Zuweilen geht Andreas Maier „Zur Buchscheer Apfelweinwirtschaft“ zum Arbeiten. Aber wie und unter welchen Umständen kann er schreiben? Wie stattet er die Personen in seinem enormen Romanzyklus „Ortsumgehung“ mit Leben aus? Geschieht das durch Anverwandlung? Der Schriftsteller beantwortet diese Fragen im Gespräch mit Barbara Englert und äußert sich zu seinem beruflichen Ethos.

Gespräch mit Andreas Maier

»Ich schreibe ohne jegliche Konzeption«

Barbara Englert: Wie arbeitest du?

Andreas Maier: Chaotisch.

Was heißt das?

Ich arbeite ohne Vorsätze. Ich schreibe einen Einstieg, den schreibe ich ohne jedes Konzept. Also drei, fünf Seiten. Dann meine ich, irgendetwas zu haben, was das Buch werden soll, und schreibe es weiter. Nach 20, 25 Seiten wird mir jedoch klar: Was ich bisher geschrieben habe ist alles Unsinn. Dann überlege ich, was mir nicht passt und werfe wieder den größten Teil weg. Nach etwa sechs Monaten habe ich schließlich gefunden, worum der Text gehen könnte. Auf dem basierend, was ich schon geschrieben habe, erzeugt der Text nun seine eigene Schlankheit, nach links und rechts fallen immer wieder Teile weg, weil sie plötzlich zu einer Art Zierrat geworden sind, den man nicht mehr braucht. Erst im Verlauf dieses chaotischen Prozesses bekommt der Text bei mir sein Skelett, sein Grundgerüst. Nach ca. 70 Prozent der Zeit weiß ich, wie der Text aussehen sollte, und dann muss ich ihnˋ noch irgendwie rund hinkriegen. Ich schreibe also nicht von vorne bis hinten durch.

Wie sieht der Raum aus, in dem du arbeitest?

Der Raum, in dem ich arbeite, ist ein metallenes Kästchen, das Computer heißt.

Wo steht der?

An ganz verschiedenen Orten. Der kann auch in der Bahn sein.

Freiheit und Anverwandlung

Es gibt also keinen festen Ort, an dem du am besten schreibst?

Am besten schreibe ich, wenn innere Freiheit da ist und ich an einem Punkt bin, an dem sich automatisch etwas entwickelt. Das gelingt nur dann, wenn du dir vorher eine Freiheit im Text geschaffen hast. Was das genau bedeutet, kann ich gar nicht sagen. Du kannst dich beim Schreiben selbst unglaublich hemmen oder auch genau das Richtige machen. Wenn du richtig handelst, hast du plötzlich jede Menge Freiheit, und alles, was du jetzt gleich machen wirst, gehört dann unbedingt in den Text hinein. Wenn ich an diesem Punkt bin, kann ich überall schreiben. Wenn ich an dem Punkt nicht bin, kann ich nirgends schreiben.

Das heißt?

Dieses ganze Kapitel Gretel Adorno – habe ich zum Beispiel in der Buchscheer geschrieben.

Wo hast du das geschrieben?

In der Buchscheer, dem Gastgarten. Mittags hat es mich überfallen. Und dann habe ich acht Stunden daran geschrieben, musste etwas essen, bin in die Buchscheer und habe weitergeschrieben und nachts um elf war dann das ganze Buch fertig. Einmal habe ich zum Beispiel ein Buch unter dem Fernseher in der DB-Lounge in Berlin fertig geschrieben, während irgendeines Frauenfußballweltmeisterschaftsfinales. Damals hatte ich auch solch eine Phase. Ich habe drei Tage am Stück geschrieben wie ein Verrückter. Den ganzen zweiten Teil von Das Haus habe ich innerhalb von vier Tagen im Zug geschrieben. In Zügen. Es war ein einziger Anfall. Gewartet habe ich über ein halbes Jahr darauf.

Wenn du schreibst, bist du dann nur noch mit dir und deinem Computer, die Außenwelt ist nicht mehr da. Das ist dann der Raum?

Ja. Manchmal, wenn ich schon eingeschlafen bin und wieder aufwache und es immer noch weiter geht, muss ich aufstehen und mir Sätze notieren, die dann immer noch kommen.

Der Autor Andreas Maier, der da schreibt, wie weit ist der identisch mit der Figur in deinem Roman?

Ich will dieses Wort ‚Avatar’ eigentlich nicht verwenden, es würde in diesem Kontext jedoch ganz gut passen. Nur irgendetwas stört mich. Der Begriff ist mir zu modern. Ich als Autor schlachte meine eigene Biografie und die meiner Umwelt nach Belieben aus. Ohne sie abbilden oder niederschreiben zu wollen. Aber ich benutze sie.

Das ist klar. Aber in dem Moment, in dem du das bist – deine Romanfigur ist ja trotzdem nicht vollkommen identisch mit dir –, ist es dann tatsächlich so, dass du, während du schreibst, selbst die Romanfigur wirst?

Das war, glaube ich, bei allen Figuren, die bei mir immer ohne Distanzierungsmechanismen funktionieren, der Fall. Ich kann sogar nervige Personen, wie beispielsweise im Wäldchestag die Frau Mohr oder im neuen Buch die Mutter sprechen. Improvisierend, sprechen. Also gehe ich in dieser Figur auch auf.

Und bist in dem Moment, wo du sie schreibst, auch die Figur?

Ja, ich schaue in dem Augenblick allerdings nicht in den Spiegel. Ich kann das also nicht so genau überprüfen.

Ich meine innerlich, nicht äußerlich.

Wenn ich zum Beispiel einen Amokläufer sprechen lassen würde, würde das ja vielleicht A ganz gut funktionieren, aber B würde ich dennoch keine Machete nehmen und damit sofort auf die Straße raus rennen. – Wie nennt ihr Schauspieler das denn?

Man ist in dem Moment die Figur. Ich frage mich, ob das ein ähnlicher Vorgang ist? Wenn du die Figuren schreibst, eben auch deine Mutter – zum Beispiel diese Szene, in der sich deine Mutter mit dem Griechischlehrer im Zimmer einschließt, wer bist du dann, der Griechischlehrer oder deine Mutter?

Das Kind. – Die machen ja nichts in dem Raum, das Kind erlebt die Situation jedoch als eine Art von Ausschluss. Es soll dieses Zimmer nicht betreten.

Andreas Maier im Gespräch mit Barbara Englert, Foto: Alexander Paul Englert

Andreas Maier im Gespräch mit Barbara Englert Foto: Alexander Paul Englert

Und bei der Frau von Adorno? Bist du dann der Junge, das Mädchen und die Frau von Adorno? Oder wer bist du dann?

Ich bin immer die Zentralperspektive. Die meisten Szenen sind bei mir von einer Figur her erzählt, nur früher habe ich auch ein paar Massenszenen geschrieben. Ich glaube, ich bin dann am ehesten die Figur, durch die das alles wahrgenommen wird. Für die Leserinnen und Leser steht, glaube ich, immer eine bestimmte Figur in der Szene im Vordergrund, durch die sie hauptsächlich auf diese Szene blickt. Und ich bin meistens, glaube ich, diese Figur…,

…die auf die Szene blickt. Ja gut, aber du beschreibst ja manche Figuren so genau. Du bist aber nicht der allwissende Erzähler. Dennoch gibt es etwas, was dich in die Figuren reingehen lässt, die du beschreibst. Deine Figuren – egal welche – sind immer so, dass du eigentlich mit ihnen auch mitleben kannst. Du kannst sie spüren, du kannst sie riechen, du kannst sie innerlich so genau wahrnehmen, dass der, der das beschreibt, eigentlich selbst ein Teil dieser Figur sein müsste.

Die ganze Ortsumgehung funktioniert ja sehr Ich-zentriert. Andere Menschen haben immer nur, oder hauptsächlich, eine breite, großflächige Bedeutung im Zusammenhang mit diesem erzählten Ich. Ich sehe diese Ich-Person schon sehr, sehr im Vordergrund. Ich sehe nicht, dass Figuren in der Ortsumgehung ein Eigenleben entwickeln können, – unabhängig von der Erzählfigur, die mit der jeweils anderen Figur in Zusammenhang steht. In meinen früheren ersten vier fiktionalen Romanen war das eindeutig so, dass meine Aufmerksamkeit als Schreiber und mein poetisches Können in einzelnen Figuren drinsteckte. Absolut. Das ja. Das waren dann halt ganz verschiedene Figuren. Ich konnte in Wäldchestag die Frau Mohr sprechen lassen, ich konnte das alte Tante Lenchen, diese wunderbare Altnazifigur, sprechen lassen. Das ist in der Ortsumgehung nicht so. So eigenständig sind die Figuren nicht. Hier ordnet sich alles der Gedanken- oder Ideenklaviatur gemäß unter, diese funktioniert in der Ortsumgehung ja sehr streng.

Können und Nichtkönnen

Du musst jetzt noch drei Romane schreiben, dann bist du mit deinen modernen Buddenbrooks fertig.

Ich muss noch dreieinhalb Romane schreiben.

Dreieinhalb?

Beim achten bin ich gerade. Und ich bin eigentlich auch schon ziemlich weit.

Wie heißt der?

Das kann ich jetzt nur inoffiziell sagen: Die Städte. Die Titel stehen ja alle schon fest. Aber ich glaube, dieses Mal kriegen wir echt ein bisschen Schwierigkeiten mit dem Titel. Müssen wir mal gucken. Denn der Titel klingt nicht schlecht, er hat aber mit dem Buch überhaupt gar nichts zu tun diesmal. Bislang. Ich glaube, ich kriege es auch nicht hin.

Wie verändert der Autor Andreas Maier sich in dem Moment, wo du so intensiv schreibst?

Ich verändere mich durch alles, was mir gelingt, was irgendwann eine Form hat und auf dem Papier steht, abgeschlossen ist und für mich seine Gültigkeit hat, – in dem Augenblick habe ich mir wieder einen Teil meines eigenen Lebens erschrieben. Damit meine ich jetzt überhaupt nicht, dass ich mich autobiografisch über mich ausgelassen hätte. Aber ich wachse, meine Person strukturiert sich pro Buch zusehends. Also bin ich wieder auf eine neue Weise mit mir vertraut geworden nach jedem Buch. Ich habe auch wieder gesehen, was ich kann und was ich nicht kann. Wenn du vergleichst, was ich 1999 konnte und was ich heute im Jahr 2019 kann, dann ist das ein riesiger Unterschied. Am Anfang hast du eine freie Fläche vor dir, scheinbar unendliche Möglichkeiten. Von dieser Unendlichkeit wirst du ganz, ganz viel nicht können. Aber du musst dir halt auch erst erarbeiten, was du alles n i c h t kannst. Und umgekehrt, wenn ich mir vorstelle, wie ich heute dastehe, auch mit dieser Ortsumgehung, und wenn ich das mit dieser leeren Maierfläche von vor 20 Jahren vergleiche, das hätte nicht gut einfach so entstehen können. Das ist schon irre, wenn man sich so einen Kosmos erschafft, in dem man sich bewegen kann und der dann einfach da ist. Hätte ich nicht gedacht.

Und wie kamst du auf die Idee, diese elf Bände deiner Geschichte zu schreiben?

Jetzt muss ich etwas erzählen, was ich schon öfter erzählt habe. Es gab verschiedene Gründe. Ich hatte diese vier Romane geschrieben, hatte ein Standing im Literaturbetrieb und hatte Geld. Ich konnte mir überlegen, ob ich so fortfahren oder etwas anderes machen wollte? Ich bin sehr, sehr beeinflusst gewesen von Peter Kurzeck und seinem Zyklus. Ich bin, subkutan, sicherlich, und das ist mir erst später klar geworden, auch immer beeinflusst gewesen von der ‚Heimat’ von Edgar Reitz. Ich wollte aus der Dritte-Person-Perspektive, in der ich geschrieben hatte, überwechseln in eine Erste-Person-Perspektive. Das verbinde ich mit dem Buch Bullau, das verbinde ich auch mit der Poetikvorlesung, mit meinen Zeitungskolumnen und dann aber auch mit der Ortsumgehung. Die vollzieht diesen Schwenk vollkommen. Dazu kommt aber natürlich: Es war auch ein strategischer Gedanke dabei. Auch in der Zusammenarbeit mit dem Verlag. Ich hatte den Briefwechsel Koeppen-Unseld gelesen und wusste anschließend, jetzt wirst du mal ein paar Sachen anders machen. Nur, im Gegensatz zu Koeppen liefere ich ja. Aber gelernt habe ich viel von ihm.

Das ganz normale Leben

Ich finde das sehr spannend. Es ist einmalig, gerade in der modernen Zeit ein Werk zu schreiben, das in der sogenannten Mittelklasse spielt, – es ist einfach ein Familienroman, der nicht, wie die Buddenbrooks, in der Upperclass spielt, sondern in einem ganz normalen Leben.

Irgendein Rezensent hatte mal an irgendeiner Stelle, da ging es um Jurek Becker, gesagt, dass man nur in gewissen historischen Phasen Größe oder Relevanz erlangen kann. Mich hat immer fürchterlich gestört, dass unser ganz normales Leben nicht erzählt wird und als scheinbar nicht literaturtauglich gilt.

Das meine ich, und das genau finde ich toll. Dass das einfache, ganz normale Leben einer ganz normalen Kleinbürgerfamilie durch deinen Zyklus zu einer Größe wird.

Ja. In einem Buch von mir gibt es die Szene, in der sich die erzählte Figur und das Mädchen namens Katja Melchior gegenseitig umarmen. Diese Szene dauert, glaube ich, 25 Seiten. Auch wenn die beiden erst 15 Jahre sind, ist dieser Moment für den Schreibenden offensichtlich mindestens genauso wichtig wie die Wahl des Präsidenten der USA. Es ist nicht mein bewusster Vorsatz gewesen, so etwas zu machen, aber eines war mir schon immer klar, ich habe schon immer das vermeintlich Interessante gehasst. Ich wollte nie etwas Interessantes schreiben. Weil interessant, das ist ein so dermaßen beliebiges Kriterium. Interessant kann alles sein.

Naja, interessant ist, einfach das Ganze mal zu erleben.

Dass etwas interessant ist, ist für mich eben nicht wichtig.

Und hast du manchmal das Gefühl, du würdest doch lieber wieder etwas Normales schreiben, einen fiktiven Roman? Wo du einfach noch mal anders eintauchen kannst? Oder jemand ganz Anderes sein kannst?

Ich kann es mir derzeit nicht vorstellen. Ich finde das wieder so überraschend, was ich jetzt im achten Band mache, dass diese Art zu arbeiten mir zur Zeit eher liegt. Das, was mich so quält, dass ich ja jeden Band neu finden muss und dass er sich erst mal finden muss, nehme ich in diesen Tagen – jetzt gerade auch mal wieder – als große Freiheit wahr. Wenn ich mir überlegt hätte, ich schreibe jetzt wieder einen normalen, konventionellen Roman, dann wäre mir das, was ich die letzten Wochen gemacht habe, gar nicht gelungen. Das kann alles nur im Zusammenhang mit der Ortsumgehung stattfinden. Und vier Schüsse habe ich ja noch. Vielleicht werde ich anschließend das sogar bereuen, dass ich diese Form dann vermissen werde. Aber irgendwann muss ich auch wieder rauskommen. Sonst werde ich ja wahnsinnig.

Das wäre meine nächste Frage gewesen.

Summa summarum werde ich dafür 17 Jahre gebraucht haben. Das musst du dir mal vorstellen.

Das ist eine lange Zeit.

Zehn sind schon rum.

Das heißt aber auch, 17 Jahre sehr intensive Beschäftigung mit dir selbst. Oder wäre das bei deinen fiktiven Romanen genauso?

Ich wüsste ja nicht, wie die heute aussehen würden, die fiktiven Romane. Wobei, lass uns diese Unterscheidung nicht so stark machen. So stark ist die nicht bei mir, zwischen fiktiv und nicht fiktiv. Weil in den Büchern früher genau so viel drinstand, eins zu eins selbst Erlebtes, wie in den jetzigen Büchern.

Andreas Maier im Gespräch mit Barbara Englert, Foto: Alexander Paul Englert

Andreas Maier im Gespräch mit Barbara Englert Foto: Alexander Paul Englert

Das ist ja wie in dem Roman ‚Sanssouci’. Da ist es ja auch so, dass man das Gefühl hat, du schreibst über dich.

Da kommt zum Beispiel ein Russe vor, der sich totraucht, ein Gartenarbeiter, der ist 100 Prozent unser Gärtner aus meinem Elternhaus in Friedberg, er heißt, glaube ich, auch genauso.

Damals hatte ich ja schon das Gefühl, dass du aus Potsdam kommst.

Dass ich Potsdamer sei?

Ja genau. Das war sozusagen deine Welt. Darum war das auch für mich so: Du warst diese Figur. Und da kannten wir uns noch nicht.

Das ist das Erste, was du von mir gelesen hast?

Ja.

Sanssouci?

Ja.

Naja, ich mag dieses Buch teilweise sehr, und auf eine andere Weise ist es völlig misslungen. Als ich das Buch fertig geschrieben hatte, war das eigentlich die Initialzündung für die Ortsumgehung. Am Tag, an dem ich dieses Buch in Edenkoben fertig geschrieben hatte, es war der 2. April 2008 um kurz nach 0 Uhr – ich wollte das Buch mit Absicht nicht am 1. April fertig geschrieben haben – habe ich gesagt: „Ich schreibe nie mehr etwas mit Handlung. Und seitdem schreibe ich auch nichts mehr mit Handlung.” Die Handlung klappt eindeutig nicht in Sanssouci.

Also mir hat er sehr gefallen. Ich fand gerade das schön, dass die Handlung nicht unbedingt klappt.

Die beste Szene, die ich je geschrieben habe, steht in Sanssouci.

Welche ist das?

Das ist die, wo Grigorij von dem Licht faselt.

Gretel Adorno

Stimmt. Gut. Jetzt gehen wir nochmal zurück. Zum Beispiel die Geschichte mit der Frau Adorno. Das ist ja jetzt nicht alles tatsächlich so gewesen, also das ist fiktiv. Teile davon sind wirklich. Es würde mich jetzt mal interessieren, wie geht der Prozess? Du hast ja tatsächlich dort gearbeitet. Du hast sie tatsächlich kennengelernt. Wie entwickelt sich das in dir? Was ist es, was sich dann in einer Weise verdreht, dass es nicht mehr Wirklichkeit ist, aber so hätte sein können. Was passiert da in deinem Kopf?

Verstehe ich nicht.

Was passiert im Kopf, dass so eine Geschichte, die vielleicht viel kleiner war, so groß wird?

Ach, so klein war die Adorno-Geschichte für uns damals gar nicht. Was wir erlebt haben, hat uns alle ja bewegt. Die Gretel Adorno ist auf jeden Fall eine der größeren Figuren in meinem Leben. Auch eine Erfahrung, über die wir alle im Nachhinein dankbar waren. Wir haben uns gut mit der Frau verstanden, in gewisser Weise. Ich muss die Antwort aus verschiedenen Richtungen geben. Ich habe vorhin davon gesprochen, dass du dir eine Art von Freiheit verschaffen musst, in der überhaupt irgendetwas entstehen kann. Meistens behinderst du dich selbst. Der Roman Die Universität war zu der Zeit in einem Zustand, dass ich die Teile zwar einigermaßen geordnet hatte, das Buch für mich jedoch noch überhaupt kein Buch war. Ich wusste nicht, wozu das alles dastand, es hat irgendwie die Mitte gefehlt und eine Art von Wärme. Mein künstlerisches, kompositorisches Gewissen hat mir gesagt, dass in diesem Buch noch etwas fehlt, dass es unausgewogen ist. Es fehlte eine Art Filetstück, eine Passage, in der sich die erzählte Person nochmal entwickeln kann, so dass es unmittelbar schlüssig wird. Eine Art Zentralgestalt hat für das Buch noch gefehlt. Das kannst du ja nicht von irgendwoher nehmen. Das kann man bzw. ich nicht am Reißbrett entwickeln. Ich habe neulich von einem spanischen Schriftsteller eine wunderbare Äußerung über Schwierigkeiten beim Schreiben gelesen. Er sagte, es gebe das Klischee, dass Schreiben nachdenken und grübeln und mit der Pfeife am Schreibtisch sitzen sei. Nein, sagte er dann, wenn er sehr aufmerksam, konzentriert und mit Schwierigkeiten an etwas arbeiten müsse, dann müsse er sich irgendwann eingestehen, dass er gerade etwas falsch macht. Es ist, sagt er, als würde man versuchen, mit großer Kraft eine Tür zu öffnen, indem man sich dagegenstemmt. Das ist genau die ideale Beschreibung für eine Schreibblockade. In dem Augenblick aber, wo man merkt, huch!, ich mache gerade etwas falsch, ich muss nicht drücken, sondern ziehen, geht die Tür sofort auf und alles ist plötzlich ganz einfach. Bei der Gretel Adorno war das so, dass ich die Gretel Adorno Ende der 80er, Anfang der 90er kannte und an dem Tag, als ich später in die Buchscheer gegangen bin, hättest du morgens um neun, morgens um zehn mir mal den Namen Gretel Adorno sagen können, schreib doch etwas über Gretel Adorno, ich wäre nicht auf den Gedanken gekommen. Es ist dann aber gegen 12 Uhr Folgendes passiert. Ich habe einfach einen Satz hingeschrieben. Nämlich, dass man sich früher Zeitungen besorgt hat. Eigentlich habe ich zuerst gedacht, daraus wird jetzt, dass man sich eine Wohnung sucht. Ich habe jetzt auch Gretel Adorno nicht über die Zeitung kennengelernt, wie es im Buch steht. Aber in dem Augenblick, wo ich anfangen will, darüber zu schreiben, wie es überhaupt ist, wie man sich so eine Wohnung gesucht hat, in dem Augenblick fällt mir Gretel Adorno ein. Und plötzlich kippt alles in meinem Kopf auf so eine Weise um, dass ich ganz viele Zusammenhänge sehe. Und ich wusste in dem Augenblick, ich habe gerade etwas. Und fünf Sekunden vorher wusste ich das nicht. Und nur dadurch, dass ich diesen Satz hingeschrieben habe, dass ich mich bei der Rundschau freitags angestellt habe, kam das alles zustande. Und dann kamen die nächsten zehn Stunden. Du musst es also in dir vorstrukturiert haben, du musst ein Feld haben, auf dem das stattfinden kann. Das ist sozusagen die notwendige Vorarbeit, aber die garantiert immer noch nichts. In dem Augenblick haben die Prozesse hier oben plötzlich gearbeitet. So kam die Gretel Adorno. Und dann erzählst du das natürlich auch so, dass es bereits in das Buch hineinpasst. Große Teile des Buchs gibt es ja schon und du weißt, du kannst jetzt wunderbar die Motive des Buchs in dieses Kapitel hineinbringen und dann noch mal ganz neu mit ihnen jonglieren. Dieses Kapitel hat auch einige Sachen aufgenommen, die bislang noch keinen Platz hatten. Diese ganze Diskussion um ‚wie kommt die Einheit eines Gegenstandes zusammen’ und so weiter. Das hat plötzlich alles da reingepasst. Die Adornostelle ist auch so ein Scharnier in dem Text, weil plötzlich etwas ganz anderes drin war, was von der Ichfigur weg ging. Und plötzlich konnten sich die anderen Teile des Buches auch besser ordnen, weil das Buch durch das Adornokapitel eine größere Freiheit bekommen hat. Ohne das Adornokapitel wären für mich die nächsten Seiten, diese komische Autofahrt zum Autobahnkreuz, wo der Erzähler diesen Staugigantismus erlebt, nicht denkbar. Im Grunde hängt das mit der Adornogeschichte überhaupt nicht zusammen, aber tief und innerlich ist das überhaupt nur möglich durch diese Adornogeschichte. Dass der diese Autofahrt dann später erleben kann. Ohne das Adornokapitel wäre das ganze Buch Die Universität nichts.

Das ist eine absolut zentrale Geschichte. Eine wunderbare Geschichte. Das fand ich jetzt sehr spannend.

Ich schreibe ohne jegliche Konzeption. Es ist so. Anders kann ich es auch nicht. Ich kann nur das schreiben, was mich im Augenblick des Schreibens total überrascht. Wenn das nicht der Fall ist, glaube ich einfach nicht daran.

Gibt es noch andere Beispiele? Kommst du auch auf etwas, wenn du spazieren gehst oder wenn du mit dem Fahrrad durch den Wald fährst oder wenn du in der Kneipe deinen Apfelwein trinkst, kommt dann auch etwas?

Ja. Manchmal kann das passieren, dass da so ein Gedanke kommt, das könntest du jetzt erzählen, das könnte dir wieder Freiheit verschaffen.

Und wenn du zu Hause sitzt und Gitarre spielst, kommt da auch etwas?

Nö. Ich weiß, ganz schlimm war es mal, – das war zu der Zeit, als ich den Wäldchestag geschrieben habe, also da war ich noch kein Autor. Das Schöne eigentlich beim Wäldchestag war, dass ich eine gewisse Sicherheit hatte, weil ich ja schon einen Vertrag mit Suhrkamp besaß. Wir haben im Sommer 1999 einen Vertrag über ein anderes Buch abgeschlossen, aber ich habe mir dann gesagt, ich mache das andere Buch nicht. Ich schreibe lieber den Wäldchestag zu Ende. Der Verlag kannte den Text und auch die Verantwortlichen vom Ponto-Preis – ich habe diesen Ponto-Preis im Jahr 2000 bekommen – kannten bereits Auszüge. Also wusste ich schon immer, da gibt es Personen, die finden gut, was ich jetzt gerade mache. Ich schrieb in Brixen in einer kleinen Ferienwohnung, in der ich fast keine Aussicht hatte. Es gab zwar Tageslicht, aber alles war so, wie man sich eigentlich einen Schreibort überhaupt nicht vorstellt. Solche Räume habe ich jedoch früher schon zum Schreiben gerne genutzt. Immer die kleinsten Räume, möglichst ohne große Aussicht. Schon damals haben die Phasen, in denen nichts ging, nur so zwei, drei Wochen gedauert, aber die Arbeit am Text ging dafür über Jahre. Das ist natürlich auf seine Weise eine furchtbar quälende Zeit. Immer, wenn es nicht mehr lief, kam mir das, was ich bislang geschrieben habe vor, wie aus Stahl gegossen. Und das, was ich gerade neu versuchte, hinten dran zu setzen, war wie Gallert. Furchtbar. Ich bin mit C. verabredet, um in die Stadt nach Brixen runter zu gehen, und mache nach zwei, drei Wochen des täglichen Scheiterns – ich saß ja immer stundenlang vor dem Computer – den Computer nochmal an, der hatte damals noch so einen riesigen Bildschirm, ich mache den Computer also nochmal kurz an und rufe dann nach 10, 15 Minuten zu C. raus, ich kann jetzt leider nicht weggehen. Es geht nicht. Und dann ging das eine Woche lang. Ich glaube ich habe 40 Seiten am Stück oder 50 geschrieben. Plötzlich sprudelt es. Aber warum habe ich es jetzt erzählt?

Es ging nochmal darum, was man braucht, um zu schreiben. Oder dass es eben nur durch Zufall geht.

Bei mir. – Wut hilft manchmal ganz gut.

Wie äußert sich das dann?

Beim Joggen zum Beispiel. Wut hilft ja auch für das Joggen. Dann joggt es sich besser.

Und auf was bist du dann wütend?

Auf ganz Verschiedenes. Irgendeiner hat mich gerade wieder beleidigt, oder es kommt mir so vor, als hätte mich einer beleidigt. So etwas. Ich kann mich gerne aufregen.

Also es kann dann sein, dass dir beim Joggen auch etwas einfällt?

Das kann sein, ja, aber wie gesagt, ich erinnere mich an vielleicht fünf bis, sagen wir mal, acht Momente in meinem Leben. Ich weiß, einmal unter der Dusche ist mir etwas eingefallen, tatsächlich. Und wichtig ist auch, wenn es kommt, musst du es mitnehmen.

Sofort. Also wenn es kommt, fängst du gleich an?

Auch nachts. Ich habe jetzt wieder einige Nachtphasen gehabt. Mitnehmen. Das Wichtigste ist, dass etwas auf das Papier kommt. Und das ist natürlich toll. Wenn du irgendwie das Jahr über fast quasi durchblockiert bist, und dann hast du solche Phasen, wo du weißt, ich muss das Ding aufmachen. Ich kann sofort drei, vier, fünf weitere sinnvolle Sätze da hinschreiben oder auch möglicherweise noch drei Stunden weiter daran schreiben, es geht und es geht. Aber es ist jetzt ein bisschen monothematisch, finde ich, wie ich gerade abdrifte.

Nein. Es ist ja interessant. Willst du noch einen Apfelwein?

Genau.

Wärst du manchmal gern jemand anderes?

Ja.

Wer?

Eine Frau.

Warum?

Weil in mir, glaube ich, eine Frau steckt.

Ja, da ist etwas dran. Irgendeine?

Nicht irgendeine. Aber ich habe jetzt keine konkreten Vorstellungen.

Du hast keine konkrete Vorstellung?

Nein. Also nicht so etwas wie ich wäre gern Isabelle Huppert oder Marilyn Monroe oder was weiß ich. In meinem Beruf wäre ich nicht gerne ein anderer. Ich beneide jetzt niemanden. Aber ich hätte schon gerne so ein bisschen eine andere literarische Umwelt um mich herum. Das ja. Aber ich könnte jetzt nicht sagen, ich wäre gerne Peter Kurzeck.

Nein, das meine ich auch nicht. Ich meine nur einfach ‚ich wäre gern’. Also das ist zwar schon richtig, die Antwort ‚ich wäre gern manchmal eine Frau’.

Manchmal wäre ich auch gern ein Handwerker, dass ich besser und konkreter vor mir sehe, was ich gerade mache. Ich habe da immer das Bild eines Stuhls. Wenn ich Stühle bauen würde, könnte ich mich daraufsetzen. Oder ein anderer.

Andreas Maier im Gespräch mit Barbara Englert, Foto: Alexander Paul Englert

Andreas Maier im Gespräch mit Barbara Englert Foto: Alexander Paul Englert

Das gibt es ja auch. Zum Beispiel mache ich das. Nach jeder Produktion muss ich irgendetwas Praktisches machen. Also baue ich entweder ein Regal oder einen Schrank.

Das Problem ist, ich bin kein Handwerker. Und die Schwierigkeit mit der Laute, ist halt, dass es dennoch auch immer eine Anstrengung bedeutet. Ich habe zwar über Jahre hinweg ein Instrument gelernt, gerade im Moment mache ich jedoch eine Pause. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass die Ortsumgehung für mich langsam Finalcharakter bekommt. Ich merke, ich bin auf der Zielgeraden. Auch wenn noch einige Bücher kommen.

Das heißt, du spielst jetzt gar nicht mehr?

Auf der Gitarre haue ich so ein bisschen vor mich hin. –
Aber das mit dem Inkorporieren beim Schreiben das interessiert dich. Darüber hast du schon öfters mit mir gesprochen. Das ist aber auch für mich immer schon die große Frage bei der Schauspielerei. Das ist für mich genau das, was ich ja so überhaupt gar nicht kapiere.

Das Die-Figur-Werden? Im Grunde machst du doch etwas Ähnliches.

Nein, ich mache das nicht mit meinem Körper.

Du machst das nicht mit deinem Körper, du läufst nicht. Wenn ich zum Beispiel eine Figur spielen soll, die ich nicht verstehe, dann stelle ich mir vor, wie diese Figur auf eine ganz bestimmte Art läuft. Wenn ich das dann nachmache, bekomme ich ein innerliches Gefühl, das dem entspricht, wie die Figur sich fühlt. Und das Interessante ist jetzt eben auch bei deinen Romanen, dass auch dein Onkel, also der …

J.

Genau. Der J. Deswegen denke ich auch, du wirst dann auch der gewesen sein in dem Moment. Weil du beschreibst den so, dass du wirklich alles von dem weißt, du weißt genau, wie der geht, du weißt genau, wie der riecht, du weißt genau, was der für Kleider anhat, wie der sich bewegt. Ohne dass du das ja jetzt alles in den Einzelheiten beschreibst. Ich meine, du kennst ihn natürlich jetzt auch sehr gut, aber wenn du die Figur auch wirst, während du die schreibst…

Sagen wir so, du bist der Figur, glaube ich, dann näher, wenn du nichts von ihr willst. Du bist der Figur dann näher, wenn zwischen ihr und dir nicht noch das Papier oder die erwartete Leserschaft oder deine eigene Erwartungshaltung an die Figur steht. Zum Beispiel: Versuche mal, eine Figur genau hinzukriegen. Würdest du anfangen, sie zu beschreiben, würdest du sofort deinen Rhythmus, deinen Stil verlieren. Du bist, glaube ich, in deiner Organizität, zu der Figur näher, wenn du möglichst gar nicht darüber nachdenkst, als wenn du versuchst, gut mit ihr zu sein, sehr gut mit ihr zu sein. Du gibst einfach die richtigen Signale, glaube ich, die dann auch wiederum etwas eher Organisches bei deinen Leserinnen und Lesern ansprechen. Was dann philologisch wahrscheinlich gar nicht so bewertbar sein kann, aber du gibst einfach die richtigen Signale, und du gibst vor allen Dingen ja auch nicht zu viele Signale. Man kann ja Texte durch Beschreibungen furchtbar überfrachten. Ich beschreibe ja nie irgendetwas.

Ja, und dennoch beschreibst du verdammt viel, ohne das wirklich zu beschreiben.

Ich habe einmal jemanden beschrieben. Das weiß ich noch. Und zwar in dem Buch Klausen. Ich hatte mir einen Gastwirt als Vorbild genommen. Ich habe ihn auf eine Redebühne geschickt und erzählt, wie er eine politische Veranstaltung eröffnet. Das war eine Beschreibung. Das habe ich ein einziges Mal in meinem Leben gemacht. Das heißt, du hast ein konkretes Vorbild, mit dem du dann den Text auch vergleichst. Berühmtestes Beispiel ist die Porträtskizze vom Aschenbach am Anfang von ‚Tod in Venedig’. Die hat mal jemanden nachgezeichnet und schwupp, plötzlich kam Gustav Mahler dabei heraus.

Ich fahre noch Fahrrad

Jetzt kannst du etwas fragen.

Was soll ich fragen? Ihr sagt mir doch eh nie die Wahrheit.

Was ist die Wahrheit?

Die Wahrheit kommt dann, wenn ich aus dem Raum raus bin.

Wie gehst du durch die Welt?

Meistens nicht als Schriftsteller. Da bin ich auch ganz froh drum.

Wie dann?

Als seien gerade Semesterferien. Im Grunde führe ich ja nach wie vor ein Studentenleben. Es hat sich jetzt nichts groß geändert seit damals. Ich habe mir kein Reich aufgebaut. Ich bewohne keine Villa oder so etwas. Ich fahre nicht in den Urlaub. Ich fahre immer noch Fahrrad. Ich mache genau das Gleiche wie vor 30 Jahren. Ich bin etwas dümmer geworden. Durch den Beruf. Eindeutig.

Wieso?

Als ich so 23, 24 war, habe ich wesentlich mehr geistige Spannkraft gehabt. War auch richtig in Sachen drin. Heutzutage ist es ja so, dass ich ganz viel von mir fernhalten muss, um mich nicht allzu sehr zu verändern, sondern im Schreiben eine Zeitlang der bleiben zu können, der ich gerade bin. Bücher zum Beispiel können mich unheimlich beeinflussen. Es ist oftmals sehr schädlich.

Inwiefern können die dich beeinflussen?

Weil ich so mimetisch bin. Sie beeinflussen sofort meinen Stil. Das habe ich jetzt bei zwei Büchern erlebt. Der Kreis ist extrem beeinflusst worden von dem Übersetzer Heinz Feldmann, der diese zehn Bände des Briten Anthony Powell übersetzt hat. Ein Tanz zur Musik der Zeit hat mich stilistisch wahnsinnig beeinflusst. In Der Kreis musste ich, als ich es dann endlich gemerkt habe, lange arbeiten, bis ich das wieder einigermaßen raus hatte. Die Familie ist sehr, sehr beeinflusst worden – stilistisch am Anfang, und das musste ich dann auch wieder bekämpfen – von Barbara Honigmann, die ich kennengelernt hatte und von der ich nur 30 Seiten gelesen hatte, und zwar Chronik meiner Straße. Ein tolles Buch. Aber das hat sofort den Anfang der Familie versaut. Als es plötzlich alles so objektiv wurde, und die Sätze so rund waren, – das war nicht wirklich ich. Insofern bin ich eigentlich immer, als sei ich mit mir in meinem eigenen Trainingslager, ich schotte mich nach draußen doch ziemlich ab. Macht natürlich auf Dauer schon dümmer. Es ist so.

Naja, das ist natürlich auch ein Arbeitsvorgang. Man ist sozusagen in der Arbeit drin, und in der Zeit darf man eigentlich auch kein Buch lesen, was nicht unbedingt damit zu tun hat; man darf bestimmte Sachen nicht machen. Aber es gibt ja auch die Zeit danach. Gibt es die überhaupt bei dir? Du bist ja noch nicht fertig.

Erst wieder nach der Ortsumgehung.

Erst wenn es fertig ist?

Ich halte es nicht mehr aus. Ich halte es einfach nicht mehr aus. Ich kann mir jetzt nicht drei Monate Ruhe gönnen.

Du nimmst dir jetzt nicht mehr die Zeit, einfach zwei Monate mal etwas Anderes zu lesen?

Das würde ich ja nur für mich selbst machen. Das würde ich ja nicht für Die Ortsumgehung machen.

Das meine ich. Gibt es die Momente, wo du sagst, du gehörst jetzt nur dir und nicht deinem Werk?

Nur ein paar Tage, höchstens. Ich fange ja nach jedem Buch auch immer wieder sofort an zu schreiben. Ich habe vorher schon angefangen mit dem nächsten. Die Freude über so ein Buch währt dann auch vielleicht maximal 48 Stunden. Das ist zum Kotzen. Aber das ist eigentlich, seitdem ich schreibe schon so. Dass ich niemals länger als ein paar Tage weg von allem war. Bei den Romanen war es vielleicht doch schon so, dass ich mit meinem damals zertrümmerten Privatleben sozusagen innerlich schon aufgegeben habe mit meinem Leben und trotzdem mal ein paar Wochen weg war von der ganzen Schreib-Sache. Das ja. Und jetzt zum Beispiel war zweieinhalb Wochen der Computer kaputt, und ich habe seit mindestens acht Tagen kein Wort mehr geschrieben an dem neuen. Ich weiß, welche Szene jetzt kommen wird, und ich glaube, die wird auch klappen. Aber jetzt kommen Lesungen, Rundfunktermine und das Gespräch von heute zum Beispiel, ich muss auch noch eine Kolumne schreiben, spätestens morgen. Morgen fahre ich auch wieder auf Lesungen, die ganze Woche eigentlich, das gehört im Zuge von der Publikation auch noch dazu. Ich schreibe derzeit jedes Jahr ein Buch, Ortsumgehung oder etwas anderes. Alles, was mit der Publikation zu tun hat, kostet auch immer wieder Zeit. Das ist nicht so, dass ich jeden Tag schreibe –, ich würde mich jetzt heute auch nicht hinsetzen, um irgendetwas zu schreiben. Weil ich weiß, ich hätte jetzt auch zu wenig Zeit dafür. Vielleicht heute Nacht, mal gucken.

Das Gespräch führte Barbara Englert in Frankfurt am Main.

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erstellt am 02.8.2019

Andreas Maier, Foto: Alexander Paul Englert

Andreas Maier Foto: Alexander Paul Englert

Gerade erschienen:

Andreas Maier
Die Familie
Roman
Gebunden, 166 Seiten
ISBN: 978-3-518-42862-7
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019

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