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Wie sag ich’s meinem Kinde? Oder gar meinem Enkelkind? Diese Aufgabe hat sich der Darmstädter Emeritus Gernot Böhme vorgenommen, wenn sich die Frage stellt, was denn das ist: Philosophie. Wahrscheinlich wird es einfacher sein, Enkeln die Relativitätstheorie zu erklären. Aber der Philosoph hat es gewagt und den Politikwissenschaftler und Schriftsteller Paul-Hermann Gruner angeregt, mit dem Üben anzufangen.

Philosophie

Botschaften vom Dreimeter-Mann

Von Paul-Hermann Gruner

Gernot Böhme (Screenshot)
Gernot Böhme (Screenshot)

Enkel sind immer eine Herausforderung. Dreizehn Enkel erst recht. Und so nimmt der emeritierte Darmstädter Philosoph Gernot Böhme, über 25 Jahre im speziellen akademischen Prozessumfeld einer Technischen Universität tätig, die wiederkehrende Enkelfrage, was denn der Opa eigentlich so mache, zum Anlass, umfassender Auskunft zu geben. Per se keine luftig-leichte Angelegenheit. Philosophie! Für die allermeisten sogenannten Erwachsenen ist dies schließlich zeitlebens der Begriff für zielsichere Überforderung. Etwas für Berufsdenker und -grübler. Das schreckt Böhme nicht ab. Der Autor ist angetrieben davon, allzu komplizierte Sprache beiseite zu legen, das viele Abstrakte möglichst so einzuhegen, dass er es zu wenden vermag in eine stete Verführung zur Übung des Denkens. Nicht als Selbstzweck, sondern immer in Richtung des Sehnsuchtsortes Weltweisheit und „dem Bemühen, gut Mensch zu sein“.

Den Leser erwartet also eine Menge Holz, das jedoch überschaubar präsentiert, gut gestapelt, nicht selten überraschend klar sortiert. Böhme kann das. Nicht zu vergessen: Bereits 1995 richtete er sich hintergründig erklärend an die Familie in der Schrift „Briefe an meine Töchter“. Böhme mischte sich – zum Beispiel – in engagierter Weise in den öffentlichen Diskurs ein mit seiner „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“ (Frankfurt, 1985), mit seiner „Ethik leiblicher Existenz“ (Frankfurt 2008) und der zusammen mit seiner Frau Farideh Akashe-Böhme verfassten Schrift „Mit Krankheit leben. Von der Kunst, mit Schmerz und Leid umzugehen“ (München 2005).

Im Grunde wird das Enkelkinder-Buch dadurch, dass Böhme auf sein eigenes Welt-Erleben als Kind und Jugendlicher zurückgreift und dabei seine sehr persönlichen Zugangswege zu Ontologie und Philosophie beschreibt, zum autobiografischen Auskunftgeber. Das Locken der Enkelkinder in eine „philosophische Lebensform“ beschreibt Böhme als ein selbst dorthin Gelockter. Didaktisch ein unaufdringlich konsequent verfolgter Weg, der auch schmunzelndes Einverständnis abruft. Beim Studium in Hamburg definiert er sich aufgrund seiner „Hyperreflektiertheit“ als „Dreimeter-Mann“, der jedes Geschehen aus distanzierter Höhe beobachtet und bewertet. Dass diesem Elitizismus und dem damit verbundenen „triumphierenden Gefühl der Souveränität“ die Gefahr des Verlustes jeder Unmittelbarkeit im Leben auf dem Fuße folgt, bekennt der Verfasser genauso direkt und ehrlich. Was offenbart: Selbstanalyse zählt unbedingt zum „Willen zur Wahrheit“, den Böhme beschwört.

Durch Böhmes Argumentationen entlang biografischer, ethischer, ästhetischer oder zeitgeistkritischer Kategorien zieht sich von Beginn an sein Konzept: die „philosophische Lebensform“ sei heute dem Bemühen zu widmen, „gut Mensch zu sein“. Wobei gut nicht als Adjektiv, sondern als Adverb zu verstehen sei: „Es bezieht sich auf das Wie, wie wir Menschen sind, also auf die Art und Weise, wie wir das, was wir ohnehin sind – Menschen – vollziehen.“ Hugh, der Dreimeter-Mann hat gesprochen. Und keineswegs nur für seine dreizehn Enkel.

Wenn so früh im Buch als Signal- und Taktgeber eine Maxime auftaucht, fällt es leicht, alles später Aufgebotene an ihr zu messen. Der stete Rückbezug, der auch Relevanzprüfung ist, prägt den philosophischen Gang Böhmes durch seine Themen der Conditio humana im 21. Jahrhundert – Bildung, technische Zivilisation, Kommunikation etwa. Eines steht fest: Zu jung an Jahren dürfen die Enkel da nicht mit dem Lesen anfangen. Semantische Differenzierungen, Werte- und Anschauungssysteme, historische Kontextualität und gelegentliche Tiefbohrungen zu philosophischen Ausgangspositionen der Antike brauchen allemal, sagen wir es so – Vorinformiertheit. Hier läuft nicht das Programm „Philosophie in einfacher Sprache“.

Folgerichtig endet das Buch mit einem herausragenden Plädoyer für die Übung. Hätte auch am Anfang stehen können. Gemeint sind Übungen in konkreter oder ganzheitlicher Wahrnehmung (auch: Selbstwahrnehmung), Übungen zum leiblichen Spüren, Übungen zur anderen Würdigung des Alltäglichen in der Subsistenz, Übungen zu Sensibilität und Selbstsorge, zum Denken generell, mündend in die Böhme-These: „Philosophieren ist Übung.“ Kürzer geht eine Mitteilung kaum. Aber sie ist tatsächlich die motivierende Hilfsanleitung für alle Philosophie-Interessierten, die in der Regel, aller guten Absicht zum Trotz, jene Tür zur Philosophie, kaum angeklopft und einen Spalt geöffnet, wieder schließen, bevor sie den Raum dahinter überhaupt betreten haben. Böhme holt die gute alte Übung, die im Sprichwort den Meister macht, zurück auch ins anspruchsvolle Generalthema, gut Mensch zu sein.

Der Gesamttext des Dreimeter-Mannes ist selbstredend einer für die Eltern der Enkel. Nein, für alle des Lesens Kundigen, ob Eltern oder nicht. Böhme liefert lebensweltliche Bezüge ins Aktuelle, mit graziöser Geste ausgestreut, so sie gerade passen: zum ewige Paradoxon der Konsumgesellschaft etwa (steter Überdruss im steten Überfluss), zum hektischen Hamsterrad-Leben in der Effizienzfalle, dem allgemeinen Ohrenverschluss in der Smartphone-Hörstöpsel-Gesellschaft, zur technizistischen Kommunikation in leiblicher Abwesenheit, zur Standardisierung und Trivialisierung von Essenszubereitung und Essen (zeitsparend entkultiviert), zur Vergötterung von Künstlicher Intelligenz, die vielen die Arbeitsplätze entwinden wird, zur Schlagwort gewordenen Digitalisierung per se, deren Einsatz zu Kontrolle und Überwachung alles Gesellschaftlichen jedoch keine rechte Sorge auslöst in den vor Euphorie verdrehten Köpfen.

Wenn Philosophie sich im Hektikspektakel des 21. Jahrhunderts behauptet, dann auch durch und mit ausgeruhten Büchern wie diesem. Wir fangen sofort an mit Üben.

Prof. Dr. Gernot Böhme from Rainer Lind on Vimeo.

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erstellt am 26.7.2019

Gernot Böhme
Philosophieren
Für meine Enkelkinder
146 Seiten
ISBN: 978-3-8260-6599-6
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2019

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