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Eine bemerkenswerte Broschüre beschreibt in zweiter Auflage die wenig bekannte Seite des Konzentrationslagers Buchenwald als Frauenlager. In Zeiten von um sich greifender kollektiver Geschichtsvergessenheit sollte die Publikation ohne Zorn und mit Eifer gelesen werden, meint Bruno Laberthier.

Gedenkkultur

Buchenwalds vergessene Häftlinge

Die Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora e.V., ursprünglich ein Zusammenschluss deutscher politischer NS-Häftlinge, gründete sich nach der (Selbst-)Befreiung der Konzentrationslager in Thüringen und ihren über ganz Deutschland verteilten Außenlagern im Jahr 1945. Ihr Ziel ist es, so die Selbstauskunft auf https://lag-buchenwald.vvn-bda.de/, „die Zusammenarbeit aller antifaschistischen Kräfte in der BRD zu fördern, um eine Wiederholung der Verbrechen des NS-Regimes und jegliche Erscheinungen des Neofaschismus, Rechtsextremismus, Nationalismus, Rassenhasses und der Ausländerfeindlichkeit zu verhindern“.

Das hört sich ein wenig aus der Zeit und ihren terminologischen Moden gefallen an: Stichwort BRD. Dass es auch ein extrem aktuelles Anliegen ist, wird ebenso deutlich.

Bis heute hat die Lagerarbeitsgemeinschaft Bestand und engagierte sich zuletzt mit biographischen Publikationen über den Preußischen Landtagsabgeordneten Albert Kuntz, der 1945 im KZ Dora ermordet wurde, oder den Gewerkschafter Willy Schmidt. Hinzu kommen Interventionen im öffentlich-erinnerungskulturellen Feld, etwa das Präsent-Halten des Schwurs von Buchenwald, den überlebende Häftlinge am 19. April 1945 ablegten. Zwei wesentliche Zäsuren hat die LAG, wie sie sich abkürzt, seither erlebt.

Erstens die Wende 1989, die im akademisch-geschichtswissenschaftlichen, aber auch gedenkstättenpädagogischen Bereich zu einem für das wiedervereinigte Deutschland taktgebenden und bis heute den Diskurs bestimmenden Paradigmenwechsel weg von der DDR-Fokussierung auf den antifaschistischen Widerstand von ‚roten‘ politischen Häftlingen in den NS-Lagern geführt hat (die westdeutsche historiographische Aufarbeitung war bis dahin mit der ostdeutschen in puncto Quantität und Qualität kaum zu vergleichen).

Zweitens ist da die generationelle Zäsur des allmählichen Ablebens von Zeitzeugen und der damit verbundenen, notwendigen Suche nach Lagerarbeitsgemeinschafts-Nachfolger*innen ohne eigene erinnernde Anschauung dessen, was in Buchenwald, Mittelbau-Dora und seinen zahlreichen Außenlagern geschehen ist und zu durchleiden war.

Es sind also Historiker*innen und Biograph*innen der zweiten Generation, viele mit einem DDR-Hintergrund, die die Arbeit eines Interessenverbundes fortsetzen, in dessen ungewöhnlichen Namen ‚Lagerarbeitsgemeinschaft‘ die Unmittelbarkeit des von ihren Gründer*innen Erlebten mitschwingt. Wenn nötig oder nicht anders möglich, verrichten die schreibenden Mitglieder der LAG diese Arbeit jenseits des geschichtswissenschaftlichen Mainstreams.

Blick in die Broschüre „Die Frauen des KZ Buchenwald“ Foto: Bruno Laberthier

Eine ihrer Publikationen ging nun – aus gutem Grund und gegebenem Anlass – in eine zweite, erweiterte Auflage. Es handelt sich um die vor ein paar Jahren schon einmal veröffentlichte Sammlung von Reden, Vorworten und einer Überblicksdarstellung über eine im geläufigen wissenschaftlichen und publizistischen Diskurs wenig berücksichtigte Seite des KZ Buchenwald: seine weiblichen Häftlinge.

Das Neue und zugleich wenig Erbauliche an dieser Wiederveröffentlichung ist, dass an einem der Außenlagerstandorte in Mühlhausen/Thüringen, wo von September 1944 bis März 1945 immerhin mehr als 700 Frauen inhaftiert waren und Zwangsarbeit verrichten mussten, ein Bratwurstmuseum errichtet werden sollte. Der traumatische, erinnerungskulturell relevante Standort wäre damit überbaut und – so die kaum falsch zu verstehende Botschaft hinter diesem Vorhaben – abgedeckt worden durch eine Rückschaueinrichtung auf Kultur und Konsum von grilliertem Brät in Schweinedarm.

Dem stemmt sich die Publikation der Lagerarbeitsgemeinschaft mit einer Sammlung von Grußworten entgegen, die aus Anlass der Sonderausstellung „Vergessene Frauen von Buchenwald“ (2001) und der Einweihung eines Gedenksteins im Jahr 2003 gehalten wurden. Im Mittelpunkt der Broschüre stehen aber eine Zusammenschau der historischen Hintergründe und die Schicksale weiblicher Häftlinge sowie Ausführungen zum Totenbuch der Frauen des KZ Buchenwald: Sie stammen von Irmgard Seidel und Franka Günther.

Vor allem Seidels detaillierte Übersicht fällt überraschend aus für alle, die den KZ-Kosmos für einen halten, der – wie es die Texte von Bruno Apitz, Jacques Lusseyran, Jorge Semprún und anderen bekannten Buchenwalddarstellungen suggerierten – einer voller männlicher Häftlinge war. Ihre Forschung zeigt an verfügbaren Materialien, aber auch mit Einzelaussagen und -schicksalen auf, was Franka Günther zu Beginn ihres Beitrags nüchtern auf den Punkt bringt:

Insgesamt wurden in der Zeit von 1937 bis 1945 über 250.000 Häftlinge quellenmäßig erfasst. Dazu gehörten seit dem 1.9.1944 ca. 27.000 Frauen, die bis zum Kriegsende in 27 Außenkommandos des KZ Buchenwald diesem verwaltungstechnisch unterstellt waren.

Die Buchenwalder Frauen-Außenkommandos waren geografisch weit verteilt. Eine besonders infame Rolle bei der Inanspruchnahme von KZ-internierten Zwangsarbeiterinnen nahm die Hugo-Schneider-Aktiengesellschaft (Hasag) ein, ein Rüstungskonzern mit Ablegern in unter anderem Hessen, Essen und Leipzig. In einem ähnlichen Bereich, nämlich dem Gerätebau, wurden die erwähnten 700 weiblichen Häftlinge im thüringischen Mühlhausen eingesetzt.

Dort, am Standort des alten Außenlagers, sollte es von nun an nur noch um die Wurst gehen. Der Stadtrat hatte im Februar 2019 grünes Licht für die Museumspläne gegeben, dann setzten Proteste ein – unter anderem in Form der LAG-Broschüre. In der wird eine eigene, kritische Stellungnahme präsentiert und ein Offener Brief an den Oberbürgermeister der Stadt zitiert. Diese Beiträge machen die Erweiterung aus, die die neue von der alten, ersten Ausgabe unterscheiden.

Ergänzt werden sie durch ein Interview mit der jüdischen Buchenwald- bzw. Mühlhausen-Überlebenden Olga Birnbach, geführt von wiederum Irmgard Seidel. Das Gespräch stammt aus dem Jahr 2000 und rundet eine Publikation ab, die es in Zeiten von um sich greifender kollektiver Geschichtsvergessenheit mehr als nötig hat, sine ira et studio gelesen und verstanden zu werden: ohne Zorn und mit Eifer sowie dem Ziel, die Umwidmung eines besonderen, von Frauen (üb)erlebten traumatischen Ortes zu einem Bratwurstmuseum zu verhindern.

Nachbemerkung: Die Pläne für das Museum auf dem Gelände des Buchenwald-Außenlagers sind inzwischen vom Tisch. Ein anderer Standort wurde gefunden. Dafür weiß die interessierte Welt nun ein wenig mehr über die Frauen im KZ Buchenwald.

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erstellt am 20.9.2019

Blick in die Broschüre, Foto: Bruno Laberthier

Blick in die Broschüre Foto: Bruno Laberthier

Die Frauen des KZ Buchenwald (2. erweiterte Auflage, 2019) hat keine ISBN. Zu beziehen ist die Broschüre über: c/o Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora e.V. / VVN-BdA Bundesbüro / Magdalenenstraße 19 / 10365 Berlin