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Zakir Hussain lässt die Tablaklänge rollen, grollen, singen und tanzen und macht aus seinem Schlagwerk ein Melodieinstrument. Als virtuoser Techniker und sensibler Musiker beeinflusst er ganze Musikergenerationen. Im Gespräch mit Clair Lüdenbach erzählt er von der Offenheit der jungen Interpreten indischer Klassik.

Gespräch

»Man trägt ein wertvolles Erbe«

Als der Tablaspieler Zakir Hussain in den 60er Jahren an der Seite Ravi Shankars auf die Bühne kam, war schnell klar, dass er keinen berühmten Protegé brauchte. Seine unglaublich virtuose Klangsprache revolutionierte die rhythmische Performance in der indischen Klassik. Gleichzeitig war der Mann mit den leuchtenden Knopfaugen und dem wilden Lockenkopf ein Mädchenschwarm. Durch seinen Vater Allah Rakha, ständiger Tablabegleiter von Ravi Shankar, kam er früh nach Amerika und entdeckte die angesagten Jazzmusiker seiner Zeit. Hierzulande ist sein Name mit John McLaughin verknüpft und seiner internationalen Band Shakti. Obwohl Zakir Hussain in Kalifornien lebt, führt er zusammen mit seinen Brüdern die Tablaschule seines Vaters in Bombay weiter.

Clair Lüdenbach: Was gibt Ihnen das Gefühl, noch immer zu lernen?

Zakir Hussain: In Indien glauben wir, dass nicht ein Guru, ein Meister, derjenige ist der lehrt, sondern es ist immer der Schüler, der Lernende. Der Prozess des Lehrens und des Lernens ist ein gleichzeitig stattfindender Prozess. Diese Art des Wachstums ist immer da, dass ich, wenn ich die eine Person unterrichte, es mir hilft bei einer anderen Person. Aber ich glaube nicht, dass ich keinen Lehrer habe. Ich habe einen Lehrer, denn ich stehe immer noch mit meinem Vater auf vielfältige Weise in Verbindung. Zum Beispiel in meinen Träumen oder durch Aufnahmen oder einfach über die Erinnerungen an das, was wir gelernt haben und worüber wir sprachen. Manchmal kommen meine Brüder und die Studenten, die mit uns bei meinem Vater gelernt haben, zusammen, und dann unterhalten wir uns. Dabei kommen dann weitere Informationen heraus, und wir teilen dieses Wissen. Denn mein Vater war ein Lehrer, der uns nicht alle auf die gleiche Weise unterrichtete. Er sah, was das Besondere in jedem Einzelnen war und machte das dann zu etwas Wesentlichem in meinem oder im Leben des anderen Schülers. Deshalb spielt mein Bruder Taufik, oder mein Bruder Faizal das Repertoire auf eine andere Weise. Sie drücken sich anders aus, bei ihnen klingt es anders. Aus diesem Grund gibt es bestimmte Dinge, die sie wissen, aber ich nicht, denn sie waren bei ihm in einer Zeit, als es geschah, wie auch bei mir. Darum ist der Prozess des Lernens ein Kontinuum. Der Lehrer bleibt immer anwesend. Er wohnt in uns. Und wenn man ein Lernender bleibt, kann man einfach besser lehren.

Die schnellen gesellschaftlichen Veränderungen verändern auch Ihre Schüler. Was ist daraus der musikalische Effekt? Verändern sich die Rhythmen, das Tempo? Was ist es?

Es ist eher ihr musikalisches Verständnis. Es ist mehr universal. Zum Beispiel gehöre ich noch zur alten Schule, deshalb schaue ich nur mit großer Zurückhaltung ins Repertoire anderer Meister oder auf die Lehrmethode anderer Gurus. Aber die jungen Leute heute haben damit kein Problem, die wollen alles lernen, sehen und verstehen. Und wenn die dann zu mir kommen und ich ihnen was erzähle, dann sagen sie: aha, es ist so ähnlich, wie der das macht. Sie erklären es dann auf eine Art und Weise, daß ein eher multidimensionales Verständnis meiner Arbeit offenbart. Denn sie sehen es aus meinem Blickwinkel und dem der anderen Meister. Heute ist es so einfach zu lernen, ganz egal, ob über YouTube, oder bestimmte Websites, Audioaufnahmen, Videos, egal wie. Die heutigen Studenten und die Zuhörer von heute sind über alle Formen der Kunst viel besser informiert. Das war in meiner Zeit noch ganz anders. Was ich damals sagte, wurde angenommen, aber nicht in transformierter Form zurückgegeben. Heute passiert das aber. Es ist eine Offenbarung, meine Arbeit aus dem Blickwinkel dieser jungen Person zu sehen, ganz gleich, wie unschuldig und völlig offen, ohne irgendwelche Grenzen dieser Blickwinkel ist. Wenn ich etwas von einem großartigen Lehrer aufnehmen würde, dann würde ich es auf eine alte Art und Weise annehmen, als etwas, das in verschiedenen Schubladen ist, aus dem man das eine nehmen darf, aber das andere nicht. Ich kann es auf diese Weise anfassen, aber nicht auf eine andere Art und Weise. Doch ein junger Mensch von heute sieht das völlig anders. Es ist wie ein Würfel, den man von vielen Seiten betrachten kann. Und wenn diese Information von einem jungen Menschen mich erreicht, dann ist das eine große Offenbarung. Es ist eine viel größere Offenbarung für mich, als in bestimmter Weise meine Informationen für sie.

Entstehen, unabhängig vom Ausdruck, so auch neue Rhythmen?

Es entstehen keine neuen Rhythmen, aber neue Muster, und neue tonale Texturen. Denn heute, sogar innerhalb der letzten zehn Jahre sind die Instrumente verbessert und verfeinert worden. Es gibt verschiedene Verfahren, um aus der Tabla ein besseres Instrument zu machen, ein resonanzstärkeres Instrument, ein genauer stimmbares Instrument. Wenn man so etwas mit der Hand macht, dann ist es schwierig eine Balance herzustellen, denn man verwendet ja keine Maschine. Jetzt hat man einen Weg gefunden, um eine gute Balance und eine gute Stimmung herzustellen. Man hat einen Weg gefunden, die Paste für die Stimmung auf eine mehr mathematisch-wissenschaftliche Weise aufzutragen, damit wurde die Tonhöhe genauer als je zuvor. Das lässt die Resonanz richtig aufblühen. Wenn das passiert, dann hat man selbst viel mehr Möglichkeiten des Genusses und der Anwendungen. Aus diesem Grunde, dem Tonverhalten, dem Anschlag, und Gefühl für die Textur des Trommelfells ist vieles in Bewegung gekommen. Es kommen auch neue musikalische Muster in Spiel, den die südindische, karnatische Musik ist eine Inspirationsquelle. Wenn ich zum Beispiel mit Sridar Parhasarathy spiele, dann gebe ich ihm nordindische, klassische Rhythmen, die er annimmt, und wir experimentieren damit. Und wenn immer er diese, von mir vorgegebenen, rhythmischen Muster nachspielt, dann klingen sie für mich so anders und so fremd, aber gleichzeitig auch ganz wunderbar und überraschend. Das dann nachzuspielen und so auszudrücken, wie Sridar es gemacht hat, das öffnet mir einen neuen Blickwinkel. Deshalb gibt es noch mehr zu lernen.

In Indien bekomme ich immer die Antwort: Unsere Musik kann man nicht verändern. Gleichzeitig höre ich aber, dass sie sich ändert. Ist diese Antwort eine Art Selbstschutz?

Nein, kein Selbstschutz. Ich glaube, man möchte die Bedeutung dessen, was sie machen, konservieren. Wenn man zum Beispiel mit einem Schüler über seinen Guru spricht, dann spricht man über ihn, als wäre er ein Gott. Das ist sehr wichtig. Ein Teil davon ist Verehrung und ein Teil ist Hingabe, diese Art von Verständnis, was der eigene Guru bedeutet. Aber ein Teil davon ist auch eine Art Eigendünkel innerhalb dieser Verbindung und ebenso auch ein Selbstzugehörigkeitsgefühl. Das gibt dir eine Identität. Wenn man also so reagiert und sagt, dies ist die Tradition und kann nicht verändert werden etc…. , dann heißt das: Ich identifiziere mich mit dieser alten Geschichte, und sie ist ein Wert an sich, eine legitimierte Behauptung. Und das macht dich zum Bewahrer dieser Behauptung, und gibt dir das Gefühl, selbst von erheblicher Bedeutung zu sein. Dass du damit einer Kunstgattung angehörst, die etwas ganz Besonderes ist. Gleichzeitig aber stellst du fest, dass du als ein Unterhaltungskünstler mit deinem Publikum kommunizieren musst. Aus diesem Grund musst du einen Weg finden, um zu interagieren und dadurch wirst du dich verändern, und die musikalische Sprache sich ein bisschen anpassen, um mit den Zuhörern sprechen zu können. In diesem Sinne sind die jungen indischen Musiker viel offener. In Indien werden Sie immer auf Musiker treffen, deren musikalischer Horizont noch nicht über die Schwelle ihres Hauses reicht. Und das sind diejenigen, die sich ständig fragen, sollte ich stehen bleiben oder mich einfach gehen lassen. Sie sind unsicher. Sie haben noch nicht begriffen, dass, wenn man loslässt, nicht losgelöst ist. Das heißt ganz einfach, man ist Träger eines sehr wertvollen Erbes. Man trägt es dorthin, wo man es mit anderen teilen kann.

Werden denn die alten, konservativen Musiker noch von den Jungen wahrgenommen? Sind sie die Wegweiser?

Ich glaube ja. In allen Kunstformen gibt es Leute als delegierende Bewahrer dessen, was war. In der indischen Musik ist das ein interessanter Widerspruch, denn die indische Musik war nie dasselbe, was über die Generationen weitergegeben wurde. Vergleicht man, was Ravi Shankar von seinem Lehrer lernte und spielte, und was sein Lehrer spielte, dann hörte man, der Lehrer spielte vollkommen anders. So war es mit Vilayat Khan, und so auch mit meinem Vater. Tatsächlich machte es meinen Vater stolz zu sehen, dass ich nicht wie er war, dass ich meine eigene Identität hatte. Jemand sagte mal meinem Vater: Er spielt genau wie Du. Da sagte er: Ich hoffe, er spielt anders als ich und sogar noch besser als ich. Denn ich habe meine Arbeit gemacht, und es macht keinen Sinn etwas zu machen, was schon getan wurde, sondern man muss die Musik voranbringen. Wir improvisieren, dadurch sind wir in der Lage, über unser eigenes Verständnis der Musik ein Statement abzugeben. Wenn man heranwächst, dann ist man beeinflusst von allem, was in der Umgebung passiert. Es ändert sich alles von Generation zu Generation. Was man im Radio hört, verändert sich, was man im Fernsehen sieht, verändert sich, die Dinge im Internet ändern sich, und deshalb ändert sich auch deine Wahrnehmung. Was sie gelernt haben, geben sie in Ihrer eigenen Kombination und Permutation weiter.

Indien ändert sich so schnell in allen Bereichen, in sozialen wie gesellschaftlichen. Doch hatte ich bei vielen Musikern den Eindruck, dass man zurückgeht und auf die alte Tradition setzt. Habe ich da etwas falsch wahrgenommen?

Nein, das ist richtig. Wenn etwas neu ist und glitzernd und glamourös, will man es fassen. In diesem Moment überschreitet man eine Linie. Irgendwann gewöhnt man sich daran, und es wird normal. Nach dieser Erfahrung kommt alles wieder zurück, denn die Wurzeln in dir, aus denen du lerntest und aus denen du stammst, sind so stark, dass sie dich nie verlassen können. Es ist ganz in Ordnung, so zu handeln, denn man hat eine Sprache gelernt und kommt dann zurück und verbindet das mit der eigenen Quelle, aus der du selbst trinkst und teilst das Glas mit anderen. Die indischen Musiker heute sind ein ganz besonderes Exemplar davon. Zum Beispiel Rakesh Chaurasia, er ist ein junger Flötist. Er spielt für Bollywood, er spielt Jazz, er spielt Fusion, er macht alles. Und wenn man ihn bittet, ein volles klassisches Konzert in der traditionellen Art und Weise zu spielen, dann macht er das. Ebenso kann das Purbayan Chatterjee und Niladri Kumar. Die können das, auch wenn sie eine Zeit lang auf dem Trampolin der Weltmusik herumspringen. Für die indischen Musiker heute sind all diese Erfahrungen erhältlich und sie gehen nicht zurück, sondern assimilieren sie, analysieren und benutzen sie auf eine ausbalancierte Art und Weise.

Cross Currents Trio feat. Dave Holland, Zakir Hussain, Chris Potter

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erstellt am 22.10.2019

Zakir Hussain, Foto: Krupasindhu Muduli [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)]

Zakir Hussain (2012) Foto: Krupasindhu Muduli [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)]