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Wie wichtig Zeitmanagement ist, zeigt uns ein Buch „Vom Warten“. Es wurde, mit Fotografien von Georg Christian Dörr, von Stefan Geyer herausgegeben. Über Zeitlöcher und Warteschlangen hinaus haben die Autoren in die Wartesäle der Geschichte geblickt, Penelope und Estragon befragt, sowie Lebenszeit, Eigenzeit, Entschleunigung untersucht und natürlich das Warten auf den Tod. Ulrich Breth hat sich die Zeit mit diesen überraschenden Lesefrüchten vertrieben. Es gibt auch Bücher, auf die wir nicht gewartet haben. Es sind oft die wichtigsten.

Anthologie über das Warten

Ein bisschen wie Ewigkeit

Literarische Anthologien gehören zum Repertoire großer und kleinerer Buchverlage, taugen aber selten zum Bestseller. Im Glücksfall sind sie verdienstvoll. Sie beantworten Fragen wie die, welche relevanten Autoren über den Boxsport geschrieben oder Gedichte über den Herbst oder den Frühling verfasst haben. Dadurch ersparen sie dem Leser umfangreiche Recherchen und dienen zugleich der Kanonisierung.

Solches gilt allerdings nicht, wenn ein Herausgeber seine Autoren auffordert, sich mit Originalbeiträgen an einem Sammelband über ein von ihm gewähltes Thema zu beteiligen. In einem solchen Fall handelt es sich um eine literarische Feldvermessung, wobei der Ausdruck Feld an dieser Stelle den weiten Sinn hat, den ihm Kant in der Einleitung seiner Kritik der Urteilskraft zugewiesen hat, „welches bloß nach dem Verhältnisse, das ihr Objekt zu unserem Erkenntnisvermögen überhaupt hat, bestimmt wird.“ (KdU, B XVI). Das heißt, die Beiträger sind in der Wahl ihres Zugangs und ihrer Darstellungsmittel frei, und der erwartete Aufschlusswert eines solchen Unterfangens lebt zu einem erheblichen Teil von den Überraschungen, die eine eher experimentelle Einstellung jenseits des eingewöhnten akademischen Betriebs und der üblichen Zitatpflichten mit sich führt.

Dies gilt von dem von Stefan Geyer herausgegebenen Band „Vom Warten. Über Zeitlöcher und Warteschlagen“, der im Herbst 2018 erschienen ist. Er ist das erste Buch, das der versierte Herausgeber allein verantwortet und das er von der Idee über die Auswahl der Autorinnen und Autoren bis zum Erscheinen über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren betreut hat. Es erhebt nicht den Anspruch, seinen Gegenstand systematisch zu erfassen oder erschöpfend zu behandeln, sondern versammelt einunddreißig Beiträge von dreißig „Amateuren, Zeitungsmenschen, Literatinnen und Literaten, Satirikern, Verlegern und Geisteswissenschaftlern“, so der Herausgeber in einer Präsentation des Bandes, denen er selbst unter dem Titel „Das Warten hat kein Ende“ ein unprätentiöses, lebenskluges Vorwort vorangestellt hat, das sich den Hinweis auf die berühmtesten Wartenden der Weltliteratur, Penelope aus Homers „Odyssee“ und Estragon und Wladimir aus Samuel Becketts „Warten auf Godot“ nicht entgehen lässt, aber das Phänomen des Wartens in der Mitte unseres Alltag situiert.

Wie die Charakterisierung der Autorinnen und Autoren vermuten lässt, werden höchst unterschiedliche Textsorten bedient, in denen fiktionale Entwürfe, dokumentarische Hinweise und wissenschaftliche Einsichten aufeinander folgen oder sich in einzelnen Beiträgen überschneiden.

Vergebliches Warten

Neben literarischen Miniaturen finden sich subjektive Stimmungsbilder, in den ästhetischen Modus übersetzte lebensgeschichtliche Reminiszenzen, Interpretationsentwürfe zu literarischen Texten, in denen das Warten eine wichtige Rolle spielt, Polemiken und satirische Ausgriffe, Monumente der Ungeduld sowie Reflexionen über das Alltagsphänomen des Wartens im gesellschaftlichen Kontext von Zeitmanagement und Selbstoptimierung. Und es finden sich in dem Band auch solche Texte, die sich am Phänomen des Wartens eher assoziativ abarbeiten, oder solche, in denen sich das Phänomen erst auf den zweiten Blick erschließt. Ergänzt wird der Band durch Fotografien von Georg Christian Dörr, in denen sich scheinbar beiläufig Zeitfenster öffnen, um den Blick des Lesers für das in seiner Alltäglichkeit meist übersehene Pathos der stummen Dinge zu schärfen.

Der Tatsache, dass Warten einen nicht unbeträchtlichen Teil der Lebenszeit beansprucht, können sich die Autorinnen und Autoren nicht entziehen. Über die Frage, ob dieser Umstand ein Ärgernis, ein Segen oder bloße Faktizität ist, sind sie aus gut formulierten Gründen durchaus geteilter Ansicht. Während Dirk Braunstein seine Polemik „Gegen Warten“ in der Forderung kulminieren lässt, die Enttäuschung über die Lüge, die jedem vergeblichen Warten innewohnt, endlich durch die „gottverdammte Revolution“ zu beseitigen, möchte der Konstanzer Soziologe (und Experte für soziokulturelle Formen des Wartens) Andreas Göttlich in seinem hochironischen Beitrag „Exspectare Aude!“ die Leser das Warten lehren, indem er ihnen empfiehlt, kein Gott, kein Tier, kein reicher Schnösel oder Freund der Marktwirtschaft sein zu wollen, sondern, aufgeschlossen gegenüber religiösen Deutungsangeboten, entspannt unter ihresgleichen sich von der Vorstellung von der zeitlichen Autonomie des Menschen zu verabschieden. Es handelt sich hierbei um die beiden letzten Beiträge des Bandes, in denen das Kontradiktorische, das dem Warten als Grundbefindlichkeit des Lebens innewohnt, nochmals auf die Spitze getrieben wird.

Eröffnet werden die Beiträge vom mit leichter Hand dahingeworfenen „Kreis der Wartenden“ von Marion Brasch, in dem vorgeführt wird, wie sich aus Verzögerungen von Handlungszusammenhängen ein Domino-Effekt entwickelt, der den Lesern am Ende vor die Füße fällt: „Doch auf diese Geschichte können Sie lange warten.“ In „Der nächste Zug“ zeigt Andreas Maier, wie man aus den Wartezeiten im öffentlichen Nahverkehr Gewinn ziehen kann. In seinem Beitrag klingt erstmals das Motiv der Entschleunigung an, das in verschiedenen Beiträgen des Bandes gegen die Akzeleration der Zeit in der Moderne ins Feld geführt wird. Im Idealfall kommen beim Warten Augenblick und Ewigkeit zur Deckung: „Wenn du wartest, geschieht nichts. Es ist ein bißchen wie Ewigkeit.“ Ob das Phänomen des Wartens an der nichtendenwollenden Fahrt auf der vereisten Autobahn zum Begräbnis der Großmutter demonstriert wird, wie in Henning Ahrens' „Schneeflocken zählen“, dem Hindernisparcours auf dem Weg zu einem Begräbnis in der Geschichte „Verspätet“ von Moppel Wehnemann, im Warten auf den Einsatz des Beckens bei der Aufführung einer Bruckner-Sinfonie in der Geschichte „Der Schlag“ von Albrecht Selge, ob das Warteszenario zur Einsicht führt, dass man dem aufbrausenden Dachs, von dem man abstammt, ähnlicher ist, als man sich eingestehen mag, wie in Dietmar Daths „Ein aufbrausender Dachs“, oder zur Einsicht, dass man einen losgeschleuderten Stein nicht mehr aufhalte kann, wie in der Geschichte „Ich bin zurück“ von Tilman Birr, immer wieder geraten die Wartenden auf Abwege, die sich als lästig, riskant, lehrreich oder auch als beglückend erweisen können.

Paradiesisches Warten

Wie die Texte von Mia Beck und Jörg Sundermeier zeigen, hängt die Bedeutung, die dem Warten zugemessen wird, auch davon ab, welche Momente der eigenen Biografie abgerufen werden, um sich zu vergegenwärtigen, wann die eine oder der andere worauf in ihrem bzw. seinem Leben gewartet hat. So erinnert Mia Beck in ihrem Beitrag „Bodenwolken“ daran, dass ihre Kindheit und Jugend ein Lebensabschnitt war, in dem die Zeit nicht vergehen wollte. „Die Schulstunden dauerten ewig, die Familienessen, die Hausaufgaben, die Verwandtenbesuche. Ich wartete, dass die Zeit verging, aber sie verging einfach nicht.“ Im Rückblick erscheint dieser Stillstand der Zeit als paradiesischer Zustand, den sich die Autorin in ritualisierter Form in den beiden Wochen vor und nach dem Jahreswechsel bewahren möchte, in denen sie „stundenlange Spaziergänge ohne Ziel“ unternimmt und „schon am Nachmittag schweigend in Gasthäusern“ sitzt: „So schön ist es sonst das ganze Jahr über nicht.“ Das Warten wird hier mit der subjektiven Zeitwahrnehmung verbunden, die der chronologischen Zeit widerspricht und für die sich in der Theorie der Ausdruck „Eigenzeit“ eingebürgert hat. Demgegenüber beginnt Sundermeiers Beitrag „Den Tod erwarten“ mit dem Hinweis, er warte auf seinem Tod, der ihm zehn Jahre lang, ungefähr von 1980 bis 1990 versprochen worden sei. Gemeint ist damit das politische Klima, in dem der NATO-Doppelbeschluss und seine Folgen sowie die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl Warteszenarien begünstigten, die zwangsläufig auf die Selbstvernichtung der menschlichen Gattung zuzulaufen schienen. In beiden Texten ist zu sehen, wie das existenzielle und das soziale Phänomen des Wartens miteinander verschränkt sind.

Eine wichtige Orientierung im Hinblick auf das Thema liefern Beiträge des Bandes, in denen von eigenen Wartephantasmen abgesehen wird und ästhetisch strukturierte Warteszenarien literatur-, sozialwissenschaftlich oder kulturdiagnostisch gedeutet werden. Dies ist in den Texten von Jürgen Roth, Werner Frizen und Andreas Göttlich der Fall. Während Roth der „Zeitkompressionstechnik“ im heutigen Digital- und Vernetzungskapitalismus die subjektzentrierte, autonome Zeiterfahrung entgegenhält und nebenbei dem Kabarettisten Gerhard Polt und seiner Figur des tiefenentspannten Bootsverleihers ein Denkmal setzt, demonstriert Frizen in seiner Interpretation des „Besuchs der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt, wie sich das Macht/Ohnmacht-Gefälle zwischen den Mächtigen, die warten lassen, und den von ihnen Abhängigen, die warten müssen, unter den Bedingungen des Hochkapitalismus in sein Gegenteil verkehrt. Nachdem die Milliardärin Claire Zachanassian ihr Netz geknüpft hat, wartet sie ab, bis das unausweichliche Verhängnis die Einwohner des Ortes Güllen erreicht. In seiner Interpretation von Becketts „Warten auf Godot“ entfaltet Göttlich im ersten seiner beiden Beiträge die Implikationen, die Becketts Versuchsaufbau als soziale Inszenierung des Wartens für die beiden auf der Stelle tretenden Protagonisten Estragon und Wladimir und die Nebenfiguren des Dramas bereithält.

Der Wandel der sozialen Dimension des Wartens, findet, wie Andrea Diener in ihrem Beitrag „Die letzten Atemzüge eines Relikts“ ausführt, auch in der Bahnhofs- und Flughafenarchitektur seinen Ausdruck, in der die Lounge den alten Wartesaal ersetzt hat.

Solche Bereiche, zu denen nicht jedem Zutritt gewährt wird, schaffen unter den Wartenden künstliche Distinktionen und bei den Premiumgästen zugleich die Illusion, durch den Eintritt in ein Zwischenreich aus Annehmlichkeit und Zerstreuung die Wartezeit zwar nicht vergessen, aber zumindest verkürzen zu können.

Auch der Lektüregewinn für den Leser des Sammelbandes ist mit Wartezeit verbunden. Nicht alle Beiträge erschließen sich ihm auf den ersten Blick. Erst durch die Reflexionsprozesse, die sie bei ihm auszulösen vermögen, entsteht bei ihm der Eindruck, Teil einer weltumspannenden Wartegemeinschaft zu sein.

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erstellt am 26.8.2019

Stefan Geyer (Hrsg.)
Georg Christian Dörr (Fotograf)
Vom Warten
Über Zeitlöcher und Warteschlangen
Gebunden, 272 Seiten
EAN: 978-3-7374-1096-0
Marix Verlag, Wiesbaden 2018

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