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Der Verleger und Schriftsteller Victor Otto Stomps hatte schon 1926 in Berlin „Die Rabenpresse“ gegründet, 1949 in Frankfurt am Main die „Eremitenpresse“. Um beide Verlage bildeten sich literarische Kreise, aus denen später namhafte Autoren hervorgingen. Harry Oberländer erinnert mit seinem Essay an den Begründer der Handpressenkunst und der Mainzer Minipressen-Messe, an den „Anarchen“ V.O.Stomps.

Über Victor Otto Stomps

Zwischen den Zeilen

50 Jahre Minipressemesse in Mainz! In Norbert Kubatzkis MINIPRESSREPORT, Nr. 2 Jahrgang 69 – das Titelblatt ziert auf braunem Packpapier eine Graphik von Gertrude Degenhardt und ist ein wunderbares Dokument der arte povera – im Minipressreport von 1969 finde ich den Nachdruck eines Artikels aus der FAZ. Unter der Überschrift „Die Poetik des Druckfehlers“ schreibt der unter tragischen Umständen 2004 in Montreal ums Leben gekommene Lothar Baier über das zwanzigjährige Jubiläum der Eremitenpresse. Zu diesem Zeitpunkt wurde sie schon von Friedolin Reske und Dieter Hülsmanns betrieben. Baier schreibt: „Ob Theodor W. Adorno noch weiß, dass er anno 54 bei Stomps die Broschüre „Die gegängelte Musik – Bemerkungen über die Musikpolitik der Ostblockstaaten“ veröffentlicht hat? Auch Hans Joachim Schoeps, Werner Helwig, Walter Jens sind einstmals Eremiten-Autoren gewesen, bevor der Verlag aus Frankfurt nach Stierstadt im Taunus zog und dort in einer Leichenwagenremise einen Kreis von jungen Schriftstellern anzog. Victor Otto Stomps, von seinen Freunden und Autoren nur VauO Stomps genannt, geboren 1897, gestorben 1970 war eine außergewöhnliche Verlegerpersönlichkeit und derjenige, der als erster auf die Idee gekommen war, eine Buchmesse für anspruchsvolle Kleinverlage, Kunst- und Literaturdruckpressen ins Leben zu rufen. Die Idee wurde dann 1969 in Mainz realisiert.

Der Hütejunge August Scholtis

Für meine Geschichte möchte ich aber etwas weiter ausholen und mit August Scholtis beginnen. Wer war August Scholtis? Er war ein deutscher Schriftsteller, den keiner mehr kennt. Geboren wurde er am 7. August 1901 in Bolatitz im Hultschiner Ländchen. Das klingt niedlich, etwas idyllisch und könnte von Günter Bruno Fuchs erfunden worden sein wie die Landschaft Sandomir, in der der Bahnwärter Sandomir lebte. Das Hultschiner Ländchen, Scholtis beschreibt es so: „Der Zwiebelturm meiner Heimatkirche beherrscht als höchster Punkt im weiten Umkreis die Landschaft historischer Piastenherzogtümer von Teschen, Oderberg, Ratibor, Troppau und Jägerndorf. Von hohen Beskidengipfeln der Lysa Hora in vierzig Kilometern Entfernung und von Altvaterhöhen der Sudetenberge aus ist dieser Zwiebelturm bei klarem Wetter zu sehen: wachend über dem gesegneten Oppatal, den bewegten Hügelwellen des Mährischen Gesenkes, der historischen Mährischen Pforte, dem strategischen Jablunkapaß mit unentwirrbar durcheinander-wohnenden deutschen, mährischen, polnischen Menschen.“ So beschreibt es August Scholtis in seiner Autobiographie „Ein Herr aus Bolatitz“, die 1959 erschienen ist.

Scholtis kam aus einer Landarbeiterfamilie, die auf den Feldern des Fürsten Lychnowsky arbeiteten. „Der Fürst besaß die Erde, ihm gehörten die Wälder, er erntete, er hatte mehr Schlösser als er bewohnen konnte, um jedes Schloss blühte ein Park in hellenistischer Art oder in Eichendorffscher Romantik, der Fürst wurde geliebt oder gehasst, er war ein umstrittener Mann der Zeitgeschichte, hatte als deutscher Botschafter 1914 zum Missfallen seines Kaisers den Krieg verhindern wollen.“ So schreibt es Wolfgang Koeppen in einem Anthologie-Beitrag, betitelt „Mein Freund August Scholtis.“

1915 war der erste Weltkrieg, den die eindringlichen Telegramme des Botschafters Fürst Lychnowski aus London im Juli 1914 nicht mehr abwenden konnten, in vollem Gange. Ein junger Mann aus Krefeld meldete sich, wie viele, seiner Altersgenossen freiwillig. Victor Otto Stomps, am 26. September 1897 geboren, brachte es zum Rang eines Leutnants, geriet in französische Kriegsgefangenschaft und studierte nach dem Krieg, 1919, einige Semester Jura, Germanistik und Psychologie.

Über diese Zeit wissen wir wenig, was Victor Otto Stomps angeht. Über August Scholtis, der um wenige Jahre zu jung war, um in den Krieg ziehen zu können oder zu müssen, wissen wir mehr, sein Freund Wolfgang Koeppen hat es erzählt:
„Der Feudalherr begegnete dem Hütejungen. Oder war es die Fürstin als gute Fee? Sie holten August ins Schloss, setzten ihn, der nicht korrekt deutsch sprechen konnte, an die Schreibmaschine. Vielleicht hatte August der Fürstin ein schlesisches Märchen erzählt. Auf dem Acker bei einem Gewitter. Es war aber, dass sich der Kaiser zu der Zeit auf dem nahen Schloss Pless aufhielt und mit seinen Getreuen die Schlacht von Verdun beriet. Der aus dem diplomatischen Dienst entlassene Fürst Lichnowsky schrieb dagegen auf seinem Schloss seine Erinnerungen. Sie mussten geheim bleiben. Der Kaiser hatte die warnenden Berichte seines Londoner Botschafters idiotisch genannt. Und der kleine August Scholtis schrieb auf der Schreibmaschine aus der Handschrift des geschmähten Fürsten den Bericht ‚Meine Londoner Mission’. Er war der einzige, der es schon erfuhr, dieses wahrhaft historische Dokument von der Dummheit der Regierenden und für die Forschung nach 1918.“

So war das Schloss Lichnowsky des Dorfjungen Universität geworden. Die Fürstin hatte ihn offenbar ins Herz geschlossen und erhöhte sein Salär auf hundert Mark. Aus der Sicht seiner Familie war August Scholtis nun ein von fürstlichen Gnaden reicher Mann.

Mechtilde Lichnowsky, 1912 [Public domain]
Mechtilde Lichnowsky, 1912

Die Fürstin Lichnowsky

Die Fürstin verdient nun aber, nicht nur ihrer Güte wegen, auch ein Gesicht.

Mechtilde Lichnowsky stammte aus der gräflichen Familie von Arco- Zinneberg und war eine direkte Nachfahrin der Kaiserin Maria Theresia. Sie unterhielt enge Kontakte mit Schriftstellern wie Carl Sternheim und Frank Wedekind. Auch der Theaterregisseur Max Reinhardt und der Verleger Kurt Wolff gehörten zu ihrem Freundeskreis. In Wolffs Verlag erschienen ihre ersten, deutlich vom Expressionismus beeinflussten Werke, später veröffentlichte sie u. a. auch im S. Fischer Verlag. Eine besondere Freundschaft verband sie mit dem Wiener Schriftsteller und Herausgeber der Literaturzeitschrift ‚Die Fackel’, Karl Kraus, mit dem sie eine langjährige Korrespondenz pflegte und für dessen Nestroy-Vorlesungen sie die Musik komponierte. Der Briefwechsel von Mechtilde Lichnowsky mit Karl Kraus ist unter dem Titel „Verehrte Fürstin“ 2001 im Wallstein Verlag Göttingen erschienen.

Der Hütejunge August Scholtis aber ging 1929 nach Berlin und wurde Schriftsteller. Dort entstand in wenigen Wochen sein erster Roman ‚Ostwind’, der 1932, kurz vor Hitlers Machtantritt im Januar 1933, im S. Fischer Verlag erschien und eine Sensation auf dem Buchmarkt wurde. Die Thematik der oberschlesischen Aufstände und des Helden Kaschpar Theophil Kaczmarek brachte eine völlig neue Sprache in die Literaturszene. Kein Wunder, dass dieser Roman noch Jahrzehnte später einen prägenden Einfluss auf den jungen Günter Grass und seine Blechtrommel hatte. August Scholtis schrieb lange nach dem Zweiten Weltkrieg folgendes:
„So um die Zeit als der alte Hindenburg in Ostpreußen starb, nachdem er den General Schleicher zurechtwies, sich droben im Himmel über Deutschland weiter unterhalten zu wollen, inszenierte Victor Otto Stomps für mich eine Lesung irgendwo am Kurfürstendamm.

Zu meiner Verblüffung war der Vortragssaal überfüllt. Das machte mich verlegen, denn ich empfand mich weder als einen Dichter noch als einen Avantgardisten, vielmehr wollte ich lediglich das zwielichtige Volkstum meiner engeren Heimatbezirke einem deutschen Leser rechtzeitig in Erinnerung bringen, bevor es kriegerisch wieder losging. Ich habe die Rabenpresse in bester Erinnerung, auf mich wirkte sie wie ein wildromantisches Plätzchen nach Art gewisser Republiken irgendwo in den Abruzzen oder in den Pyrenäen, die Rabenleute verfügten über eine ungeschriebene Verfassung, sie dichteten und druckten in Personalunion. Irgendwie war man in diesem magischen Stadtkontor an die Phantastik jenes Kabinetts des Dr. Caligari erinnert.“

Damit sind wir jetzt auf dem Umweg über das Hultschiner Ländchen und den Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Berlin am Ende der zwanziger Jahre bei Victor Otto Stomps angekommen.

Der elegante Herr Stomps

Victor Otto Stomps wurde 1897 in Krefeld geboren, die Eltern zogen 1899 mit ihm nach Berlin, der Vater war Rechtsanwalt und Syndikus der Deutschen Bank. Stomps machte Abitur auf dem Joachimsthalschen Gymnasium. Dieses preußische Gymnasium war sehr angesehen, 1601 vom Kurfürsten Joachim Friedrich von Brandenburg in Joachimsthal gegründet, nach dem dreißigjährigen Krieg nach Berlin umgezogen und 1880 in der Kaiserallee, der heutigen Bundesallee, neu eröffnet worden in Anwesenheit von Kaiser Wilhelm dem I. Ich erwähne das in dieser Ausführlichkeit, weil eine solche preußische Schule für ein bestimmtes Weltbild, auch für eine solide Bildung natürlich steht, die den Ausgangspunkt für einen sehr auffälligen Lebensweg bildet. Es ist sozusagen der Lebensweg vom preußischen Sanssouci bei Potsdam bei Berlin nach Sanssouris in Stierstadt bei Oberursel bei Frankfurt am Main.

Foto: Albrecht Conz [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)]

Ehemaliges Gebäude des Joachimsthalschen Gymnasiums in Berlin Foto: Albrecht Conz [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)]

1915 meldete sich der junge Stomps freiwillig in den Ersten Weltkrieg, er wurde Fähnrich bei der Gardefeldartillerie, 1918 Oberleutnant. Man mag sich darüber Gedanken machen, was er in diesem Krieg erlebt hat, wie er diesen Krieg erfahren hat, anders als Ernst Jünger hat er darüber keinen Bestseller in den zwanziger Jahren veröffentlicht, er hat auch nicht den Orden Pour le mérite erhalten, aber doch das Eiserne Kreuz zweiter und das Eiserne Kreuz erster Klasse für seine Tapferkeit. Nach Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft studierte er zuerst Jura, wechselte aber dann zu Germanistik und Psychologie.

„1923. – Eine aus den Fugen geratene Zeit. Besetzung des Rheinlands durch die Franzosen. Ausrufung der Rheinischen Republik. Konflikt zwischen Bayern und dem Reich. Die Regierung Ebert erklärt den „Ausnahmezustand“. Kommunistenunruhen in Sachsen. Hitler putscht in München. In Berlin Höhepunkt der Inflation. Der Dollar steht auf 4,3 Billionen. Ein halbes Brot kostet 25 Milliarden Reichsmark! Wie finden Sie das alles? fragt er mich mitten auf dem Potsdamer Platz. Es war ein eleganter junger Mann in grauem Flanell mit Aktentasche und Spazierstock. Auf dem Kopf einen runden geflochtenen Strohhut, die sogenannte Kreissäge. Wir kennen uns doch. Ich heiße Stomps. Er nahm die Kreissäge ab und ein blutverkrusteter Kopfverband kam zum Vorschein.“

Der diese Szene schildert, Heinz Oskar Wuttig (1907-1984), war nach dem 2. Weltkrieg zunächst Hörspielmann und ausgezeichnet mit dem renommierten Preis der Kriegsblinden. In den sechziger und siebziger Jahren wurde er einer der erfolgreichsten Drehbuchautoren des Deutschen Fernsehens und setzte populäre Serien wie „Forellenhof“ und „Salto Mortale“ in die Welt. Stomps, auf seine Kopfverletzung angesprochen, sprach, 1923 in Berlin: „ne politische Platzwunde! Man muss doch Stellung beziehen!“ Wuttig, Stomps und ein dritter, Jean Gebser, waren zeitweise Lehrlinge bei der Deutschen Bank, aber im Keller der Poschingerstraße in Berlin stand schon die erste Handpresse von Victor Otto Stomps. Das Wunder der Handpresse besteht darin, dass man mit ihr in direkter Linie zu Johannes Gutenberg ein unabhängiges Gewerbe betreiben und eine Liebe zu Handwerk und Gestaltung mit einer Liebe zur Literatur aufs innigste verbinden kann. In den zwanziger Jahren, als Stomps damit begann, waren Handpressen noch selbstverständlich. Im Druckereigewerbe galt, wenn es schnell gehen sollte, der Satz: „Der Kunde sitzt auf der Treppe und weint.“ Das heißt, er hatte eine eilige Todesanzeige in Auftrag zu geben. Später im Jahrhundert, nämlich zur Zeit der Eremitenpresse in Stierstadt, war die Handpresse, war das Hochdruckverfahren schon vom Offsetdruck und der Schnellpresse überholt worden. Handpressen wurden nur noch von Künstlern betrieben. Heute sind wir in einer Situation, wo die Macht der virtuellen Welt die Nischen, in denen überhaupt noch bedruckte Seiten hergestellt werden, immer weiter verkleinert. 1926 war das Jahr, in dem Victor Otto Stomps mit dem erwähnten Hans (Jean) Gebser in der Stallschreiberstrasse die Firma Stomps & Gebser gründete, im Untertitel als Buch- und Kunstdruckerei – Verlagsanstalt bezeichnet.

Heinz Oskar Wuttig erinnerte sich später: „Diese Jahre in der Stallschreiberstraße!“ Die dreckige alte Wendeltreppe. Wer stieg da nicht alles mit knisternden Manuskripten zu Dir hinauf . . . Oskar Loerke, Werner Bergengruen, Walter G. Oschilewski, Günter Eich, Horst Lange, Oda Schäfer, Kurt Heynicke, Eberhard Meckel, Paul Zech und wieviele noch. Und alle hast Du verlegt und gedruckt. Ohne jedes kaufmännische Kalkül. Nur mit der Leidenschaft des echten ‚Spurensammlers.’ Nur mit dem sicheren Gefühl eines Rutengängers in den Bezirken der Dichtung. Dafür stand uns aber auch immer das Gespenst der Pleite im Rücken. Herrgott, Deine goldene Uhr. Weißt Du noch, dass ich sie in diesen Jahren so etwa an zwanzigmal zur Pfandleihe getragen habe? Wie oft hat sie uns gerettet. Denn wenn die Löhne am Freitag gezahlt waren, blieb Dir und uns selten mehr als das Fahrgeld nach Hause.“

Literaturhandel Rabenpresse

Die Firma Stomps und Gebser produzierte die Rabenpresse und 1932 begann die Buchproduktion in größerem Stil. Seit 1931 veranstaltete Stomps Lesungen seiner Autoren in der Humboldtvilla in der Fasanenstraße 23, dem heutigen Literaturhaus Berlin.

Der Name Rabenpresse kam zustande, weil Stomps und Gebser am Anfang nicht gleich mit ihrer Handpresse zurechtkamen. „Wir trösteten uns mit einer Flasche – in der verdunkelten Ecke stand die Maschine und mit jedem Schnaps mehr kam uns ihr Umriss wie ein gespenstischer Rabe vor – der Handhebel wie ein zum Schlag ausholender Flügel.“

Gedenktafel für Gertrud Kolmar. Ahornallee 37, Berlin-Westend, Foto: Axel Mauruszat

Gedenktafel für Gertrud Kolmar. Ahornallee 37, Berlin-Westend Foto: Axel Mauruszat

Im Januar 1933 war Hitler zum Reichskanzler ernannt worden und die Nazis hatten begonnen, ihre Führerdiktatur in Deutschland zu errichten. Desungeachtet veröffentlichte Victor Otto Stomps 1934 den Gedichtband Preußische Wappen von Gertrud Kolmar. Viele der Autorinnen und Autoren, die zum Kreis um Victor Otto Stomps und die Rabenpresse gehören, in seinen Zeitschriften publiziert worden sind oder auf seine Lesungsveranstaltungen aufgetreten sind, haben Aufmerksamkeit verdient. Peter Huchel, Günter Eich, Wilhelm Lehmann, Oskar Loerke, Hermann Kasack. Ich möchte besonders auf Gertrud Kolmar eingehen. Zu dem Zeitpunkt, als ihr Gedichtband von Stomps publiziert wurde, war der Naziterror gegen politische Gegner und gegen Juden in vollem Gange. Dieter Kühn schreibt in seiner Kolmar-Biographie über die Publikation von „Preußische Wappen“:
„Auch diese Publikation setzte Erfüllung von Vorschriften voraus. Jeder Verlag war verpflichtet, vor neuer Drucklegung einen Antrag zu stellen bei der Reichsschrifttumskammer (RSK). … Nur mit einer Unbedenklichkeitsbescheinigung war eine Publikation möglich, die, wie man hoffte, keine Maßnahmen nach sich zog. Solch eine Bescheinigung ist im Fall Kolmar nicht dokumentiert“. Der Verlag jedenfalls kam nach der Publikation auf eine Boykottliste des Börsenvereins des deutschen Buchhandels. Gertrud Kolmar wurde 1943 nach Auschwitz deportiert, wo sie ermordet wurde.

Gertrud Kolmar
Wappen von Bocholt

Einmal bin ich in die Welt gegangen:
Blumen lachten, wie die Quellen sangen,
Vor der Scheune tanzten Spatzenschwärme,
Brot und Sonne schien voll goldner Wärme.

Doch dann fiel ich von der Menschen Wegen,
Unter Tieren hab ich lang gelegen;
Kam der Engerling, mich anzustaunen,
Fand der Maulwurf her, mir zuzuraunen.

Als die Augenäpfel mir verdarben,
Schwanden zartgetuschte Wangenfarben,
Beinern blieb vom Bilde nur der Rahmen.
Aber nieder sanken Kern und Samen.
Bin in jene Frucht ich eingekrochen?
Hab ich jene Schale denn zerbrochen?
Sprang ich fort von meiner eignen Hüfte,
Da ich silbern aufwuchs in die Lüfte?

Als der Tag die Sonne mitgenommen,
Ist ein armer schwarzer Hund gekommen.
Jeder hetzt ihn, keiner will ihn haben;
Der ihn liebte, wurde längst begraben.

Zitternd leckt er seiner Wunde Rinseln
Und beklagt sich scheu mit leisem Winseln,
Bis mein Arm ihn wärmt in grünem Tuche
Und mein Antlitz aus der Silberbuche.

Walter Benjamin, der Cousin Gertrud Kolmars, der bereits 1928 zwei ihrer Gedichte in der „Literarischen Welt“ veröffentlicht und dazu bemerkt hatte, es handele sich um Töne, wie sie in der deutschen Frauenlyrik seit Annette von Droste-Hülshoff nicht mehr zu vernehmen gewesen seien, schrieb in seinen philosophischen Thesen „Über den Begriff der Geschichte“, dass in der Vorstellung des Glücks, das wir hegen, unveräußerlich das der Erlösung mitschwingt. „Die Vergangenheit führt einen geheimen Index mit, es gibt eine geheime Verabredung der gewesenen Geschlechter und unserem, dem lebenden. „Dann sind wir auf der Erde erwartet worden. Dann ist uns wie jedem Geschlecht, das vor uns war, eine schwache messianische Kraft mitgegeben, an welche die Vergangenheit Anspruch hat. Billig ist dieser Anspruch nicht abzufertigen. Der historische Materialist weiß darum.“ Benjamin, der sich 1940 bei Portbou an der spanischen Grenze das Leben nahm, gibt uns damit zumindest einen starken Hinweis, warum es sich lohnt, die Vergangenheit, auch die Vergangenheit und die Geschichte der Literatur lebendig zu erhalten. Eben auch jene Geschichte der Literatur, die nicht in jedem Lehrbuch der Literaturgeschichte steht.

Wolfgang Weyrauch hat nach dem 2. Weltkrieg in einem Text über Victor Otto Stomps, der nach 1933 seine Lesungen nur in Privatwohnungen, also nicht mehr in aller Öffentlichkeit veranstalten konnte, auf deren subversiven widerständigen Charakter hingewiesen.

„Ich weiß kaum noch etwas davon. Es war an irgendeinem Abend im Winter 1934 oder 1935, also zu Anfang jenes Reiches, das sich anmaßte, tausend Jahre zu dauern, und, wirklich und wahrhaftig, es wird tausend Jahre dauern, denn unsere Schuld wird nicht früher aufhören, eher später. V.O. St. hatte jemanden bei sich lesen lassen. Bei sich? War es seine Wohnung, war es sein Verlag, oder befanden sich Wohnung und Verlag im selben Stockwerk? Ich habe es vergessen. Ich kann mich nicht darauf besinnen, ob das Wasser, das ich beim Weggehen sah, ein Stück Kanal oder ein Spreearm war. Allein behalten habe ich, und zwar so klipp und klar, als sei es gestern abend gewesen, den Augenblick, da ich das Treppchen herunterging, das vom Haus zur Straße führte. In diesem Augenblick war manches gesammelt: Der Dunst, der das Ufer vernebelte, die dünnen Bäume, die fahlen Laternen, die paar Fußgänger; mein ‚deutscher Blick’ nach rechts und links, der festzustellen versuchte wer wohl dieser oder jener Mann auf dem Bürgersteig wäre, ein Harmloser, einer von den Unholden: mein elender Blick; meine Genugtuung darüber, dass ein Soundso bei V.O.St. vorgelesen worden war, ein Anderssein als das, was sonst überall wiedergekäut wurde, eine Integrität, die nicht nur Widerstand, sondern sogar ihre eigentümlichen und erhellenden Zeichen in den Morast der Poesie und des Lebens setzte, so deutlich und unvergesslich, dass Leben und Poesie, wenn auch nur in dieser einzigen Nacht und an diesem einzigen Ort, zu dem restituiert wurden, was sie eigentlich sind: zur Übereinstimmung des Veränderns und dies im Sinn einer Multiplikation der Dichtung, die den Menschen besser machen will, mit dem Menschen, der von sich aus besser werden möchte, wozu ihm die Dichtung ein Mittel ist; meine Genugtuung darüber, dass ich nicht allein war, dass die anderen, die V.O.St. eingeladen hatte, so dachten wie ich; mein Entzücken, dass es einen Mann wie V.O.St. gab, ein Individuum ohne Furcht und Tadel; meine Scham über mich selbst, der ich so blieb, wie ich war, so in mich gekehrt, so passiv, so schizophren – dagegen und nicht genug dagegen und gleichsam dafür – ,obwohl ich an einer Aktion der Empörung teilgenommen hatte, und mochte sie auch winzig gewesen sein: aber aus dem Winzigen, vielleicht gerade aus ihm, kann das Ungeheure kommen, die Vertilgung der Ungeheuer.“

Paul Hoeniger, Spittelmarkt, 1912, Stiftung Stadtmuseum Berlin

Paul Hoeniger, Spittelmarkt, 1912 Stiftung Stadtmuseum Berlin

Und Günter Eich setzte Stomps in seinem Gedicht Spittelmarkt ein literarisches Denkmal. Der Spittelmarkt in Berlin-Mitte war vor dem Zweiten Weltkrieg ein sehr belebter Platz. Eich setzt darin den historischen Tuchhandel in Beziehung zum Literaturhandel Rabenpresse.

Spittelmarkt

Nicht an Küsse erinnert
Aber an Tuchhandlungen
An Gewebe aus Cottbus,
blau für den Abend.
Wenig Verse fahren die Spree hinab.

Hier muss Stomps wohnen
zwischen den Zeilen.
Die Jahre verwirren mich,
das rote Salz auf den Schienen
war das, was ich mitnahm.

Wie haltbar der blaue Anzug ist!
Seine Fürsprecher ruhen aus,
schräg in der Haltung wie der Fahrer,
der die Kurve zu schnell nahm,
ruhen aus, ruhen aus.

1937 musste Victor Otto Stomps seinen Verlag verkaufen und seine Verlegertätigkeit beenden. „Jüdische Autoren verlegen und frei und homoerotisch, das war zu viel für das Tausendjährige Reich“, schrieb der Schriftsteller Horst Bingel (ca.1989) und: „Sicher ist sicher. Stomps war als Oberstleutnant zur schweren Artillerie emigriert.“

In der Deutschen Nationalbibliothek befindet sich ein bemerkenswertes Büchlein aus dem Jahr 1946. Auf dem fleckigen braunen Cover des hektographierten Drucks sehen wir einen Holzschnitt mit einer verschämten Nackten neben einer Sonnenblume auf einem Hügel oder Felsen vor Wasser und Booten. Titel: Victor Otto Stomps, Menschliche Fabeln, Illustr. Ferdinand Mueller. Innen dann folgendes Impressum: In Gefangenschaft geschrieben und als Manuskript abgezogen. ADR. 178th LSC APO 809 US Army. Daneben die Jahreszahl in lateinischen Ziffern MCMXXXXVI (1946). Dieses anrührende Dokument der Hoffnung wurde also mit Genehmigung der US Army veröffentlicht, das heißt auf Wachsmatrize abgezogen und zusammengeheftet.

Darüber schrieb Horst Bingel: „Nach der Kriegsgefangenschaft: Stomps wälzte sich wie ein Feldhase in Freiheit, und heraus kamen schöne, hochgereckte Bücher, wie die Ohren des Hasen, neue Literatur, die Ästhetik der Ästhetik der Ästhetik – Erinnerungen. Stomps hatte als Leiter des Kriegsgefangenenlagers Reims nicht so agiert, dass es den Amerikanern gefiel. Von ihnen abgesetzt, musste er unter das Joch zum zweiten. Oberstleutnant Stomps reinigte pfeifend, singend das Lagerklo. Der Colonel setzte ihn wieder ein, wer als Kloakenreiniger pfeift, darf Goethe Im Draht verlegen, wie ein Gedichtbandtitel von Franz Josef Mundt hieß, der ihm dieses Buch widmete: Für V.O. Stomps, den Eseltreiber, der einst zu Reims im Stacheldraht als Obercowboy, Dichter, Schreiber, die Freiheit hinterm Zaun vertrat.“

Eremitenpresse in Frankfurt und Stierstadt

Gemeinhin ist ein Verleger von Büchern ein Mensch, der unternehmerisch tätig wird, um Kapital zu investieren und es zu vermehren. Nicht so VO Stomps. Er hatte nach zwei Kriegen, nach dem Zivilisationsbruch der Shoah, nach den nationalsozialistischen Verbrechen offensichtlich nicht mehr den Ehrgeiz, eine bürgerliche Karriere in der Bundesrepublik zu betreiben. Der Name seines Unternehmens, das er nach der Entlassung aus der Gefangenschaft 1949 mit Helmut Knaupp und Ferdinand Müller in Frankfurt am Main gründete, war insofern Programm: EREMITEN-PRESSE. Heinz Friedrich, einer der Mitbegründer der Gruppe 47, Redakteur beim Hessischen Rundfunk, Lektor bei S. Fischer, der Mann, der den deutschen Taschenbuchverlag aufbaute, berichtete, Stomps habe sich nach dem Krieg zunächst mit seiner alten gebrechlichen Mutter am Holzhausenpark in Frankfurt im obersten Stock eines zerbombten Hauses eingeigelt. Die letzte Etappe des Aufstiegs, so Friedrich, konnte nur über halsbrecherische Leitern bewältigt werden und oben in dem Zimmern klafften weite Risse, die den Himmel hereinließen. Ebenso abenteuerlich wie die Wohnung war die Druckerei in der Eschersheimer Landstraße, die Stomps gekauft hatte. Sie lag in der Privatwohnung des wunderlichen Vorbesitzers, ein schmaler dunkler Raum übersät mit Papierabfällen, in dem eine altertümliche Handpresse wie ein bösartiges Tier sich duckte. Stomps, dessen guter Ruf als avantgardistischer Verleger im Berlin der zwanziger Jahre nicht verblasst war, hätte Alternativen gehabt. Er hätte Karriere machen können im Verlagswesen und wenn nicht reich, doch zumindest wohlhabend werden können. Doch der Wiederaufbau der Strukturen nach der Katastrophe, Restauration und Wirtschaftswunder waren ihm zuwider. Er liebte seine Unabhängigkeit und die damit verbundene Unsicherheit nahm er dafür in Kauf. Deshalb zog er in eine Scheune nach Stierstadt am Rand des Taunus, ein Dorf, das in den siebziger Jahren nach Oberursel eingemeindet wurde.“ Der Umzug 1954 vor die Tore der Metropole, wo man auch mit wenig Geld auskommen konnte, begründete Stomps Nachkriegsruhm. Seine ironische Selbstdarstellung bestand aus einem Einsiedlernamen, dem Anagramm St.Mops und der Erhebung des windigen Domizils in den Rang eines Schlosses mit einem Namen reinen preußischen Wohlklangs. Schloss Sanssouris, ein Schloss keineswegs ohne Sorgen, aber eben immerhin ohne Mäuse. Das stand nicht im Börsenblatt des deutschen Buchhandels, aber es sprach sich herum. Die ironische Huldigung an Friedrich den Großen zeigt, das aus dem Soldaten Stomps nicht einfach ein Anarchist geworden war, sondern eben ein preußischer Anarchist, oder noch eher – in Anlehnung an Ernst Jünger gesprochen: ein Anarch.

Repro: Harry Oberländer

In einer Scheune, direkt am Bahndamm, verrichtete VauO, wie er von seinen Freunden genannt wurde, mit zahlreichen Gefährten nun sein Werk: Er versammelte wieder eine künstlerische Avantgarde, um mit ihr zu diskutieren, zu drucken und zeitweise zu leben. Hier starteten viele junge Autoren und bildende Künstler wie Horst Bingel, Paulus Böhmer, Günter Bruno Fuchs, Christoph Meckel, Hans Neuenfels, Uve Schmidt, Guntram Vesper, Christa Reinig und Gabriele Wohmann, um nur einige zu nennen, deren Namen noch in kollektiver Erinnerung sind, mit Publikationen in der Eremitenpresse in den Literaturbetrieb.

Als der Schriftsteller Josef W. Janker zu Besuch nach Stierstadt kam, hatte er nicht wirklich ein Schloss erwartet, aber immerhin doch eine markante Baulichkeit von der Art einer Burgruine oder das Herrenhaus eines spleenigen Mäzens. Aber die Bewohner Stierstadts, die er nach dem Weg fragte, kannten nur ihre Kirche auf dem Hügel und hatten von einem Schloss noch nie gehört. Erst eine Bäckersfrau, die ihm ein trockenes Stück Kuchen verkaufte, an dem er lange zu kauen hatte, hatte immerhin den Namen Stomps schon einmal gehört. Janker, der sich zu Lebzeiten der Förderung Heinrich Bölls erfreute und eine vierbändige Werkausgabe hinterlassen hat, berichtet weiter, dass er über handwerkliche Fähigkeiten verfügte und mit der Bereitschaft beim Renovieren zu helfen angereist war. „Unentgeltlich, versteht sich. Dass es auf großzügige Improvisation ankäme und nicht auf penible Kleinarbeit, schreckte mich nicht sonderlich. Meine Unternehmungen trugen fast durchweg den Stempel gewagte Gründlichkeit. Genügend Hilfskräfte schienen zur Verfügung zu stehen. Ich wusste, dass der Eremit von Stierstadt ein Anziehungspunkt sondergleichen war. Von der Buchmesse war mir berichtet worden, dass sein bescheidener Stand ganze Rudel von heimlichen Verfassern anlockte. Das Grundstück war nun nicht länger zu übersehen. Unter einem lang gestreckten Ziegeldach erblickte ich malerisches Fachwerk, eine zweiflügelige Tür, die nicht schloss, Läden, die Sonne aussperrten. Der ebenerdige Schuppen, der flache, gedrungene Schlauch war so eingesponnen in das Blättergefilz, daß ich befürchtete, er könnte selbst Blätter treiben. In einem halbvollen Bassin schwamm ein einzelner Goldfisch. In einem Brettergehege lag eine Schildkröte unter einem Salatkopf begraben. Begonienstöcke dampften in der Sonne. Bei meinem ersten Rundgang stieß ich nur auf Unordnung. Der Rittersaal war ein etwas weitläufigerer Raum, in dem lediglich ein defekter Ohrensessel und eine Galerie großformatiger Bilder einen gewissen Glanz verbreiteten. In ihm empfing mich der Meister. Von ein paar Getreuen umgeben, Druckerschwärze im Haar, einen Probeabzug vor der Brille, verbeugte er sich mit weltmännischer Gelassenheit: Durchlaucht, ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise.“

Im Schlosse Ohnemaus

Etwas weniger auf das Ambiente konzentriert, hat der Publizist und Publizistikwissenschaftler Harry Pross VO Stomps beschrieben. Pross gehörte zu den Mäzenen und Förderern der Eremitenpresse, die für ihre geringen Auflagen und damit auch geringen Einnahmen Förderung wahrhaftig brauchen konnte. Pross unterstützte die Grundthese von Stomps, dass die Literatur sich frei von Markterfordernissen entfalten müsse und zitiert aus Stompsens Fabel vom Tingo, Bummobommo und Publico: „Ohne Glauben zu haben, lassen sich keine Lunten legen. – Diese Weisheit bezog Herr Tingo auf alle explosiven Geschehen der Weltgeschichte, von der Sintflut bis zur Atomexplosion. Pross fährt fort: „Eine grimmige Weisheit. Humor und Grauen liegen nahe beieinander. Im Gleichgewicht hält sie, was Jeanne Hersch eine „ontologische Heiterkeit“ genannt hat, eine Seelenverfassung, die sich nicht unablässig nach Rechtfertigungen umsieht, ein Lebensgefühl, das nicht darauf aus ist, mehr sein zu wollen als zu scheinen, wie die hochmütige Formel lautet, sondern entkrampft und entspannt das ganze Leben zu bewältigen sucht. Das „Mehr sein als scheinen“ ist ein Konkurrenzideal, geprägt im Staatsdienst zudem. Als soziales Postulat müsste es heißen „Weniger scheinen als sein.“ Aber was könnte man mit solcher Parole im strebsamen Deutschland bezwecken? Nichts. Dem Beruf des Literaten widerspräche sie in dieser und jener Form. Seine Maxime sind andere, individuellere und vielleicht allgemeinere, menschlichere. Vielleicht hilft das zur Erklärung, warum es die Literaten in Deutschland so schwer haben, und gerade solche wie Jean Paul und Stomps.“

Es ist lohnend sich mit Harry Pross und seinen vielen Publikationen zu beschäftigen, wofür hier jetzt nicht der Ort und die Zeit ist. Er ist 2010 im Alter von 86 Jahren gestorben, aber sie können ihn noch immer auf seiner Website harrypross.de besuchen.

So versammelte also der Rabenvater von Schloss Ohnemaus eine bunte Schar von jungen und auch nicht mehr ganz so jungen Literaten und ebensolchen bildenden Künstlern in seinem maroden Schloss am Bahndamm um sich, die mit ihm diskutierten und lebten, die honorarfrei arbeiteten und ihre Bücher und Lyrikbände unter der Anleitung und Oberaufsicht des erfahrenen Meisters selbst setzten und banden, bis die Setzmaschine 1960 zusammenbrach.

Im Jahr 1955 stellte Stomps fest, daß etwas getan werden muß gegen den „realistischen Irrtum“ und gegen „eine Kritik, die sich nur einbildet sie sei eine.“ Zum Jahreswechsel 1955/56 veröffentlicht er seine Fabel von der Metapher und ihrem Genitiv. Er veröffentlichter sie in einem sehr ungewöhnlichen Format, 5 Zentimeter breit und 20 cm hoch. Dieses Format behielt er auch für eine neue Zeitschrift bei, deren Nummer eins im April 1956 erschien: die Streit-Zeit-Schrift SZS. Ab dem 5. Heft wird das Format leicht modifiziert auf 10× 30 Zentimeter. Stomps zog sich schon bald aus der Redaktion zurück, die er dem Schriftsteller Horst Bingel überließ, der später auch Herausgeber wurde. Horst Bingel erinnerte sich 1997, in dem Jahr, in dem Stomps hundert Jahre geworden wäre: „Von 1957 bis 1960 habe ich in Stierstadt gelebt, mir dort mit Hilfe von Günter Bruno Fuchs, Josef W.Janker und Frederic Ribell eine Garage zum Domizil umgebaut, Wand an Wand mit Schloss Sanssouris. Und immer die Eisenbahn in Stierstadt am Bahndamm. Wände und Türen wackelten, die Fenster klirrten, wenn der Zug kam, pünktlich in alten Zeiten, wir konnten die Uhr danach stellen. Der Name einer Handpresse entsteht, wenn ihr Eisenhebel in der Sonne Schatten wirft. Albert Einsteins berühmtes Altersphoto, der Welt die Zunge weit herausgestreckt, schön strubbelig, wild die Haare. Seht: 1789 in jedermanns Brust. Das Photo mit Einsteins Zunge hing seit den Sechzigern in Stomps Stierstädter Schlafzimmer. So hat er gelebt, Konventionen weniger wert als ein Pfiff auf zwei Fingern.“

Victor Otto Stomps im Stierstädter Garten Repro: Harry Oberländer

Unter der Regie Horst Bingels wechselte die SZS mehrmals den Verlag, bevor sie im Jahr 1969 eingestellt werden musste. Das angekündigte siebzehnte Heft LINKER KITSCH wurde nicht mehr realisiert. Die SZS erfreute sich großer Bekanntheit und Beliebtheit und wurde regelmäßig in den Feuilletons besprochen. So lobte die Frankfurter Allgemeine Zeitung 1964, dass es bei der SZS „nie um Profit, sondern um Entdeckungen“ ginge, während die Rheinische Post etwas verhaltener bemerkte: „Stomps’ extravagantes Team [ist] fürwahr kein Ballett literarischer Musterschüler, ist nicht in jeder Beziehung, wie es sein sollte, aber es zeigt geschärfte Sinne.“

Die neue Rabenpresse

„Wollen wir weiter die Frage des literarischen Nachwuchses damit abtun, dass die Schubladen leer sind, dass nichts da ist? Oder sehen wir endlich ein, dass auch Literatur Leben hat? Und dass dieses Leben Nachwuchs und Ideen braucht. Das zu erreichen scheint mir nur möglich, wenn stets wieder verstärkt wir Interesse anregen für das Experiment in der Literatur.“ Das sagte Victor Otto Stomps bei einem Vortrag in Duisburg am 4. April 1960 und kündige eine neue Reihe an, die er PROROMAN nannte. Zwischen 1960 und 1964 erscheinen 8 Bücher als Blockbuch im Format 12×24. Die Autoren dieser Mikroromane sind durchweg unbekannte Debütanten, unter ihnen Christoph Meckel, Uve Schmidt, Johannes Poethen und Hannelies Taschau. Die Romane sind mit eigenständigen Bildern versehen, und ebenso wie die Autoren arbeiteten die bildenden Künstler in Stierstadt bei der Produktion mit, zum Beispiel Werner Schreib, Thomas Bayrle und HAP Grieshaber. Helmut Andreas Grieshaber lebte von 1909 bis 1981. Vor allem als Erneuerer der Holzschnitttechnik hat er nach dem Zweiten Weltkrieg ein Spätwerk geschaffen, das bis heute in zahlreichen Museen, Kunsthallen und Kirchen präsent ist. Überhaupt unterschied sich Stomps Stierstädter Eremitenpresse von seiner Berliner Rabenpresse dadurch, dass Graphiken und Bilder hier eine weitaus größere Rolle spielten. Zu den ersten in der Eremitenpresse prominent vertretenen Künstlern gehörten Siegfried Reich an der Stolpe, ein von den Nazis als entartet verfemter Expressionist und Surrealist, der Ende der vierziger Anfang der fünfziger Jahre sehr bekannt und beachtet war und Bernhard Schulze, der in den 1960 Jahren zu einem der herausragenden Vertreter der gestischen Abstraktion in Deutschland avancierte. Eine große Rolle in Frankfurt am Main spielte in dieser Zeit das Frankfurter Kunstkabinett der Hanna Bekker vom Rath. Das ist eine eigene Geschichte, die ich hier jetzt nicht ausbreiten kann. Die Jawlensky-Sammlung im Museum in Wiesbaden geht auf ihre Sammlung zurück und das Frankfurter Kunstkabinett, das ihren Namen trägt, existiert in der Frankfurter Braubachstraße gleich beim Museum für Moderne Kunst noch immer. Stomps hatte bei ihr eine Lesung im April 1953, und Stomps Schwester, die Bildhauerin Luise Stomps war bei Hanna Bekker vom Rath regelmäßig vertreten.

Eine Radierung von Christoph Meckel (1962) Repro: Harry Oberländer

In einer späteren Phase der Eremiten Presse kamen Künstler wie Bernhard Jäger, Horst Antes, Thomas Bayrle, Ali Schindehütte und Uwe Bremer nach Stierstadt. Ein Teil von ihnen bildete den Kern der in Berlin ansässigen RIXDORFER DRUCKWERKSTATT. 1963 erschien das Buch IN DIE MASCHINE GEMALT. Bis 1967 erschienen drei weitere Bände und gut ein Dutzend Bücher der Maschinenmalerei, die nicht der Reihe angehören, wie zum Beispiel das Stierstädter Gartenbuch von Horst Antes. Es handelt sich um Texturdrucke, abgeleitet aus Technik des Zurichtens, bei der schwach druckende Stellen verstärkt werden, indem man ein Stück Seidenpapier auf den Druckzylinder der Schnellpresse klebt. Stomps selbst schrieb dazu: „Ich pflücke im Garten einige Blätter und lege sie in eine Schnellpresse. Arbeitsvorgang etwa zehn Minuten, dann drucke ich los. Die Auflagemöglichkeit geht bis zu 10 000. Meine ersten Versuche mit Blättern, Knöpfen, gehäkelten Spitzen und solcherlei Dingen mit ungleichen oder gebrochenen Oberflächen brachten mich auf den Einfall, Texturen von Malern und Grafikern für den Hochdruck machen zu lassen. Als erste folgten Reich an der Stolpe, Bernard Schultze, Hans Plaschek, Inge Becker-Schrader, Gerhard Oberländer, Luise Stomps und Klaus Federlin meiner Idee.“ So entstanden Bücher von eigenartiger Schönheit, malerische Druckerzeugnisse mit immer anderen Farbmischungen, Unikate, bei denen kein Druck dem anderen genau glich.

„Die Geschichte des Verlegers Victor Otto Stomps ist zugleich die Geschichte eines Schriftstellers, dem Anerkennung lange Zeit versagt blieb. Auch später, als Stomps längst zu lebenden Legende geworden war, stand immer der Verleger im Vordergrund, der Schriftsteller blieb oft unverstanden.“ Das schrieb Martin Ebbertz 1989 in seiner Chronik Vier Jahrzehnte Eremiten Presse. Stomps veröffentlichte 1920 im Alter von 23 Jahren den Gedichtband Ein Festtag im Xenien Verlag Leipzig. Später schrieb er „sonderbare Geschichte zur Belehrung“ . So nannte er seine Fabeln. 1934 erschien in seiner Rabenpresse Die Fabel vom Peter Lech, die Figur des Peter Lech ist das Alter Ego des Autors. Im Laufe seines Lebens hat er noch zahlreiche Fabeln seinem Werk hinzugefügt. Zwischen 1951 und 1964 veröffentlichte er sukzessive ein Artistisches ABC.

Die offizielle öffentliche Anerkennung kam spät: 1965 erhielt Stomps – ein Jahr nach Arno Schmidt und eines vor Walter Höllerer – den Fontane-Preis der Stadt Berlin für sein eigenes literarisches Schaffen, 1967 die Ehrenplakette seiner Geburtsstadt Krefeld. In den Stierstädter Jahren entstanden unter schwierigen Bedingungen aber in einer bemerkenswerten Einheit von Arbeit und Leben insgesamt über 240 Bücher, gedruckt auf einer Boston-Tiegel Handpresse und einer Schnellpresse. 1967 war Schluss – Stomps schied aus seinem Verlag aus, überließ ihn seinen Kollegen Dieter Hülsmanns und Friedolin Reske und ging zurück nach Berlin. Ein letztes Mal gründet er einen Verlag, die NEUE RABENPRESSE. Am 4. April 1970 starb er, dieser „Antibürger, der dennoch darauf bedacht war, in bürgerlicher Sichtweite zu bleiben“ so die Frankfurter Rundschau.

Sein Weggefährte Uve Schmidt hat eine Festrede in Oberursel, wohin 1972 Stierstadt eingemeindet wurde und wo es ein Archiv zu Stomps und zur Eremitenpresse in der Stadtbücherei gibt, unter den Titel gestellt „Das Ungeheure von Stierstadt“. Damit Satz knüpfte er an Wolfgang Weyrauchs Satz an, bei Stomps in der Berliner Rabenpresse sei in den dreißiger Jahres Ungeheures geschehen. Uve Schmidt sagte: „Ein reines Glückskind war Stomps mitnichten, er hatte lebenslang Glück im Sinne des Bismarckschen Wortes, Fortune ist eine Eigenschaft, was bedeute, daß Stomps nicht nur ein ungewöhnlich disziplinierter und instinktbegabter Mann, sondern überhaupt ein instinktbegabter Mensch war.“

Christa Reinig gratulierte ihrem Verleger einst mit dem schönen Gedicht, das hier das Schlusswort ist:

Repro: Harry Oberländer

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erstellt am 23.7.2019

Victor Otto Stomps

Victor Otto Stomps Repro: Harry Oberländer