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So geht moderne Opernproduktion: fantastische Musik des Komponisten, dargeboten von einem überragenden Ensemble, Chor und Orchester, und eine heute spielende Geschichte, deren junge Protagonistin ihren Weg in eine Zukunft nicht finden kann. Andrea Richter hat Puccinis „Manon Lescaut“ an der Oper Frankfurt gesehen.

Oper

LOVE

Ein Film: Eine Gruppe Menschen nachts unterwegs. Ein Zaun. Kein Weiterkommen. Der erste Gedanke der Autorin: Oh Gott, eine Alte-Oper-Aktuell-Mach-Inszenierung. Der zweite: Regisseur Alex Ollé, einer der künstlerischen Leiter des international agierenden spanischen Theaterkollektivs La fura dels Baus, serviert nie Plattitüden. Also Geduld. Der Film geht weiter. Der Brief einer Mutter an den Sohn. Armenische Schriftzeichen. Sie und der Vater hätten so lange nichts von den Kindern gehört und machten sich insbesondere um Manon Sorgen. „Du weißt ja, wie sie ist.“ Sie sollten besser nachhause zurückkommen. Zwischendurch Bilder von einer jungen Arbeiterin in einer beengten Nähstube mit beengten Zukunftsaussichten und von einer Busfahrt an der Seite ihres Bruders in eine gewiss bessere Zukunft. Alles in Schwarz-Weiß. Bisher kein Ton Musik.

Der Vorhang hebt sich zu den operettenhaft klingenden Tönen des Vorspiels. Menschengewusel in einem scheußlichen Café: schmucklose Betonwände und eine weiße, nach hinten schräg abfallende Kassettendecke, die von Betonpfeilern in den Formen der oben und unten gekappten Großbuchstaben des Wortes LOVE. Knallrote Metalltische und Stühle. Ein Treffpunkt der örtlichen Jugend am Bahnhof. Pausenlos wechselnde Personenkonstellationen in feiner Abstimmung mit der Musik. Lebensfreude in trister Umgebung. Der amerikanische Tenor Joshua Guerrero gibt seine Visitenkarte als Des Grieux- und Deutschland-Debütant ab. Vielversprechend. Irgendwann bringt fensterloser Kleinbus Leute herbei, die sich rasch unauffällig unter die Menschenmenge mischen. Zwei von ihnen kennt man aus dem Vorfilm: Lescaut (Iurii Samoilov, Bariton) in Rapper-Kleidung und seine Schwester Manon (Asmik Grigorian, Sopran). In Barbie-Aufmachung geht sie erhobenen Hauptes quer über die Bühne und setzt sich an einen Tisch. Sie, die Illegale, tut so, als gehöre sie dazu, während ihr Bruder Arbeit und Unterkunft sucht. Das Schicksal nimmt seinen Lauf. Des Grieux verliebt sich augenblicklich in die schöne Fremde. Sie findet seinen Annäherungsversuch zunächst nur amüsant und nimmt ihn auf den Arm. Doch dann geht sie mit ihm. Aus Liebe oder weil sie versorgt sein möchte?

Lebensfreude in trister Umgebung: „Manon Lescaut“ in Frankfurt Foto: Barbara Aumüller

Bei offenem Vorhang verwandelt sich das öde Café in den eleganten Nachtclub des unsympathischen Geronte. Im Hintergrund LOVE als Leuchtreklame. Spärlich bekleidete Damen bereiten sich auf ihre Auftritte als Stangentänzerinnen vor. Auch Manon, die hier inzwischen arbeitet und das Luxusleben liebt. Trotzdem ist sie traurig, weil sie gemerkt hat, dass Geld Liebe nicht ersetzen kann. Außerdem hat sie Heimweh und vermisst Des Grieux, den sie fehlenden Geldes wegen verlassen hat. Grigorian läuft zu Hochform auf mit „In quelle trine morbide“. Mein Gott wie schnörkellos traurig sie ist. Samoilov, ebenfalls Rollendebütant, singt mit ihr auf Augenhöhe, wenn er der Schwester kraftvoll lyrisch verspricht, dass sie bald wieder mit ihm zusammen sein wird. Und als Des Grieux dann kommt, ist dieser wütend. Doch es gelingt ihr, ihn wieder zu fesseln. Ein emotionaler Tsunami entwickelt sich, gesungen von zwei Weltklasse-Sängern, die ihre Stimmen gegen und mit dem rasenden Orchester bis zum Äußersten ausloten. Gänsehaut bei der Autorin und die neuerliche Gewissheit, dass Grigorian ihre Auszeichnung als beste Sängerin 2019 (für ihre atemberaubende Salzburger „Salome“) zu Recht erhalten hat und Guerrero ein zukünftiger Kandidat für den Titel ist. Doch Manon zögert, ihr Luxus-Leben bei Geronte für ein Liebes-Leben mit Des Grieux aufzugeben. Dafür hat sie schließlich die Heimat verlassen. An Liebe hat es ihr dort nicht gemangelt. Als sie erfährt, dass sie abgeschoben werden soll, denkt sie nur daran, Gerontes Kassen zu leeren. Ein Wettlauf gegen die Zeit, bis die Polizei kommt. Ein Meisterstück präziser Regie, wie Manon genau im Rhythmus der Musik durch den Club jagt und eine Kasse nach der nächsten leert, während Des Grieux und Lescaut sie zur Flucht drängen. Das Ergebnis: ein atemloser Zuschauer und eine verhaftete Manon.

Wie in Viehkäfigen eingesperrt warten im 3. Akt die Verhafteten auf ihre Deportation per Schiff. LOVE schimmert schwach im Hintergrund. Die Bestechungsversuche der Wärter durch Des Grieux und Lescaut bleiben erfolglos. Einzeln werden die Gefangenen aufgerufen und unter den Kommentaren der gaffenden Zuschauer abgeführt. So auch Manon. Der verzweifelte Des Grieux wird sie begleiten.

Im 4. Akt bricht Puccinis Bewunderung für Wagner endgültig durch. 20 Minuten lang lässt er das Liebespaar in „Tristan und Isolde“-Manier langsam unter den furchtbaren Qualen des Verdurstens in einem Nowhere-Land die Hoffnung auf Rettung aufgeben. Nur die steinernen Buchstaben EVOL ragen aus dem schwarzen Nichts der großen Bühne auf. Sie dreht sich langsam dem Ende entgegen. In den Winkel des Ls gepresst singt Grigorian die berühmte Arie „Sola, perduta e abbandonata“ so ergreifend, dass bei der Autorin eine furtiva lacrima die Sicht verschlechtert. Und als endlich die Buchstaben wieder in der richtigen Reihenfolge ihre ewige und alles überdauernde Bedeutung leuchten, das Aufbegehren gegen den Tod ein leises Ende gefunden hat und die Beiden zusammengekauert bewegungslos in der Ödnis beieinander liegen, ist es im Zuschauerraum sekundenlang totenstill. Dann bricht ein Jubelsturm los.

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erstellt am 08.10.2019

„Manon Lescaut“ in Frankfurt Foto: Barbara Aumüller

Dramma lirico in vier Akten

Manon Lescaut

Von Giacomo Puccini

Text von Luigi Illica, Domenico Oliva, Giulio Ricordi und Marco Praga nach Abbé Prévost

Musikalische Leitung: Lorenzo Viotti, Regie: Àlex Ollé, Bühnenbild: Alfons Flores, Kostüme: Lluc Castells

Besetzung:
Manon Lescaut: Asmik Grigorian, Lescaut: Iurii Samoilov, Chevalier Renato Des Grieux: Joshua Guerrero, Geronte de Ravoir: Donato Di Stefano, Edmondo: Michael Porter, et al.

Oper Frankfurt