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Tex Rubinowitz ist Zeichner, Maler, Journalist und Schriftsteller. Er wurde in Hannover geboren, wuchs in Lüneburg auf und lebt seit 1984 in Wien. 2014 erhielt er den Ingeborg-Bachmann-Preis. Im Gespräch mit Elvira M. Gross gibt er über sein künstlerisches Selbstverständnis Auskunft.

Tex Rubinowitz im Gespräch mit Elvira M. Gross

»Es bin alles immer ich, es gibt keine Vorbilder …«

Elvira M. Gross: Herr Rubinowitz, wie waren Sie als Kind?

Tex Rubinowitz: Meine Wahrnehmung wie ich als Kind gewesen bin, speist sich ausschließlich aus den Informationen, die mir meine Mutter später erzählt hat, selbst weiß ich nicht mehr viel, weil wir so oft umgezogen sind, da ist wohl auch mit jedem Kapitel etwas abgeschlossen worden, um mit etwas Neuem zu beginnen usw. Ich könnte jetzt sagen, ich sei vereinsamt gewesen, aber das sind Mutmaßungen, die müssen nicht stimmen, ich weiß nicht mal, was ich für eine Beziehung zu meiner zwei Jahre jüngeren Schwester hatte. Meine Mutter betont immer, dass ich ein sehr fröhliches Kind war, viel gelacht hätte, arglos gegen alles war und neugierig, alle Türen öffnete, allen Hunden an den wedelnden Schwanz greifen musste, egal, wie groß die waren, und dass die Hunde wohl instinktiv gespürt haben, das Kind ist arglos, das ist ein Reflex der Freundlichkeit. Vielleicht endete diese arglose Kindheit mit sechs, als ich Keuchhusten hatte und für sechs Wochen auf eine Nordseeinsel „verschickt“ (so nannte man das) wurde, wo das Reizklima meine kranken Lungen beleben sollte, in ein Kindersanatorium mit großen Schlafsälen, in denen die Kinder die Nächte durchhusteten, -kotzten und -weinten, und dann später, wieder entfremdet daheim, im Wald von einem Mann missbraucht wurde, ganz sicher bin ich, dass nun eine Phase der Vereinsamung begann, ein schüchterner Außenseiter, der sich in Comicwelten verkroch und das Außen nur wie durch Watte mitbekam; aufgebrochen wurde das durch den Schwimmverein und Pfadfinder, also Körper erkennen und benutzen (zumindest zum Schwimmen), und die Natur, im Zelt schlafen, Feuer machen … als Alternative zur komplett verstörenden Pubertät, der Anfang vom Ende der Kindheit, der Schule und der Eltern.

Waren Ihre persönlichen Erlebnisse ein Motor für Ihre künstlerische Arbeit? Haben Sie schon als Kind gezeichnet?

Nein, Motor zum Zeichnen gab und gibt es nicht, das Zeichnen passiert und passierte immer nicht zielgerichtet, wie in Trance, in der Schule war ich wie in Trance, also nichts mitbekommen, sediert, und das Zeichnen war vielleicht eine Art Gegen-Trance, Subtrance, Schule war zu groß, zu viel Informationen, alles zu schnell, zu viele Kinder (45!), man konnte zu leicht abtauchen. Sanatorium und Missbrauch waren zu gewalttätig, da war ich dann in einer anderen Art Trance, zu sehr damit beschäftigt, NICHT da zu sein, das war kein Motor für irgendwas Kreatives …

Wie würden Sie den Ort beschreiben, in den Sie abgetaucht sind und in dem Sie kreativ sein konnten?

Das waren ja innere Orte, Rückzugsgebiete, Leuchttürme vielleicht, immer einsam, weit weg von allem, in Fix & Foxi, meinem Lieblingscomic (künstlerisch wertlos), gab‘s einen Protagonisten namens Lupo, der lebte in einem Turm, ganz oben, es gab kaum Möbel, nur eine Truhe, und wenn er ratlos war, ging er zur Truhe und fand dann immer ein brauchbares Gerümpel, Lupo würde man als verwahrlost, liebenswürdig, arglos, als Messie vielleicht bezeichnen, oder Huckleberry Finn, der lebte in einer Tonne, brauchte nichts … das waren so die Orte. Nicht ohne Grund bin ich dann, als ich mit sechzehn von der Schule geflogen bin, mit einem Freund tatsächlich in so eine Art Turm gezogen und hab sowas nachgestellt, wie Lupo und Huck Finn lebten, keine Ordnung, frei sein, in einem Turm sein.

Zeichnung von Tex Rubinowitz

Zeichnung von Tex Rubinowitz

Sie haben neben dem Schreiben und Zeichnen ja auch Musik gemacht und als Schauspieler gearbeitet. Ist es dieses Ungebundene, Freie, das dazu führt, dass Dinge einem widerfahren, passieren?

Vielleicht, weil ich ja immer frei war, neugierig sowieso, und weil ich nie Angst hatte und habe, und das kann sich sicher übertragen auf andere, dass sie merken, okay, wir probieren das mal aus mit dem, alles diffundiert in alles, alles ist permeabel, weil ich bei all diesen Disziplinen auch keinen Perfektionsanspruch habe. Es bin alles immer ich, es gibt keine Vorbilder – allenfalls bei der Musik, aber dann merkt man bald, dass Epigonales schnell durchschaubar ist –, und ein immer wiederkehrendes Muster ist, dass Zwang bei mir zu Trotz führt bzw. zur Flucht, und in der Flucht mitunter etwas ganz anderes entsteht, als eine Art Übersprungshandlung.

Ist zu zeichnen für Sie auch ‚entdecken‘? Oder eher das Schreiben? Beziehen Sie dabei Ihre persönlichen Erlebnisse mit ein?

Ja, zeichnen und schreiben, sogar singen und schreien auf der Bühne ist entdecken, weil ich ja alles wie in Trance mache, ohne Plan, ohne Punkt, ohne Absätze, ohne Luftholen, das ist toll, WENN es klappt, dann entsteht etwas Magisches. Alles, was ich bin, und was unter meinem Ich ist, fließt ein und sucht sich an den Außenrändern Anknüpfungspunkte, in Irma ist fast alles Ich, in Lass mich nicht allein mit ihr ist fast alles Wunsch, Fantasie, Parallelleben.

Zeichnung von Tex Rubinowitz

Zeichnung von Tex Rubinowitz

Wie war das für Sie, als Sie den Ingeborg-Bachmann-Preis bekommen haben?

Ich hab schon lange eine Formel, ich nennen sie die SDGA-Formel, mit der kann ich mich vor allzu großer Enttäuschung immunisieren, sie beinhaltet aber auch, sich nicht allzu sehr zu freuen, SDGA heißt „sich den Gegebenheiten anpassen“, ein bisschen fatalistischer Pragmatismus, auch hier wieder ein bisschen wie in Trance, so hab ich das beim Auftritt gehandhabt, also ganz ruhig, nicht nervös gewesen, entspannt, so war das dann auch bei der Preisvergabe, auch realistisch zu bleiben, das Leben geht ja weiter, Preise werden weiter vergeben, man muss weiterschreiben, weitermachen, Geld spielt dann überhaupt keine Rolle, Ehre auch nicht, zumal ich ja schon zehn Jahre mit Freunden dort war, vier davon haben dort auch in der Zeit gelesen und Preise bekommen (Wolfgang Herrndorf, Natalie Balkow, Kathrin Passig, Aleks Scholz), ich war also vorbereitet, es war für mich die Atmosphäre nicht unbekannt. Ich hab ein Wettschwimmen organisiert, ein Quiz gemacht, ich hab jeden Tag für die Kleine Zeitung eine aktuelle Zeichnung abliefern müssen, ich hab Platten aufgelegt, also war das Lesen fast schon sowas wie eine Nebenbeschäftigung, und natürlich ein Privileg, und diese Mischung, SDGA, Assimilation, andere Beschäftigungen führten zu einer relativen Entspanntheit insgesamt.

Sie sind ein unglaublich vielseitiger Mensch … Was ist Ihre liebste Nebenbeschäftigung, um nicht altmodisch zu fragen: Haben Sie auch ein Hobby?

Hobby ist so ein abgestandenes Wort, ich weiß auch gar nicht, was das alles sein kann oder könnte, ich mache gerne Sport, Laufen und Schwimmen, weil das so stumpfsinnig ist, ich schaue gerne stumpfsinnig Fernsehen, das läuft so nebenbei, wie ein Geräusch oder ein Haustier, ich sticke gerne mit der Nähmaschine, ich nähe wirklich gerne mit der Maschine, ich sammle und kaufe manisch vollkommen anachronistisch alte Doo-Wop-Singles, ich mag interessanterweise auch aktuell meine Windpocken, aber das klingt ein bisschen makaber, auch Krankheiten, also meine Dupuytrenschen Kontrakturen, vielleicht kann ich das auch nur sagen, weil ich ja gesund bin, ich kann mich begeistern, ich bin empathisch, Empathie als Hobby, klingt auch wieder komisch, Windpocken und Nähmaschinen …

Das Gespräch führte Elvira M. Gross

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erstellt am 01.11.2019

Tex Rubinowitz (2014), Foto: manfred.sause@volloeko.de [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)]

Tex Rubinowitz (2014) Foto: manfred.sause@volloeko.de [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)]

Zuletzt erschienen:

Tex Rubinowitz
Lass mich nicht allein mit ihr
Roman
Taschenbuch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-499-29059-6
Rowohlt Verlag, 2018

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