Mit Gedichten und Fotografien folgt Dieter M. Gräf in seinem Buch „Falsches Rot“ der blutigen Farbe vom Täuferreich von Münster bis Sarajewo durch die Jahrhunderte. Harry Oberländer hat es rezensiert, und zwar, nach edlem Modus unter Lyrikern, im poetischen Gewande.

Dieter M. Gräf: Falsches Rot

recension

du darfst ketten bilden in den herbstnebel hinein
nach diesem sommer der die flüsse austrocknen ließ
aber warum sozialismus ist das ein thema? hieße das nicht
zu glauben dass da noch hoffnung ist für den planeten
denn es ist hier schwarz auf weiß ein text zu lesen
(die fotografien grau/ ich sollte weiterhin photographien
schreiben als launigen protest gegen den schriftverfall//
φῶς phōs im Genitiv φωτός und γράφειν schreiben
malen zeichnen also zeichnen mit Licht// der auch ein sinnverfall ist
und ein sprachverfall //die ganzen leute reden heute so wie sie alle
es nicht richtig gelernt haben) ein text in einem weißen buch
schwarz und grau auf weiß und ohne eine spur von rot
das rot musst du dir denken und noch dazu als falsches und
also hat es schon falsch begonnen was in den menschenleeren
kommunismus führte mit dem könig von münster jan van leiden
(was für ein name) den messias der endzeit / ich habe sie geliebt diese
propheten des untergangs der eine neue welt gebiert und horst
karasek schrieb die bücher dazu und die features bei
strauß&kalow im hessischen rundfunk: die kommune
der wiedertäufer in münster heute hören wir sagen ideen
die nicht nur falsch und unsinnig sind sondern vor allem
gefährlich falsches rot eben in monstermünster wo ich
einmal die körbe sah am turm der lambertikirche die körbe
in denen die leichen der aufrührer ausgestellt waren und abends
zurückfuhr nach schöppingen in meinen westfälischen frieden
im künstlerdorf mit wüstefeld bianca döring john linthicum
und schroer, dem bekennenden schnapsologen und liebhaber
der schamlippe, schade, trotz allem, dass ich den mann aus vechta
nie kennengelernt hatte, es ist wahr, wahrscheinlich hätte ich es
so schlecht vertragen wie dieter m. gräf und ihm (brinkmann)
wäre es auch nicht zuzumuten gewesen und so bin ich auch
paulus böhmer sehr dankbar, der es jahrzehntelang mit mir aushielt.
soviel zu monster, soviel zu westfalen und ja, brinkmann ist
bestimmt nicht absichtlich ins karmische auto gelaufen was für
eine schöne formulierung und über michael krüger ein andermal
mehr gehen wir gemeinsam jetzt kurz noch nach frankenhausen
wo ich mich schon mehrmals berauscht habe unter tübckes kuppel
aber die Zeit des rausches ist lange vorbei eine kathedrale
des scheiterns wenn man die parolen liest ein monument des klugen
widersprechens liest man die stasiprotokolle in diesem frühjahr
kam ich aus windischleuba, wo ich im schloss übernachtet hatte
als einziger gast, ich hatte gut geschlafen, börries von münchhausen
geht dort nicht um in der nacht als gespenst im frühstücksraum ist
eine ballade über den bauernkrieg an die wand geschrieben u_nd durch
die glocken und durch den sturm ertönte des urhorns blasen_ wird jetzt wieder gerne
von urhörnern an lagerfeuern als teutsches volxlied gesungen, soviel zum
wirklichen braun zum falschen rot vielleicht aber noch dies: die ballade becher,
sagt der recensent, der ja nichts weiter ist, als der harmlose kleine bruder
des censors wird mich wie auch alles, was ich hier nicht erwähne aus diesem
reichhaltigen buch noch eine Weile beschäftigen
denn auch ich gehe in berlin gerne auf dem bekannten friedhof
diesen schritt von b. nach b.

„So sehn wir an den Toten, die nicht
schlechter warn, so vieles,
mit bedingter Scham, was uns verrät.“

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erstellt am 08.7.2019

Dieter M. Gräf, Foto: Renate von Mangoldt 2004/literaturport
Dieter M. Gräf, Foto: Renate von Mangoldt, 2004/literaturport

Dieter M. Gräf
Falsches Rot
Gedichte und Fotografien
ISBN: 978-3-945229-19-4
Brüterich Press, Berlin, 2018

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