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„Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder?“ heißt das neue Buch von Jürgen Kaube. In vierzehn Kapiteln zeigt der FAZ-Feuilletonherausgeber, was die Pädagogen aus seiner Sicht seit den ersten Pisa-Tests falsch machen. Jutta Roitsch hat sich mit Kaubes Thesen zum Bildungswesen auseinandergesetzt.

Schulpolitik

Wege aus der Verdummung

 Jürgen Kaube, Foto: Heinrich-Böll-Stiftung [CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)]
Jürgen Kaube, Foto: Heinrich-Böll-Stiftung

Eigentlich gehört der Autor zu den Nachdenklichen. Seine Essays im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zeichnen sich durch Genauigkeit und Urteilskraft aus. Auf Verachtendes und Herablassendes verzichtet er, meist. Warum aber ließ sich Jürgen Kaube, einer der Herausgeber der FAZ, in seinem Buch „Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder?“ zu einem solchen Titel hinreißen? Zum (kleinen) Einmaleins des Handwerks eines so erfahrenen Journalisten gehört es, keine wirkungsvolle Schlagzeile auf der Seite 1 einer politischen Zeitung (oder eben dem Deckblatt eines Buches) mit einem Fragezeichen enden zu lassen. Es signalisiert dem Leser oder der Leserin, dass man eine wuchtige These erhebt, die Aufmerksamkeit erregt, der Überprüfung aber nicht standhält. Politische Signale und Meinungsstärke sehen anders aus. Was heißt aber „die“ Schule und „unsere“ Kinder? In den vierzehn Kapiteln wird schnell klar, dass sich Kaube mit dem Bildungswegen seiner Kinder oder zumindest derjenigen aus seinem Milieu beschäftigt. Von der Grundschule bis zum Abitur hat der Autor die Lehrpläne, die Arbeitsblätter, die Schulbücher, die Notengebung und die Prüfungstests aufmerksam gelesen. Und sie mehr oder weniger umfangreich allesamt verworfen. Er weiß es einfach besser, wie und was in der Schule „unserer“ Kinder gelehrt und gelernt werden soll, vor allem in der Oberstufe des Gymnasiums. „Weg mit den Lehrplänen“, schreibt er auf Seite 286 (von 334). „Sie sind in ihrer jetzigen Form die dümmste Textsorte, die es im gesamten Schulsystem gibt“.

Doch Kaube belehrt nicht nur langatmig und mit immer neuen Beispielen aus dem Fundus seines unbestreitbaren Wissens, was die Pädagogen heutzutage und vor allem seit den ersten Pisa-Tests vor zwanzig Jahren falsch machen. Er deutet auch die Schuldigen aus.

Die ersten, die er anprangert, sind die „Bildungsungleichheitsforscher“ und „natürlich die Bertelsmann-Stiftung“, die die Untersuchungen und Studien finanziert und öffentlich wirksam vermarktet. Ohne ihn zu nennen, wütet Kaube gegen den Essener Bildungsforscher Klaus Klemm, der seit dreißig Jahren, also lange vor den Pisa-Ergebnissen, mit großer Beharrlichkeit auf die „Kellerkinder“ des deutschen Bildungssystems hingewiesen hat, auf die Benachteiligungen der Kinder der „Gastarbeiter“, der aus welchen Gründen auch immer zugewanderten Familien. Diese Ungleichheitsforschung macht Kaube für den Niedergang der Hauptschule verantwortlich und den unaufhaltsamen Aufstieg des Gymnasiums zur eigentlichen Hauptschule. Die Forscher und „die Lautsprecher“ aus den Redaktionen seien schuld an der Überforderung der Lehrer, die für gleiche Chancen sorgen, Nachteile ausgleichen, jedem Kind gerecht werden und allen gute Noten geben sollen, damit Eltern, Forschung und Politik zufrieden sind. „Ist es nicht zum Verrücktwerden?“, fragt der Autor und sieht im Zentrum dieser verrückten Überforderung „das Dogma, Schule müsse in erster Linie Ungleichheit und nicht Unwissenheit bekämpfen“, müsse Sozialpolitik statt Bildungspolitik betreiben.

Experimentierfeld Schule

An diese These ließe sich eine kluge Streitschrift knüpfen: Jede Bildungspolitik ist auch Sozialpolitik, das betrifft die Schulpflicht, die Schulorganisation und die Inhalte des Lernens, über die in Deutschland seit fast einem halben Jahrhundert gestritten wird, mit Hilfe jener „Lautsprecher“ in den Redaktionen, zu denen die FAZ gehörte und gehört. Zur Entlastung der Schule müsste geklärt werden: Was kann das Bildungssystem in einer Gesellschaft, die sich wieder in Klassen und einflussreiche Milieus zurechtgerüttelt hat, überhaupt leisten? Und ist das deutsche stark gegliederte und sozial sortierte Schulsystem, die Trennung der allgemeinen und der beruflichen Bildung zukunftsfähig und demokratiewürdig? Die inzwischen zahlreichen Nationalen Bildungsberichte haben ein Fundament für diese notwendige Auseinandersetzung gelegt. Kaube würdigt sie mit keinem Wort, stattdessen beklagt er das Verschwinden der Hauptschule, die dem Kind der libanesischen Hartz IV-Empfänger ohne Abitur Lesen, Schreiben, Rechnen beigebracht hätte. „Struktur in der Schule nützt am meisten denen, die sie sonst schwer bekommen“. Diese Erkenntnis dürfte niemand bestreiten, der sich in der Bildungspolitik auskennt. Warum es bei der Umsetzung hapert und warum es in Deutschland immer wieder neue Ansätze gibt, gehört in das Kapitel Überforderung. Kaube allerdings ist „bei einem entscheidenden Faktor des Leidens an der Schule“ angekommen. Und dann erfolgt sein nächster Rundumschlag: „Bei den Didaktikern, Lerntheoretikern, Methodenerfindern nämlich und ihren erziehungswissenschaftlichen Begleitforschern“. Sie hätten, „unterstützt durch reformfreudige Bildungsbürokratien und eine mit Reformen ihre Geschäfte machende Weiterbildungs- und Lehrmittelindustrie, die Schule zu einem Experimentierfeld von angeblichen Modernisierungen gemacht.“ Das ist schon sehr forsch geurteilt, obwohl er sich völlig zu Recht an der geschwollenen Sprache der Lehrpläne reibt, die Minister beruhigten, die Ministerialbürokratie beschäftigten und Lehrern erlaubten, kritische Nachfragen von Eltern abzubügeln. Kaube erregt sich wiederum zu Recht über die Überhöhung der „Kompetenzen“, die das Wissen ersetzt hätten. Die Einheitlichen Prüfungsanforderungen (EPA), die mehr oder weniger über die Hintertür das Zentralabitur eingeführt haben, berücksichtigt er nicht, obwohl sie in seinen Rundumschlag gepasst hätten, denn die zunehmende Zentralisierung bei den Schulabschlüssen stört ihn massiv.

Und wo bleibt die Lösung gegen die Verdummung „unserer“ Kinder in der Schule? „Sir, geben Sie Gedankenfreiheit, Budgethoheit und Autonomie“, könnte Kaubes Ruf lauten.

Damit reiht er sich in die lange Reihe von engagierten Schulforschern und Bildungspolitikern (oft nicht aus Deutschland) ein, die allesamt am Föderalismus, am Philologenverband, den Universitäten und ihren „Lautsprechern“ in den Redaktionen gescheitert sind. Die Folgen wären schließlich Machtverlust in den Ministerien, in den Gymnasien, die nicht mehr „die“ Hochschulreife mit dem Abitur verleihen, in den Universitäten, die die Zulassung zum Studium selbst organisieren müssten. Zu den Folgen gehörte auch eine Begutachtung der Schulen und ihrer Leistungen von außen. Die Schulen, die sich längst auf den Weg zu größerer Unabhängigkeit gemacht haben, heimsen Schulpreise ein, aber kämpfen mit der Schulaufsicht, der Ministerialbürokratie (mit und ohne Reform davor). Sie haben aber zudem häufig Schwierigkeiten, Lehrerinnen und Lehrer zu finden, die diese gewachsene Verantwortung mittragen.

Forscher statt Pädagogen

Und damit wäre Kaube bei seinem letzten Vorschlag gegen die Verdummung angekommen: der Abschaffung des didaktischen und erziehungswissenschaftlichen Fundaments der Lehrerinnen und Lehrer sowie der Konzentration auf das Kerngeschäft, den Fachunterricht. Am besten könnten das jene jungen Forscher, „die sich in ihren Disziplinen auskennen“, denen aber seit Jahrzehnten eingeredet werde, „sie seien am besten in Sonderforschungsbereichen, Exzellenzclustern und anderen Drittmittelprojekten aufgehoben“. Irgendwann locke dann die Professur. Kaubes weiterer Rundumschlag trifft die Wissenschaftsministerien und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die „eine riesige pädagogische Begabungsreserve in Gestalt junger Forscher“ davon abhielten, „die Schulen (zu) beleben“. Eine steile These: die jungen Forscher (und die Forscherinnen?) rennen oder strampeln den Versprechungen der Wissenschaftsmanager und –bürokraten hinterher und sind zu blöd, ihre eigentliche Berufung zu erkennen.

Dennoch rührt der Autor an ein Thema, das wenig beachtet, aber immer mehr in den schulpraktischen Mittelpunkt rückt: Die Wege in den Lehrerberuf sind vielfältiger geworden. Neben dem „Standardlehrer“ unterrichten in den Schulen „Seiteneinsteiger“, „Quereinsteiger“, Menschen ohne ein spezifisches Unterrichtsfach oder „Umsteiger“, in Bayern zum Beispiel Gymnasiallehrer, die einen Beamtenposten nur in der Grundschule angeboten bekommen. Das „hochaufgelöste Berufsfeld“( so kürzlich ein Berliner Staatssekretär) durchkreuzt Prognosen zum Lehrerbedarf und Planzahlen für Lehramtsstudienplätze. Mit der Umwandlung der Lehrerbildung an den Universitäten in Bachelor- und Master-Studiengänge war diese Auflösung politisch gewollt. Doch nicht nur vom Bachelor zum Master entscheiden sich junge Menschen neu (und gegen den Lehrerberuf). Auch im Beruf selbst hat in den letzten Jahren ein Bruch stattgefunden. Die Zahl derjenigen Lehrerinnen und Lehrer, die Vollzeitlehrer sind, sinkt zugunsten von Teilzeit, reduzierter Stundenzahl oder dem Ausstieg, weil der Ganztagsbetrieb nicht zum Lebensplan passt. Wie aber sollen „Standardlehrer“, die sich mit der Vielfalt ihrer Schülerinnen und Schüler sowie den gesellschaftlichen Anforderungen von der Integration bis zur Inklusion schon schwer genug tun, mit einer Vielfalt im Kollegium fertig werden, mit Biologen oder Romanisten ohne jegliche Klassenerfahrung, die auf Rat und Tat der Erfahrenen angewiesen sind? Die politischen Antworten auf diese Veränderungen wirken bisher eher hilflos. Insofern trifft Jürgen Kaubes Suche nach den pädagogischen Begabungsreserven, die die Schulen mit ihren Erfahrungen und ihrem Sachwissen beleben könnten, einen mehr als wunden Punkt der gegenwärtigen Bildungspolitik. Aber auf dieses konfliktträchtige Feld begibt sich der Autor nicht. Das Etikett „blöd“, das Kaube der Schule stattdessen anklebt, ist unter seinem intellektuellen Niveau.

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erstellt am 18.7.2019

Jürgen Kaube
Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder?
Hardcover, 336 Seiten
ISBN: 978-3-7371-0053-3
Rowohlt Berlin, 2019

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