Der 2006 im Original erschienene Roman „Frau im Dunkeln“ von Elena Ferrante erzählt von einem heißen Sommer an der süditalienischen Küste. Es ist ein Buch über die hellen und die düsteren Seiten der Mutterschaft. Gudrun Braunsperger hat ein kleines Meisterwerk gelesen.

Buchkritik

Die Freiheit verlangt ihren Preis

Mit dem Verlust einer Puppe beginnt jene Romantrilogie, die Elena Ferrante außerhalb von Italien weithin bekannt gemacht hat. Das Verschwinden einer Puppe steht im Zentrum ihres kurzen Romans „Frau im Dunkeln“: die Puppe Nani ist die heimliche Hauptfigur dieses Textes. Sie gehört einem kleinen Mädchen, das den Sommer inmitten eines neapolitanischen Familienclans an einem süditalienischen Strand verbringt. Beobachtet wird die Großfamilie von der Erzählerin, die englische Literatur an der Universität unterrichtet. Sie ist Mutter von zwei gerade erwachsen gewordenen Töchtern, die bei ihrem geschiedenen Mann in Kanada leben. Während ihres Strandurlaubs erlebt sie eine Reise in die Vergangenheit. Zunächst fällt ihr die innige Liebe und Verbundenheit zwischen einer jungen Mutter und deren Tochter auf, eine Beziehungsqualität, die das kleine Mädchen nachahmt, indem es mit seiner Puppe hingebungsvoll Mutter und Kind spielt. Nach und nach entwickelt die Beobachterin ein bizarres Interesse an der fremden Familie am Strand und nimmt immer mehr Anteil an ihrem Treiben. Sie fühlt sich an die eigene Herkunft aus einem eben solchen neapolitanischen Clan erinnert, und das ruft zwiespältige Gefühle in ihr hervor, ebenso wie die Erinnerung an das eigene Muttersein und die Beziehung zu ihren Töchtern, die sie kritisch zu reflektieren beginnt.

Im trägen Rhythmus der Urlaubstage nimmt die Handlung allmählich Fahrt auf. Die Puppe der kleinen Elena, die den gleichen Vornamen trägt wie die Autorin, schafft nicht bloß eine gedankliche Verbindung zur Vergangenheit der Erzählerin, sondern tatsächlich einen Kontakt zu jener Familie am Strand. Zugleich empfindet sie die Nähe dieser Menschen auch als einigermaßen ungemütlich, laut und Raum greifend, derb und vulgär, und sie weiß, woran das liegt, nämlich an der Ähnlichkeit mit der eigenen Herkunftsfamilie, von der sie sich als Mädchen distanziert hat. Zitat: „Ich hielt sie nicht aus, und doch ließen sie mich nicht los, ich trage sie alle in mir.“ Die Sommerhitze bringt die dunklen Seiten der Figuren zutage, die hier in Interaktion treten, vor allem auch jene der Erzählerin selbst. Der Plot steigert sich zum dramatischen Höhepunkt, an dem er dann auch abrupt endet.

Der 2006 im Original erschienene Roman von Elena Ferrante unternimmt die seelische Aufarbeitung eines Wegabschnitts weiblicher Emanzipation des 20. Jahrhunderts. Die Eroberung der Freiheit verlangt ihren Preis. Die Schritte, zu denen sich eine Frau gedrängt fühlen kann, um sich aus einem patriarchal-chauvinistischen Selbstverständnis zu befreien, das im Milieu der neapolitanischen Unterschicht – und nicht nur in dieser – von den Männern vorgelebt und von den Frauen, insbesondere den Müttern mitgetragen wird, diese Schritte können emotionale Spätfolgen haben, besonders dann, wenn eine Frau zum Zeitpunkt ihrer Selbstbefreiung bereits Mutter ist. Davon jedenfalls erzählt Elena Ferrantes Roman „Frau im Dunkeln“, ein Buch über die hellen und die düsteren Seiten der Mutterschaft. Die einzige Form der Selbstermächtigung, die einer Frau in einer traditionellen Gesellschaft zugestanden wird, vollzieht sich über deren Rolle als Mutter. Zugleich befinden sich Frauen in einem Machtgefüge, in der sie die Gewalt, die sie selbst erfahren haben, an die Schwächsten im System weitergeben, an die Kinder. Die Erzählerin scheint sich aus dieser Welt befreit zu haben, am Strand ist sie unter den Einheimischen eine gutsituierte Signora mit Bildung, die man um Hilfe beim Übersetzen für Touristen bittet. Von Anfang an fühlt sie sich von der jugendlichen Schönheit Nina, der Mutter Elenas, angezogen, von deren älterer Schwägerin Rosaria jedoch abgestoßen, die ihren Selbstwert als Frau über ihre späte Schwangerschaft bezieht. Aber auch die Anziehung, die von Nina ausgeht, ist ambivalent. Je mehr die Erzählerin Anteil nimmt an der Dynamik des familiären Geschehens, nicht zuletzt durch das Verschwinden der Puppe Nani, in das sie involviert wird, desto mehr ereignet sich in ihr das, was sie, sich selbst beobachtend, als ihr allgemeines Lebensgefühl beschreibt, von dem sie sich in diesem Strandurlaub zu erholen versucht: Zitat: „Die Hoffnungen meiner Jugend schienen komplett zerstört, ich hatte den Eindruck, einen Rückfall zu erleben, zu meiner Mutter, zu meiner Großmutter zurückzufallen, in die Reihe stummer, grimmiger Frauen, von denen ich abstammte.“ Eine Dynamik, die nicht nur die Erinnerung an die eigene Biographie als Tochter und als Mutter zutage bringt, sondern zugleich jede Menge unverarbeiteter alter Gefühle, die für andere Menschen Folgen haben.

Ferrantes Roman ist ein kleines Meisterwerk, ein Kammerstück im Freien, das zwischen Strand und den durch einen Pinienwald verbundenen Ferienort hin und herpendelt. So sparsam das Material der Handlung auch ist, so spannend wird sie von Ferrantes überragendem erzählerischen Talent gestaltet. Der sprachliche Ausdruck des bedächtigen wie gleichermaßen treffsicheren Erzähltons, der Ferrantes Bücher auszeichnet, wirkt in diesem Format von Novellenlänge noch einmal gesteigert in seiner Wirksamkeit: Worte zu finden für die Atmosphäre des Dunkeln.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 15.8.2019

Elena Ferrante
Frau im Dunkeln
Roman
Aus dem Italienischen von Anja Nattefort
Gebunden, 188 Seiten
ISBN: 978-3-518-42870-2
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019

Buch bestellen