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Der Berliner Lokal-Anzeiger hatte im Februar 1907 über zwei Fälle von Kindesunterschiebung berichtet. Eine kinderlose Frau gab das Kind ihres Dienstmädchens als das eigene aus und präsentierte dessen Vormund ein anderes, gestohlenes Kind. Der Dramatiker Gerhart Hauptmann machte aus dem Vorfall sein Stück „Die Ratten“, das jetzt in Frankfurt neu inszeniert wurde. Martin Lüdke fragt sich warum.

Gerhart Hauptmanns »Berliner Tragikomödie«

Ratten im Labor

Die neue Spielzeit beginnt mit einem alten Stück: Gerhart Hauptmanns „Ratten“, 1911, damals nur mit mäßigem Erfolg in Berlin uraufgeführt, auch im ganzen folgenden Jahrhundert zwar nicht selten gespielt, doch öfter (und zurecht) bemäkelt als bejubelt. Jetzt hat sich Felicitas Brucker, mit furchtlosem Zugriff, wieder daran gewagt.
Die Darsteller, teils unangemessen zappelig und etwas spröde. Die Sprache, ein Mix aus Schlesisch und Berlinerisch, blieb oft unverständlich. Das Verständnis der kruden Handlung wurde davon aber kaum berührt. Denn der Plot ist schlicht. Fragt sich also: warum das Ganze. Hauptmann? Zwei Stunden, ohne Pause.
Beifall, vernehmlich, aber nicht stürmisch.

I

Das Problem ist schnell benannt: Hauptmann. Gerhart Hauptmann, Nobelpreisträger von 1912 und Dichter-Fürst. Und schon lange tot.

Auch Thomas Mann konnte seinen Kollegen nicht immer so richtig ernst nehmen. Er lässt den Dichter als einen „Mynheer Peeperkorn“ zur Freude der Leser durch seinen „Zauberberg“ stolpern. Weniger lustig: Vor über zwanzig Jahren, März 1997, zitierte Fritz J. Raddatz in der ZEIT ein Gedicht, das der großen Dichter, vermutlich im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte, im Frühjahr 1915 veröffentlicht hatte:

Komm wir wollen sterben gehen
in das Feld, wo Rosse stampfen,
wo die Donnerbüchsen stehn
und sich tote Fäuste krampfen /
(…)
Komm mein lieber Kamerad,
dass wir beide, gleich und gleiche /
heut in Reih und Glied Soldat
morgen liegen Leich an Leiche

Das heißt: kein Denker, nur Dichter. Aber:

II

Vor über dreißig Jahren schon, Oktober 1987, schrieb Peter Iden, (gesinnungsstarker) Theaterkritiker der Frankfurter Rundschau, über Dietrich Hilsdorfs Inszenierung der „Ratten“ am Schauspielhaus, ins Grundsätzliche ausholend: „Das Theater Gerhart Hauptmanns – ist heute ein totes Theater.“ Man spüre „wie wenig Hauptmann noch gelten kann“. Die Sprache sei „abgelebt“; zu „kraß“ die Kontraste; zu „gefügt“ die Handlung. Also: „totes Theater“?

Akteure drehen sich im Kreis: „Die Ratten“ am Schauspiel Frankfurt Foto: Birgit Hupfeld

III

Die Frankfurter Inszenierung von Felicitas Brucker gibt auf solche Fragen keine schlüssige Antwort. Sie löst die „Ratten“ aus dem ohnehin nur losen historischen Rahmen des deutschen Kaiserreichs am Ende des 19. Jahrhunderts. Die zwei Ebenen, auf denen sich das Drama abspielt, Kinderfrage und Theaterproblem, werden bereits durch das Bühnenbild (Dirk Thiele Galizia) schlüssig, wenn auch etwas steril zusammengeführt. Das Obergeschoss des gläsernen Rondells, das auf einer großen Drehscheibe platziert ist, bleibt ohne jede Funktion. Die Akteure drehen sich buchstäblich im Kreis. Alles durchsichtig, Transparenz ist angesagt. Eine Erinnerung an das Elend der Hinterhöfe in den Berliner Mietskasernen am Ende des 19.Jahrhunderts kommt gar nicht erst auf.

IV

Erster Akt. Erste Szene. Das Dienstmädchen Pauline Piperkarcka, hochschwanger und tief verzweifelt, will sich umbringen. „Ick spring im Kanal und versaufe.“

Frau John versucht zu trösten und verspricht ihr, nicht uneigennützig, Hilfe. Ihr „Adelbertchen“ ist „jestorben“, und auch ihr Mann, Maurer-Polier, der auf einer auswärtigen Baustelle arbeitet, wünscht sich „sterbensjerne een Kindeken“. Das heißt: die eine bekommt, was sie nicht brauchen kann, während es die andere nicht hat, aber sehnlichst wünscht: ein Kind. Pauline lässt sich überreden. Frau John gibt das Kind als ihr eigenes aus. Allen scheint geholfen. Aber jetzt beginnt das eigentliche Drama.

Denn Pauline, von Skrupeln geplagt (überzeugend von Sarah Grunert gespielt), will ihr Kind zurück. Frau John beauftragt deshalb ihren Bruder Bruno (als Zappelphilipp von Fridolin Sandmeyer vorgestellt), ein ausgeflipptes Ekelpaket, Pauline zum Schweigen zu zwingen. Der missversteht den Auftrag und bringt das Mädchen zum Schweigen.

Am Ende ist also Pauline ermordet, Frau John bringt sich um, und der Polier hängt mit dem Kind in der Luft.

Ein Drama.

Allerdings und zu Recht Tragikomödie genannt.

Trotz allem sehenswert: „Die Ratten“ am Schauspiel Frankfurt Foto: Birgit Hupfeld

V

Oben und unten, wie bei Hauptmann noch vorgesehen, gibt es nicht mehr. Alles spielt sich in den gläsernen Wandelgängen der Drehbühne ab. Das ist konsequent und gleichzeitig zu kurz gedacht. Denn weil sich alle auf der gleichen Ebene bewegen, fehlt das Gefälle. Nicht nur sozial.

Auf dieser zweiten (Handlungs-)Ebene, wo die Komödie zu ihrem Recht kommen soll, steht der Harro Hassenreuther, ehemaliger Schauspieldirektor, der jetzt von einem Kostümverleih und Schauspielunterricht lebt. Die beiden Ebenen bleiben, gerade weil sie zusammengelegt werden, unverbunden.

Hassenreuther streitet, wie bei Hauptmann noch ausgiebiger vorgesehen, mit seinem Schüler Spitta über Rolle und Aufgaben des Theaters. Dabei sind, leicht abgedunkelt, im Hintergrund die Trümmer der zuvor präsentierten Lebensentwürfe zu sehen. Der junge Spitta fordert von Hassenreuter die Öffnung der Kunst ein: „die Kunst ist endlich mal für alle.“

Sein Vater, Pastor Spitta versucht in einer hübschen Szene seinen Sohn aus den Fängen des Theatermannes zu befreien. Das verhilft Peter Schröder zu einem wunderbaren Auftritt. Er zeigt in seiner erschütterten Selbstgewissheit die ganze Komik der an sich schon tragischen Gottesmänner.

VI

Die Stärke des Dramatikers Gerhart Hauptmann, so hatte einst Fritz J. Raddatz proklamiert, sei seine „intellektuelle Schwäche“. In seinen naturalistischen Stücken hatte er sich der Realität ausgeliefert. In dem „Notiz-Kalender“ (1891) schrieb Hauptmann, dass die „Kunst“ darin bestehe, „Erfindungen zu vermeiden.“

In den „Ratten“, mit denen er sich über viele Jahre herumgeplagt hat, griff diese Maxime nicht mehr. Selbst wenn alles, was darin vorkommt, auf reale Vorlagen zurückgeführt werden könnte, für die Verbindung beider Ebenen konnte es keine Vorlage geben. Deshalb hilft es auch nicht, das Stück aus seinem sozialem, politischen Kontext zu lösen.

Das Problem der Inszenierung von Felicitas Brucker zeigt sich bereits im Bühnenbild. Die zweite Ebene bleibt funktionslos. Das Dach bleibt leer. Der Zugriff ebenso.

VII

Trotzdem sehenswert? Ich glaube schon.

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erstellt am 10.9.2019

„Die Ratten“ in Frankfurt Foto: Birgit Hupfeld

Premiere in Frankfurt

Die Ratten

von Gerhart Hauptmann

Regie: Felicitas Brucker, Bühne: Dirk Thiele Galizia, Kostüme: Irene Ip, Musik: Philipp Weber, Dramaturgie: Alexander Leiffheidt

Besetzung: Sebastian Kuschmann (Harro Hassenreuter), Katharina Linder (Frau Hassenreuter), Altine Emini (Walburga), Peter Schröder (Pastor Spitta) et al.

Schauspiel Frankfurt

„Die Ratten“ in Frankfurt Foto: Birgit Hupfeld