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Männer tauchen hier nur als Statisten auf: Die französische Regisseurin Céline Sciamma erzählt in „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ von (körperlicher) Liebe zwischen zwei Frauen in einer Zeit, in der man ihnen wenig mehr als Heiraten und Kinderkriegen zutraute. Jens Balkenborg hat den Film gesehen.

Film

Freie Liebe um 1770

Flammen begleiten uns durch Céline Sciammas gesamten Film. Als Wärme- und Lichtquelle flackern sie durch die dunklen Gemächer des Anwesens auf jener einsamen Insel, auf die die Pariser Malerin Marianne (Noémie Merlant) eingeladen wird. Etwa wenn sie sich nackt vor dem Kamin eine Pfeife anzündet, während ihre nassen Mal-Utensilien nach der Anreise trocknen. Vor allem aber geht es um das Lodern der Leidenschaft, versinnbildlicht etwa auf einem von Marianne gemalten Bild, auf dem eine Frau, deren Kleid am unteren Saum brennt, vor dem Nachthimmel steht. Der Film wird zeigen, wie Marianne diese Szene erlebt, die weit über den Moment hinausgeht.

Es ist das Jahr 1770; Marianne soll ein Gemälde von Héloïse (Adèle Haenel) anfertigen. Heimlich, denn die junge Adelige ist frisch aus der Klosterschule zurück und protestiert gegen die von der Mutter (Valeria Golino) arrangierte Ehe, für die das Bild gedacht ist. Marianne bleibt nichts anderes übrig, als sich ihr Werk aus den Eindrücken von den täglichen Spaziergängen, die sie mit Héloïse unternimmt, zusammenzuassoziieren. Der Vorgänger ist gescheitert, sein Porträt-Versuch steht unvollendet in Mariannes Gemach: ein weiblicher Körper in pompösem grünen Kleid, dem der Kopf fehlt, eine Frau ohne Eigenschaften.

Die französische Regisseurin Céline Sciamma erzählte in „Tomboy“ von einem Mädchen, das sich als Junge ausgibt, und in „Bande de filles“ vom Mädchenalltag in einer Pariser Banlieue. Beide Filme speisten sich aus einem großen Feingefühl und kamen ohne jede Aufgesetztheit aus.

Das gilt für „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ umso mehr; Männer tauchen hier nur am Anfang und am Ende als Statisten auf. Ansonsten widmet sich dieser unglaublich ruhige und aufmerksame Film in kammerspielartigen Settings, die gelegentlich von Spaziergängen an der rauen Küste abgelöst werden, vor allem dem weiblichen Blick. Mariannes schwierige Aufgabe ist der Anlass für eine Reflexion über die Wahrnehmung: Wie sieht die Malerin die trotzige Adelige, die sie ohne deren Wissen auf ein Bild bannen soll?

Wenn das Bildmedium Film von der Bildwerdung und vom Verhältnis zwischen Künstlerin und „Objekt“ erzählt, dann ist das immer selbstreferentiell zu verstehen. So auch in „Porträt einer jungen Frau in Flammen“, der in dieser und jeder anderen Hinsicht allerdings angenehm unaufgeregt bleibt. Mit meditativen Bildern folgt Kamerafrau Claire Mathon Marianne, lässt uns zwischendurch immer wieder durch ihre Augen auf Héloïse blicken. Die macht es der Malerin erst schwer, lässt sie kaum einen Blick auf ihr Gesicht erhaschen. Gleich bei der ersten Begegnung sehen wir sie aus Mariannes Perspektive von hinten auf eine Klippe zurennen und erst im letzten Moment anhalten. Die Schwester der Adligen, so weiß das Hausmädchen Sophie (Luàna Bajrami) zu berichten, ist in den Tod gesprungen.

Sciammas Film ist zweigeteilt: Zunächst geht es um das Konkrete, um die ästhetische Transformation dessen, was Marianne sieht. Manifest wird das in ihrem ersten Porträt, einem sicherlich gelungenen Abbild des unfreiwilligen Modells. Als Héloïse allerdings das Bild sieht und in Kunstkritiker-Manier als gefühlsarme Darstellung abtut, verwischt Marianne wütend das gezeichnete Gesicht. Mit dem Angebot der Adeligen, nun doch Modell zu sitzen, kommen die beiden Frauen sich und ihren Gefühlen füreinander näher. Der Blick des Films wechselt vom Äußeren zum Inneren.

„Porträt einer jungen Frau in Flammen“ erzählt die Geschichte weiblicher Emanzipation: Die (körperliche) Liebe zwischen zwei Frauen in einer Epoche, in der man Frauen wenig mehr als Heiraten und Kinderkriegen zutraut. Natürlich passt Sciammas Film damit perfekt auch in unsere Zeit, in der immer noch für Gleichstellung, für freie Liebe und Diversität gekämpft wird. Nur – und das macht diesen großen kleinen Film noch ein Stück größer: Sciamma stellt diese Themen nicht penetrant nach vorne, sondern sie konzentriert sich ganz auf ihre zwei Hauptfiguren und das Hausmädchen, die Dritte im Kammerspiel-Bunde. Noémie Merlant, Adèle Haenel und Luàna Bajrami spielen alle drei fantastisch: Mit feinen mimischen Nuancen erzählen sie ganze Geschichten.

Der filmische Blick bleibt zurückhaltend und konkret zugleich: Auch wenn wir die Frauen nackt sehen, werden sie nicht zu Objekten degradiert, Sexszenen werden angedeutet, nicht ausformuliert. Der Vorwurf voyeurismusfreundlicher Nacktheit, den sich etwa Abdellatif Kechiche für die ausgiebigen Sexszenen in seinem „Blau ist eine warme Farbe“ gefallen lassen musste, wird bei Sciamma gar nicht erst aufkommen. Ihr Film ist so etwas wie die lesbische Antwort auf Luca Guadagninos wunderbare luftige schwule Romanze „Call Me by Your Name“. Hier wie dort steht ein ruhiger, langsam anschwellender Fluss der Leidenschaft, ein Herantasten voller Blicke und Gesten. Und hier wie dort ist klar, dass die Liebe einen begrenzten zeitlichen Rahmen hat.

Gegen Ende von Sciammas Film wird das fertige Porträt für den Transport zum zukünftigen Gatten in einen Holzkasten eingehämmert. Ein trauriges Bild, das hängen bleibt. Umso mehr, wenn der Film uns daraufhin in einem kurzen Moment zeigt, dass die Flammen auch Jahre später nicht erloschen sind.

Filmtrailer: „Porträt einer jungen Frau in Flammen“

Der Text ist in der Wochenzeitung der Freitag erschienen.

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erstellt am 31.10.2019

Filmplakat „Porträt einer jungen Frau in Flammen“

Filmplakat „Porträt einer jungen Frau in Flammen“