Das Genfer Musée Rath untersucht in seiner Sommer-Ausstellung die verschiedenen Arten der Darstellungen von Stille in der Kunst. Stefana Sabin hat die Ausstellung gesehen.

Ausstellung im Musée Rath in Genf

Stille als Seinszustand

Die Place de Neuve vor der alten Stadtmauer ist einer der verkehrsstärksten Plätze in Genf, wo Busse, Straßenbahnen, Autos an einigen der imposantesten Gebäude der Stadt vorbeifahren: am Grand Théatre, dem Conservatoire de musique und dem Musée Rath. Das Museum wurde 1826 im Auftrag der Schwestern Jeanne und Henriette Rath von dem Architekten Samuel Vaucher nach dem Vorbild eines griechischen Tempels gebaut, und es war das erste Kunstmuseum der Schweiz. Inzwischen ist das Gebäude zu klein, um Dauer- und Sonderausstellungen zu beherbergen, und dient gewissermaßen als Kunsthalle, also als Ort für Sonderausstellungen. In diesem Sommer heißt die gerade eröffneten Sonderausstellung Silences, so als wollte sich das Museum gegen den Geräuschpegel des Platzes wehren.

Aime Barraud : Japanischer Holzschnitt, um 1930

Aimé Barraud: „Japanischer Holzschnitt” (Gemälde um 1930)
© Musée des beaux-arts de La Chaux-de-Fonds / P. Bohrer

Tatsächlich herrscht fast völlige Stille in den dunkel gehaltenen Räumen; es wird, wenn überhaupt, nur geflüstert. Im Vorraum zur Ausstellung läuft ein tonloser Film: ein junger Dirigent, Taktstock in der rechten Hand, Lesebrille auf der Nase, dirigiert mit großer Ausdruckskraft ein unsichtbares Orchester. Neben ihm steht eine junge Frau mit langem dunklen Haar und macht seine Bewegungen mimisch nach, so als würde sie seine Instruktionen ans Orchester in Zeichensprache übersetzen. Nur: die Performance-Künstlerin Noha El Sadawy ist taub. Sie führt nicht vor, was sie hört, sondern was sie sieht – als sähe sie die gespielte Musik. „Voir ce qui est dit“ – Sehen, was gesagt wird, heißt denn auch diese Filmmontage von Camille Llobet, die die induktive Gestik des Dirigenten der rezeptiven Gestik der Zeichensprache gegenüberstellt. Zwei gegensätzliche Erfahrungswelten treten hier aufeinander: die Musik und die Stille.

Denn die Chefkuratorin Lada Umstätter hat sich auf das stille Wesen der Bildenden Kunst besonnen und, hauptsächlich aus dem Museumsbestand, etwa 130 Werke – Gemälde, Skulpturen, Graphik, Videos – ausgewählt, um die Stille in der Kunst als einen existentiellen Zustand zu inszenieren. Von Stillleben, die Stille schon in der Gattungsbezeichnung führen, über Vanitas-Bilder, die die Totenstille implizieren, und sakrale Gemälde, die ein heiliges Schweigen suggerieren, bis hin zu Melancholie-Darstellungen, die gewissermaßen innere Stille sichtbar machen wollen, und Landschaftsbildern, die eine natürliche Ruhe andeuten, werden quer durch Epochen und Stile verschiedene Arten von Stille präsentiert – und das Museum als Ort der Besonnenheit und der Stille inmitten des großstädtischen Treibens ausgemacht.

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Kommentare


Elke Reinsch - ( 04-09-2019 09:48:03 )
Danke, für die wertvollen Informationen und Anregungen.Wie ist es möglich, dass die alle kostenlos sind ?

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erstellt am 25.6.2019

Plakat der Ausstellung

Plakat der Sonderausstellung „Silences” im Musée Rath, Genf

Ausstellung in Genf

Silences

Bis 27. Oktober 2019

Musée Rath