1937 hatte der Schriftsteller Hermann Lenz die Kunsthistorikerin Johanna Trautwein kennengelernt, 1940 aber wurde er als Soldat nach Frankreich und in die Sowjetunion geschickt. 1946, nach seiner Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft, heiratete Lenz seine Briefpartnerin Trautwein. Und damit endet auch die Korrespondenz. Marion Gees hat sich in den ungewöhnlichen Briefwechsel eingefunden.

Briefwechsel Hanne Trautwein – Hermann Lenz (1937-1946)

»Das Geistige ist trotz allem unzerstörbar.«

„Auch einen nächtlichen Spähtrupp habe ich mitgemacht und einen Angriff auf einen Wald morgens gegen halb vier Uhr. Dabei haben Maschinengewehre geschossen, Kugeln sind durch die Luft geschwirrt und das Ganze war richtig kriegsmäßig. (…) Hier im Wald fand ich dann eine ledergebundene Ausgabe von Rabelais œuvres complètes und Ronsard. Darin lese ich jetzt oft, ich merke, daß ich ganz gut mit meinem Schulfranzösisch durchkomme, auch in der Unterhaltung hat’s immer gereicht. Nur bin ich eben durch den Krieg etwas betäubt.“

Im Juni 1940 schreibt Hermann Lenz, der seit kurzem an der Westfront stationiert ist, an Hanne Trautwein nach München und berichtet, wie seine Division beim Zurückdrängen französischer Truppen einen Wald bei Nancy durchstreift hat. Welch ein Gefühl, welch ein innerer Zwiespalt muß es für den jungen Dichter gewesen sein, in diese seit vielen Jahren erträumte Landschaft nun als Soldat einzumarschieren? Die Einberufung wird, trotz erster Gefechte, fast noch wie eine Reise durch das bewunderte Land der Kultur wahrgenommen. Seine Frankreich-Sehnsucht war bereits in den Vorkriegsjahren groß, nicht zuletzt auch um den, trotz intensiver familiärer Bindungen, als eng und kleinbürgerlich empfundenen deutschen Verhältnissen imaginär zu entfliehen. Luxemburg, Nancy, Saint Malo, Dinard, Savennières, südwestlich von Angers an der Loire, Saint Palais im Baskenland sind die Stationen seiner Einsätze an der Westfront, meistens in einer Schreibstube, zwischendurch auch als „Fußtruppler“ im Feld. Die Neugier, das Land und die Menschen kennenzulernen sowie die Scham wegen seines Akzents und der Grobheit der deutschen Besatzer bewegen den Soldaten zu sehr genauen Beschreibungen in seinen Briefen, die später als verdichtete Bruchstücke in seine autobiographischen Romane eingehen, vor allem in Neue Zeit und Tagebuch vom Überleben und Leben seines neunbändigen Zyklus Vergangene Gegenwart.

Die geschilderte Szene über den Fund einer Rabelais und Ronsard-Ausgabe im Feld zeigt, wie der Briefwechsel und der Austausch über Literatur als Trost sowie als Aufforderung zum Überleben empfunden wird. Hofmannsthal, Stifter, Schnitzler, Th. Mann, Droste-Hülshoff, Mörike, Rabelais, Ronsard, Romain, Flaubert, Brüder Goncourt, George Sand, Maupassant, Taine, Marc Aurel, Spinoza, um die wichtigsten zu nennen, werden in der Vorkriegszeit und in insgesamt sechs Kriegsjahren zu imaginären Wegbegleitern. Der Dumpfheit und Verrohung des Kompanielebens versucht er zu entfliehen, indem er sich vor der Gefahr, selbst stumpf zu werden in einen „inneren Bezirk“ rettet, in den der Dichtung. Parallel schickt Hanne Trautwein lange Briefe über ihr Leben, ihre Lektüren, ihre Recherchen für ihre Doktorarbeit und versucht, den Glauben an eine gemeinsame Zukunft nicht zu verlieren. Nach der Stationierung in Frankreich kommt Hermann Lenz nochmals zu einem Heimaturlaub zurück, kann sogar sein Studium einige Monate lang fortsetzen und wird wenig später an die Ostfront geschickt, zuerst nach Peterhof, nahe Leningrad, und danach in die Sümpfe des Wolchow, wo er u.a. beim Bau von Knüppeldämmen eingesetzt wird. Durch die Hilfe seines ehemaligen Dozenten, Harald Keller, den er an der Ostfront wieder trifft, wird Lenz im Juli 1943 als Buchhändler beim Stab und nur noch im Falle von Rückzugsgefechten erneut an der Front eingesetzt. Es ist die Erfahrung und das Drama, so Peter Handke, „vom Stolpern und Beiseiteschlurfens des zum gemeinen Soldaten entfremdeten jungen Dichters, sechs Jahre lang, in einem fortwährenden fast ohne Atem-Zwischenräume verlebten Krieg.“

Stuttgart – München

Diese außergewöhnliche Korrespondenz, die in der nun vorliegenden Edition 577 Briefe und Karten auf über 1000 Seiten umfaßt, beginnt kurz nach der ersten Begegnung 1937 und endet 1946 mit der Rückkehr des Dichters aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft. Auf die ungeheure Fülle der Ereignisse und Details kann hier nicht annähernd eingegangen werden. „Die deutsche Literatur kennt aus dieser dramatischen Zeit an Dokumenten einer deutsch-jüdischen Verbindung nichts Vergleichbares“, so der Herausgeber, Michael Schwidtal, in seinem sehr erhellenden Nachwort.

Das Paar hatte sich, sie 22, er 24jährig, am Kunsthistorischen Seminar der Universität München bei einem Austausch über Hofmannsthal kennengelernt. Am 26. Dezember 1937 schreibt Hermann Lenz aus seiner Heimatstadt Stuttgart seinen wohl ersten Brief an Hanne Trautwein. Die folgenden Zeilen deuten in ihrer Anmut und poetischen Verfaßtheit, unterlegt mit heiter-ironischer Tonlage bereits auf die Besonderheit dieser Begegnung. Sie weisen voraus auf die innige Verbindung zweier Menschen, die sich zudem durch eine außergewöhnliche Anschauung von Leben und Schreiben sowie durch eine Sehnsuchtskraft der Literatur auszeichnet.

„Ich denke in der Vergangenheit herum. Eine junge Dame fällt mir ein, sie hat hellgraue, dunkel umschattete Augen, schwarzes Haar und einen weichen Mund: ein Profil, von dem ich immer denke, daß es so etwa Tonio Kröger besessen haben mag. Die junge Dame trägt einen schwarz-weißgestreiften Mantel, einen dunkelblauen Hut und geht die Leopoldstraße hinter dem Siegestor hinauf, dort, wo die hohen Pappeln stehen; ein junger Mann darf auch noch nebenher mitlaufen, doch wird von ihm jetzt nicht gesprochen. Er ist auch bloß ein junger Dichter und die Dame hält ihn in geziemender Entfernung. Es ist ein klarer Wintertag Mitte Dezember, der Schnee schmilzt auf dem Trottoir und spiegelt wie Perlmutter den hellblauen Himmel wider, die zarten Schatten der entlaubten Pappeln sind über den Weg gelegt. Die beiden jungen Leute plaudern lustig, ja, es scheint, als könne ihr der junge Mann mit seiner Art, die Dinge mit wehmütiger Ironie zu betrachten, eine kleine Freude machen. Oder nicht? Aber ja, die Dame hört soweit ganz gern zu. Dann gehen sie in die Buchhandlung Lehmkuhl, wo sich die Dame die Gedichte ihres schüchternen Begleiters geben läßt, denn der junge Dichter ist bereits gedruckt.“

In ihrem Antwortbrief greift Hanne Trautwein den munter-ironischen Unterton der „Novelle“ gleich auf und wünscht dem jungen Dichter zum Neuen Jahr, daß der Verleger Bermann Fischer ihm möglichst einen „100 000 Mark Vorschuss auf einen großen geplanten Roman“ geben möge, damit er sich eine Villa am Gardasee kaufen könne. Das Paar redet sich nach einiger Zeit zärtlich mit Kitz und Säule an (wobei die Anrede im Original als Zeichnung und in dieser Edition jeweils in Klammern sprachlich erscheint). Es führt einen lebendigen Austausch über Literatur, Theater und auch über Filme, so etwa mit Albers, Rühmann oder Wessely. „Ich weiß, es ist ein süsser Schmarren“, so Hanne Trautwein einmal, „und sonst nichts, aber trotzdem wars schön (…).“ Und er wenig später: „Ich habe den Schmalz darin auch ganz nett gefunden. Ich habe halt nun das Süße, Österreichische, recht gern, auch wenn’s ins Kitschige übergeht, denn ich sage mir, lieber so was, als so einen heroischen oder hetzerischen Schinken wie ein Fliegerfilm, der das stolze Leben ›unserer‹ Bombenwerfer feiert.“ Im Sommer 1938 schreibt Hanne Trautwein auf einer mehrwöchigen kunsthistorischen Reise durch Holland und Belgien lange Briefe über Besichtigungen und Begegnungen. Immer wieder werden diverse Sehnsuchtsorte ausgemalt, vor allem Paris und Wien sowie die Landschaft des Bodensees mit einem bescheidenen eigenen Haus werden zu Leitmotiven der Vision eines späteren gemeinsamen Lebens.

München – Westfront

Aber die Zeit des Kennenlernens und der Beginn dieser Liebe wird von Anfang an überschattet durch die lauernde Kriegsgefahr sowie durch die bedrohliche Situation, in der sich Hanne Trautwein befand. Ihre Mutter Marie Trautwein, geborene Cohen, war Malerin. Ihr Vater, Kurt Trautwein, Professor für Mikrobiologie an der Universität München, war als Gegner des Nationalsozialismus bereits 1934 aus dem Staatsdienst entlassen worden. Hermann Lenz wird von einer „rotbäckigen Schwäbin“ gewarnt, die ihn darauf aufmerksam macht, daß Fräulein Trautwein Halbjüdin sei. „Ich glaub man sieht es ihr auch an. Also, damit Sie wissen…“, so heißt es später im Roman Neue Zeit.

Nach der Ankunft in Saint Malo Mitte März 1941 schreibt Lenz: „Das ist ja das einzig Neue, was wir hier herbringen: Stumpfheit, plumpe Germanenleiber, rohes Geschrei. Das fällt einem hier besonders stark auf, weil es gegen das höfliche, heitere, leichte Leben der nicht deutschen Menschen hier besonders stark absticht.“ Die französische Lebensart sowie die Landschaft werden zum Trost. Im April 1941 beschreibt er den Zauber an den Ufern der Loire: „Wenn ich aufstehe, sehe ich in’s weite, ebene Land hinaus, das einen feinen zarten Zauber hat mit den dünnen, gelblichen Blättern der Erlen, die jetzt herausgekommen sind und dem Grün der Wiesen; etwa dreißig Kilometer von hier ist Joachim du Bellay geboren, dessen Gedichte ich immer bei mir habe und die sicher auch dem Kitz gefallen würden wenn ich sie ihm einmal zeigen kann.“

Hanne Trautwein arbeitet in dieser Zeit an ihrer Doktorarbeit über den Barockbaumeister, Bildhauer und Maler Johann Jakob Herkomer. Da sie ab 1. September wegen ihrer jüdischen Herkunft nicht mehr hätte promovieren können, beschleunigt ihr Doktorvater, Prof. Jantzen, das Verfahren. Am 24. Juli 1941 wird sie zum Doktor der Kunstgeschichte promoviert. Im August 1941 erwähnt sie, daß weitere Maßnahmen und Sondervorschriften für Juden zu erwarten seien. Von einem Bekannten erfährt sie Details, die sie aber im Brief nur vorsichtig andeuten kann: „Er ist im selben Falle wie ich und wußte eine Fülle von Einzelheiten zu erzählen, von bereits herausgegebenen oder in Bälde zu erwartenden Erlässen u.s.w., dass einem das Grausen kommen kann.“ Im Anmerkungsteil der insgesamt sehr gut kommentierten Ausgabe werden die zusätzlichen Maßnahmen angeführt, u.a. die Einschränkungen im Warenbezug, bei der Inanspruchnahme von Dienstleistungen sowie der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel, Zutrittsverbot für Juden, Pflichtdienst für Arbeitstaugliche, weitere Einschränkungen des Zugriffs auf Konten sowie die Kennzeichnung von Juden durch einen gelben Stern. Die Briefe streifen die folgenden Katastrophen nur vorsichtig. So erwähnt Hanne Trautwein Anfang Januar 1942 die Situation ihrer Tante und deren Tochter in Berlin, deren Schicksal sie im Brief nicht erzählen könne. Beide wurden drei Wochen später nach Riga verschleppt. Als ihre Mutter die Nachricht von der Deportation erreicht, erleidet sie einen Herzanfall, an dem sie am 25. Februar 1942 verstirbt. Im Roman Neue Zeit heißt es, jetzt seien „ihre Verwandten Ada und Olga Rée in Berlin auch abgeholt worden, und hinter Riga habe man beide zum letzten Mal gesehen“.

Ostfront – München

Am 2. Oktober 1941 schickt Hermann Lenz einen letzten Brief aus dem südfranzösischen Saint Palais, das er zuvor als einen der schönsten Orte gepriesen hatte. Seine Division wird kurz darauf an den Nordabschnitt der Ostfront verlegt. Waren die Briefe aus Frankreich, trotz der Ungewißheit über den Fortgang des Krieges noch von Zuversicht geprägt, deuten schon die ersten Zeichen aus Rußland auf die sich zuspitzende Lage und eine zunehmende Demoralisierung, aus der er sich aber immer wieder zu befreien weiß, nicht zuletzt auch um die Briefpartnerin zu schonen. „Lieber reizender [Kitz], (…) mein Leben jetzt ist nicht beneidenswert, ich schreibe das in einem Unterstand bei trübem Petroleumlicht, das zittert, wenn draußen die deutsche Artillerie schießt. Ich bin ganz vorn, doch ist’s gar nicht sehr gefährlich (…). Schlafen tu ich nachts mit schweren, furchtbar dreckigen Stiefeln an den Füßen, eingeräuchert und eingerußt vom kleinen Bunkerofen. Aber warm ist’s hier herinnen, eine große Gabe des Schicksals und wahrscheinlich denke ich später, wenn am Ende noch schlechtere Lebensbedingungen für mich kommen mit Sehnsucht an dies Quartier zurück. Drum bin ich auch dankbar. Das Innere wird ja durch die äußeren Umstände nicht berührt, das ist beruhigend.“

Und kurz darauf heißt es aus Peterhof: „Der Krieg hat für mich keinen Reiz, obwohl er ja auf manche einen gespenstischen Zauber ausübt wie auf Ernst Jünger z.B. Ich finde bloß alles niedrig.“ Einige Wochen später schreibt sie: „Ich sehe jetzt immer die kalten, starren Augen von Ernst Jünger vor mir und überlege mir, ob das wirklich der Typ des Zukunftsmenschen sein wird, und dann, wie Du verstehen kannst, graust’s mir gewaltig.“ Bald darauf erwähnt sie dessen Journal Gärten und Straßen, „aber trotz vielen sympathischen Zügen und gescheiten Betrachtungen bleibt einem das Ganze letzten Endes doch fremd, mir jedenfalls. Irgendein kalter Hauch weht mich immer an, wenn ich in seinen Büchern lese, weil man immer wieder eine Welt spürt, die ich im Innersten ablehne.“

In den folgenden Monaten kommen ernüchternde Nachrichten vom Wolchow: „Wir müssen Knüppeldämme bauen, jeden Tag muß ich 4 Stunden lang schwere Balken schleppen, dazu kommt noch das Postenstehen, nachts und tagsüber 5 Stunden.“ Im Roman Neue Zeit wird diese Erfahrung in karge Ellipsen gefaßt: „Zum Waldarbeiter werden. Harz an den Händen haben. Den Geruch geschlagenen Holzes riechen. Es roch wie Schweiß und war doch Leichenduft.“ Die Division wird weiterhin mehrmals die Stellungen wechseln, die Sorge umeinander wächst ins Unermeßliche. So etwa auch, als er wegen Verdacht auf Sumpffieber und Gelbsucht in ein Lazarett nach Narwa verlegt wird. Danach erhält er im Dezember 1942 Genesungsurlaub. Kurz vor Weihnachten muß er wieder einrücken, und die Hoffnung vom Kriegsdienst befreit zu werden, schwindet.

Hanne Trautwein schickt in all den Jahren unendlich viele Päckchen mit Naturalien an die Front, und man staunt, wie diese Feldpost fast bis gegen Ende, obwohl sich Briefe zunehmend überschneiden, verzögern oder verloren gehen, funktioniert. Vor allem auch Notizhefte, die in München inzwischen nur noch schwer aufzutreiben sind, werden zu begehrten Paketbeigaben. „Ich habe 2 Notizbücher vollgeschrieben und freue mich deshalb sehr auf das neue Kitz-Notizbuch. Wenn ich einmal in Urlaub kommen würde, könnte ich Dir oben in meiner Stube bei einer Tasse Bohnenkaffee etwas daraus vorlesen und Dich fragen, wie Dir’s gefällt.“ An den ständig wechselnden Orten schreibt der Soldat eigene Texte im Verborgenen, im Schutz der Bunker und Schreibstuben. Es entstehen u.a. Das stille Haus (zuerst als Erzählung, die er später zu einem Roman erweitert), die Erzählung Dunja, die er Ende 1941 in Peterhof schreibt, Gedichte, die er an Edschmid schickt sowie drei weitere, die in der von Georg von der Vring herausgegebenen Anthologie Die junge Front veröffentlicht werden. Das Gedicht Maskerade erscheint später in dem Band Vielleicht lebst Du weiter im Stein. Und „Kritzeleien“ über Frankreich, die Erzählung Französische Reise entsteht 1944/45. „Ich nehm´ dabei meine Erinnerungen her und schreib so, als hätte ich alles mit Dir erlebt in irgendeiner sagenhaften wohltuenden Friedenszeit.“

Ende Januar 1942 nimmt sie mit gemischten Gefühlen eine Arbeit im Kunsthandel Weinmüller an, eines der größten Aktionshäuser mit einer weiteren Niederlassung in Wien, das wegen seiner unlauteren Geschäfte mit Raubkunst bekannt war. Sie bereitet Kataloge für mehrere Auktionen in München und Wien vor. Die Angst, zum Arbeitsdienst in die Munitionsfabrikation eingezogen zu werden, begleitet sie täglich. Weinmüller setzt sich dafür ein, daß sie weiterhin bei ihm arbeiten kann.

In den nächsten Monaten erleiden die Deutschen an der Front große Verluste. Im Februar 1943 schreibt er aus Sablino, wohin sich die wenigen Überlebenden des Regiments nach schweren Gefechten zurückgezogen hatten. „(…) verzeih die lange Zeit, da ich nicht schreiben konnte; es liegen schlimme Tage hinter mir, da jede Verbindung mit der Heimat abgerissen war und das Schicksal starke Prüfungen von mir verlangte.“ Sie seien nur noch zu dritt, alle anderen des Zugs seien „krank, verwundet, tot“. Im Roman Neue Zeit, resümiert der Erzähler diese Tage: „Sie gaben ihm also das Ekazwei, weil er übriggeblieben war; den Toten freilich hätte es nichts mehr genützt (…) als Soldat bist du ganz dicht beim Blut, bei der Verwesung, beim Schmutz und bei den Läusen.“ Hermann Lenz hatte sich in all den Kriegsjahren vorgenommen, keinen Soldaten zu töten, und das konnte er wirklich durchhalten.

In der Nacht vom 9. auf den 10. März 1943 wird bei einem der schwersten Bombenangriffe auf München das Haus der Familie Trautwein getroffen. Inmitten vieler brennender Häuser in ihrem Viertel gelang es schließlich, einen Großteil der Wertsachen zu retten und die Brände zu löschen, so daß das stark beschädigte Haus nicht vollends zerstört wurde. Das Wichtigste sei, so die Reaktion von Hermann Lenz, „daß wir uns gegenseitig nicht verlieren. Denn wenn ich immer Kitz bei mir weiß, ist mir der äußere Besitz gleichgültig. Und wenn wir bloß mit zwei kleinen Koffern einmal Deutschland verließen und irgendwo hingingen, um einen Zeitungsstand oder eine Eisdiele aufzumachen (in einem südlichen Land) so wäre das für mich keine Einbuße, weil Du dabei bist.“

Nachdem die komplette Münchner Innenstadt und auch das Leuchtenbergpalais, in dem sich der Kunsthandel Weinmüller befand, zerstört wurden, reist Hanne Trautwein im Oktober und November 1943 nach Wien, um nun in der dortigen Niederlassung weitere Auktionen vorzubereiten. Bei einem Ausflug nach Rodaun besucht sie das Anwesen von Hugo von Hofmannsthal, eine Besichtigung, die sie sehr ergreift. Tief berührt vom Anblick des Gartens und des angrenzenden Waldes erlebt sie einen magischen Moment: „Ich fühlte mich immer wie von einem ganz zarten und reinen Hauch gestreift, es ist dumm, ich kann es gar nicht recht ausdrücken, aber vielleicht ist Dir schon einmal etwas ähnliches passiert und Du verstehst’s. Auf einmal ist der ganze Jammer und das Elend dieser Welt und alles, wovors einem graust, von mir abgefallen oder klein und unbedeutend erschienen. Gegenüber der Unzerstörbarkeit des Geistigen, die mir hier, wie noch eigentlich nirgends sonst zu Bewußtsein gekommen ist.“ Sie nimmt damit eine Formulierung auf, die Hermann Lenz Jahre zuvor bei der Erwähnung seiner Lektüre von Zuckmayers Salwàre gewählt hatte. Es halte ihn aufrecht, „weil es auf bessere Zeiten hoffen läßt und bestärkt mich in der Meinung: das Geistige ist trotz allem unzerstörbar. Oder glaubst Du nicht, lieber [Kitz]?“

Nach weiteren schweren Angriffen auf München Anfang April 1944 beschreibt sie das Haus vom Thomas (die Verschlüsselung für Thomas Mann), das bis auf wenige Schäden inmitten von Ruinen noch stehe. Es erscheint ihr wie „ein Zeichen, daß ›unsere Welt‹ doch unzerstörbar ist und alle diese Schrecknisse der Zeit überdauern wird.“ Nur kurze Zeit später fährt sie am Abend mit dem Rad durch Ruinen und brennende Straßenzüge und sieht schließlich auch die nun völlig zerstörte Villa der Manns, die zum Sinnbild des endgültigen Niedergangs wird. „Ich glaube, dies zu sehen, war das ärgste für mich. Die Sinnlosigkeit von allem ist mir noch nie so zum Bewußtsein gekommen, wie da, die Sinnlosigkeit und all das Hoffnungslose dieser Zeit.“ Sie erwähnt bald darauf einen Text, den sie geschrieben habe, Das Haus des Dichters, „ein Nachruf gleichsam auf das Haus vom Thomas“. Schon im März war die Erzählung Der Traum vom kommenden Zeitalter entstanden, die 1946 unter dem Pseudonym Cornelia Dehn in dem Sammelband Das Nachtkarussell erschienen ist.

Anfang Oktober 1944 trifft die befürchtete Nachricht ein. Hanne Trautwein wird zur Zwangsarbeit im Straßenbahndepot verpflichtet (später dann zu Aufräumarbeiten im zerstörten Münchner Rathaus), traktiert und schikaniert, und noch nicht wissend, daß Hermann Lenz mittlerweile zur Ardennenoffensive an die Westfront versetzt wurde. „Ich sitze in der Kantine des Trambahndepots und bin, um mit Dir zu reden, ›stark knechtisch verkleidet‹. Ich hab‘ zwei Trainingsanzüge an und darüber einen Monteuranzug und Holzschuhe und um den Kopf noch einen dicken wollenen Schal, denn es ist saukalt, wenn man 10 Stunden jeden Tag so gut wie im Freien arbeitet. Meine Hände sind schwarz und haben tiefe Rillen, aber all das ist nicht so schlimm, ich werd´s schon aushalten. Freilich am End´ bin ich immer so müd wie ein ausgespannter Droschkengaul.“ Tief betroffen antwortet er, „es ist für mich das Schlimmste, was mir bis jetzt geschehen ist, daß Du so vom Schrecklichsten angefaßt wirst, was in dieser Zeit lebendig ist.“ Wegen einer Herzgeschichte kommt Hanne Trautwein im Februar 1945 ins Schwabinger Krankenhaus. Ein Arzt entläßt sie vorerst nicht, um sie zu schützen. Wegen des Gerüchts, daß jüdische Zwangsarbeiterinnen in Lager deportiert werden sollen, hatte sie vorsorglich einen gepackten Rucksack für eine Flucht bereitgehalten. Hermann Lenz gerät am 19. März in amerikanische Gefangenschaft. Von da an bis zur Rückkehr ist der Briefwechsel unterbrochen, und beide wissen nicht vom Schicksal des anderen. „Ich schick´ Dir diesen Brief ins Leere“, so schreibt sie verzweifelt, „richtig in einen grossen, dunklen, luftleeren Raum, so kommt´s mir vor, denn ich weiß ja gar nicht, was mit Dir los ist, wo Du eigentlich steckst. Ach, das ist ganz entsetzlich.“

Überleben und Schreiben

Aus den ersten Briefen nach der Gefangenschaft und nach dem lang ersehnten Wiedersehen spricht weiterhin die Sorge umeinander. Sie habe beständig noch dieses Gefühl von Bedrohtsein. „Es ist schlimm, aber ich glaub, mein Leben lang werd‘ ich dieses Angstgefühl nimmer los (…).“ Das Paar heiratete im Juni 1946 und lebte bis in die siebziger Jahre im Lenzschen Elternhaus in Stuttgart. Er gab sein Studium auf, entschied sich für ein Leben als Schriftsteller und arbeitete als Sekretär des Schriftstellerverbandes. „Kuriose Beschäftigung; aber du lebst intensiver, wenn du schreibst“, heißt es in Tagebuch vom Überleben und Leben. Sie arbeitete lange Jahre als Lektorin im Klett-Cotta-Verlag. Später zogen sie nach München in das Trautweinsche Haus.

Die drei Romane Verlassene Zimmer, Andere Tage und Neue Zeit nennt Peter Handke, der Lenz in den 70er Jahren einem größeren Publikum bekannt gemacht hatte, „poetischen Geschichtsunterricht“. Die Lenzsche Kriegsgeschichte belebe die in Geschichtsbüchern „eingesargten Informationen, indem sie diese, verzerrt, detailvergrößert, mit Zeitsprüngen, alogischem Übereinanderschieben von wechselnden Menschengesichtern, lebenden und toten, noch einmal vor uns und für uns TRÄUMT. Neue Zeit erscheint so gegenwärtig, weil seine epischen Mittel die eines vom Autor mit wachen Sinnen behüteten Traums sind.“ Mit dem Roman Tagebuch vom Überleben und Leben setzt Lenz seine poetisch-historische Weltwahrnehmung und Proustsche Erinnerungsarbeit fort. Er beginnt mit der Rückkehr des Soldaten aus der amerikanischen Gefangenschaft und der Ankunft auf dem europäischen Festland, das sich als eine im Nebel versunkene geisterhafte alte Ruinenlandschaft offenbart: „In Le Havre verließen sie das Schiff, als Nebel herrschte und ein Eisenbahnzug über eine hohe Brücke klapperte, lauter kleine, ramponierte und rostige Wägen. Und sie gingen, ein langer Menschenwurm, durchs düstere und dunkle, durchs zertrümmerte Le Havre, hatten Seesäcke auf dem Rücken und paßten in ihren gefärbten Mänteln in diese Hafenstadt, die aussah, als ob sie aus verblichenen Photographien gemacht wäre.“

„Und er glitt in Gedanken rückwärts“, heißt es im Roman, und auch in den Briefen finden sich Hinweise auf ein solches Wiedererwecken vergangener Gegenwart, von Details, ohne daß diese an große Ereignisse geknüpft sind. Das Gleiten der Gedanken entlang der unscheinbaren Dinge erzeugt einen Erinnerungsstrom sowie Erzählräume, die sich im Halbbewußten formulieren. Es ist dieses wach-träumerische Auffächern, das den Schreibenden nicht nur als stillen Chronisten auszeichnet, sondern vor allem als Dichter, der trotz oder gerade wegen der erlebten und beschriebenen Unerbittlichkeit des Krieges, die Schönheit der Natur, der Dinge und der Sprache zu retten versucht, ohne heile Welten zu beschwören. Schwer zu ertragen die Vorstellung, daß die Gruppe 47 ihn bei einer Lesung hat durchfallen lassen. In Vielleicht lebst Du weiter im Stein findet sich das Gedicht Leben und Kunst, in dem in einem traumhaften Bild nochmals die Gräuel am Wolchow vergegenwärtigt werden. Es ist im Werk Hermann Lenz‘ eines der vielen eindrücklichen Beispiele der poetischen Verdichtung einer Aporie. Ein Staunen über das Nebeneinander von Schrecknissen der Welt und der Kunst, die (vielleicht?) nichts zu bewirken vermag:

Leben und Kunst

Bäume wie starrende Knochen,
Nach Verwesung riechende Leiber
Im schwülen Sommer am Wolchow.

Über die Leiber steigst du hinweg,
Langsam, bedächtig, damit du
Keinen im Tode verletzt.

Dabei verwundert dich
Die Poesie, die Malerei, die Musik
Und alles, was nichts bewirkt.

Seltsam, damit zu leben.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 24.6.2019

Der Briefwechsel:

Hermann Lenz, Hanne Trautwein
»Das Innere wird durch die äußeren Umstände nicht berührt«
Der Briefwechsel 1937-1946
Herausgegeben von Michael Schwidtal
Klappenbroschur, 1074 Seiten
ISBN: 978-3-458-17772-2
Insel Verlag, Berlin 2018

Buch bestellen

Werke von Hermann Lenz:

Hermann Lenz
Neue Zeit
Gebunden, 432 Seiten
ISBN: 978-3-458-17567-4
Insel Verlag, Berlin 2013

Buch bestellen

Hermann Lenz
Tagebuch vom Überleben und Leben
Roman
Taschenbuch, 318 Seiten
ISBN: 978-3-518-37159-6
Suhrkamp Verlag

Buch bestellen

Hermann Lenz
Vielleicht lebst du weiter im Stein
Gedichte
Gebunden, 160 Seiten
ISBN: 978-3-518-22371-0
Suhrkamp Verlag, 2003

Buch bestellen

Peter Handke über Hermann Lenz:

Peter Handke
Meine Ortstafeln – Meine Zeittafeln
Essays 1967-2007
Taschenbuch, 623 Seiten
ISBN: 978-3-518-41947-2
Suhrkamp Verlag, 2007

Buch bestellen