Wie konnte es so weit kommen? Diese Frage, verbunden mit dem folgenden ‚Was tun?’, ist nach fast 75 Jahren wieder aktuell und nach dem Stimmenzuwachs der AfD dringlicher als zuvor. Unterschiedliche Interessen legen entsprechende Erklärungsmodelle nah, und guter Rat ist nicht möglich. In ihrem Essay fasst die Politikwissenschaftlerin Hadija Haruna-Oelker die unterschiedlichen wissenschaftlichen Positionen zusammen und beschreibt die Hindernisse für eine Einigung der Linken.

Essay

Aufstieg von rechts. Welche Schuld trägt links?

2012 bewegen sich Menschen in Clubs zum Platz-eins-Hit „Karl-Marx-Stadt“ der Band Kraftklub. Verlierergefühle werden weggetanzt, während die Tagesthemen über die Hintergründe der Morde des Nationalsozialistischen Untergrunds berichten und ein Jahr später der Prozess gegen Beate Zschäpe beginnt. 2013 ist das Jahr, in dem die AfD sich gründet. Wieder ein Jahr später folgen Bilder der ersten Pegida-Demonstrationen aus Sachsen. Sie tragen die Rassismen der bürgerlichen Mitte auf die Straße. Was ist passiert in Deutschland?

Wohlstand durch Arbeit, Aufstieg durch Bildung. Diese Jahre geltende, identitätsstiftende und milieuübergreifende Erzählung hat sich als Versprechen für viele nicht erfüllt. Der Sozialwissenschaftler und Journalist Sebastian Friedrich begründet den Aufstieg der AfD mit einer multiplen Krise: der des Konservatismus und Kapitals, der Repräsentationskrise und der des Sozialen. Sie paart sich mit ökonomischen und sozialen Unsicherheiten, einem Gefälle zwischen Stadt, Land und einer Linken (gemeint sind alle Parteien links von Union und FDP), die nicht aus dem Schatten ihrer Vorgänger des Dritten Wegs herausgekommen ist, also der Neuausrichtung der Sozialdemokraten Europas in den 1990er-Jahren.

Lange hatte so der Politikbetrieb der Mitte funktioniert. Rückblickend gesehen verloren nicht nur die Parteien, sondern auch die Gewerkschaften und politischen Vereine ihren bindenden Charakter. Die Grundlage des diskursiven Erfolges der AfD schufen Thilo Sarrazins Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ (2010) und andere Werke dieses Schlages. Sogenannte Wutbürger*innen fühlen sich seitdem ermutigt, in den sozialen Medien „endlich einmal etwas zu sagen“, was die Hemmschwellen senkte unter der Pegida-Fahne auf die Straße zu gehen. Eine Studie der Uni Bremen und Zürich von 2017 zeigt, dass AfD-Wähler*innen mehrheitlich keine Modernisierungsverlierer*innen sind, sondern in einigen Regionen seit den 1990er Jahren eine Tradition rechten Wählens besteht. Das Besondere an der AfD: Sie wurde von konservativ-wirtschaftsliberalen Professoren gegründet, was ein Signal an das bisher unverbundene und politisch unwirksame Spektrum weit rechts sendete, sich zu vernetzen. So kann die AfD als Sammelbecken der unterschiedlichen rechten Akteur*innen verstanden werden, das bei der Formierung der Rechten eine entscheidende Rolle spielt. Sie ist ihr Ausdruck und Motor zugleich.

Dass sich die sogenannte Demokratiekrise politisch rechts ausdrückt, ist nicht nur in Deutschland so. Dem Ansatz von deregulierter Politik zu Gunsten des globalisierten Kapitals inklusive Freihandelsabkommen, offener Grenzen für Kapital und einem Platz für Hochqualifizierte und in Teilen Migrant*innen für den Niedriglohnsektor und Care-Arbeit steht eine Politik Trumps, Le Pens und Höckes gegenüber. Deren Ziel: Protektionismus, Re-Nationalisierung und „unser Land first“. AfD-Wähler*innen kommen aus allen Milieus und politischen Richtungen. Sie haben mit den Parteien der Mitte gebrochen. Ihr Protest wanderte zum Teil von links nach rechts. Wie nah sich die Anhänger der Linkspartei und der AfD durch eine strukturelle Nähe sind, erklärt unter anderem eine repräsentative Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach von 2016. Darin nennt jede*r dritte AfD-Wähler*in (31 Prozent) die LINKE als zweitliebste Partei. Auch umgekehrt finden sich bei den Linksparteiwähler*innen mehr Sympathie und weniger Ablehnung für die AfD als bei anderen Parteien.

Es gibt Stimmen, die den linken Parteien an dieser Entwicklung die Schuld geben, weil sie es nicht geschafft hätten in einer Koalition zueinander zu finden, die Große Koalition zum Dauerzustand geworden sei und die Wähler*innen nach politischen Alternativen suchten. Das rechte Projekt stößt in dieses Vakuum und an dieser Entwicklung zeigt sich praktisch, was der marxistische Philosoph Antonio Gramsci theoretisch beschreibt. Dass es, um politisch handlungsfähig zu werden, einen Kollektivwillen, organisierende Kräfte, Disziplin, eine gemeinschaftsstiftende Identität und politische Vorgehensweise braucht. Nicht ohne Grund gilt die AfD vielen Analyst*innen nicht nur als ein politisches Phänomen, sondern als ein kulturelles Projekt. Es stehe dem offenen, kosmopolitischen Milieu einer Hyperkultur als ein geschlossener Kulturessentialismus gegenüber, bei dem nicht das Individuum, sondern das Kollektiv zähle, erklärt der Kultursoziologe Andreas Reckwitz von der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder).3 Wenig dynamische und traditionsbewusste Gemeinschaften schafften das Feld für eine rechte kulturelle Gegenhegemonie. Kein Kampf der Kulturen nach Huntington, sondern der Widerstreit zwischen diesen zwei Kulturalisierungsprozessen.

Gewinnt rechts, weil links versagt? Aus analytischer Sicht ist die politische Linke nicht erst seit dem Erstarken der AfD in die Krise geraten. Der einstige Konsens innerhalb der verschiedenen Gruppierungen und Flügel in Sachen Antifaschismus, Ablehnung von Kapitalismus und Krieg ist vielerorts aufgekündigt worden. In den Hintergrund gerückt sind Fragen wie die einer Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen von Lohnabhängigen, ein höherer Mindestlohn, Rückbau der Leiharbeit zugunsten unbefristeter Arbeitsplätze und mehr Geld für Arbeitslose und Rentner finanziert über höhere Steuern auf Kapitalerträge, Vermögen, Erbschaften und hohe Gehälter. Nicht nur in Deutschland diskutiert die Linke über Klassenpolitik auf der einen und Antirassismus, Feminismus und LGBTQI*-Aktivismus (vereint unter dem Schlagwort Identitätspolitik) auf der anderen Seite. Den Auftakt zur Diskussion machte unter anderem 2016 ein Beitrag des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Mark Lilla in der New York Times. Er hatte ein Ende der identitätspolitischen Ausrichtung der US-Linken gefordert, weil sie in ihrer intellektuellen Blase vor allem die heterosexuellen weißen Menschen vom Land vergessen hätte. Es gibt inzwischen viele linke Stimmen in Deutschland, die diese Ansicht teilen.

Als eine verkürzte Argumentation kritisiert die Soziologin Vanessa E. Thompson die Tendenz, diese Pole gegeneinander auszuspielen, und bezeichnet die Debatte als Falle. So bestünden die Deklassierten nicht nur aus weißen deutschen Arbeitern, prekär Beschäftigten und sogenannten Abgehängten. Ein Großteil von ihnen seien Menschen in marginalisierten Positionen: (Post-) Migrant*innen, schwarze Menschen und People of Color, alleinerziehende Frauen und Menschen aus der LGBTQI*-Community.

So haben Rassismus und Sexismus auch eine ökonomische Funktion. Nicht ohne Grund lockerten Mitte-Links-Parteien Einwanderungsbeschränkungen, liberalisierten das Staatsbürgerschaftsrecht und befassten sich aus Überzeugung mit der Austarierung ihrer genderpolitischen Positionierung. Und bis zur großen Debatte um Geflüchtete ab 2015 fiel es der Linkspartei in der Opposition leicht, mehr Rechte für Einwander*innen, weniger Migrationssteuerung und eine großzügigere Auslegung des Asylrechts zu fordern. Das änderte sich, als ausgerechnet die Gegenseite durch Angela Merkel, ihre No BorderWünsche unter der Schlagzeile „Wir schaffen das“ formulierte. Und damit, wie viele Kommentatoren es später beschrieben, die Kanzlerin und die CDU nach links verschoben.

So lassen sich Wähler*innenschaften heute nicht mehr einheitlich verorten und in weiten Teilen Europas werden ihre Entscheidungen maßgeblich durch das Thema Migration beeinflusst und bestimmt. Eigentlich müssten der internationalistischen Linkspartei nationalistische Ansätze fremd sein. Aber was bedeutet ihr Internationalismus im seit 2015 alles überlagernden Politikfeld der Einwanderung, wenn universalistische Prinzipien und Minderheitenrechte gegeneinander in Stellung gebracht werden? „Wer Gastrecht missbraucht, der hat Gastrecht dann eben auch verwirkt“, kommentierte LINKE-Fraktionschefin Sarah Wagenknecht die Übergriffe in der Kölner Silvesternacht 2015.

So haben sich in der Linkspartei die Befürworter*innen und Mitglieder über die Jahre tatsächlich verändert. Die Arbeiterschicht wurde durch eine neue Koalition aus akademisch gebildeten Menschen der Mittelschicht, eine multiethnische Arbeiterklasse in den westlichen Großstädten, LGBTQI*-Gruppen, der Jugend und Menschen mit Migrationsgeschichte erweitert. Vielen ist der Sozialliberalismus und Internationalismus gemein und sie wählen links aus konkreten sozial-materiellen Interessen. Doch gibt es auch Strömungen in der Linken, denen eine begrenzte Offenheit und nationalstaatliche Souveränität wichtig sind und denen rechtspopulistische Ansätze plausibel erscheinen, um die eigene soziale und ökonomische Lage zu deuten. Wie bei allen gesellschaftlichen Gruppen sind auch dort strukturkonservative bis rassistische Einstellungen vorhanden. „Die Menschen stehen wirtschaftlich links, sehen die Einwanderung kritisch und sind gleichzeitig für die Homoehe“, schreibt Claus Ludwig, Sprecher des Ortsverbands der LINKEN Köln-Kalk und Mitautor des Buches „Brandstifter – AfD. Pegida. Islamhass. Analysen und Gegenstrategien“ (2017). Und hinterfragt gleichzeitig die These von Klassengegensätzen zwischen innerlinken Protagonisten, die er als „arrogante bürgerliche Linksliberale bar jeder Sorgen“ gegenüber „rechts abgebogenen, unterdrückten Sozialrebellen, welche die AfD unterstützen“ zitiert. Nach Autor Jay Öderland haben letztere die Linkspartei zuvor nicht wegen, sondern trotz ihrer gesellschaftspolitischen Inhalte ̶ aus Protest ̶ gewählt. Nicht um ein Wahlprogramm umzusetzen, sondern um Denkzettel zu verteilen. Als AfD-Wähler*innen wären sie jetzt dort angekommen, wo sie sich wohler fühlten: ganz weit rechts.

Jede Bewegung tendiere dazu, ihre Wahrnehmung der Welt hegemonial zu machen, erklärte der Soziologe Didier Eribon bei der Veranstaltung „Streitraum: Grenzen der Herkunft, Grenzen der Scham“ in der Berliner Schaubühne 2016. Er fragte: „Warum sollten wir zwischen verschiedenen Kämpfen gegen verschiedene Formen der Unterdrückung wählen müssen?“ Vor der Linkspartei sprach er sich kurz darauf gegen linken Populismus aus, weil dieser nach rechts einen Raum öffne, der nicht mehr kontrollierbar sei. Thompson vermutet in Anlehnung an die Kulturwissenschaftlerin Peggy Piesche hinter der Tendenz, die Pole soziale Frage und Identität gegeneinander auszuspielen, hierarchisierende Gedanken von „nicht zu schnell zu viel Freiheit für die Marginalisierten“.

Thompson verhandelt die Gegenüberstellung in Anlehnung an das Konzept „white reconstructions“ des US-amerikanischen Soziologen und Bürgerrechtlers W. E. B. Du Bois. Gemeint ist damit die Zentrierung von weißen, hetero-sexistischen männlichen Positionen und Erfahrungen und dem gleichzeitigen Unsichtbarmachen der Positionen Schwarzer Menschen, People of Color, Migrant*innen und LGBTQI*-Personen, die von kapitalistischer Ausbeutung und überproportional von Armut, Unterdrückung und struktureller Gewalt betroffen seien. In Du Bois’ Werk „Black Reconstruction“ von 1935 über den US-amerikanischen Bürgerkrieg wird unter anderem die (Un)Möglichkeit der Solidarität zwischen ehemals versklavten Menschen und armen, weißen Arbeitern hinterfragt. So bestand nach Du Bois nach dem Bürgerkrieg die Möglichkeit für eine anti-rassistische, demokratische Gegenposition, jedoch hätten sich die weißen Arbeiter zum großen Teil an weißen Strukturen anstelle von Allianzen mit den ehemals Versklavten und People of Color orientiert. Und den Kampf um eine klassenbasierte Politik zugunsten eines weißen, sozialpsychologischen Lohnes (white wages) abgelehnt und ihre eigene kapitalistische Ausbeutung durch das Abwerten der schwarzen Arbeiter kompensiert. Im Sinne Du Bois’ diente ihnen ihr Weißsein als „öffentlicher und psychologischer Lohn“, der ihnen einen wertvollen sozialen Status verschaffte (white supremacy).

Das nachhaltige Wirken von Du Bois’ Gedanken zeigte sich in den USA zuletzt in den Debatten um die Rolle der weißen Arbeiterklasse bei den Wahlen 2016. Thompson, die im Bereich des sogenannten Racial Capitalism forscht, koppelt die Wages of Whiteness nun als mögliches Erklärungsmuster an die Dynamiken in der Linken in Deutschland. Die Tatsache im Blick, dass die Geschichte der USA nicht einfach mit dem deutschen Kontext und seiner Kolonialgeschichte gleichgesetzt werden kann und dort nicht nur weiße Menschen aus prekären Milieus die AfD wählen.

„Doch kann eine Reaktualisierung von Du Bois Konzeption hilfreich sein, um das derzeitige Erstarken von Rassismus auch als Krise von Weißsein zu verstehen. Globalisierungs- und Ökonomisierungsprozesse befördern nicht nur ökonomische Prekarisierung, sondern auch die Einschränkung von nicht-monetärem, sozialpsychologischem Lohn, das weiße Milieus zuvor erhalten haben und erwarten. Rechtsextreme und weiße Identitäts-Politik versprechen eine Aufbesserung dieses Lohns“, sagt Thompson.

Mit dem wachsenden Erfolg von rechts, immer schrilleren Debatten über politische Korrektheit und der wachsenden Bedeutung von Religionen hat Identitätspolitik inzwischen verheerende Wirkung. Über Jahrhunderte erkämpfte Rechte werden aufgeben, Menschenrechte ausgehebelt. In der praktischen Politik geht es um so genannte Masterpläne, Migration, Ankerzentren und mögliche Abschottungspraktiken. Wer gehört zum „Wir“ der deutschen Gesellschaft und wer nicht, wird nach den rassistisch motivierten Hetzjagden in Chemnitz und in der Causa Mesut Özil diskutiert, bei der sich Diskussionen um ein Foto von Özil mit dem türkischen Präsidenten Recep Erdogan mit rassistischen Anfeindungen paarten. Dazwischen formt sich seit längerem ein Sprach-Denk-Komplex, der die normative und moralische Gefühlslage verschiebt. Inzwischen müssen sich Seenotretter*innen vor Gericht rechtfertigen und in Zeitungen wird Pro und Contra diskutiert, ob man Geflüchtete auf dem Meer retten soll. Die Normalisierung des Bösen geschehe schleichend und werde irgendwann alltäglich, beschreibt die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan das subtile Geschehen.

So wirbelt die dominierende Geflüchteten-Debatte den politischen Betrieb weiter auf. Vielen gilt sie als Katalysator der Entwicklungen, nicht als ihre Ursache. Im internen Streit der Linkspartei haben sich im April 2018 prominente Stimmen mit einem „Thesenpapier zu einer human und sozial regulierenden linken Einwanderungspolitik“ zu Wort gemeldet. Es sollte den Ausgleich zwischen den polarisierenden Positionen um die Parteispitze Katja Kipping und Sahra Wagenknecht schaffen. Die Unterzeichner*innen distanzieren sich im Papier von offenen Grenzen. Es brauche realistische Zwischen- und Übergangslösungen und die Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik solle auseinandergehalten werden. Das Thema Abschiebung wird im Papier umgangen. Im September startete Wagenknecht ihre Sammlungsbewegung #Aufstehen, die bewusst auf das Etikett „links“ verzichtet und Wähler zurückgewinnen will, die aus Wut die AfD wählen. Nicht nur in der Flüchtlings- und Sozialpolitik wollen Wagenknecht und ihre Unterstützer*innen neue Akzente setzen, sondern auch im Verhältnis zu Russland. Das zum Milieu der Neuen Rechten gehörende Online-Portal „Blaue Narzisse“ feierte die Ziele der Bewegung unter der Überschrift „Sahra, wir lieben dich!“ aus strategischen Gründen, weil das Programm zum Teil die Position der AfD unterstütze, die zur Staatspolitik gemacht werden solle. So ist die Nähe des #Aufstehen-Programms in der nationalen Frage zur Meinung der AfD unübersehbar und die Geschichte zeigt, dass es immer wieder Politiker*innen und Protestparteien gegeben hat, die von links nach rechts gewandert sind.

Wie also aus linkspolitischer Sicht dem wieder erstarkenden Neorassismus von rechts den Boden entziehen, während der Konflikt zwischen Weltoffenheit und Nationalismus die Linke spaltet? Kann die Linke kurz- und mittelfristig etwas daran ändern, dass vielleicht 20 Prozent der Menschen in Deutschland für rechts(populistische) Positionen empfänglich sind, oder sollte sie nicht besser um die verbleibenden 80 Prozent kämpfen und dabei die rechten Treiber*innen entlarven, ihre Vordenker*innen, Strategien, ihre Geldquellen?

Die Vorstellung, dass sich mit dem Aufbau einer starken Linken das Problem des Rechtspopulismus lösen wird, ist für viele illusorisch. Im Gegenteil: Die historische Erfahrung zeigt nach Öderland, dass rechte Bündnisbewegungen vor allem dann stabil seien, wenn die Angst vor einem wachsenden Einfluss der Linken ihre Fraktionen aus Lohnabhängigen, Mittelstand und Eliten zusammenschweiße. Ebenso wie der historische Faschismus sei auch der heutige Rechtspopulismus in vielerlei Hinsicht ein Anti-Bündnis: Gegen Multi-Kulti, gegen Feminismus, gegen links. Doch ein innerlinker Rechtsruck hätte fatale Folgen und das nicht nur für Migrant*innen und ihre Nachkommen und dürfte schon deshalb nicht in ihrem Sinne sein.

Thompson und Friedrich plädieren neben Politikwissenschaftler Aram Ziai dafür, dass eine linke Politik marginalisierte Identitäten und soziale Gerechtigkeit nicht als konkurrierend oder voneinander abgelöst versteht. Auch die von queeren schwarzen Frauen gegründete transnationale US-Bewegung „Black Lives Matter“ und viele andere intersektionale Bewegungen vereinen Themen wie Migrant*innenrechte, Abschiebung, Privatisierung, Gentrifizierung, häusliche und sexuelle Gewalt, Ableismus, Wohnungslosigkeit, gesundheitliche Versorgung, Kämpfe um Bildung sowie für ökologische, soziale und ökonomische Gerechtigkeit. Zeitgleich ist es wichtig, diese Allianzen auch in Bezug auf Antisemitismuskritik zu stärken, was das Potential intersektionaler Solidaritäten weiter ausbauen würde. Von dieser Politik der Allianzen könnte die dominante Linke in Deutschland lernen. Nach Thompson sollte der Fokus auf den Erfahrungen derjenigen Menschen liegen, die gesellschaftlich am verletzlichsten sind undfür die die Folgen des sogenannten Gendered Racial Capitalism am Größten seien: also mittellose Trans*Frauen of Color und geflüchtete Frauen*. Denn die Frage nach Identitäten sei immer auch mit Klassenpolitik verbunden, und der Argumentation von Angela Davis folgend stellten vor allem Geflüchteten-Bewegungen den Dreh- und Angelpunkt sozialer und politischer Gerechtigkeit dar, weil sie alle Aspekte und Grundrechte des Menschseins umfassten: das Recht auf Bildung, Zugang zu medizinischer Versorgung, selbstbestimmtes Wohnen, das Recht auf eine angemessene Unterkunft und das Recht auf Arbeit.

Den ideologischen Rahmen der Rechten verlassen und die sozialen Verhältnisse zum Ausgangspunkt einer „neuen Klassenpolitik“ machen, fordert Friedrich. Sie soll klären, wie die unterschiedlichen Formen der Ausbeutung die unterschiedlichen Menschen betreffen. Dabei sollte es nach Thompson nicht darum gehen, die Gleichheitsforderungen, Verrechtlichung der Antidiskriminierung und die Herrschaftskritik Schwarzer und PoC-Kollektive für den stärker werdenden gesellschaftlichen Rassismus verantwortlich zu machen, sondern den Blick auf die Folgen des neoliberalen Kapitalismus, seine vergeschlechtlichte und rassifizierende Dimension und das Erstarken weißer, männlicher Identitätspolitik zu lenken.

Und so bewegten sich fünf Jahre nach dem Charthit von Kraftclub wieder Menschen zur Musik der Band. In Chemnitz unter dem Hashtag #wirsindmehr waren sie auf den Karl-Marx-Platz gekommen, um als Antwort auf die rassistischen Vorfälle dort bei einem Großkonzert gegen rechts zu demonstrieren. Ein gemeinsamer Widerstand scheint gefragt. Doch müsste dieser vermeintlich kulturelle oder geschlechtliche Grenzziehungen überwinden und ein linkes Projekt den Kampf für eine offene, antirassistische, antisexistische Gesellschaft mit dem Kampf für eine soziale und ökonomisch sichere Existenz für alle verbinden. Er müsste sich für soziale Gerechtigkeit stark machen, ohne die Errungenschaften der letzten Jahre dafür aufzugeben.

Essay aus: „Trigger Warnung. Identitätspolitik zwischen Abwehr, Abschottung und Allianzen”, herausgegeben von Eva Berendsen, Saba-Nur Cheema und Meron Mendel.
Mit freundlicher Genehmigung des Verbrecher Verlags, Berlin 2019

In der Online-Fassung wurde auf die Fußnoten verzichtet.

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Kommentare


C Will - ( 11-07-2019 08:53:47 )
Guter Artikel.
Dazu:

Ein Mediziner ist nicht dran schuld wenn ein Mörder ein Mord begeht.
Links ist eben keine eine Sache und soll es auch nicht werden!
Das Problem liegt doch eher in der undifferenzierten Sichtwiese als auch in der Unfähigkeit damit umzugehen. Sowohl links aber vor allem rechts.

Links ist enorm differenziert, hat aber ein re-integrationsproblem. Was der Artikel auch erkennt. Aber das haben nicht nur die linke, das haben alle! Vor allem die Mitte! Hier herrscht Verdrängung und Ignoranz.

Die Spaltung der Gesellschaft findet statt, weil wir es nicht schaffen, all die Informationen und Praktiken zu harmonisieren - zu kompatibilsieren. und das ist gewiss nicht die schuld von links, welche alle flächendeckend für mehr Bildung eintreten!
Es ist höchstens die Schuld der Bildungsministerin!

Es brauch weder rechts, noch die Mitte noch links ...was wir brauchen ist eine adäquate Differenzierung der dinge.
Solange wird es auch alle möglichen formen von Geisteszuständen und Milieus geben in einer liberalen aber chaotischen Gesellschaft.

Der mangel an Parteien und die Trägheit bei den Wählern zeigt, das die Unfähigkeit zur Differenzierung und Verhaltensänderung ein grundlegendes Problem ist.
Es geht um die Überwindung der Primitivität, welche eben die dinge nur in schwarz und weiß differenzieren kann.
Das ein paar ost-deutsche linke-wähler zur AfD gewechselt sind, zeigt nur die immer noch bestehende Oberflächlichkeit der "normativen" Positionen.
Dh nicht das links rechts nahe steht, sondern nur, das einige Leute das so empfinden. Das ist ein gewaltiger unterschied!

Genau so wie die unterschiedlichen Sichtweisen, das SPD oder CDU "irgendwas linkes" haben oder nicht haben. Da sieht man mal, wo das Problem liegt, nämlich bei der allgemeinen Fähigkeit zur Differenzierung und integrativen interdisziplinären Formulierung.

Es bringt nichts, hier die Leute gegeneinander auszuspielen!!!
Das erkennt der Artikel auch, aber nicht im vollen Umfang.
Die Leute müssen ihre festgefahrenen und oberflächlichen Positionen verlassen!!
Das wäre wahre Demokratie.- nicht links mitte rechts - das sind nur versuche die Realität in ein halbwegs brauchbares und zusagendes Schema zu pressen, um den den bestehenden Intellekt nicht noch mehr zu überfordern. Die Mitte ist viel schuldiger, wenn man schon einen schuldigen suchen will.
Es ist aber der Primat, der in der Mitte sitzt, aber auch und vor allem eben rechts und auch eben manchmal links, den die "Aufgeklärten", die Dazulernenden, die progressiven Wahrheitssucher, überwinden wollen. Das kann und sollte man nicht nur links zuordnen, das hat was mit Wahrheit und Erkenntnis zu tun - die wir alle suchen sollten!!!

Das "sozial" und "kollektiv" starke werte sind, ist nur vernünftig.
Doch die entscheidende frage bleibt, wie genau wir das organisieren wollen?
Leider beschäftigen wir uns viel zu wenig mit dieser frage! Was egtl nicht stimmt, denn es gibt unzählige mittel, die einfach nicht benutzt werden, um die bestehenden Machtverhältnisse nicht zu stark zu erschüttern. Der Einfluss einer primitiven Bewegung von rechts darauf, ist ein weiteres Thema und sollte egtl nicht vergessen werden.
Denn das passiert immer wieder, wenn die Ausbeutung so überhand nimmt, das der Pöbel eben an der Grenze der Auslastung ist.
Und das ist gewiss nicht die schuld von links!

Das Hauptproblem ist nicht die übermäßige Themenvielfalt der linken, sondern die Unfähigkeit, diese Werte überhaupt als relevant anzusehen und sie als gleichberechtigt miteinander zu vereinbaren. Es ist die allgemeine Unfähigkeit, Ignoranz und Trägheit der Ausbeuter und der Ausgebeuteten - also der Masse, des Primats, den es aufzuklären und zu ändern gilt.
Ja von links, aber vor allem aus der Wahrheit heraus!
Ja dafür brauchen wir Einigkeit, aber wir brauchen vor allem die Fähigkeit mit unterschieden und der Vielfalt zu recht zu kommen!!!!
Beides ist immens wichtig!

Die links-mitte-rechts "Spaltung" lässt die Vertuschung, Oberflächlichkeit der Wahrheit zu!
ja erzeugt drei Wahrheiten, es gibt aber nur eine! Wenn dann gibt es unterschiedliche Ansprüche und die sollte man ausdifferenzieren (was momentan wunderbar passiert finde ich, wenn auch immer noch recht ineffizient und geographisch beschränkt) und man sollte den Leuten eine Autonomie geben, eine gewisse Selbstorganisaton zu schaffen (Katalonien etc)

Leider sehen viele Politiker und Wissenschaftler dies nicht und verfallen immer wider in alte Kategorien, ja auch die Aktivisten tun das.
Aber das ist nicht der Hauptgrund des Versagens! Es ist immer noch die geistige Front an der das Versagen, die Unfähigkeit und Ignoranz am stärksten bekämpft wird.
Das eigentliche Problem ist doch das WEITER SO des trägen Primats! Welches der Mitte und dem System der Ausbeutung erlaubt, ihre ineffizient unvernünftige Oligarchie weiterzubetreiben!
Und die linke bekämpft ihn wo sie nur kann!
Aber ja, eine Verbesserung ist unabdingbar, denn der Kampf ist noch längst nicht gewonnen.
Doch der normative Wert um Ausbeutung und Rassismus - den Primat zu bekämpfen, ist doch schon längst da.
Es sind nicht die sozial stark engagierten die dem Grundgesetz so viel sorgen machen und es in vielen dingen ignorieren!
Es sind die sozial trägen und unengagierten, die die moralischen Konsequenzen daraus nicht erkennen!!!

Denn bis die Menschenrechte überhaupt erst überall in kraft treten, sind es immer noch die verschiedene formen des Aktivismus, des Vorantreibens der Wahrheiten auf allen Gebieten. die als treibende kraft die Zivilisation und Kultur am leben erhalten - gegen ein System des Vergessens und Ausbeutens!
Und wir sind leider alle immer noch ziemlich anfällig für so was.
Selbst der aufgeklärteste Mensch.

Die Konsolidierung der sozialen und progressiven Theorie und Praxis wird schon seit den 1920ern gefordert und wir sollten sie auch weiterhin fordern - es ist nun mal ein progressiver Prozess. Doch die Komplexität der dinge ist enorm und erfordert ungemein viel Arbeit und Transformation.
Das darf man nicht vergessen. Vor allem nicht in all unserer Zwanghaftigkeit.
Doch die Grundwerte (Soziales, Freiheit, Vernunft) sind schon längst da, leider haben sie noch nicht alle so ganz bewusst und konsequent gemacht.

Vorschlag:
Wir brauchen eine Veranstaltung, wo Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammenkommen und 3 dinge tun:
1) Ihre Zustände abgleichen (Revision)
2) Neue Identitäten und Werte schaffen (Theorie)
3) gemeinsame Vorgehensweisen schaffen (Methode)

Ein sozialwissenschaftlich politischer Kongress der gemeinsamen progressiven menschlichen Kultur.

Prof Dr Faust wär auch eingeladen ;)

ach ja und btw
Das aller aller wichtigste bei der ganzen Nummer ist,
dass alle Menschen das beste Bildungssystem und Erziehung erhalten.
Das wissen wir egtl schon seit 2000 Jahren.
Aber irgendwie bekommen wir das nich so ganz hin wie?
Also wer ist "schuld"?

EDUCATE - AGITATE - ORGANIZE

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erstellt am 07.7.2019

Hadija Haruna-Oelker
Hadija Haruna-Oelker, Foto: privat

Eva Berendsen, Saba-Nur Cheema und Meron Mendel (Hg.)
Trigger Warnung. Identitätspolitik zwischen Abwehr, Abschottung und Allianzen
Broschur, 256 Seiten
ISBN: 9783957323804
Verbrecher Verlag, Berlin 2019

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