mills wirft erste Schlaglichter auf eine solche astropoetische Komposition.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 07.11.2019

Jeff Mills, Artwork © Jeff Mills
Jeff Mills, Artwork © Jeff Mills

Jeff Mills
Moon (The Area Of Influence)
Axis Records/News Distribution, 2019

CD bestellen

Jeff Mills
Sight Sound And Space
Boxset, 3 CD
Axis Records 2019

CD-Box bestellen