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Erik Fosnes Hansens Roman „Ein Hummerleben“ erzählt aus der Sicht eines Jugendlichen vom Niedergang eines traditionsreichen norwegischen Grand Hotels. In diesem Buch geht es nicht nur um Schulden, sondern auch um Schuld, in die Menschen geraten. Gudrun Braunsperger hat es gelesen.

Buchkritik

So viel ist sicher

Schuld sind die Reisen in den „verteufelten“ Süden, wie sich der Großvater in Erik Fosnes Hansens Roman „Ein Hummerleben“ ausdrückt. Der neue Trend bringt ein mondänes Hotel in den norwegischen Bergen in Bedrängnis, das der Großvater als Hotelier in vierter Generation führt. Die Gäste bleiben aus, seit es nicht mehr chic ist, den Urlaub im eigenen Land zu verbringen. Das Zeitkolorit dieser Geschichte sind die achtziger Jahre. Von Norwegen aus hat man die Ära Thatcher und den Krieg um die Falkland-Inseln im Blick. So manches wirkt heute rührend anachronistisch: die Leidenschaft des jugendlichen Ich-Erzählers etwa, Briefmarken zu sammeln. Sedd ist der Sohn einer Hippie-Mutter, die von „der Zeit verweht“ wurde, so Sedds Formulierung für ihr Verschwinden, dessen Grund für ihn im Dunkeln liegt, ebenso wie die Geschichte seiner Eltern, deren Ungewöhnlichkeit durch sein exotisches Aussehen dokumentiert wird. Die Nachforschung nach dem Verbleib des indischen Vaters, die er anstellt, ist ein Erzählstrang. Sie geschieht in Behutsamkeit und Vorsicht, sieht er sich doch einer Mauer des Schweigens gegenüber. Ein anderer Erzählstrang ist der entschlossen geführte Kampf eines Unternehmers gegen den Wandel der Zeit, der ohne Gnade sein kann. Als nachdenklicher Beobachter berichtet der Halbwüchsige in lapidarem Tonfall davon, wie sein Erbe, für dessen Verwaltung er erzogen wird, dahinschwindet.

Hierin offenbart sich eine der vielen Seiten des großartigen Erzähltalents von Hansen: Die Details der tristen wirtschaftlichen Umstände werden nämlich vor dem Enkel verborgen; der Autor lässt seinen Protagonisten von den Symptomen der Tragödie in einer Weise berichten, die den Leser dazu befähigt, seine Schlüsse daraus zu ziehen, ohne dass der Ich-Erzähler Sedd es ihm gleichtut.

Auch wenn Erik Fosnes Hansens Roman in einer Jahrzehnte zurückliegenden Epoche angesiedelt ist, so nimmt er gleichsam den Umbruch vorweg, der sich in der Gegenwart vollzieht. Der Niedergang eines Grand Hotels, in dem mit der starrköpfigen Haltung der Realitätsverweigerung dem Damoklesschwertes der Insolvenz zum Trotz bis zuletzt über die Verhältnisse gelebt wird, ist eine großartige Metapher für ein Zeitalter der Schuldenkrise. Der Ausblick in die Zukunft ist apokalyptisch, und hier gilt im Wortsinn: die Hoffnung stirbt zuletzt.

Was sich in Gestalt einer Naturgewalt vollzieht, die sich nicht aufhalten lässt, beschreibt Sedd als Paradigmenwechsel:

„Mit Paradigmen verhält es sich wie mit einem Virus: Während der Inkubationszeit schlummern sie im Verborgenen, dann brechen sie aus mit Rotznase und Abgeschlagenheit. Wenn aber die Abwehrkraft zu stark ist, bleibt die Krankheit halb unterdrückt, man kränkelt sich monatelang so durch, wie man es von manchen unserer besten Skiläufer kennt. (…) Doch die Wahrheit drängt zum Licht, wie geschrieben steht. Irgendwann verschafft sie sich freie Bahn, erst tröpfelnd, dann immer kraftvoller, bis sie als hymnisch triumphierender Gesang hervorströmt (…) Auf die Dauer lässt sich die Wahrheit nicht unterdrücken.“

Erik Fosnes Hansen trifft den Tonfall eines besonnenen Jugendlichen, der in diesem Buch entlang der Dramatik der Ereignisse erwachsen wird, während er die Welt und die eigenen Möglichkeiten erforscht, vor allem auch die inneren. Sedd wird zur Verantwortung erzogen, die ihm vom Großvater vorgelebt wird. Auch wenn dessen Vorbildwirkung durch die tragischen Umstände ins Wanken zu geraten droht: An der Liebe und am Respekt gegenüber den Großeltern hält Sedd fest, hat er selbst doch durch die beiden Alten grenzenlose Liebe erfahren.

Sedd macht sich seine Gedanken über die Welt und pflegt seinen Wissensstand mit der stehenden Wendung „so viel ist sicher“ zusammenzufassen. In diesen Betrachtungen platziert der Erzähler Hansen mit großer Geschicklichkeit zutiefst philosophische Reflexionen über das Leben, die innehalten lassen. Mit seiner Erzähltechnik erzielt dieser Autor eine Sogwirkung, die dieses Buch mit solcher Spannung lesen lässt, als ob es sich um einen Kriminalroman handeln würde. Dabei ist es gar keiner, auch wenn der Roman mit einem Todesfall beginnt und dieser nicht der einzige bleiben wird. In allen Katastrophen, die passieren, zeigt sich ein Muster: Scheinbar lässt sich das Fatum aufhalten, verzögern wenigstens und abfedern, bekämpfen kann man es allerdings nicht, jeder Widerstand erscheint letztlich sinnlos. Hansen legt in seiner Erzähltechnik Schlingen aus, die Erzählstränge verstricken und verflechten sich ineinander. Was symbolisch begonnen hat, der Herzinfarkt eines Bankdirektors bei einem Galadiner im Hotel, dessen Leben trotz geistesgegenwärtiger Mund-zu-Mund-Beatmung durch den mutigen Sedd nicht gerettet werden kann, setzt sich in mancherlei Wiederholungsschleifen fort.

In diesem Buch geht es nicht nur um Schulden, sondern auch um Schuld, in die Menschen unverschuldet geraten: die Antwort auf dieses Dilemma ist Schweigen.

„Ein Hummerleben“ ist ein Roman über das Scheitern. Ebenso wie man sich beim Lesen im geschäftigen Betrieb dieses Hotels, vor allem in der Küche, heimisch zu fühlen beginnt, wo der Koch Jim, väterlicher Freund von Sedd, schaltet und waltet, und wo die aus Wien stammende Großmutter die köstlichsten Mehlspeisen fabriziert, so verweilt man später betreten in der Düsternis der Korridore, als das Geschäft auszubleiben beginnt. Mit einem Mal vermag man die Perspektive des Scheiternden einzunehmen, begreift die Tücken einer unkontrollierbaren Situation, in die man ohne Zutun geraten kann, begreift sogar die Realitätsverweigerung eines Unternehmers, der im Fall des wirtschaftlichen Scheiterns von einem Tag auf den anderen alles verliert und aus einer gesellschaftlich geachteten Position ins Bodenlose zu fallen droht.

Die Geschichte steuert auf ein Inferno zu, dass über viele Seiten hinweg vorbereitet wird, aufgeladen mit großen Symbolen wie Wasser und Feuer. Bis zuletzt hofft man auf einen Ausweg, bis zuletzt hält der geniale Erzähler den Bogen der Spannung aufrecht, sodass alles möglich scheint und der Ausgang dieser Story völlig ungewiss bleibt.

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erstellt am 25.10.2019

Erik Fosnes Hansen
Ein Hummerleben
Roman
Gebunden, 384 Seiten
ISBN: 978-3-462-05007-3
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019

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