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Vor fünf Jahren gelang der US-Filmregisseurin Ava DuVernay mit „Selma“, einem Biopic über Martin Luther King, der Durchbruch. Mit „Der 13.“ folgte 2016 eine Doku über die Entwicklung des amerikanischen Rassismus. Seit kurzem ist ihre Miniserie „When They See Us“ auf Netflix zu sehen. Jens Balkenborg stellt die politisch engagierte Regisseurin vor.

Die Filmregisseurin Ava DuVernay

Kino der Aufklärung

Es gibt diesen Moment in Ava DuVernays neuester Serie „When They See Us“, auf den sich die Filmografie der Regisseurin regelrecht zuzuspitzen scheint: Wir befinden uns kurz vor der Gerichtsverhandlung gegen die sogenannten Central Park Five, eine Gruppe von minderjährigen Jungs, die zu Unrecht wegen Vergewaltigung angeklagt sind – und dann auch verurteilt werden. Parallel setzt Michael Kiwanukas „Song Love and Hate“ ein. „You can’t break me down, you can’t take me down“, singt der Soulmusiker da gegen Ende der Szene; die Zeit steht für mehrere Herzschläge lang still.

Es ist ein wuchtiger Moment, in dem die Fronten zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Liebe und Hass, aufeinanderprallen. Zugleich ist das eine typische Ava-DuVernay-Szene, denn das Œuvre der 46-jährigen Regisseurin ist durchzogen von einer Dialektik aus großer Geste und Subtilität. Zwischen diesen beiden Polen entwickelt die mittlerweile durch und durch politische Filmemacherin ihre Stoffe.

Auf ihr Langfilmdebüt „This Is the Life“ (2008), eine Dokumentarfilm-Ode an die Hip-Hop-Szene in Los Angeles der 1990er, folgte mit „I Will Follow“ (2010) ihr erster Spielfilm, ein Drama um eine Frau, die mit dem Tod ihrer Lieblingstante klarzukommen versucht. Im selben Jahr gründete DuVernay das African-American Film Festival Releasing Movement, kurz AFFRM, das mittlerweile unter dem Namen ARRAY firmiert. Was als kleine Vertriebsfirma für Independent-Filme schwarzer Filmemacher startete, ist gewachsen und heute Teil eines Konzerns, der in einem Anwesen in Echo Park in Los Angeles untergebracht ist. Neben ARRAY und Räumen für die Postproduktion beherbergt der Komplex auch den Autorenraum für die von DuVernay erdachte und von Oprah Winfrey produzierte Serie „Queen Sugar“, die über Winfreys hauseigenen Sender, Oprah Winfrey Network, vertrieben wird.

Systemische Willkür

Einen ersten großen Erfolg feierte DuVernay mit ihrem dritten Film „Middle of Nowhere“. Als erste schwarze Filmemacherin wurde sie für das Drama 2012 in Sundance als Beste Regisseurin ausgezeichnet. DuVernay erzählt darin von einer schwarzen Frau, deren Mann zu einer achtjährigen Haftstrafe verurteilt wird. „Middle of Nowhere“ ist so etwas wie ein Übergangsfilm zu inhaltlich politischeren Werken DuVernays, in denen systemische Willkür gegen Schwarze und Gefängnisse eine wichtige Rolle einnehmen werden.

Ava DuVernays Kino ist ein Kino der Menschen. Um ihre Figuren, deren Gedankenwelt und Empfindungen verständlich zu machen, bedient sie sich klassischer dramaturgischer Mittel. Ruby (Emayatzy Corinealdi) etwa, die Hauptfigur aus „Middle of Nowhere“, deren jahrelange Treue zum eingesperrten Mann im Lauf der Jahre stark auf die Probe gestellt wird: Ihr kommen wir nahe durch Einstellungen mit geringer Tiefenschärfe, durch dramaturgisch eingesetzte Musik und durch Traumsequenzen. Einmal sehen wir sie in den Armen des unerreichbaren Mannes, den sie bei den Besuchen in der Strafvollzugsanstalt nicht küssen darf.

Ihre filmische Sprache bringt DuVernay in „Selma“, ihrem Biopic über Martin Luther King aus dem Jahr 2014, dann zur Perfektion. Das Geschichtsdrama erzählt in höchster Konzentration von den Protestmärschen von Selma nach Montgomery. Die Bürgerinnen und Bürger gingen im Frühjahr 1965 auf die Straße, um für das uneingeschränkte Wahlrecht zu protestieren. Das existierte nach Unterzeichnung des Civil Rights Acts durch Präsident Lyndon B. Johnson zwar auf dem Papier, wurde aber in vielen Landesteilen schleppend bis gar nicht umgesetzt.

Es zeugt von großer Kunstfertigkeit, wie DuVernay das Drehbuch von Paul Webb als ebenso komplexes wie zugespitztes Zeitporträt inszeniert. Wir erleben Martin Luther King, fantastisch gespielt von David Oyelowo, als idealistischen, aber von Zweifeln und Schwächen geplagten Menschen, der zu Mitteln greifen muss, die ihm widerstreben. Auch die Bürgerrechtsbewegung wird nicht glorifiziert, sondern als heterogene und konfliktgeladene Bewegung gezeigt. Zugleich erzählt DuVernay ihren Film als spannenden Showdown, in dem die schwarze Bevölkerung sich, angeleitet von King, gegen den knüppelnden Staats- und Polizeiapparat stellt.

Endgültiger Durchbruch

„Selma“ bedeutete für DuVernay den endgültigen Durchbruch. Bei den Oscars war das Biopic als erster Film einer schwarzen Regisseurin überhaupt in der Kategorie Bester Film nominiert, wurde allerdings „nur“ für den Besten Song ausgezeichnet. „And we’ll fight on to the finish, then when it’s all done, we’ll cry glory, oh glory“, heißt es in dem prämierten Song Glory von Rapper Common und Sänger John Legend.

Auch die Nominierung als Beste Regisseurin bei den Golden Globes für „Selma“ ging dank DuVernay erstmals an eine schwarze Filmemacherin. Überhaupt liest sich ihre Filmografie in dieser Hinsicht wie eine Vita der Debüts. Mit „Das Zeiträtsel“ (2018), einer von Disney produzierten Romanverfilmung, war sie ebenfalls die erste Schwarze, die einen Film mit einem Produktionsbudget von über 100 Millionen Dollar realisieren durfte. Dass all diese Debüts erst in den 2010er Jahren gefeiert werden, ist zugleich ein trauriger Beleg für das schleppende Vorankommen in Sachen Diversität in der Filmbranche wie auch anderswo.

„Selma“ markiert zugleich den Auftakt von DuVernays Kino der Aufklärung, in dem sie den Rassismus in den USA und dessen teils nostalgisch verklärte Geschichte ins Rampenlicht rückt. Mit „Der 13.“ folgte 2016 ein Dokumentarfilm, in dem die Entwicklung des amerikanischen Rassismus zu einem roten Faden wird für eine erschreckende und erschreckend brillante Argumentationskette der Unterdrückung. Der Filmtitel bezieht sich auf den 13. Zusatzartikel der Verfassung, der nach Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs die Sklaverei abschaffte. Zumindest auf dem Papier, denn, das arbeitet „Der 13.“ konsequent heraus, es gab und gibt in Amerika Systeme, die, angepasst an die jeweiligen Begebenheiten, die Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung befördern: angefangen bei der Sklaverei über die Jim-Crow-Ära, die Schwarze zu Menschen zweiter Klasse machte, bis hin zu einer heute durch den globalen Kapitalismus legitimierten Neo-Sklaverei in Form einer „Gefangenenindustrie“, die den Großkonzernen günstige Arbeitskräfte liefert.

Audiovisuelle Abrechnung

Die Wut, die in dem für den Dokumentarfilm-Oscar nominierten Film zu spüren ist, entlädt sich jetzt in DuVernays vierteiliger Netflix-Serie „When They See Us“. Die Miniserie stellt gewissermaßen die Verlängerung von „Der 13.“ dar, eine audiovisuelle Sichtbarmachung und Abrechnung zugleich. „Not thugs. Not wilding. Not criminals. Not even the Central Park Five. They are Korey, Antron, Raymond, Yusef, Kevin. They are millions of young people of color who are blamed, judged and accused on sight“, twitterte die Regisseurin zum Serienstart.

Die damals zwischen vierzehn und sechzehn Jahre alten Teenager, darunter vier Schwarze und ein Lateinamerikaner, haben 1989 als Central Park Five unfreiwillig Geschichte geschrieben. In einem der größten amerikanischen Justizskandale wurden sie für die Vergewaltigung einer Investmentbankerin im Central Park für Jahre hinter Gitter gebracht. 2001 gestand der wegen anderer Taten bereits zu lebenslanger Haft verurteilte Matias Reyes die Tat. Ein höchst emotionaler Fall, den DuVernay als mehrstimmiges Epos aufrollt, das in der dritten Folge auszufransen droht, sich aber in der vierten wieder fängt. Die widmet sich eindrücklich der Haftstrafe von Corey Wise, dem einzigen nicht nach Jugendstrafrecht Verurteilten der Five.

Ganz unverblümt zelebriert DuVernay hier die große Geste. Ein beinahe durchgehender Score unterfüttert die Bilder, die nahe bei den Protagonisten bleiben und ihre unsicheren Blicke einfangen. Etwa wenn die Teenager im Verhör zu belastenden Falschaussagen gedrängt oder schließlich vor Gericht angeklagt werden. Besagte Sichtbarmachung ist wörtlich zu verstehen, denn immer wieder tauchen die Jungs aus der Unschärfe auf und blicken uns beinahe direkt an. Zwischendurch steht die Zeit still, wenn DuVernay uns an der Ausweglosigkeit ihrer Helden teilhaben lässt, dann wieder vergehen in nur einer einzigen Kamerabewegung Jahre, in denen aus den eingesperrten Teenagern Erwachsene werden. „Animals“, keift die Anklägerin, die zur Personifikation von systemischer Willkür und Rassismus wird, mehrmals. Und plötzlich sind da noch Bilder eines 43-jährigen Donald Trump, der damals tatsächlich mit einer ganzseitigen Zeitungsannonce die Todesstrafe forderte.

Mit Blick auf Ava DuVernays Werdegang und ihr Engagement ist diese dramatische Frontalbeschallung nur konsequent: Sie ist formaler Ausdruck der Wut und des Einfühlungsvermögens der Humanistin und politischen Aktivistin. Wie heißt es im eingangs erwähnten Song von Kiwanuka: „Standing now, calling all the people here to see the show.“ DuVernay steht auf und lässt uns sehen.

„When They See Us“ (Videotrailer)

Der Text ist in der Wochenzeitung der Freitag erschienen.

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erstellt am 23.7.2019

Ava DuVernay, Foto: usbotschaftberlin [Public domain]

Ava DuVernay Foto: usbotschaftberlin [Public domain]