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„Gegen Morgen“ handelt von einer tiefen Erschütterung, ausgelöst durch die Erfahrung der Möglichkeit eines plötzlichen Todes. Seinen kunstvoll konstruierten Roman erzählt Deniz Utlu in einem scheinbar nüchternen und realistischen Ton. Marion Victor würdigt dessen poetische Qualitäten.

Buchkritik

Die Nacht ist fast vorüber

Deniz Utlu (Screenshot)
Deniz Utlu (Screenshot)

Das Flugzeug gerät in Turbulenzen, sackt ab. Der Magen rutscht nach oben. Die Zeit verschiebt sich. Kara, auf dem Weg zu seiner Freundin Nadia von Berlin nach Frankfurt, glaubt, Ramón ein paar Reihen vor sich sitzen zu sehen. Der Sturm draußen löst in Kara selbst Fragen aus, die sein Leben und seine Gewissheiten durcheinander wirbeln. Wer ist wo? Wie und warum ist er dorthin gekommen? Worauf hat er verzichtet? Wo ist er gelandet? Was wollte er?

Die Erschütterung, die die Erfahrung der Möglichkeit eines plötzlichen Todes auslöst, lässt Kara aussteigen – zunächst einmal in Hannover, wo der Flieger notlanden musste. Dort ist er aufgewachsen, dort lebt seine Mutter. Lange hat er sie nicht gesehen, hatten sie keinen Kontakt miteinander. Aber jetzt spürt er, dass er, um vorwärts zu kommen, zurückblicken muss.

So fährt er denn auch nach dem Besuch bei der Mutter nicht weiter nach Frankfurt zu Nadia, sondern zurück nach Berlin, in die Wohnung, die er zusammen mit Vince, seinem Schulfreund, gemietet hatte. Hier waren sie zusammen erwachsen geworden, hatten studiert, Frauen kennengelernt, und hier war Ramón mehr oder weniger unbeachtet ein- und ausgegangen, bis er eines Tages spurlos verschwunden war.

Als er in Berlin ankommt, holt Vince aus der Wohnung in Schöneberg gerade noch die letzten Umzugskartons ab. Er hat geheiratet und zieht mit Michelle zusammen. Kara fährt in die Ostberliner Plattenbausiedlung, wo Ramóns Mutter wohnt. Er bietet Ramón, der immer noch keine eigene Bleibe hat, das leer gewordene Zimmer von Vince an.

Erinnerungen an die Studienzeit, in der er zielstrebig büffelte und schließlich die Diplomarbeit schrieb, während Ramón kam und ging, alles und nichts studierte und las, schieben sich vor die Gegenwart, in der Ramón für Kara immer noch unerreichbar ist. Denn für ihn, den Wirtschaftswissenschaftler, wird die Kosten-Nutzen-Rechnung einer Lebensversicherung zu einer Obsession. Er arbeitet an einer Formel, in der das Leben kalkuliert werden kann. Ramón aber ist für Kara nicht kalkulierbar.

Dann hat Ramón eines Tages Gäste, die Kara weder kennt noch einordnen kann. Kurz darauf ist er wieder verschwunden. Dieses Mal kann und will er es nicht übersehen. Er begibt sich auf die Suche nach Ramón. Kann es sein, dass er in Paris ist, dort wo sie zusammen mit Vince vor Jahren einmal waren? Wo könnte er ihn finden? Er irrt durch Paris und befindet sich mit einem Male mitten in einem Terroranschlag. Verwundete, Verwirrte, Blaulicht und Blut. Er sieht in das brechende Auge eines Mannes.

Der plötzliche Tod ist hier keine Möglichkeit mehr, er ist eine konkrete Erfahrung. Ramón findet er nicht. Dafür aber dessen Schwester Rahel. Sie weiß zwar auch nicht, wo Ramón ist, aber sie erzählt Kara von Ramón, von einem Menschen, der sein Gegenüber wahrnimmt, zuhört, spricht, lebt und leben lässt.

Kara wacht im Flughafen von Paris auf. Wie lange hat er geschlafen? 100 Stunden?

Der zweite Roman „Gegen Morgen“ des in Berlin lebenden Deniz Utlu spielt in einem Zwischenreich. Die Nacht ist fast vorüber, der Morgen noch nicht da, aber er endet mit der Zuversicht, dass ein neuer Tag beginnt. Die Poesie der Erzählung liegt im scheinbar nüchternen und realistischen Ton, in dem nichts erklärt werden muss, sowie in der kunstvollen Konstruktion, die sich hinter dem dichten Gewebe aus Gegenwart und Erinnerung verbirgt.

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erstellt am 02.10.2019

Deniz Utlu
Gegen Morgen
Roman
Gebunden, 269 Seiten
ISBN: 978-3-518-42898-6
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019

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