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Um den diesjährigen Literaturnobelpreisträger Peter Handke ist eine Debatte entbrannt. Im Mittelpunkt stehen seine umstrittenen Äußerungen zu den Jugoslawienkriegen der 1990er Jahre. Der Schriftsteller Jan Volker Röhnert verteidigt mit seiner Intervention das literarische Werk Peter Handkes und die Vergabe des Nobelpreises.

Literaturnobelpreis 2019 an Peter Handke

Das Werk Peter Handkes ist resistent gegen seine Verächter

Peter Handke
Peter Handke

Die Schar derjenigen, die gegenwärtig Peter Handke als Genozid-Leugner oder Faschisten verleumden, leugnen in Wirklichkeit die Existenz seines Werkes, für welches er den Nobelpreis erhält. Als der Träger des diesjährigen Buchpreises 1978 geboren wurde, hatte Peter Handke bereits den Georg-Büchner-Preis erhalten und ein umfangreiches literarisches Werk vorliegen, das ihn schon damals in Nobelpreisnähe brachte – und war vier Jahre jünger als Saša Stanišić heute. Der Preis der Buchmesse hätte Anlass zur Freude sein können, doch Stanišić benutzte die Gelegenheit, um Handke mit einer aus dem Kontext gerissenen Paraphrase der vor 24 Jahren veröffentlichten und seinerzeit intensiv debattierten Winterlichen Reise zu verdammen. Dies ist eine Respektlosigkeit gegen ein über ein halbes Jahrhundert gewachsenes Lebenswerk – egal wie man zu Handke als Mensch und Autor stehen mag.

Andere stimmten in den Chor der selbsternannten Richterinnen und Richter ein und werden nicht müde, Handkes Integrität infrage zu stellen. Slavoj Žižek entblödet sich nicht, an Handke die Bankrotterklärung der westeuropäischen Linken vorzuführen, die feministische Kritik verdammt ausgerechnet ihn, der in den 1970er Jahren als Alleinerziehender radikal mit patriarchaler Kindeserziehung brach und die postkoloniale Kritik sieht ihn als besonders verächtliches Exemplar der weißen männlichen Spezies: ausgerechnet ihn, der sich auf seine vielsprachige Herkunft beruft, in einem multikulturellen Einwanderervorort von Paris wohnt und die bewegendste Szene seines Films Die Abwesenheit (1992) einen Farbigen, und zwar den von Jarmusch geschätzten Alex Descas sprechen lässt, der an eine bosnische Muslimin gewandt die Namen dreier hingerichteter chinesischer Studenten wie ein Mantra rezitiert. Am perfidesten jedoch die Stimmen derjenigen, welche sich berufen wähnen, ihm wegen der ‚Immoralität’ seines Werkes den Nobelpreis abzuerkennen. Wer Handkes Werk tatsächlich gelesen hat, dürfte zu einem anderen Schluss kommen.

Handkes liebstes Satzzeichen ist das Fragezeichen. Und zwar nicht, wie Stanišić unterstellt, um den Völkermord von Srebrenica zu bezweifeln, sondern um als Schriftsteller einer in seinen Augen einseitigen Medienberichterstattung eine – selbstverständlich streitbare – individuelle, den Selbstzweifel einschließende Wahrnehmung entgegenzuhalten: „Ein Epos des Friedens – mein Ideal – ist nur mit dem persönlichen Einsatz zu schreiben; beim Epos des Krieges genügt schon der Krieg“, schrieb er 1982 in Die Geschichte des Bleistifts. Seine Medienschelte ist in der Tat ein Kampf gegen Windmühlen gewesen, insofern stammt er von Cervantes, wie er von sich sagt, zur Katastrophe musste es in dem Moment kommen, als die blutige Wirklichkeit seine poetische Vision vom Vielvölkerstaat widerlegte und er sich, um die Utopie zu retten, auf die Seite des Tyrannen schlug. Oder anders: als er nach jemandem suchte, der ihm den Fortbestand seiner Fiktion Jugoslawien versprach, dort aber nur der denkbar falsche, nämlich Milosevic stand. Dies moralisch blinde Verhalten darf man ihm vorwerfen (und es wird auch nicht dadurch gemildert, dass die Literaturgeschichte Dutzende ähnlicher Beispiele kennt, etwa Goethes Begeisterung für Napoleon oder Rilkes Affinität zu Mussolini), es wird jedoch nirgendwo von den moralischen Dimensionen seines Schreibens gedeckt. Im Gegenteil, sein Werk widerlegt sein eigenes Fehlverhalten, indem es jede Art von Kriegstreiber und Tyrann ablehnt und stattdessen ein „Epos des Friedens“ einfordert.

Handke, Jahrgang 1942, ist ein Kriegskind und weiß, was Not- und Mangelsituationen bedeuten, deren Glorifizierung ihm seine Gegner vorwerfen; sein permanent zwischen Autobiographie und ihrer Fiktionalisierung changierendes Werk beginnt – im 1966 erschienenen Roman Die Hornissen – mit einem aus kindlicher Perspektive erlebten Bomberangriff, ein Trauma, das sich für Handke 1999 in Unter Tränen fragend mit der Nato-Bombardierung Belgrads wiederholt. Die Lebensläufe seiner beiden slowenischen Onkel, die gegen ihren Willen in die Wehrmacht eingezogen und Hitlers Expansionskriegen geopfert wurden, ziehen sich wie ein roter Faden durch sein Werk, zuletzt im Stück Immer noch Sturm (2010), das den Kärntner Partisanenwiderstand thematisiert.

Handkes Idyllen, sollten es denn welche sein, sind brüchig und von hereinbrechender Gewalt bedroht. Was er gegen die Ohnmacht der zeitverhafteten Geschichte anführt, sind Geschichten, die eine andere Zeit imaginieren, in der die Wahrnehmung für Momente in der Zeit der Steine, der Bäume, der Vögel oder des Lichts aufgeht. Sein „Epos des Friedens“ ist keine Literatur, die man sich von einem Kriegsberichterstatter wünscht, aber sie steht in einer Tradition poetischer Gegenentwürfe, die sich von der Romantik über Robert Musil bis zu Botho Strauß zieht. Seine ausgedehnten Wanderungen durch Europas Karstregionen lassen ihn aus der ökologischen Perspektive von heute als Apologeten des Nature Writing erscheinen. Noch einmal für Thukydides lautet der Titel von Handkes schmalstem und schönsten Buch, etwas wie der Essenz seines Schreibens, die man kennen sollte, wenn man sonst nichts von ihm kennt. In dichten, minutiösen Miniaturen lässt er noch vor Ausbruch des Kriegs in Jugoslawien Natur und Geschichtsschreibung aufeinander prallen bzw. Natur sich in Geschichte verwandeln: Nicht vom Krieg, sondern von unscheinbaren Ereignissen eines Tages wird erzählt. Das hat seine Grenzen. Im „Versuch des Exorzismus der einen Geschichte durch eine andere“ steht die friedliche Stimmung eines Sommertags am Bahnhof von Lyon unversöhnt gegen die Gräuel, die von Klaus Barbies Gestapozentrale im Hotel Terminus verübt wurden: „auf einer Schiene landete ein kleiner blauer Falter, blinkend in der Sonne, und drehte sich im Halbkreis, wie bewegt von der Hitze, und die Kinder von Izieu schrien zum Himmel, fast ein halbes Jahrhundert nach ihrem Abtransport, jetzt erst recht.“ Die Widersprüche unserer Existenz als geschichtliche und politische Wesen hat Handke nicht zu verantworten, aber er hat sie zur Sprache gebracht – und selber durchlebt.

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Kommentare


Joachim Petrick - ( 24-10-2019 11:28:00 )
„Mann gegen Mann“ ist die vom Spiegel überhaupt und sonders Ausgabe 43-114-2019 favorisierte Struktur, doch bei Peter Handke, Saša Staniši? geht es um anderes, geht es um „Mein Name ist Gantenbein“ Max Frisch Poesie Struktur im Autoren Doppel mit ausbalanciertem Handicap Gnade zu früher hier, zu später Geburt da.



Vorausgeschickt sei, der Nobelpreis, sonders der für Frieden, Literatur wird geistig moralisch maßlos überschätzt, als ob Geehrte ihrer Poesie Anbetung zum Zeichen öffentlich zelebrierter Pharaonen Thron Huberei bedürften.

Jean Paul Sartre verweigert sich 1964 dieser Pharaonen Thron Huberei von Nobel Money Gnaden.
Eine andere Frage ist, darf der Mensch an sich, Peter Handke im Besonderen in Zeiten frei flotierender Irrtümer der Völkergemeinschaft in Serie sich poetiscch in eigene Gespensterwald Irrtümer verlaufen, sozusagen als Kontrapunkt zu jenen auf der anderen, auf der realpolitischen Seite des Irrtums Jugoslawien Krieg, um dann auch noch Alexander Mitscherlichs These 1967 von der Unfähigkeit zu trauern am Grab Slobodan Miloševi?’ 2006 frei von Publikumsbeschimpfung durch seine Trauer Rede zu widerlegen, weil er es versteht, seinen Irrtum nicht nur zu betrauern, sondern dazu auch noch zu begraben.

So betrachtet scheint Peter Handke am Grab Slobodan Miloševi?’ nicht von Homer, Cervantes und Tolstoi gekommen, sondern bei diesen geblieben zu sein, Dramen, Tragödien insofern zu dichten, in diesen in der Wut, die auch zur Trauer gehört, wortwörtlich im Momentum des Abschiednehmen mit unterzugehen, der Philosophie des „So als ob“ in einem Schlussakkord emphatisch zu folgen..



Hat vielen unter den Deutschen, Europäern mit und ohne NS Verstrickung, Täter, Opfer nach 1945 nicht ein Grab Adolf Hitlers gefehlt, sich von diesem in Trauer über dessen grausamen Menschheitsirrtum in der Gewissheit zu verabschieden, dass der nun begraben ist?
Anders gefragt, ist Poesie im Alltag, Beziehungskisten, Kultur, Politik, Wirtschaft, Sport, Olympia nicht der Kitt, der Paarungen, die Welt, die Menschheit beieinander hält, wenn ja, ist es nicht so, seitdem der Kitt durch Nobel u. a. Preise Huberei bewirtschaftet, rationiert wird, gilt statt hochpreisig unerschwinglicher Poesie im Alltag, das wortlos en passant stumme Handauflegen To Go zugeneigt in Beziehungskisten zum uneigennützigen Tauschgeschäft Schicksal Trauerarbeit auf Gegenseitigkeit?


Gruß


Joachim Petrick

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erstellt am 22.10.2019

Die Peter Handke Bibliothek in 14 Bänden

Die Handke Bibliothek enthält alles, was Peter Handke während seines gesamten Schreiberlebens veröffentlicht hat.

Handke Bibliothek

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Bände 1-9
Prosa, Gedichte, Theaterstücke, Filmerzählungen
7008 Seiten

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Aufsätze
1784 Seiten

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