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30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer scheint es eine neue Spaltung zwischen Ost und West zu geben – in Deutschland und der EU. Bei den 47. Römerberggesprächen im Frankfurter Schauspielhaus suchten Wissenschaftler und Publizisten nach Ursachen für die gegenwärtige Situation und nach Möglichkeiten für einen neuen Aufbruch im Geist von 1989. Andrea Pollmeier hat die Veranstaltung besucht.

Römerberggespräche 2019

Dreißig Jahre Einheitserfahrung

Die Schockwellen der Landtagswahl-Ergebnisse im Osten Deutschlands haben die Römerberggespräche verändert. Erstmals standen am Mikrofon vor allem Redner, die selbst ostdeutsch oder -europäisch geprägt waren. Sogar in der Sprache der Wissenschaft wurde jetzt fühlbar, was sich nach der Wende an der Seelenlage der Menschen in Ost und West verändert hat. Denn eines ist inzwischen, dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung, klar: Das Zusammenwachsen behindern nicht primär materielle Differenzen.

Viele Illusionen gilt es, auf beiden Seiten der einstigen Grenze über Bord zu werfen. Zum Beispiel, dass es seit 1989 eine Solidarität unter Gleichen gab. Der in München lehrende Wissenschaftler Stephan Lessenich widerspricht aus soziologischer Sicht engagiert dieser These und erinnert daran, dass man stets von 17 Millionen Schwestern und Brüdern sprach. Damit habe man suggeriert, „gleicher kann man sich nicht sein, jenseits des Klonens“.

Dreißig Jahre Einheitserfahrung strafen dieses Geschwister-Bild eindeutig Lügen. Von Anfang an habe es bedingt durch die Asymmetrie der Wirtschaftskraft, so Lessenich, einen westdeutschen Überlegenheitshabitus gegeben. Wer in Ostdeutschland arbeitete, erhielt, so sagte man flapsig, eine „Buschzulage“. Das koloniale Bild mache deutlich, wie historisch tief diese Haltung noch bis heute in den Köpfen verankert sei.

Zum Überlegenheitshabitus der Westdeutschen gehört jedoch auch das Gegenbild, der Opfermythos ostdeutscher Bürger. Sie wirken wie zwei Seiten einer einzigen Medaille, beiden dürfe man nicht, so der Erfurter Historiker Patrice G. Poutrus, weiter Nahrung geben. 

Eindrucksvoll detailreich gibt Steffen Mau, in seinen Recherchen zum Thema „Die gebrochene Gesellschaft – Ressentiments und Systemskepsis in Ostdeutschland“, ein Bild von der Welt, in der er selbst aufgewachsen ist. Gleichsam „über Nacht“ sei man in ein völlig verändertes gesellschaftliches Umfeld gewechselt, erinnert der an der Humboldt-Universität in Berlin lehrende Makrosoziologe. Niemand musste für diesen existenziellen Wechsel Heim und Hof verlassen.

Rückblickend wurde in dieser Phase verpasst, beide Systeme schrittweise aufeinander zuzuführen. Risiken und Nebenwirkungen sollten, so Mau, vermieden werden. Öffentlich geäußerter Protest wurde ins Abseits gedrängt. Die Übernahme des westlichen Systems galt als alternativlos. Mit dem geschickt umformulierten Kampagnenslogan „Wir sind ein Volk“ setzte sich die CDU als Partei im politischen System durch, so dass in der letzten Volkskammerwahl 1990 ausgerechnet die Bürgerrechtsbewegung massiv abstürzte.

Ohne einen Verfassungskonvent zu fordern, stimmten die Ostdeutschen 1990 der Einigung mit übergroßer Mehrheit zu und verspielten, so Mau, ihre Mitwirkungsmöglichkeiten. Alles wurde eins zu eins übernommen, es gab nur wenige Übergangsregelungen. Mau fragt heute, ob es die Option einer Verfassungsdiskussion gegeben hätte. „Wir wissen aus allen Forschungen zur Verfassungsgebung, dass nicht das, was in der Verfassung am Ende steht, Ausschlag gebend dafür ist, ob Menschen sich daran gebunden fühlen, sondern der Prozess der Verfassungsgebung.“ Die Diskussion darüber ist genauso wichtig wie ihr Inhalt, um eine kollektive Bindung zu erzeugen.
 
Die Art, wie der Einheitsprozess durchgeführt wurde, hat zu tiefgreifender Frustration und einer Art „Duldungsstarre“ bei den Menschen geführt. Nach einem kurzen Moment der Euphorie, in dem man sich als politisch handlungsfähiges Subjekt entdeckt hatte, wurde man wieder passiv, bedrängt durch Existenzkämpfe, ein Ost-West-Pendlerleben oder Arbeitslosigkeit. Das Narrativ, die Ostdeutschen seien über den Tisch gezogen worden, ohne Chance auf eine eigene Stimme, hält sich seitdem hartnäckig. Jana Hensels Buch „Warum alles anders bleibt“, aus dem die Autorin vorträgt, beschreibt diese Innensicht in subtilen Bildern.
 
Statt Partizipation und Austausch auf Augenhöhe, folgte nach 1989, so der osteuropäische Politikwissenschaftler Ivan Krastev, ein Zeitalter der Imitation. Denn auch andere osteuropäische Staaten sahen im Westen das einzig richtige Modell, man schien gezwungen, das System zu imitieren. Der Nachahmungsimperativ wurde dem Osten jedoch zum Verhängnis. Es entstanden Gefühle der Unzulänglichkeit, Minderwertigkeit und der Verlust der eigenen Identität.

Doch inzwischen hat auch der Westen sich verändert. Er wirkt nicht mehr wie ein monolithischer Block. Thomas Biebricher, Politikwissenschaftler am Forschungsverbund des Exzellenzcluster Normative Orders, blickt auf die Veränderungen, die sich im konservativen Parteienlager entwickelt haben. Er spricht von zwei Traditionslinien, der eher staatstragenden Christdemokratie und dem revolutionär ausgerichteten Konservatismus, welcher als Gegenbewegung zur Französischen Revolution entstanden ist und, so Biebricher, bis heute stark von Feindbildern abhängig sei. Nach 1989 habe sich die zweite Traditionslinie verstärkt, man forderte, wie beispielsweise Botho Strauss (Anschwellender Bocksgesang, 1993) ein neues nationales Selbstbewusstsein.

Der Wandel der Gesellschaft zeigt sich auch am Beispiel der Diskussion um die Zuwanderung. Die jeweilige Haltung zur Migration ist eine Art Seismograph für den Demokratisierungsgrad einer Gesellschaft, meint Politikwissenschaftlerin Manuela Bojadžijev, die über „Gefährliche Konjunkturen. Der Osten, Migration und ein Verständnis von Ausgrenzung und Zugehörigkeit“ spricht. Rassismus habe die Funktion, durch konstruierte Zuschreibungen eine Gesellschaft zu spalten, erklärt die Professorin für Globalisierte Kulturen an der Leuphana Universität Lüneburg. Es gelte, sich vor allem denen zuzuwenden, die keine Rassisten sind und das Existenz-Reaktions-Schema als ein falsches Erklärungsbild zu enttarnen. Denn gerade dort, wo wenig divergierende Gruppen leben, sei die Ablehnung gegenüber Zuwanderern besonders ausgeprägt.

Die 47. Römerberggespräche zeigen deutlich, wie wichtig es ist, die Zeit der Zusammenführung von Ost und West zu analysieren. Eine Leerstelle blieb die Betrachtung aus ökonomischer Perspektive. Das wäre wohl einen eigenen Schwerpunkt wert.

Die Römerbergespräche fanden am 2. November 2019 im Chagallsaal des Schauspiel Frankfurt zum Thema „30 Jahre nach bem Mauerfall. Mehr Aufbruch wagen!“ statt. Moderation: Hadija Haruna-Oelker und Uwe Berndt

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erstellt am 05.11.2019

Römerberggespräche 2019
Römerberggespräche 2019