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Lee Krasner (1908-1984) schuf ein umfangreiches und vielgestaltiges malerisches Werk. In Europa ist sie bis heute kaum bekannt. Die Schirn Kunsthalle Frankfurt zeigt jetzt eine Retrospektive mit über 60 Werken Krasners. Eugen El nimmt sie zum Anlass, um die Künstlerin vorzustellen.

Lee Krasner

Leben und malen

Der Text ist zuerst in der Wochenzeitung Jüdische Allgemeine erschienen.

Lee Krasner, Self-Portrait, ca. 1928, The Jewish Museum, New York. © Pollock-Krasner Foundation/VG Bild-Kunst, Bonn 2019. Courtesy the Jewish Museum, New York
Lee Krasner, Selbstporträt, ca. 1928

Die junge Künstlerin blickt entschlossen. Lee Krasner ist 19 Jahre alt, als sie im Sommer 1928 ein Selbstporträt malt, das sie vor der Staffelei im Garten des elterlichen Wohnhauses zeigt. Krasner steht da erst am Beginn ihrer fünf Dekaden umspannenden künstlerischen Laufbahn. 1908 wurde sie als Lena Krassner in Brooklyn, New York geboren. Ihre Eltern stammen aus einem Schtetl nahe Odessa im Russischen Kaiserreich (heute Ukraine). Krasner wächst mit der jüdischen Tradition auf, geht bewusst in die Synagoge. „Ich war fromm. Ich habe gehorcht“, erinnert sie sich später. 1922 bricht Krasner, die inzwischen Lenore heißt, mit der Religion. Einige Jahre später wird die Kunststudentin von ihren Kommilitonen „Lee“ genannt.

Zwischen 1929 und 1933 entstehen weitere Selbstporträts. Neben Aktzeichnungen aus der Studienzeit gehören diese zu den wenigen gegenständlichen Arbeiten, die in der Lee-Krasner-Retrospektive in der Schirn Kunsthalle Frankfurt zu sehen sind. Die bundesweit erste Überblickausstellung umfasst über 60 Werke Krasners aus allen Schaffensphasen. Sie wurde zuvor in London gezeigt und wird anschließend nach Bern und Bilbao wandern.

Spätestens in den Vierzigerjahren löst sich Krasner von der Gegenständlichkeit. Auch später wird sie immer wieder Stil und Handschrift wechseln. Die Entwicklung von der Figuration zur Abstraktion haben auch Krasners Kollegen wie Mark Rothko und Jackson Pollock beschritten. Dieser Weg führte zum Abstrakten Expressionismus. Pollock und Krasner treffen sich 1942 in einer gemeinsamen Ausstellung. „Ich verliebte mich in ihn – körperlich, geistig – in jeder Beziehung des Wortes“, schildert sie später. 1945 heiraten die beiden Künstler und beziehen ein Bauernhaus in Springs, Long Island.

Sie beeinflussen sich gegenseitig, doch der künstlerische Ruhm steht vor allem Pollock zu. Krasner steht im Schatten ihres berühmten Ehemannes. „Ich habe vor Pollock, während Pollock, nach Pollock gemalt“, muss sie einmal klarstellen. In den Vierzigern entstehen Krasners „Little Images“. Die kleinformatigen, abstrakten Gemälde lassen an Mosaiken denken. Sie wirken mitunter zaghaft. 1956 stirbt Jackson Pollock bei einem Autounfall. Seine Geliebte, die ebenfalls im Auto sitzt, überlebt schwer verletzt. Krasner indes wird zu Pollocks Nachlassverwalterin und übernimmt sein großzügiges Atelier in Springs. Auf die Frage, wie sie trotz ihrer Trauer arbeiten könne, antwortet die Künstlerin: „Die Malerei lässt sich nicht vom Leben trennen.“ Sie wolle leben – und malen.

Lee Krasner, Combat, 1965, National Gallery of Victoria, Melbourne. © VG Bild-Kunst Bonn, 2018 & The Pollock-Krasner Foundation/ ARS, New York. Licensed by Copyright Agency, 2018

Als 1959 auch ihre Mutter stirbt, gerät Krasner in eine tiefe Depression. Ein Jahr später vollendet sie, wegen ihrer damaligen Schlaflosigkeit nachts, das große Querformat „The Eye is the First Circle“. Die schiere Wucht von Krasners Pinselgesten ist in Frankfurt körperlich erfahrbar. Das Bild zählt zu den Höhepunkten der Ausstellung. Ein weiteres Glanzstück ist das abstrakte Gemälde „Combat“ aus dem Jahr 1965. Es strahlt in Magenta und Orange, strotzt vor Dynamik und Schwung.

In den Sechzigern entwickelt Krasner ihre Malweise weiter. Einige abstrakt-expressionistische Bilder aus dieser Zeit drohen ins Gefällige zu kippen. In den Siebzigern beginnt sie, strenge Farbflächenkompositionen zu malen. Die Eröffnung ihrer Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) im Dezember 1984 erlebt Krasner nicht mehr. Sie stirbt sechs Monate zuvor. Krasner wird in Springs neben Jackson Pollock bestattet. Im Juni 1985, ein Jahr nach ihrem Tod, wird nach jüdischer Tradition Krasners Grabstein enthüllt.

„Ich möchte, dass ein Gemälde atmet und lebendig ist“, sagte Lee Krasner einmal. Sie fasste das als Ansporn auf: „Wollen wir mal sehen, ob ich es schaffe.“ In Frankfurt lässt sich gerade eindrücklich erfahren, dass ihr das gelungen ist.

Video: Ausschnitte aus Interviews mit Lee Krasner

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erstellt am 06.11.2019

Lee Krasner, Springs, NY, 1972 © The Irving Penn Foundation, Foto: Irving Penn

Lee Krasner, fotografiert von Irving Penn (1972)
© The Irving Penn Foundation

Ausstellung in Frankfurt

Lee Krasner

Bis 12. Januar 2020

Schirn Kunsthalle Frankfurt

Lee Krasner, Shattered Color, 1947, Guild Hall Museum, East Hampton, Long Island © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 & The Pollock-Krasner Foundation. Photo credit: Gary Mamay