Die österreichische Schriftstellerin Marie-Thérèse Kerschbaumer hat ein schmales Bändchen über André Hellers 2016 erschienener Roman „Das Buch vom Süden“ veröffentlicht. Kerschbaumer kümmert sich dabei nicht um die in den Feuilletons ausgetragene Kontroverse. Thomas Rothschild hat über das Büchlein und seine Vorgeschichte nachgedacht.

Österreichische Literatur

Kerschbaumer liest Heller

André Heller, Foto (Ausschnitt): Manfred Werner - Tsui [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)]
André Heller, Foto (Ausschnitt): Manfred Werner - Tsui

1980 habe ich ein Buch mit 23 Porträts von Liedermachern veröffentlicht. Darin gab es unter anderem je ein Kapitel über Georg Kreisler und über Georg Danzer, aber nicht über André Heller. Über ihn hatte ich nur eine kritische Bemerkung notiert, weil ich seine Chansons für Kitsch hielt. Ich halte sie auch heute noch für kitschig.

1987 erschien dann André Hellers Buch „Schattentaucher“, das ich, anders als seine Lieder, hervorragend fand und entsprechend rezensiert habe.

In den frühen achtziger Jahren schlug jemand André Heller für die Aufnahme in die Grazer Autorenversammlung, die bedeutendste österreichische Schriftstellervereinigung, vor. Unter den Mitgliedern, von denen viele am Rande des Prekariats leben, gab es heftigen Widerstand. Es herrschte eine ausgeprägte Abneigung gegen den Dandy und wohlhabenden Sohn einer bekannten Zuckerl-Dynastie. Umso größer dürfte die Verwunderung gewesen sein, als sich ausgerechnet der Großbürger Heller in der Friedensbewegung engagierte und als einer der Ersten lautstark und wohlformuliert gegen die Rechtsentwicklung in Österreich auftrat.

Als die Waldheim-Affäre auch in Deutschland die Gemüter bewegte, fuhr ich zusammen mit dem Redakteur und Moderator des Süddeutschen Rundfunks Reinhard Krol nach Wien, um eine Sendung über den Widerstand gegen Waldheim zu machen. In diesem Zusammenhang interviewten wir auch André Heller in seinem Haus in Hietzing. Ich kannte Heller bis dahin nicht persönlich, wohl aber vom Sehen. In den sechziger Jahren waren er und ich Stammgäste im Café Hawelka. Er saß immer vorne, am Tisch gleich gegenüber vom Eingang, mit dem Maler Kurt Moldovan, dem Bühnenbildner Hubert Aratym und einer Runde skurriler Aristokraten, darunter Karl „Kari“ Schwarzenberg. Mein Freundeskreis okkupierte habituell den Tisch rechts hinten vor dem Wandspiegel. Ehe wir auf Waldheim zu sprechen kamen, sagte Heller zu mir, er habe sich über meine positive Besprechung des „Schattentauchers“ gewundert – er hätte gedacht, ich sei sein Feind. Das ist Österreich. In diesem Land unterscheidet man nicht zwischen Kritik an einem konkreten Werk – in diesem Fall: den Chansons des jungen André Heller – und der Einstellung zu der Person, die dieses Werk hervorgebracht hatte. Gegen diese Person, die unsere gemeinsame Bekannte Hilde Spiel übrigens sehr geschätzt hat, empfand ich, anders als die Kolleginnen und Kollegen von der Grazer Autorenversammlung, keine Animosität. Ich mochte einfach seine Prosa, und seine Lieder mochte ich nicht.

André Heller ist eine schillernde Persönlichkeit, einiges, was er gemacht, geschrieben und gesagt hat – namentlich seine Kritik an der Politik Israels –, gefällt mir, anderes würde ich auch heute ablehnen. Als Feind aber habe ich André Heller nie betrachtet. Eher schon haben wir gemeinsame Feinde, über die Sitzordnung im Hawelka hinweg.

Jetzt hat Marie-Thérèse Kerschbaumer, selbst eine bedeutende Schriftstellerin, die mit ihrem „Weiblichen Namen des Widerstands“ Antifaschistinnen ein literarisches Denkmal gesetzt hat, lange ehe der Feminismus konsensfähig war, in der Ultramarin-Reihe des Klagenfurter Wieser Verlags ein schmales Bändchen über André Heller veröffentlicht. Anlass ihres Essays ist Hellers 2016 erschienener Roman „Das Buch vom Süden“. Im Zusammenhang mit diesem Buch hat sich das Modell österreichischer Gemeinheit zuvor wiederholt. Ulrich Weinzierl, der fraglos in mehrerlei Hinsicht kompetenteste Literaturkritiker Österreichs, hat es in der „Zeit“ enthusiastisch gelobt. Das hat der zurzeit meistgenannten Kritikerin Daniela Strigl, die den Platz von Sigrid Löffler hartnäckig beansprucht, seit diese in Berlin lebt, missfallen. Schon der Titel von Strigls Polemik gegen Weinzierl, dem selbst Strigl attestiert, dass er „der kluge, belesene, scharfsichtige, unbestechliche, maliziöse, witzige Weinzierl“ sei, nur um ihn danach und über ihn André Heller umso heftiger zu attackieren, zielt unter die Gürtellinie: „Der Zuckerbäcker in seinem Reich“. In ihrer Replik schmeißt sich Strigl – mit geringem Erfolg, wie sich zeigte – an den Redakteur des Wiener „Falters“ Klaus Nüchtern ran, der seinerseits Hellers Roman verrissen hat. Und sie schreckt nicht vor einer abwegigen Verschwörungstheorie zurück: „Es muss wohl, dieses Eindrucks kann man sich nicht erwehren, in diesem Land etliche Leute geben – und einige davon an den Schalthebeln der Medienmaschine –, denen, sagen wir, das Wohl André Hellers ganz besonders am Herzen liegt.“ Das ist, mit Verlaub, infam. Daniela Strigl beendet ihre Abrechnung mit der Sottise: „Majestätsbeleidigung wird im Lande Österreich gar nicht erst vor Gericht gebracht. Sensible Geister erspüren, wo Sakrosanktes bedroht sein könnte und greifen zartfühlend rechtzeitig ein. Die österreichische Presselandschaft präsentiert sich dem befreundeten Ausland als gartenarchitektonisch ansprechendes Sumpfgelände.“ Die Majestät, deren Beleidigung angeblich nicht vor Gericht gebracht werden darf, ist André Heller. Das schreibt eine beleidigte und nicht gerade zimperliche Kritikerin, in deren Artikel der zweite Absatz so beginnt: „Begonnen hat die Geschichte, die Sandra Kegel in der FAZ inzwischen eine 'Literaturbetriebsposse' genannt hat, Anfang Mai mit einigen tendenziell negativen Rezensionen von Hellers Romanerstling in der Süddeutschen Zeitung (Cathrin Kahlweit), in der NZZ (Gerhard Melzer), in den Salzburger Nachrichten (Anton Thuswaldner), im Wiener Standard (Ronald Pohl), im Falter (Klaus Nüchtern) und in der FAZ (von mir).“ Sieht so ein Majestätsbeleidigungsverbot aus? Die Rachsucht verleitet Strigl zu argumentativen Volten, die an Schizophrenie grenzen. Übrigens: alle genannten Rezensentinnen und Rezensenten mit Ausnahme von Cathrin Kahlweit sind sumpfgeländeversiffte Österreicher.

Marie-Thérèse Kerschbaumer nun setzt zu einer eigenen Lektüre von Hellers Roman an, ohne sich um kleinliche Streitereien in der „österreichischen Presselandschaft“ zu kümmern. Sie versieht ihren Text mit Fußnoten und Quellenangaben. (Warum sie das „Hochzeit(s)lied“ von Goethe nach einem „Deutschen Lesebuch für Schweizerische Sekundarschulen und Progymnasien“ zitiert, bleibt allerdings ein Geheimnis)

Kerschbaumer resümiert: „Wir lesen zugleich von historischen Tatsachen in einem Textgeflecht voll Schönheit, Heiterkeit und freundlicher Ironie über das Österreich, das hinter Österreich ist, zu dem auch die Zypressen gehören.“

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Kommentare


peter strasser - ( 07-08-2019 10:06:25 )
Ich finde, solche Äußerungen, die ans Ehrenrührige grenzen und jedenfalls rufschädigend sind, sollten nicht unwidersprochen hingenommen werden. Was in dieser Suada völlig ausgeklammert wird, ist der Umstand, dass der Streit schließlich gar nicht mehr um Hellers Buch ging. Es ging vielmehr darum, wie Heller und seine Freunde versuchten, kritische Besprechungen zu verhindern. In meinem Fall hat sich der Chefredakteur der „Presse“ des Falls persönlich „angenommen“. Der Literaturchef musste dem Chefredakteur meine Besprechung vorlegen, der wiederum durchsickern ließ, er werde die Veröffentlichung unterbinden. Ich zog meinen Text daraufhin selbst zurück, um dem Literarturchef weitere Schritte, die zu setzen er gewillt war, zu ersparen. Damit hatte es aber nicht sein Bewenden, ich erhielt Publikationsverbot in der „Presse“, zwei weitere Rezensionen, die bereits bestellt und abgeliefert waren, durften ebenfalls nicht mehr gedruckt werden, auch wurde dem Leiter des „Spectrum“, der wöchentlichen Kulturbeilage, verboten, mir ein Ausfallshonorar zu überweisen. Als meine Heller-Rezension dann in der Literaturzeitschrift „Literatur & Kritik“ doch noch erschien, ging das offenbar nur, indem gleich eine Gegenrezension ins Blatt gerückt wurde (ein völlig unüblicher Vorgang). Es ist das Verdienst von „Faust-Kultur“, dass meine Besprechung dort jederzeit nachgelesen werden kann.

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erstellt am 31.7.2019

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