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Der Existenzphilosoph Karl Jaspers stand als reaktionsschneller Beobachter der politischen Situation in der frühen Bundesrepublik Deutschland in hohem Ansehen. Nach seinem Tod 1969 wurde seine Bedeutung von der Wucht der aktuellen Ereignisse überlagert. Der Philosoph Enno Rudolph hat vier neue Bände der Jaspers-Gesamtausgabe zum Anlass genommen, in einem umfassenden Essay die Frage nach dem Neuigkeitswert der Edition zu stellen.

Karl Jaspers

Der letzte Aristokrat des Geistes

Wer im gegenwärtigen Studienbetrieb des Faches Philosophie oder benachbarter Fächer auf den Namen Karl Jaspers zu sprechen kommt, löst immer wieder ein befremdetes Erstaunen aus – sei es, dass der Name, besonders außerhalb der Landesgrenzen, inzwischen oftmals unbekannt ist, sei es, dass die Frage nach seiner Aktualität als rhetorisch aufgefasst wird. In jedem Fall gilt Jaspers als ein Autor, dessen Absenz in Lehre und Forschung keiner ausdrücklichen Begründung bedarf. Nun ist es inzwischen zu einer stattlichen Anzahl von in jeder Hinsicht gewichtigen Neueditionen sei es nachgelassener, sei es bereits erschienener Werke von Karl Jaspers gekommen, ein Vorgang, der die Frage nach den Chancen und Aussichten einer Wiederaufnahme der Beschäftigung mit seinem Werk – innerhalb und ausserhalb der akademischen Lehre und Forschung – aufwirft. Die zum Teil sehr umfangreichen Bände kommen gediegen und aufwendig ediert in edlem Dunkelblau gebunden daher, selbstverständlich erstellt unter strenger Beachtung moderner Editionskriterien im Auftrag der Heidelberger Akademie der Wissenschaften (in Zusammenarbeit mit der Göttinger Schwesterakademie und der in Basel ansässigen Karl Jaspers Gesellschaft). Ein erster Blick weckt durchaus die Neugier nicht nur auf bislang Unbekanntes – wie auf die Reihe sorgfältiger Ausgaben der umfänglichen Korrespondenz von Jaspers –, sondern auch auf die seit 2016 neu edierten Texte von Titeln, die vor einem knappen Jahrhundert erstmals erschienen waren, wie die im Jahre 1923 (und dann im Jahre 1946 im Nachkriegsdeutschland in überarbeiteter Fassung) publizierte Abhandlung Die Idee der Universität. In der Neuedition ist dies der Titel des ganzen Bandes mit ausgewählten Texten zur Universitätspolitik. Und wenn neue Schläuche alten Wein – entgegen dem Sprichwort – doch erneuern und veredeln können, dann empfiehlt es sich, so zu verfahren, wie es die Editoren dieser Bände vorführen: Die zum Teil über den Tod des Autors hinaus für eine längere Zeit populär gebliebenen Abhandlungen „Vernunft und Existenz“ (1935) und „Existenzphilosophie“ (1938), sind jetzt unter dem Titel Schriften zur Existenzphilosophie versammelt. Weiterhin liegt vor die wegen des provozierenden Modells der Achsenzeit über die Grenzen der philosophischen Disziplin hinaus berühmt, aber auch umstritten gebliebene Schrift Vom Ursprung und Ziel der Geschichte (1949) und schließlich die unter dem Titel Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung versammelten Texte zur Konfrontation von Philosophie und Offenbarungsglaube.

Die insgesamt prächtigen Bände lassen auf den ersten Blick erkennen, dass sich der Aufwand der literarischen Präsentation nicht allein einem besonders ausgeprägten ästhetischen Gestaltungsbedürfnis verdankt, sondern vor allem der Überzeugung, dass eine optimale Aufmachung die Absicht erkennen lässt, Jaspers als einen Giganten der Philosophiegeschichte zu präsentieren. Die allesamt im Schwabe Verlag Basel erschienenen Bände empfehlen sich uneingeschränkt als attraktive Grundlage für den Beginn einer möglicherweise bevorstehenden Renaissance der Beschäftigung mit dem Werk von Karl Jaspers. Wollte man jetzt mit einer Retraktation des Jaspers‘schen Werkes beginnen: das Tableau wäre bereitet. Fraglich ist allein, ob aus dem Angebot eine Anregung wird.

Parallel zur editorischen Arbeit ist im Laufe der Jahre eine eigentümliche Achse institutionalisierter Zuständigkeiten für die neue Einlassung auf das Werk von Karl Jaspers von Nord nach Süd durch Deutschland über die Landesgrenze hinaus bis nach Basel entstanden, der eine geradezu symbolische Bedeutung zukommt: Im Norden hat die Karl-Jaspers-Gesellschaft im zwischenzeitlich zu einer namhaften Universitätsstadt entwickelten Geburtsort von Jaspers, Oldenburg, in gedeihlichem Zusammenwirken mit der Universität eine stilvolle Villa in bevorzugter Lage zu einem dynamischen Zentrum vielseitiger Beschäftigung mit dem Werk von Karl Jaspers und benachbarten Themen gemacht. Das Haus beherbergt die öffentlich zugängliche Privatbibliothek von Jaspers, es ist gerüstet für die Aufnahme wissenschaftlicher Fellows und es leistet mit beachtlichen Vortragsveranstaltungen oder Kolloquien einen Beitrag für eine nachhaltige Bekanntmachung des großen Sohns seiner Heimat in der dortigen interessierten Öffentlichkeit. Die Drehscheibe der Achse ist Heidelberg, der Ort des akademischen Wirkens von Jaspers in der Zeit von 1913 bis zu dem von den Nazis gegen ihn verhängten Lehrverbot 1937 bzw. bis zu seinem Überstieg nach Basel 1948. In Basel sorgen der Schwabe Verlag und die Karl Jaspers Stiftung am gewiesenen Ort für die nötige Balance der Achse. Natürlich können diese Initiativen keine Reaktion auf etwaige zuvor wahrgenommene Anzeichen für ein neu erwachtes Interesse an Jaspers‘ Werk darstellen. Vielmehr sollte mit dem aufwendigen Editionsprojekt die umgekehrte Strategie verbunden werden, durch eine auf optimalem editorischen Niveau geleistete Aufbereitung der Werke von Jaspers, begleitet von einschlägigen wissenschaftlichen Veranstaltungen, ein qualifiziertes Interesse zu wecken. Dieser Absicht sollte es förderlich sein, dass sich die durchweg kompetenten Einleitungen zu den neu edierten Bänden vorzüglich als Einführungen in das Werk von Jaspers eignen, zumal einige von ihnen sich pointiert als gelungene, aber keineswegs gewaltsam vorgenommene Aktualisierungen des Jaspers‘schen Denkens empfehlen. Die Anstrengung der Bereitstellung eines Gesamtwerkes von diesem Rang lässt sich langfristig erst legitimieren, wenn es dem Projekt-Team gelingt, zu demonstrieren, dass es kein Vorbeikommen an diesem eminenten Philosophen des 20. Jahrhunderts gibt. In Zeiten, deren Krisen dazu Anlass geben, die Frage nach dem Sinn und dem Ziel der individuellen Existenz zu stellen, könnte eine Philosophie, für die diese Frage das Leitmotiv darstellt, wieder attraktiv werden.

Natürlich sind das hoch gesteckte Erwartungen – vielleicht zu hohe. Und doch wird man sagen dürfen, dass einige der neu edierten Schriften durchaus geeignet sind, das fast vergessene Werk von Karl Jaspers im Spektrum gegenwärtiger Autoren wieder konkurrenzfähig zu machen. Die Gründe dafür dürften allerdings weniger im Sprachstil des Jaspers‘schen Philosophierens zu suchen sein – der ist pastoral, immer wieder eingehend moralisch, oftmals tiefgründig, aber selten hintergründig, stets ernst, fast nie ironisch, streng, aber nie scharf, sehr breit, immer wieder generalisierend, thematisch tendenziell allumfassend, dennoch gleichbleibend klar, vornehm, kritisch und politisch, und auf eine paradoxale Weise naiv und wachsam zugleich. Anders als der Stil jedoch könnte die souveräne Kunstfertigkeit faszinieren, mit der es Jaspers immer wieder gelingt, durch eine authentische Phänomenologie der Lebenswelt dort Evidenzen zu erzeugen, wo es keine Argumente gibt: Dies gilt beispielhaft für seine spezifische Methodik einer differenzierten Beobachtung menschlicher Betroffenheit, wie er es exemplarisch immer wieder an den unterschiedlichen Erscheinungsformen der existentiellen „Grenzsituationen“ demonstriert. Die Bedeutung des Universalen – der Weltgeschichte, des Seins – für die Existenz des Einzelnen, für die Lebensfrist, für Schuld, Verantwortung, Freiheit und Glück verliert er bei aller Neigung zu abdriftender Spekulation nie aus den Augen. Akademisch, politisch, methodisch und weltanschaulich lässt sich diese Philosophie als eine immer noch erfrischend unbelastete Alternative zum wiederholt ausgerufenen Ende der Philosophie empfehlen – hierin vergleichbar der ansonsten gänzlich anders gearteten Kulturphilosophie seines Zeitgenossen, des Symboltheoretikers und Anthropologen Ernst Cassirer, dessen Werk Anfang der 90er Jahre eine Renaissance mit immer noch anhaltender Wirkung erlebte, und dessen Schriften Jaspers, ausweislich der Lektüre-Spuren, die sich in den Ausgaben einschlägiger Werke Cassirers in der Oldenburger Bibliothek finden, intensiv gelesen haben muss.

Die Technik der editorischen Präsentation aller vier Bände lässt ein einheitlich hohes Niveau erkennen und muss als vorbildlich bezeichnet werden. Der Aufbau ist ebenso übersichtlich wie folgerichtig, die Orientierung fällt leicht, so dass sich der Leser mühelos über die Gliederung, die Referenztexte, die themenverwandte Literatur des Autors, sowie über Zeichen, editorische Indizes und Abkürzungen, auf die der Benutzer von Editionen dieser Art angewiesen ist, informieren kann, ohne viel Zeit zu verlieren. Jeder Band ist mit einer Einleitung versehen, die – vom jeweiligen Bandherausgeber verfasst – ihre Aufgabe offenbar vor allem jeweils darin haben, detailliert über bibliographische und historische Zusammenhänge zu informieren, deren Kenntnis für ein angemessenes Verständnis der Entstehung und der Thematik der betreffenden Schrift unverzichtbar ist, und gegebenenfalls ergänzend über biographische bzw. politische Bezüge aufzuklären. Gerade im Blick auf solche Texte, die schon einmal erschienen waren, sind solche Hinweise von besonderem Wert: Die Texte werden dann nicht nur deshalb mit anderen Augen gelesen, weil sich bekanntlich die Lektüreoptiken, die hermeneutischen Zugänge und entsprechend die Urteile im Verlauf der Zeit immer wieder ändern, sondern auch, weil sich die Bedeutung der Texte selbst mit den unter den veränderten Blickwinkeln gefällten Urteilen verändert. Denn sie können aus den ‚Knoten‘, die durch Überschneidungen der verschiedenen sich im Laufe der Zeit entwickelnden Rezeptionsformen entstehen, nie ganz herausgelöst werden können. Sofern dann noch hinzukommt, dass wir heute von einer entschieden höheren Anzahl einschlägiger Details, etwa zur Entstehung der Texte wie auch zu ersten Reaktionen auf sie, mehr Kenntnis haben denn je – jede Einleitung informiert gesondert über die Entstehungsumstände und die Rezeption des edierten Einzelwerkes -, und dass wir heute generell zum historischen Umfeld mehr wissen, als die Beteiligten selbst wissen konnten, verändert sich mit dem neu gebildeten Urteil über das Werk einmal mehr dieses selbst – das Werk verstanden als Transporteur von Bedeutungen, die den ständigen Wandel ihrer Geltung spiegeln. Editionen bilanzieren Rezeptionsstadien und Rezeptionsniveaus. Rezeptionen generieren neue Urteile und diese konditionieren die weitere Rolle der betroffenen Texte in der Wirkungsgeschichte und im kulturellen Gedächtnis.

Für sämtliche Schriften in allen vier Bänden, die hier zur Besprechung anstehen, gilt gleichermaßen, dass sie sich aus Zeugnissen der philosophischen Botschaften und intellektuellen Leistungen eines eminenten Autors in zeithistorische Dokumente verwandelt haben. Schon dadurch unterscheiden sie sich wesentlich von ihren Vorgänger-Ausgaben, und entsprechend treffen sie auf andere Leserschaften. Die Texte lassen sich heute zeitgeschichtlich und werkgeschichtlich neu kontextualisieren – z.B. durch eine Synopse mit dem im Jahr 2016 herausgegebenen Briefwechsel von Karl Jaspers, der die Korrespondenzen mit philosophischer Thematik enthält. So lässt sich nun die Abhandlung über „Die Idee der Universität“ durch das Arrangement von Band I/21 in einen unmittelbaren Zusammenhang mit dem von Jaspers damals erstellten Entwurf einer Universitätsverfassung einerseits und seinem Briefwechsel mit Martin Heidegger – neu gewählter Rektor der Universität Freiburg und Autor der berüchtigten Rektoratsrede vom 27. Mai 1933 – andererseits bringen.

Die gestellte Aufgabe der Einleitungen zu den vier Bänden wird jeweils in sehr unterschiedlicher Weise erfüllt: Während einige Editoren um ein Höchstmaß an Transparenz bei der Einordnung des betreffenden Werkes in den Kontext der Umstände seiner Entstehung bemüht sind – und dabei oftmals erhellende Zusammenhänge zwischen den präsentierten Texten und einschlägigen Schriften anderer Bände herstellen -, beschränken sich andere Herausgeber darauf, die Anlässe der Behandlung des Themas der betreffenden Schrift von Jaspers kompakt zu rekapitulieren und – wie im Fall der Neuausgabe der Abhandlung „Vom Ursprung und Ziel der Geschichte“ – die Gliederung der Schrift zu referieren, um – in diesem Fall – sogar auf motivische Gemeinsamkeiten des Konzepts der Jaspers‘schen Geschichtstheorie mit der Geschichtsauffassung Karl Poppers hinzuweisen, allerdings ohne diese Entdeckung auszuwerten.

Insgesamt stellen drei der hier vorgestellten Bände – die „Schriften zur Existenzphilosophie“ (I/8), die geschichtsphilosophische Abhandlung „Vom Ursprung und Ziel der Geschichte“ (I/10) und der religionsphilosophische Text „Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung“ (I/13) – so etwas dar, wie eine konzentrierte Parallelversion zur dreiteiligen „Philosophie“ von Jaspers – allerdings straffer, lesbarer, weniger weitschweifig geschrieben, wodurch sie eine veritable Konkurrenz zu der ohnehin extrem redundant wirkenden großen Trilogie darstellen. Aus der Sicht des Lesers unserer Tage lassen sich jeder einzelnen Schrift die folgenden zwei Leitfragen voranstellen, von deren Beantwortung die Aussichten auf ein Wiederaufleben eines verbreiteten Interesses an Jaspers‘ Philosophie abhängen könnte:

1. Welche Neuigkeiten erfährt der Leser unter ideen- bzw. kulturgeschichtlichem Gesichtspunkt durch diese Neueditionen – zum Beispiel über die damalige Rolle der Philosophie im System der Universität: Handelt es sich tatsächlich um Informationen, Horizonterweiterungen oder Neubewertungen, die sich durch eine Beschäftigung mit den allenthalben in unseren Bibliotheken zugänglich gelagerten Referenztexten nicht gewinnen lassen?

2. Die Lektüre welcher Schriften des Autors ist aus welchen Gründen unter dem Gesichtspunkt der Erwartung neuer Impulse für Philosophie, Kultur und Leben gegenwärtig vielversprechend genug, um heute wieder aufgenommen oder gar weitergeführt zu werden?

I. Die versammelten Schriften zur Existenzphilosophie

Diese Texte spiegeln den Diskurs wieder, den Jaspers mit sich selbst über die Frage führte, welchem der beiden thematischen Pole, die seine Philosophie in weiten Teilen wie die Brennpunkte einer Ellipse strukturieren – nämlich Vernunft und Existenz – der Vorrang gebührt. Wie es für eine erhebliche Anzahl der Schriften von Jaspers generell charakteristisch ist, verbindet er die Erörterung des jeweiligen Themas einer Abhandlung unmittelbar mit Referaten über seine Denkerfahrungen, als sollte der Leser selbst am Ende entscheiden, wie die Frage nach dem Vorrang zwischen Vernunft und Existenz zu beantworten ist. Im Fall der Schriften zur Existenzphilosophie gilt es abzuwägen, ob es eher darum geht, der Kontingenz, der Unberechenbarkeit und der gelegentlichen Irrationalität des Verlaufs menschlichen Existierens ein solides Fundament zu vermitteln, das in der dafür seit jeher als zuständig geltenden Vernunft vermutet wird, oder ob nicht vielmehr umgekehrt der mächtigen Tradition der philosophischen Beschäftigung mit der ebenso souveränen wie erhabenen Vernunft in ihren unterschiedlichen Versionen – als Geist, als Reflexion, als Rationalität – eine Philosophie als Korrektiv entgegen zu halten ist, die im Interesse der Selbstbehauptung der individuellen Existenz den Anspruch der Vernunft in Frage stellt, als erste und letzte Autorität der Lebensführung zu gelten. Die Konzentration auf das mit keinem Begriffssystem der überkommenen Anthropologien in Philosophie und Wissenschaft angemessen zu erfassende Existieren des Einzelnen mit seinen Widersprüchen, Inkonsequenzen, Abhängigkeiten, Unwägbarkeiten und Abweichungen bleibt ein thematischer cantus firmus bei Jaspers. Die beiden zu einer gewissen Popularität gelangten Kategorien – die „Grenzsituation“ und die unbegriffliche Erfahrung eines ungegenständlichen “Umgreifenden“ – lassen sich plausibel daraus ableiten. Der zuständige Bandherausgeber konturiert den Gedankenaufbau von Jaspers schärfer, als der Autor selbst. Mit den Grenzsituationen fängt alles an: das reflektierend reflektierte Existieren, das sich selbst thematisiert, einerseits, und das philosophische Umschreiben der Grenzsituation – in die man etwa durch eine Konfrontation mit der eigenen Vergänglichkeit auf dem Krankenlager geraten kann – andererseits verweist den Menschen auf die Frage nach dem, was bleibt, wenn er vergeht. Bereits dieses Fragen ist ein Transzendieren, und das Transzendieren bewegt sich in eine unbestimmte Richtung über die Selbstreflexion hinaus: das Individuum wähnt sich „umgriffen“ (umgeben wäre zu schwach) sowohl von einer eher konkretisierbaren Dimension, der es ausgeliefert ist – der Geschichte –, als auch von einer Dimension, die sich jeder Konkretisierung, jeder Vergegenständlichung entzieht – das „Umgreifende“.

Die Philosophie der Existenz erweist sich damit als Fundament der Philosophie der Geschichtlichkeit, deren Erfahrung wiederum der Philosophie der Geschichte vorausliegt. Entsprechend verweist die andere Erfahrung, dass die Grenzsituationen ein Transzendieren veranlassen, auf die Philosophie des Umgreifenden: Geschichtsphilosophie und Religionsphilosophie gliedern sich nach Art konzentrischer Kreise um die ‚Basisphilosophie‘ – die Philosophie der Existenz – herum. Abgebildet auf die einschlägigen Protagonisten aus der Philosophiegeschichte, die hier in die Rolle von Vorläufern geraten, nämlich Immanuel Kant als Repräsentant des Vorrangs der Vernunft, und Sören Kierkegaard als Repräsentant des Vorrangs der Existenz, steht nicht einfach die Alternative ‚Kant oder Kierkegaard‘ zur Entscheidung – dazu bedürfte es dieses Aufwands nicht -, sondern zur Entscheidung steht diese Alternative als die eine Möglichkeit, und die Synthese – Kant und Kierkegaard – als die andere. Jaspers tendiert zu dieser zweiten Option, aber man kann wohl kaum sagen, dass er konsequent dabei bleibt.

Die „Erfahrung von Grenzsituationen [wird] zum Ursprung des Philosophierens“ – so fasst der Bandherausgeber die Position von Jaspers treffend zusammen. Dieses Resultat wirft die Frage auf, wie Jaspers sich von einschlägigen Autoren aus seiner Zeitgenossenschaft, vor allem von Jean Paul Sartre und Martin Heidegger abhebt, mit deren Grundbegrifflichkeiten – wie Existenz, Tod und Freiheit – sich auffällige Überschneidungen nachweisen lassen. Die Beantwortung dieser Frage könnte sich als ausschlaggebend für die Entscheidung darüber erweisen, welcher dieser drei Varianten einer Philosophie des individuellen Existierens eine Chance verbreiteter Wiederbeschäftigung zuteilwerden könnte – wenn überhaupt. Als erschwerend für ein Wiederaufleben der „Existenzphilosophie“ dürfte sich dabei auswirken, dass der Begriff „Existenz“ in allen seinen vergleichbaren Versionen prima vista ein vager Begriff zu sein scheint. Überdies gilt die bei Jaspers auf diesem Begriff gegründete sogenannte Lehre vom „Umgreifenden“ – die sich unter dem Unwort „Periechontologie“ eine gewisse Prominenz erworben hat – weithin als eine eher weiche Theorie. Allerdings verlieren diese Bedenken ihre Relevanz in dem Maße, in dem sich feststellen lässt, dass es mit den traditionellen Kategorien wie „Sein“ und „Vernunft“ nicht wirklich besser gestellt ist, obwohl sie auf eine wesentlich längere Karriere in der Geschichte der philosophischen Versuche begrifflicher Präzisierungen zurückblicken können.

Der Name Sören Kierkegaard spielt im Verhältnis der drei eminenten Konkurrenzautoren die Rolle eines kleinsten gemeinschaftlichen Nenners: Im Viereck Kierkegaard, Jaspers, Sartre und Heidegger lassen sich die Unterschiede der vier Eckpunkte scharf markieren, jedenfalls sofern sich der Vergleich exemplarisch auf die Typen der jeweiligen Figur der „Entscheidung“, durch die der Existierende seine Existenz zum Anlass einer Selbstreflexion, und zugleich zur praktischen Aufgabe seines Lebensvollzuges macht, konzentriert. Es ergeben sich dann die folgenden vier charakteristisch unterschiedenen Typen eines existentiellen Dezisionismus:

- ein fideistischer Dezisionismus im Fall von Kierkegaards berühmt gewordenen Modell des „Sprungs in den Glauben“;

- ein politischer Dezisionismus im Fall von Sartres nonkonformistischem und oppositionellem Freiheitsbegriff;

- ein radikal asketischer Dezisionismus im Fall von Heideggers rigider Entschlossenheit zum „eigentlichen“ Existieren, und schliesslich

- ein transzendierender Dezisionismus der Entscheidung zu einem Leben in der permanenten Suche nach einem ausbalancierten Verhältnis zwischen Vernunft und Existenz bei Jaspers.

Salopp formuliert, haben sich die drei ‚postkierkegaardschen‘ Zeitgenossen von Jaspers allesamt auf dem bequemen Teppich dieses weichen Vokabulars ausgetobt, sich auf begrifflicher Ebene ungeniert der deutlich exakter operierenden Tradition bedient, und sich die eine oder andere ‚Kissenschlacht‘ – eine Schlacht begrifflicher Luftkissen, wie besonders auffällig im Falle des Begriffs Angst – geliefert. (1)

II. Vom Ursprung und Ziel der Geschichte

Die Geschichtlichkeit ist eine Grunderfahrung der Kontingenz und der Ziellosigkeit des Wirkungspotentials unserer Handlungen – eine Erfahrung, die durch noch so energische Versuche, den Wirkungsraum der Handlungen, d.i. die Geschichte, durch unsere praktischen Zielsetzungen ‘zur Raison zu bringen‘, weder kompensiert noch dementiert werden kann. Die in der Schrift „Vom Ursprung und Ziel der Geschichte“ entwickelte Hypothese von der „Achsenzeit“ – verbunden mit einer Interpolation, die der Einkreisung je eines als Ursprung und eines als Ziel fungierenden Eckdatums dient – soll dem Verlauf der Geschichte eine Rahmung vermitteln, innerhalb derer es sinnvoll sein kann, gegen die Grunderfahrung langfristiger Sinnlosigkeit zu optieren und zu handeln. Der klassische Schematismus von Schöpfung und Erlösung ist also nur ersetzt, keineswegs aber definitiv überwunden, wenngleich Jaspers mit der Ersetzung des Kreuzes durch die Achsenzeit einen eigentümlich ausgeprägten Grad an philosophischer Säkularisierung erreicht hat. Alles in allem allerdings hat diese originelle Theorie, mit Ihrer eindrucksvollen Respektsbekundung vor den aussereuropäischen Geisteswelten, nicht zu einer Emanzipation vom klassischen Paradigma der „Geschichtsphilosophie“ beizutragen vermocht, die von Hans Blumenberg ebenso kritisch wie treffsicher als „Gegenneuzeit“ charakterisiert worden ist. In Jaspers‘ Schrift Vom Ursprung und Ziel der Geschichte sind die Eierschalen teleologischer Modelle der Geschichtsdeutung in dem Masse leitend, in dem der Autor die Durststrecke historistischer Indifferenz zu durchlaufen vermeidet. Schon deshalb bleibt der Verdacht bestehen, dass es sich bei diesem Konzept exakt umgekehrt verhält, als im Fall der Existenzphilosophie: Während Jaspers bei der Behandlung des Themas „Grenzsituation“ der existentiellen Kontingenz stets gegen den Rationalismus vernünftiger Lebensordnung zu ihrem Recht verhilft, wird hier die Idee einer sinnvollen historischen Evolution mit der Hoffnung versöhnt, dass – um es noch einmal mit Hans Blumenberg zu sagen -, der Mensch seine Lebenszeit in einer umfassenden „Weltzeit“ (Blumenberg) zu situieren vermag, gegen deren Anonymität und Indifferenz die Existenz einen Lebenssinn zu behaupten vermag, der über den Tod hinaus weist. Der Bandherausgeber verteidigt Jaspers gegen die Unterstellung einer geschichtsteleologischen Konzeption ausdrücklich, sowie gegen den Vorwurf, eine Version von Geschichtsdeterminismus zu vertreten. Aber sind Ursprünge und Ziele keine Determinanten? Und kann man den Teleologieverdacht überhaupt noch ausräumen, und lässt sich mithin der Determinismus-Verdacht vermeiden, wenn das Buch bereits mit der eigenartigen Aufgabenbeschreibung der Philosophie beginnt, der zufolge sie Ordnung zu stiften suche, wo Unordnung herrscht? An diese geradezu konventionelle, im Verlauf von zwei ein halb Jahrtausenden – von den vorsokratischen Atomisten bis zu Hegel – immer wieder selbst gestellte Aufgabe der Philosophen anzuknüpfen, ist erstaunlich vor dem Hintergrund, dass Friedrich Nietzsche – wie Jaspers wohl wusste – seine Arbeit bereits getan hatte: Nietzsches kultureller Umsturzversuch fiel freilich weit radikaler aus, als etwa diejenigen der hegeltreuen Hegelkritiker Marx oder Kierkegaard, basierte er doch auf der im 20. zunehmend einflussreicher gewordenen Diagnose, dass sich dort, wo man früher Sinn vermutete oder Sinn zu stiften versuchte – nämlich im Handlungsraum der Geschichte – nicht Sinn, sondern nur Macht in mannigfachen Metamorphosen eingenistet hat, deren Virulenz Michel Foucault mit der Forderung nach einer „Mikrophysik der Macht“ begegnete. Das gegenläufige Interesse dieser Schrift von Jaspers – das darin zu liegen scheint, mit den traditionellen Mitteln idealer Projektionen Ordnung stiften zu wollen, und zwar in einer Welt, in der die Vermutung ursprünglicher Ordnungs– und Sinnlosigkeit längst zur verinnerlichten Norm des Lebens geworden ist – könnte darauf hindeuten, dass dieses Buch weniger zu den Kandidaten gehören dürfte, die gegenwärtig auf die Chance einer neuen Aktualität rechnen können. Der Hinweis auf die jüngst von Jan Assmann veröffentlichte Monographie zum Problem der Achsenzeit stellt dagegen keinen Einwand dar: Assmann experimentiert mit dem Terminus, um ihn auf Feldern ausserhalb der Philosophie auszuprobieren. (2)

III. Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung

Die ausführliche, reiche und umsichtige Einleitung zu diesem Band scheint die Bedeutung der Schrift überwiegend im theologischen Diskurs auszumachen. Gewiss, Jaspers hat in dem berühmten Disput mit seinem Ko-Patrioten und Schulkameraden Rudolf Bultmann den Mythos gegen die energische Strategie eines Theologen verteidigt, der im erklärten Interesse einer Anpassung theologischer Sprache und theologischer Weltsicht an die Bedürfnisse des modernen Menschen bereit war, den Mythos zu opfern. Jaspers aber argumentierte für den Mythos, seine historische Bedeutung und seinen literarischen Wert, nicht zu Gunsten des Dogmas, sondern zugunsten der Kultur, was ihn immerhin mit Bultmann eine gemeinsame Haltung einnehmen ließ, die beide gleichermaßen scharf und unversöhnlich von Jaspers‘ Baseler Kollegen, Karl Barth, trennte. Im Vergleich zu seinem konsequenten und charaktervollen Einsatz für den Mythos erscheint die Theorie des philosophischen Glaubens wiederum zu viel an Werbung für einen meditativ zu erzielenden Wahrheitsbezug in Glaubensform zu enthalten, und zu wenig Rationalität. Dies ist umso merkwürdiger, als Jaspers in den Jahren zwischen 1935 und 1938 im Zusammenhang seiner Suche nach einer Balance zwischen Vernunft und Existenz zunehmend einem Vorrang der Vernunft zuneigte. Merkwürdiger noch ist, dass Jaspers sich vor diesem Hintergrund in der Schrift über den philosophischen Glauben nicht abarbeitet an der ausdifferenzierten philosophischen Theologie Immanuel Kants, der in seiner Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ seine Theorie eines philosophischen Glaubens auf einer ‚Dekonstruktion‘ der christlichen Dogmatik und ihrer Glaubenslehre gründete. Jaspers hatte die Religionsschrift Kants zwar bereits in den 30er Jahren im Visier, wie sein Aufsatz über das „Radikal Böse“ aus dem Jahr 1935 belegt, aber diese Auslegung zeigt auch, dass er Kants Theorie des Bösen lediglich aus dem Kontext der Auseinandersetzung mit der christlichen Erbsünde herauslöste, nicht aber den Kontext der konstruktiven Religionskritik der Schrift berücksichtigte. Zugleich demonstrierte er hier, wie wenig er Textauslegung und Textaneignung voneinander unterschied, indem er den herausgefilterten Gehalt der Passagen über das radikal Böse in seine „Periechontologie“ integrierte: „Das radikal Böse zu erfassen, war für Kant der kaum mehr zu übertreffende Anspruch an die Innerlichkeit des Menschen. In diesem Ursprung wurde ihm zugleich das Sein des Umgreifenden der Transzendenz in der Form logischer Erhellung existentiell gleichsam zwingend gegenwärtig.“ (3) Hatte Kant in der Auseinandersetzung mit dem theologischen Dogma und mit dem Offenbarungsglauben durch eine konsequent durchgeführte Reduktion der Religion auf ihre moralphilosophisch vermittelbaren Grundannahmen den Boden philosophischer Rationalität niemals verlassen, so scheint Jaspers hier zu Grenzüberschreitungen bereit – nicht zuletzt durch die Tendenz zur Ausbildung eines essentialistischen Begriffs des Bösen. Jede Substanzialisierung des Bösen jedoch führt zu einer Dämonisierung des Bösen, und jede Dämonisierung schreibt den gnostischen Dualismus einmal mehr fort, der bei Kant immerhin nur noch auf der Ebene des moralischen Konflikts zwischen dem menschlichen „Hang“ zu Bösen und dem „guten Willen“, nicht aber existentiell ausgetragen wurde.

Hier wird der Jaspers‘sche Begriff der „Chiffer“ einschlägig – Chiffern verstanden als Zeichen, deren besonderes Merkmal ihre Vieldeutigkeit ist, und die Jaspers unter dem Titel „Chiffern der Transzendenz“ deutlich abgrenzt gegen die Eindeutigkeit, die er dem Zeichen zuspricht, durch das sich dem „Offenbarungsglauben“ zufolge Gott in der Offenbarung zeigt (S. 54ff.). Jaspers geht das Risiko ein, die Philosophie zu einem Konkurrenzprojekt zur Theologie werden zu lassen, wenn er dem Offenbarungsglauben im kirchlich historischen Format aufgrund seiner Verantwortlichkeit für zahlreiche Verfehlungen der Menschheitsgeschichte, wie Korruption, Gewalt etc. abspricht, Respekt erwarten zu dürfen. Die entsprechenden Passagen lassen sich durchaus lesen als eine Geste, mit der Jaspers seine Chiffern-Theorie nicht – jedenfalls nicht nur – einsetzt, um Philosophie und Theologie gegeneinander abzugrenzen, wie der Bandherausgeber zu meinen scheint, sondern um die Philosophie unausdrücklich als die bessere Theologie zu empfehlen. Gerade dazu muss er auf der Vieldeutigkeit der Chiffer bestehen, die er an anderer Stelle durch eine Anleihe am Begriff des Symbols unterstreicht. Hier scheint es, als hätte Jaspers den aus dem Exil nicht mehr zurückgekehrten Symboltheoretiker Ernst Cassirer verhohlen zu Rate gezogen hätte: Am Ende des zeitnah, nämlich 1947 erschienenen Werkes Von der Wahrheit fehlt zwar eine ausdrückliche Referenz, ansonsten lesen sich die hier vorgelegten Ausführungen zum Begriff der Chiffre aber wie ein kongenialer Kommentar zu Ernst Cassirers Symbolverständnis. Der Jaspers’sche Begriff der Chiffer gewinnt – möglicherweise durch diese nicht auszuschließende Anleihe – einen Grad an Klarheit, ohne den die später weitergeführten Analysen in den Chiffern der Transzendenz (1961) wenig verständlich wären. In Von der Wahrheit nämlich rückt Jaspers den Symbolbegriff so nahe an den der Chiffer heran, dass beide nahezu ineinander übergehen. Da Jaspers in den Chiffern der Transzendenz aber von einer ausdrücklichen Bezugnahme auf den Symbolbegriff absieht, und hier die Chiffer als „Sprache der Wirklichkeit der Transzendenz“ definiert, verstärkt er beim Leser den Eindruck, dass er sogar mit dem Offenbarungsrealismus konkurrieren will, gegen den er die Chiffern-Theorie im Philosophischen Glauben noch markant absetzt. Dem stünde auch nicht entgegen, dass Jaspers hier eine bunte Vielfalt exemplarischer Begegnungen mit Chiffern entfaltet – Grenzerfahrungen in Wissenschaft und Forschung, Naturkatastrophen, das Böse etc. gehören dazu –, das heißt, es wimmelt von Chiffern: diese Erfahrungen dienen allesamt als Beispiele derselben Art existentieller Betroffenheit. Sie lassen uns wissen, dass wir an einem Punkt angelangt sind, an dem unser Wissen endet, obwohl sich in ihnen – chiffriert – eine Wirklichkeit meldet: eine Wirklichkeit transzendenter Art, die – anders als Kants „Ding an sich“ – das Subjekt nicht Erkenntnis leitend “affiziert“, sondern den Menschen existentiell betrifft. In Von der Wahrheit hilft die Verwendung des Symbolbegriffs dieses mystagogische Missverständnis übrigens zu vermeiden – v.a. durch eine Reihe von charakteristischen Merkmalen des Symbolbegriffs, die insgesamt in auffälliger Weise mit dem Symbolverständnis Cassirers kompatibel sind. Die Frage, warum Jaspers sich nicht auf Cassirer eingelassen hat, stattdessen doch immerhin lange auf dessen kompromisslosen Gegner aus Freiburg setzte – solange, bis es wirklich nicht mehr ging –, hat ihre Aktualität keineswegs verloren – im Gegenteil.

IV. Die Idee der Universität

Die Edition dieser Schrift ist – besonders vor dem zuletzt angesprochenen Hintergrund der Situation der Universitäten nach der Machtergreifung – von besonderem Wert, da sie mit Hilfe des differenzierten Kommentars in der Einleitung des Herausgebers für Klarheit sorgt: Tatsächlich hat sich Jaspers noch zu Beginn des Naziregimes für eine gewisse Anwendung des Führerprinzips auf die Universitätsorganisation ausgesprochen, aber dabei ist zu bedenken, dass er noch wenig Anlass sah, die Belastungen zu erkennen, die wir heute retrospektiv mit der Vokabel „Führer“ verbinden. Auch begrüßte er ausdrücklich die Wirkung eines engagierten „Staatswillens“ im akademischen Bereich. Dem Kontext aber ist eindeutig zu entnehmen, dass dies im Sinne einer Verpflichtung des Staates auf die Freiheit der Wissenschaft – und nicht umgekehrt – zu verstehen ist. Vor diesem Hintergrund ist sein dann doch vollzogener Bruch mit Heidegger zu verstehen, der ihm schwer fiel, da er den Autor der Freiburger Rektoratsrede bis dato noch für einen Bundesgenossen in seinem Kampf um die Autonomie der Universität betrachtete. Es bleibt allerdings schwer begreiflich, dass Jaspers sich einen derart hohen Grad an Gutgläubigkeit eine so lange Zeit bewahrte, und erst spät ein Misstrauen aufkommen ließ, wie es Ernst Cassirer bereits Jahre früher walten zu lassen schien, was schon seine Rede zur Verfassungsfeier in Hamburg (1928) und deutlicher dann seine legendäre Disputation mit Heidegger in Davos (1929) belegen. Dass Jaspers – wenn auch nur für kurze Zeit – erwog, sein Konzept der Kultur einer universitär gebildeten „Geistesaristokratie“ könne mit dem Eliteverständnis des nationalen Aufbruchs und mit der Wirksamkeit des „Staatswillens“ als organisatorisches Prinzip kompatibel sein, bleibt zwar bemerkenswert, muss heute allerdings nicht mehr beunruhigen.

1 Cf. Enno Rudolph, Angst als Preis der Freiheit. Sartres Heideggerkritik, in: T. Fuchs/S. Micali (Hg.): Angst. Philosophische, psychoanalytische und psychosomatische Zugänge, Freiburg 2016

2 Jan Assmann: Achsenzeit. Eine Archäologie der Moderne, München 2018 (insbes. Das fünfte Kapitel)

3 Karl Jaspers, Das radikal Böse bei Kant (1935), in: ders., Rechenschaft und Ausblick. Reden und Aufsätze, München 1958, S. 107 ff.

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Kommentare


Dr. rer. nat. Harald Wenk - ( 11-09-2019 09:21:31 )
In Jaspes philosopsche Autobioraphie gehgt er von Spinoza als "seinem" früh prägende Philosophen aus. Leider get Jaspsw Wirkung unf Philosophire eher dahin,wie Hegel, Schelling, auch Ka nt,. "Um Spinoza und BUddhismus, Indische Philosophie durch "Scheinüberbierung" herumzukommen.
Das betrifft auch den Lehrbuchautir der Psychiatrie.

Historisch kämpfte er "eigenlich" gegen die Goethe pantheusche Linie, die mit Einstein, Ghandhi, Marx die ehebliche "Zusammenspiel"probleme hatte, weildur Komminstre sich libr für ein "reduktionoisvch materialitsche" Dialektik entschiden hatten.

Lerd msacht er widrstebenfd Hrideggre wie goffähig, sogart imnpsyxvchoistresvhr Fragen.

Spi9npoz krisiert "hellsichtg" eine Theorie der Zeichen. d abslöue RAtzilisdmus unr dem Fesichtspiunkt dr Ewoglket,dr exidtenzoells, mit r AHAmkartheor dutch drin hat, wzrd miz Jaso wztre ets "Dunkel dräunend" umnf "trenstendental" gegen GOETHEs Spinnoza


Dr. rer. mnat. Harald Wenk - ( 12-09-2019 04:22:18 )
wichzg idt auch,dsa nutr dsa THEISTSCHE CHRITENTUM religös widerlegt ist - wsa Jasos trotz globsale "massgebender menschen" (Jresius,Buddha,KOnfuzius) nur sehr bedingt "überbringt"

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erstellt am 02.9.2019

Foto: Universitätsbibliothek Heidelberg [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]

Karl Jaspers, 1913 Foto: Universitätsbibliothek Heidelberg [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]

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Hier besprochen:

Schriften zur Existenzphilosophie
hg. v. Dominic Kaegi, Bd.I/8 (2018)

Vom Ursprung und Ziel der Geschichte
hg. v. Kurt Salamun Bd. I/10 (2017)

Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung
hg. v. Bernd Weidmann, Bd. I/13 (2016)

Schriften zur Universitätsidee
hg.v. Oliver Immel, Bd. I/21 (2016)