Ein Verlag, der den Autoren gehört, ist 50 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass erschien, herausgegeben von Marion Victor und Wolfgang Schopf, „Fundus”, das Buch vom Verlag der Autoren 1969-2019, eine Dokumentation der wichtigsten Ereignisse mit Zitaten, Texten, Faksimiles und Fotos. Jubiläum und Buchveröffentlichung wurden standesgemäß im Schauspiel Frankfurt gefeiert. Dort lasen, moderiert von Michael Quast, Autoren aller Verlagssparten Fundstücke aus dem „Fundus“. Und einer der dienstältesten Gesellschafter, die immer noch aktiv mit dem Verlag verbunden sind, nämlich Wim Wenders, hielt eine futuristische Rede, die zu lesen dringend geboten ist.

50 Jahre Verlag der Autoren

»Ich ziehe meinen Hut vor Euch«

Von Wim Wenders

A very Good Evening, ladies and gentlemen, wünsche ich Ihnen
an diesem denkwürdigen hundertsten Anniversary des ,Verlags der Autoren'
im Juni 2069.
One hundred years! 1969 to 2069!

A historic night tonight and deshalb haben wir etwas recherchiert,
we've done some research
und here are some facts
zu dieser important Institution of German Literature, Theaterwesen and media,
und überhaupt des ehemaligen Verlagslebens in Deutschland.
Wir wollten vor allem die Hauptfrage beantworten:

„How could such a gathering of authors and creative minds survive,
wie konnte sich ein solches eigentlich utopisches Unterfangen so lange halten,
hundert Jahre lang!?“
Vor allem, wenn Sie bedenken,
daß schon in den zwanziger und dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts
die meisten Verlage dichtgemacht haben,
weil nach der Schließung fast aller Buchhandlungen…
well, they just had no more chance.
Buchdruck war nur noch in entlegenen Gegenden Chinas und Vietnams möglich.
Der letzte Roman in Buchform
was printed in Germany in 2028.
Und Theatertexte, the key business of Verlag der Autoren,
gab es da schon längst nur noch elektronisch,
zumal die wenigen übriggebliebenen Bühnen
nach der Verfassungsreform und der Transition der Kulturhoheit
von den Ländern an den Bund
und später an die europäische Staatengemeinschaft
alle nicht mehr mit gedruckten Schriftstücken arbeiteten.

Wie Sie ja wissen, und vielleicht ja auch selber nutzen,
sind Theatertexte jetzt überall als DID,
als Direkt-Implant Documents verfügbar,
so daß sie nicht mehr von Schauspielern auswendig gelernt werden müssen.
Remember, they actually had to learn all that stuff by heart!
Bruno Ganz had memorized the entire Faust,
eine Leistung, die heute nicht mehr menschenmöglich erscheint.
We also found out that Verlag der Autoren
was involved in ,Drehbücher' und ,Hörspiele'.
„Drehbücher“ wurden benutzt als geschriebene Vorlagen für Filme,
bevor diese primitiven Vorformen von Visualisierung
von MDM, von mind-driven-mapping abgelöst wurden.
Und, ja, ,Hörbücher“ were… well, it's indescribable,
vielleicht erinnert sich der ein oder andere an ,podcasts'
und andere Formate … you know, ohne Bilder, without any visuals.
Yes, it was weird, people liked that.
Am Hundertsten Geburtstag von Karlheinz Braun am 4. Juli 2032
gab er seiner Enttäuschung Ausdruck,
daß die Vereinigte Europäische Staatengemeinschaft
das alte europäische Autorengesetz
zugunsten des amerikanischen Copyrights aufgegeben hatte.
Einige Jahre danach, in 2038,
war die Umbenennung des Verlags der Autoren und Autorinnen
zu den United Authors dann nicht mehr zu vermeiden.
Karlheinz Braun said he had seen this Coming,
er habe das mit Bedauern kommen sehen,
daß man diesen ,Verlags-Teil' des Namens
früher oder später würde fallen lassen müssen.
At that moment,
gab es kein nennenswertes Verlagswesen im Europäischen Staatenbund mehr,
die Autoren sahen sich aber nach wie vor als Autorenvereinigung
besser repräsentiert als jeder für sich allein
auf den unzähligen Outlets, Plattformen and Brain Implants.

Actually, die Liste der United Authors heute, in 2069, ist länger als ever before in der History der Gesellschaft. They must have done something right in the beginning, irgendwas haben die da ganz am Anfang wohl richtig gemacht.

In our research about the early days
we found an interesting testimonial from the half-time ceremony,
die “50. Geburtstagsfeier des Verlags der Autoren im Juni 2019”.
The Wim Wenders Foundation hat uns Notizen einer Rede gegeben,
die ihr Namensgeber damals offensichtlich gehalten hat.
Danach sagte der Autorenfilmer – oder Filmautor? – we're not so sure,
wir sind uns nicht sicher, wie damals die korrekte Classification lautete:
Autorenfilmer oder Filmautor,
danach sagte er also zu diesem Anlass am 14. Juni 2019 here in Frankfurt,
ich zitiere:

„Ich grüße Sie alle ganz herzlich, als einer der letzten Mohikaner,
die vom Beginn des Verlags der Autoren noch übrig sind,
oder wie Annette Reschke das korrekter ausdrückte:
als „einer der dienstältesten Gesellschafter,
die immer noch aktiv mit dem Verlag verbunden sind.“

Dabei war ich in der ersten Stunde gar nicht dabei, im legendären April 1969,
ich bin praktisch eine Stunde später dazugekommen,
als nämlich ein Haufen ratloser Filmautoren und Regisseure
sich in München zusammentun wollte,
um gemeinsam stärker zu sein als jeder für sich allein
und damit hoffnungslos verloren in einer maroden Filmwirtschaft,
die mit uns nichts zu tun haben wollte.
Da erreichte uns die frohe Kunde,
daß die Theater- und Buchautoren in Frankfurt
ein ähnliches Problem bravourös überwunden hatten,
indem sie sämtliche Register der 68er-Erfahrung gezogen
und sogar eine Maxime aufgestellt hatten, die uns völlig überzeugte:
„Der Verlag der Autoren gehört den Autoren des Verlags”.

Genau das war unsere Hoffnung als Filmautoren:
daß uns nämlich die Produktionsmittel
und somit die Rechte an unseren Werken dauerhaft selbst gehören sollten.
Der Hoffnungsträger Karlheinz Braun
kam mit dem gesellschaftsrechtlichen Wissen
und der dazugehörigen Coolness aus Frankfurt
zu der wilden und langhaarigen Revoluzzer-Bande in München,
man verstand sich großartig und ab April 1970
gab es das Parallel- und Schwestermodell zum Verlag der Autoren,
den Filmverlag der Autoren.
Der sollte dann auch bald mit der Mutterfirma fusionieren,
aber erwies sich das rein genossenschaftliche Modell
zum Produzieren von Filmen doch nicht in der Lage
und mußte in eine komplizierte GmbH und Co. KG umgewandelt werden.

Der erste Film, den die ,Pifda',
die ,Produktion I im Filmverlag der Autoren' herstellte,
war dann gleich eine enge Zusammenarbeit der beiden Autorenkollektive:
„Die Angst des Tormanns beim Elfmeter”
nach dem gleichnamigen Roman meines Freundes Peter Handke,
dessen Mitgliedschaft im Verlag der Autoren der jungen Gesellschaft
auch gleich einen ersten großen Erfolg beschert hatte
mit seinem „Ritt über den Bodensee”.
Eben ein solcher Ritt war der Filmverlag der Autoren ein Jahrzehnt lang,
bis das Modell zugrunde ging,
bezeichnenderweise nicht an seinen Misserfolgen,
sondern an seinen ersten Erfolgen.
Aber das ist eine lange exemplarische Geschichte,
die auch festgehalten wurde, aber hier nicht hingehört.

Meine Wenigkeit jedenfalls war von Beginn auch als Mitglied im wesentlich resistenteren Verlag der Autoren, mit allem, was ich je geschrieben habe, kompetent vertreten, und natürlich mit jeglicher Drehbuchtätigkeit.

Ich kann auf jeden Fall mit Fug und Recht behaupten:
ohne den beherzten Karlheinz Braun, der uns Filmautoren
die Grundsätze seines Frankfurter Verlagsmodells geduldig verklickerte,
bis wir endlich gegründet und eigenständig waren,
ohne den hätte es diesen Filmverlag der Autoren nicht gegeben.
Ohne diesen wiederum hätte es den „Neuen Deutschen Film” nicht gegeben,
diverse Karrieren nicht, inklusive meiner,
und wenn man es hochrechnet, gäbe es uns alle nicht
und wahrscheinlich nicht einmal die Wiedervereinigung.

Karlheinz, ich ziehe meinen Hut vor Dir, vor Euch,
vor Eurer bahnbrechenden Idee damals, vor dem ansteckenden Mut,
die bestehenden Verhältnisse zu ändern
und die Autoren hinter das Steuer zu setzen
statt sie immer nur als Trittbrettfahrer und Tramper
am Straßenrand stehen zu lassen.
Das war eine kulturhistorische Großtat Ersten Ranges,
und daß auch heute noch
der Verlag der Autoren den Autoren des Verlags gehört,
das ist… wie sagten sie alle vor 30 Jahren bei der Wiedervereinigung?:
„Wahnsinn!” Ein Wahnsinn, der mit seinen flachen Hierarchien
und seinen transparenten, kooperativ-genossenschaftlichen Strukturen,
immer noch genauso ansteckend und nachahmenswert ist wie damals,
zumal sich Autoren allüberall in Bedrängnis befinden
und vom digitalen Zeitalter überrollt zu werden drohen.”

Ende Zitat.

That's what the man said, exactly auf den Tag genau, 50 years ago, in what we think was a remarkably short speech. (Abgang)

Rede am 14.06.2019, Schauspiel Frankfurt
© Wim Wenders, Berlin / Verlag der Autoren, Frankfurt a.M. 2019

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Kommentare


Dr. nat. Harald Wenk - ( 26-07-2019 10:33:09 )
fehlt nur die religion, der unstreblichkeit der intekriell per buch unf intellekt.
wr das hier liest sollte asl reck dseolt wirklichr Intgektieller die chasce brkommren und nutze n.
Spinpz Egthik,. Alexabhnde Matheron, Vie et Communate chez Spinoza.
#spinpoza if Twutter

siont,wirASdon noch in sez nrgdzvre Disklt kutz vor scvhlus scghrent konhnr,
steh dz edöspadel vobn kichechidtdem am enddin d rewuigklet noch besser da als wir.
de andrn yogis, geophilophen sind azv de ansicht...

integre dutcarbeten das buch! .
ERLEUCHZBG GARSNTZURET - im unjerschied zum MRDIUM Film grt das mit den Büchern wirklich.

wtz rintzekrelo gle9ichsinnte sollte uns sammel m. nic ghatopsächlicgh swdbg der polotik..


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erstellt am 21.6.2019

Wim Wenders, Foto: Alexander Paul Englert

Wim Wenders Foto: Alexander Paul Englert

Das Buch zum Jubiläum:

Wolfgang Schopf, Marion Victor (Hg.)
Fundus
Das Buch vom Verlag der Autoren 1969-2019
304 Seiten
ISBN: 978-3-88661-400-4
Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 2019

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